Wie erklärt man die feinen Verästelungen deutscher Politik einem Australier? Seit Wochen bemühe ich mich, meinen Kollegen in Sydney zu vermitteln, wer bei der Bundestagswahl eigentlich gegen wen antritt. Am besten versteht mich noch mein neuseeländischer Kollege Luke. Immerhin hat er den Vorteil, dass sich die Neuseeländer ihr Wahlrecht von Deutschland abgeguckt haben. Seitdem ist Neuseeland übrigens vollkommen reformunfähig, aber das nur am Rande.
Aber selbst Luke blickt inzwischen nicht mehr durch. Warum die CSU denn nun eine knappe Woche vor der Wahl noch schnell ihr eigenes Wahlprogramm vorlegt zum Beispiel. Das fand Luke spontan weniger einleuchtend. Waren CDU und CSU nicht irgendwie miteinander verbunden?
Das besondere Verhältnis der beiden nicht eineiigen Schwesterparteien können da wiederum die australischen Kollegen besser nachvollziehen. So etwas Ähnliches gibt es nämlich hier auch, denn in Australien teilen sich die Liberalen und die Nationalen das Mitte-Rechts-Spektrum. Die einen treten überwiegend in den Städten an, die anderen auf dem Land. Und ganz ähnlich wie in der Union sind Nationals und Liberals sich in inniger Parteifreundschaft verbunden. Das heißt, sie können weder miteinander noch ohne einander.
Was aber dann wirklich niemand mehr verstehen kann, das ist die steigende Popularität der Linken. Nun gut, die kann auch in Deutschland nicht unbedingt jeder nachvollziehen. Aber vielleicht fällt es einem Ausländer noch schwerer einzusehen, was an den Überbleibseln einer kommunistischen Diktatur so attraktiv sein soll.
Sei’s drum. Als ich dann auch noch meine Kollegen durch die englische Version des Wahlomat klicken ließ, verstanden manche von ihnen schon die Fragen nicht: “Was ist denn bitteschön eine Praxisgebühr?”, “Sag bloß, in Deutschland ist das Erststudium noch kostenfrei?” Und schließlich sollte ich dann auch noch erklären, was es mit der Bundeszentrale für politische Bildung auf sich hatte. Da war es dann ganz aus: “Federal Centre for Political Education - That sounds a bit Orwellian, doesn’t it?”
Also gut, vielleicht ist Deutschland für Australier wirklich nicht ganz so leicht zu verstehen. Aber ich habe mich zumindest bemüht, zum Beispiel auch hier.
Und vielleicht muss man Deutschland ja auch nicht verstehen. Die Deutschen tun es ja auch nicht.