Irgendetwas stimmt nicht in diesem Land. Irgendetwas läuft aus dem Ruder. Kurt Tucholsky würde sagen: „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen.” Nicht, dass Deutschland immer das Land der kühlen Vernunft und der rationalen Entscheidungen gewesen wäre, da gab es ein paar Ausraster, die bis heute nachwirken, aber noch nie haben die Deutschen in Friedenszeiten und unter dem Schirm eines Sozialstaates dermaßen hyperventiliert wie in den letzten Wochen und Monaten.
Hannah Arendt hat im Zusammenhang mit dem Organisator der „Endlösung”, Adolf Eichmann, von der „Banalität des Bösen” geschrieben. Sie würde heute über die „Grausamkeit der Guten” staunen.
Letzten Montag, heute-journal im ZDF. Nachdem die Pegida-Leute ihre Demo auf den Sonntag vorverlegt haben, gehört Dresden jetzt den „Guten”, Herbert Grönemyer, der aus London eingeflogen ist, und über 200 Künstlern aus der ganzen Bundesrepublik, die „ein Zeichen” für ein buntes, tolerantes und weltoffenes Dresden setzen wollen. Oder ein buntes, tolerantes weltoffenes Berlin, Bremen und Frankfurt, denn auch dort finden Demos gegen Fremdenfeindlichkeit statt. Tausende junge Menschen wollen ein Zeichen setzen, sie schwenken Leuchtstäbe und Taschenlampen hin und her, wie einst ihre Eltern in einer Vorstellung der „Rocky Horror Picture Show”. Auch dagegen wäre an sich nichts zu sagen, denn „ein Zeichen” zu setzen ist die einfachste Art, Engagement zu zeigen, ohne dabei mehr zu riskieren als kalte Füße in der Abenddämmerung. Und kosten tut es auch nichts, denn die Künstler treten ohne Gage auf.
Mitten in der Menge eine junge Frau mit Wollmütze, die ein pinkfarbenes Plakat an einer Holzlatte in die Höhe hält. Darauf steht: „Menschenrechte statt rechte Menschen”. Ich würde gerne auf die Frau zugehen und sie fragen: „Was soll denn mit den rechten Menschen passieren? Wollen wir sie umbringen, einsperren, ausbürgern? Und wo fängt für Sie rechts an?” Aber es geht nicht, denn die junge Frau ist in Dresden, Bremen oder Freiburg unterwegs und ich stecke in einem Hotel in Frankfurt fest. Schade, ich hätte gerne gewusst, wie sie auf diesen Spruch gekommen ist, ob sie vielleicht schon als Kind mit ihren Eltern gegen den Bau eines AKW’s demonstriert hat, eine Papptafel mit dem Satz „Ich habe Angst!” an einer Schnur um den Hals.
Ich fürchte, ich bin einer der wenigen, die sich über eine solche Zurschaustellung der Folgen frühkindlicher Gehirnwäsche aufregen. Denn ich bin ein „Rechtspopulist”, ein „Hetzer”, einer der spaltet, statt zu versöhnen. Alle anderen wollen Zeichen für Toleranz setzen, Brücken bauen, auf fremde Menschen zugehen, sogar mit den Taliban beten - vorausgesetzt, es sind Gleichgesinnte und Gleichgepolte. „Rechte Menschen” dürfen ausgegrenzt und diffamiert werden, im Namen und zugunsten der „Menschenrechte”.
Als ich noch viel jünger, schlanker und dunkelhaariger war, habe ich mal einem Professor, dessen Vorlesungen ich hörte, anvertraut, dass ich die SPD wählte. Fortan sprach er mich nur noch mit „Mein bolschewistischer Freund!” an. So war es in den 60er Jahren, ein kluges Wort, und schon war man Kommunist. Heute ist es genau umgekehrt. Ein Hinweis darauf, dass das Demonstrationsrecht unabhängig von den politischen Zielen der Demonstranten gilt, so lange sich diese an die Gesetze halten, und schon ist man ein „Rechter”. Die „Guten”, also die Linken, die Friedensbewegten, die Brückenbauer und diejenigen, die sich die Erde nur von ihren Kindern geliehen haben, bleiben gerne unter sich und bestätigen sich gegenseitig, wie gut sie sind.
Wer diesem Club der Selbstgerechten angehören möchte, der muss an die Klimakatastrophe glauben, die Energiewende unterstützen, einen Toyota Prius fahren, auf seine CO2-Bilanz achten, kulturzeit auf 3sat schauen und immer eine Erklärung dafür parat haben, warum „der Westen” an allem schuld ist, während es „den Islam” als solchen gar nicht gibt. Er muss auch über ein sehr selektives Wahrnehmungsvermögen verfügen. Wenn eine Autonomengang eine Polizeiwache überfällt oder Veranstaltungen der AfD und der taz sprengt, weil dort „falsche Ansichten” geäußert werden, dann sind das Petitessen, die achselzuckend ad acta gelegt werden. Wenn aber ein älterer leicht besoffener Herr einer jungen Journalistin etwas zu lange in den Ausschnitt guckt, dann ist das „menschenverachtend” und ein Vorratslager für wochenlange Entrüstung.
Dieser Gesellschaft ist der innere Kompass abhanden gekommen. Sie hat sich nicht liberalisiert. Sie ist autoritärer, dogmatischer und rigider geworden, wobei es die Antiautoritären von gestern sind, die heute den Ton angeben. Sie kaufen ihr Küchenzubehör bei manufaktum ein und rümpfen die Nasen über „Spießer” und „Kleinbürger”, die sowohl beim Konsumieren wie beim Politisieren ästhetisch versagen. „Spießer” und „Kleinbürger” sind heute die beliebtesten Invektive, mit denen sich die Angehörigen der Kultureliten vom gemeinen Volk absetzen.
Diese Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten so gründlich pazifiziert worden, dass sogar die Pazifizierer nicht mehr wissen, wie sie ihre Aggressionen loswerden sollen. Deswegen tun sie so, als hätten sie keine. Aber es reicht, an der Oberfläche der Friedfertigkeit nur ein wenig zu kratzen, damit das unterdrückte Elend zum Vorschein kommt. An keinem Stammtisch in Wanne-Eickel geht es so passiv-aggressiv zu wie an der Speerspitze des gesellschaftlichen Fortschritts, wo Toleranz gepredigt und Sektierertum praktiziert wird.
Nun, da sich die Pegida von allein erledigt hat, werden die Guten und die Selbstgerechten einen neuen Sündenbock brauchen, an dem sie sich abarbeiten und dem sie das anlasten können, woran sie gescheitert sind - die Transformation der Gesellschaft.
Die Parteien und Bewegungen kommen und gehen. Aber die Fragen und Probleme bleiben. Lotta continua!

Die Menschen, denen Sie Herr Broder diesen Spiegel hinhalten, werden das nicht lesen wollen. Zu sehr sind sie von der Richtigkeit ihres Tuns überzeugt. Zu sehr hassen sie andere Meinungen und Auffassungen, wohl hassen sie auch die Menschen, die diese Auffassungen teilen. Linke Gewalttäter erledigen unter dem Stillhalten oder vielleicht gar mit Unterstützung dieser Gutmenschen die Drecksarbeit und bedrohen oder verletzen die sich versammelten Andersdenkenden. Diese Zustände erinnern mich an die Jahre 1988 – 89 in meiner alten Heimat Dresden; an die Jahre der friedlichen Demonstrationen und der gewalttätigen Reaktionen der DDR – Staatsorgane. Anscheinend ist nun Gesamtdeutschland wieder soweit. Damals wie heute geht es bei diesen Einsätzen nur um die Erhaltung der Macht der derzeit Mächtigen. Mit dem Schüren von Angst vor Gewalt kann man noch die große Masse des Volkes am aufrechten Gang hintern. Nicht für alle Zeit allerdings.
Wieder ein wunderbarer Beitrag im Kampf gegen die um sich greifende Hemmung des Denkens und für den Erhalt einer kritischen Vernunft. Das Besondere an Broders Texten ist, dass sie primär Genuss und Freude bereiten, obwohl sie unbestechlich die Bipolarität der Lebenswirklichkeit unter die Lupe nehmen und keine Lösung anbieten. Menschen, die eher zum Ausgleich und zur Harmonie neigen, werden beunruhigt. Zur Ideologie erstarrte Irrtümer werden gebrandmarkt. Die permanente mediale Aufforderung zum Selbstbetrug und zu gefährlichen gedankenlosen Einseitigkeiten entlarvt, gutmenschliche Pseudoreligionen vorgeführt. - All das und noch viel mehr aus Broders Texten kann genossen werden, wenn man die feste Überzeugung des Autors erkennt, dass es sich lohnt, sich mit allen Kräften gegen einen massenhaften Verlust der Denkfähigkeit und der kritischen Vernunft aufzubäumen. Die Achse verstehe ich jeden Tag so: Nur Denken als kritische Verstandesarbeit mach resistent gegen die Vereinnahmung durch wohlfeile und bequeme Ideologismen. Und das kann Genuss!
Wie gut Sie analysieren und ausdrücken, was viele, viele fühlen! Danke. Herr Broder!
Seit geraumer Zeit bezeichne ich mich selbst mit Freude als reaktionären Spießer. Ist das neue Linksalternativ. Der Artikel ist sehr gut.
Lieber Henryk, falls Du das liest: wie immer brillant. Deutschland am Rande... Genau davon handelt mein Bühnenstück auch, das am 6. Mai im Logensaal der Hamburger Kammerspiele Premiere haben wird: Und sie bewegt dich noch! Eine Reminiszenz an unseren gemeinsamen Freund Hüsch, der an diesem Tag 90 Jahre alt hätte werden können, um uns auf seine Art noch einmal die Leviten zu lesen. Ich hoffe, Du hast Zeit. Karsten Jahnke veranstaltet. Produktion: Deutsches Kabarettarchiv. Regie: Holk Freytag, der im Stück den Hüsch spricht. Wir drei trafen zu seiner Wuppertaler Intendantenzeit dort im Schauspiel einst zusammen, ich glaube, der Anlass damals war Hanns Dieters Programm: Und sie bewegt mich doch! Jetzt klart der Zusammenhang auf, nicht? Keep swinging! Jürgen
Schöner Artikel, Herr Broder! Als ich das letzte mal die Soap Opera "Deutschland dreht durch" miterlebt hatte, war das im "Deutschen Herbst" in den 70ern. Nur waren damals die Fronten umgekehrt: Eine 20 -Kopf starke Truppe wollte mit Knarren die Welt erlösen und Regierung, Medien etc. spielten verrückt. Eine Hexenjagd auf alles nonkonforme begann. Heute, im Zeitalter des großen Konsens zwischen Regierung und den Erben der damaligen Weltverbesserer unter Schirmherrschaft der Neujahrsansprache von Mutti geht es gegen all diejenigen, die nicht so ganz 100 prozentig von der Friedfertigkeit des Islams und seiner Auswirkungen auf unser tägliches Leben überzeugt sind. Die haben allerdings üblicherweise keine Knarren.... Wenn sich Buchhändler nicht mehr trauen, den neuen Roman von Michel Houellebecq ins Schaufenster zu stellen, wenn Claudia Roth in preussisch vorauseilendem Gehorsam in Kopftuchbedeckung mit den iranischen Diktatoren plaudert ( die Burka hätte ihr allerdings besser gestanden-die sollte sie immer tragen) wenn der Karneval in Köln auf einen super softie Witz-Wagen (Bleistift gegen Terrorist) von vornherein verzichtet, dann stimmt mit diesem Land irgendwas nicht mehr. Offensichtlich ist ein Großteil der Deutschen mehr an "Friede ,Freude Eierkuchen" interessiert, als mit der aktiven Durchsetzung der Meinungsfreiheit. Aus diesem Grund sind ja auch die "Menschenrechte" zuerst in den USA und Frankreich "erfunden" worden und nicht hier. Vielleicht wäre es praktischer, wenn in Zukunft unsere Parlamente vor allen Entscheidungen eine Gelehrtenkommision von Geistlichen befragen würde. So könnten z.B. Autobahnneubauten in Deutschland, die nicht Richtung Mekka führen, vermieden werden.
Na ja, Broder formuliert geschliffen. Aber das hat leider nur Unterhaltungswert. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Pegida hat sich NICHT selber erledigt. Pegida ist genau so entstanden wie eine Wunde entsteht. Eine Wunde, die der deutschen Gesellschaft seit langem geschlagen wurde und die eitert und stinkt und zerfrisst den Körper. Pegida ist die Medizin, die notwendig ist um die Wunde zu heilen. Was mir bei vielen Kommentaren ziemlich auf den Senkel geht ist, dass sich die Schreiberlinge erstmal -irgendwie- von Pegida distanzieren um dann den Gutmenschen und ihren SA-Schlägerbanden ihre Verachtung auszusprechen. Was ihnen an Pegida fremd ist oder womit sie sich nicht identifizieren wollen oder können wird nicht weiter erwähnt. Im Lügel oder Lokus haben sie wohl gelesen dass da Nazis mitlaufen. Da muss man sich ja erst mal abseits halten. Dass die Pegidaleute für alle dabei sind, die Kastanien aus dem Feuer zu holen fällt ihnen gar nicht auf. In Deutschland läuft so viel schief, dass man sich über das selbstgefällig Geschwafel vieler nur noch wundern kann. Der € wird es am Ende richten. Wer sich in Wirtschaftsdingen auskennt, der weiß schon lange was die Uhr geschlagen hat. Wenn es den ganzen Wegsehern dann am Ende an die Geldbörse geht, wenn Dauerkrawallmacher, Migrantengruppen, Lebensuntüchtige keine Sozialleistungen mehr bekommen können weil kein Geld mehr zum verteilen da ist, dann werden sich viele eine friedliche Gruppe wie Pegida es ist zurückwünschen. Der Bürgerkrieg wird kommen, sollte kein Ruck durch die Gesellschaft gehen und die derzeitige politische Kaste nicht zum Teufel gejagt wird.