Gideon Böss (Archiv) / 19.03.2016 / 20:03 / 2 / Seite ausdrucken

Deutschland, Deine Götter - Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern

Das letzte Jahr habe ich damit zugebracht, Gott zu suchen. Ich bin zu den Platzhirschen katholische und evangelische Kirche gegangen, besuchte Moslems, Juden und Buddhisten. Ich feierte mit Hexen mitternächtliche Rituale, zog mich in eine Osho-Kommune zurück und klingelte an der Europazentrale der Zeugen Jehovas.

Insgesamt sind es 26 Glaubensgemeinschaften geworden, die einen Überblick geben, was in Deutschland so alles angebetet wird. An dieser Stelle eine Kurzvorstellung „meiner“ Glaubensgemeinschaften.

  • Hexen: Sehr scheu, aber eigentlich ziemlich nette Menschen, wenn sie sich dann doch mit einem treffen. Sie wissen außerdem, dass böse Zauber einem nur schaden können, wenn man auch selbst an Zauberei glaubt.
  • Protestanten: Ich traf auf Pastoren, die nicht sicher sind, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Aber ist es nicht eigentlich Teil der Jobbeschreibung, genau daran zu glauben? Außerdem sind die 95 Thesen eigentlich nur 67, wenn man es genau nimmt.
  • Mandäer: Halten Jesus für einen falschen Propheten, der die Lehren von Johannes dem Täufer verfälschte. Halten außerdem jedes fließende Gewässer für den Jordan.
  • Zeugen Jehovas: Haben es geschafft, in Serie falsche Termine für Weltuntergänge rauszugeben, bis sie dann dazu übergingen, nur noch recht allgemein vor dem baldigen Ende zu warnen.
  • Heilsarmee: Jeder kennt die Heilsarmee, aber keiner weiß, was sie genau macht. Dabei hat sie die erste erfolgreiche Petition der Geschichte organisiert.
  • Metropolitan Community Church: Eine Freikirche, die davon überzeugt ist, dass es auch lesbische und schwule Engel gibt und dass Gott kein Problem mit Homosexualität hat.
  • Scientology: Erstaunlich biedere Gottesdienste, aber dafür ein erstaunlich schreibwütiger Gründer. L. Ron Hubbard verfasste die gesamte Theologie alleine. 23.000 Seiten.
  • Quäker: Als zwei ihrer Missionare dem Papst erläutern wollten, warum er der Antichrist ist, verließ nur einer von ihnen den Vatikan wieder lebend. Ist aber schon etwas her. Papst Franziskus hätte sie wohl beide wieder gesund entlassen.
  • Sunniten: Allah und Mohammed haben 23 Jahre am Koran geschrieben. Das macht eine halbe Seite pro Woche. Sie waren nicht wirklich schnell, aber der Erfolg gibt ihnen Recht.
  • Fliegendes Spaghettimonster: Eine Satirereligion, die die eigene Satire nicht ernst nimmt und deswegen etwas enttäuscht hat.
  • Raelismus: Er will für Aliens ein riesiges Botschaftsgebäude ausgerechnet da bauen, wo der Immobilienmarkt ganz besonders angespannt ist: Jerusalem. (Außerdem mögen die Aliens keine Juden, was die Sache nicht leichter macht.)
  • Bahai: Alle Religionen haben aus derselben theologischen Urquelle geschöpft, weswegen alle auch irgendwie ihre Berechtigung haben. Trotzdem sollen alle den Bahai-Glauben annehmen.
  • Charismatische Christen: Wenn Prediger verkünden, ihre toten Söhne im Leichenschauhaus wieder zum Leben erweckt zu haben und danach verkünden, aufgrund ihrer Liebe zu Jesus unsterblich zu sein, ist man vermutlich gerade auf einer „Supernatural Heilungskonferenz“.
  • Lahore-Ahmadiyya: Die erste Moschee Deutschland wurde von dieser islamischen Reformbewegung finanziert, die davon ausgeht, dass Jesus nicht am Kreuz starb. Sondern in Kaschmir.
  • Judentum: Wären Religionen Fußballvereine, das Judentum hätte das größte Staraufgebot mit Stammspielern wie Abraham, Issak, Jakob oder Moses. Und dazu noch den sehr talentierten Jesus, der sich aber irgendwie immer schwer tat mit seinem Verein.
  • Katholische Kirche: Aus Solidarität reiste ich zum katholischen Pfarrer in der Lutherstadt Wittenberg. Er hatte aber wenig Zeit für mich, weil er ein Adventsfest vorbereiten musste. Im August.
  • Baptisten: In den USA waren es vor allem Baptisten, die gegen die Sklaverei protestierten! Gleichzeitig waren die meisten Sklavenhalter Baptisten. Ebenso wie die Sklaven.
  • Hinduismus: Eine Götterwelt, gegen die Game of Thrones mit all seinen Intrigen, Pakten und Verschwörungen wie ein einfältiges Kinderbuch wirkt.
  • Buddhismus: Eine Religion, die sich den Luxus erlaubt, ganz auf Götter zu verzichten. Und eigentlich auch keine der existenziellen Fragen beantworten will.
  •  Piusbrüder: In Bernstein eingefrorener Katholizismus. Letztes Update am 11. Oktober 1962.
  • Heidentum: Spannende Mythen und Duelle zwischen Titanen, Göttern und allerhand Ungeheuern. Unsere Welt wird mit einem gigantischen Selbstmordanschlag enden.
  • Schiiten: Dass Mohammed nie verkündete, wer sein Nachfolger werden soll, ist Auslöser der bis heute blutigen Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten. Der Islam ist somit ein Plädoyer dafür, wie wichtig es ist, ein Testament zu schreiben.
  • Aleviten: Werden oft für Moslems gehalten, sind aber keine. Sagen sie selbst, zumindest die meisten.
  • Johannische Kirche: In Brandenburg eine eigene Siedlung gegründet, nur leider kaum noch Mitglieder, weswegen es dort aussieht wie in einem Freilichtmuseum.
  • Osho: Wer vor 1980 geboren wurde, verbindet mit diesem Namen Diskotheken, Sex und Limousinen. Wer jünger ist, verbindet mit ihm gar nichts.
  • Mormonen: Jesus reiste nach Nordamerika, um dort zu den Indianern zu predigen, die eigewanderte Juden sind.

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Dietrich von Schwarzen / 21.03.2016

Hervorragende Arbeit! Es fehlt jedoch noch die pantheistische Weltkirche “Tu es deus”. Sie steht für den einzigen libertär-religiösen Ansatz im Gefüge der Weltreligionen ;-)

Christoph Behrends / 20.03.2016

Gideon Böss schreibt über Religion als einer jener “Gebildeten unter ihren Verächtern”, wie der große Friedrich Schleiermacher solche religionskritischen Autoren und Denker einst anerkennend bezeichnete. Und dabei gewinnt man stets den Eindruck, Böss ist weit mehr von wohlwollender Neugierde und von Forscherdrang geleitet als von Verachtung. Böss “verachtet”, wenn überhaupt nur das Pathetische, Unechte, Verlogene, das sich so reichlich unter den Anhängern und leitenden Angestellten religiöser Wahrheitsagenturen findet. Ein evangelischer Pastor, der die Auferstehung in Frage stellt oder ein katholischer Pastor, der keine Zeit findet für Gespräche mit einem Gottessucher sind nur zwei dieser betrüblichen Schwachstellen. Gleichzeitig spürt man bei Böss, dass er Hochachtung vor Menschen hat, denen es gelingt, aus ihrer Religiosität Kraft zu ziehen und im Leben glaubwürdige und vorbildliche Akzente zu setzen. Ich habe mir das Buch gerade bestellt.

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