Rainer Bonhorst / 03.05.2020 / 14:00 / Foto: DonkeyHotey / 11 / Seite ausdrucken

Deutsches Wunschdenken zur amerikanischen Wahl

Dieser Betrachtung zur näher rückenden Wahl des amerikanischen Präsidenten stelle ich zwei Weisheiten des deutschen Volksmundes voraus. Erstens: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Zweitens: Der Wunsch ist oft der Vater des Gedanken. Mit Blick auf die US-Wahl soll hier zuerst einmal der Wunsch betrachtet werden, der so oft der Vater des Gedanken ist. Auf die vorsichtige Mutter und den einen oder anderen Volksmund komme ich zurück.

Der väterliche Wunsch aller innigen Trump-Gegner ist einfach formuliert: Donald Trump wird dank Corona die Wiederwahl ins Weiße Haus verpassen. Anders ausgedrückt: Corona schlägt Donald. Und da sich in Deutschland die innigsten Trump-Gegner aufhalten, ist dieser Wunsch hierzulande besonders weit verbreitet. Aber wie realistisch ist er?

Es gibt jede Menge Umfragen, die den republikanischen Präsidenten tatsächlich im Sinkflug sehen und den Demokraten Joe Biden im Steigflug. Trump selber scheint von dieser Flugangst angesteckt zu sein. Das ist wohl ein Grund, warum er sich in der Corona-Krise nach anfänglicher Schläfrigkeit inzwischen aufgeschreckt wie ein ganzer Hühnerhof verhält. Grund genug hat er ja. Seine Siegessicherheit ist dahin, seit Corona den bemerkenswerten Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft gestoppt und in eine Rezession umgewandelt hat. Konnte Trump früher auf James Carvilles berühmte, für Bill Clinton wahlentscheidende Aussage „it's the economy, stupid“ bauen, so muss er sich jetzt mit der Variante „it's Corona, stupid“ herumschlagen.

Trumps Abstiegssorgen sind die Wunscherfüllung der meisten Deutschen und vieler Amerikaner. Aber wie vieler Amerikaner? Das britische Magazin The Economist hat jetzt eine der gründlichsten Analysen der amerikanischen Wählerschaft überhaupt veröffentlicht. Nach einer „MRP“ genannten Methode hat das Magazin nicht weniger als 480 Wählertypen in Kombination mit neun verschiedenen demografischen und geografischen Faktoren unter die Lupe nehmen lassen. Ein engeres Netz lässt sich kaum spannen. Und die eindeutigste Vorhersage, die das Magazin aus diesem Netz gefischt hat: Joe Biden schlägt Hillary Clinton. Ein klarer Wahlsieg also, wenn seine Parteifreundin und ehemalige Präsidentschaftskandidatin seine Gegnerin wäre. 

Diese Aussage ist nicht ganz so absurd wie sie klingt. Schließlich hat Hillary Clinton vor gut drei Jahren nur knapp verloren. Sie hat insgesamt sogar eine Mehrheit der Stimmen erzielt, aber diese Mehrheit reichte nicht, um in der entscheidenden Zwischenstation, dem Wahlpersonengremium zu siegen. Joe Biden könnte es besser ergehen, weil er bei seinen (und ihren) Hautfarbgenossen, also bei den weißen Amerikanern besser ankommt als damals seine Parteifreundin. Das ist wichtig, weil das weiße Amerika Donald Trumps Hauptwähler-Reservoir ist. In dieses Reservoir greift Biden energischer hinein als seine Vorgängerin. Dass er bei schwarzen und jungen Amerikanern etwas schlechter ankommt als Hillary Clinton, fällt laut dieser Analyse nicht weiter ins Gewicht, weil beide, die Jungen und die Schwarzen weniger zur Wahl gehen. 

Aber wird es reichen für Barrack Obamas Vize-Präsidenten? Das Wahlmänner-Gremium (um es bei seinem klassischen Namen zu nennen) bleibt ein Unsicherheitsfaktor, weil es diejenigen Staaten stärker repräsentiert, in denen Trumps Republikaner traditionell stark sind. Bidens Chancen stehen nicht schlecht, aber sein Vorsprung ist trotz Corona unterm Strich weniger sicher als ihm lieb sein kann und als man in dieser Trump-Krise meinen möchte. Trumps hellhäutige Basis im kontinentalen Amerika, das die Küstenbewohner abfällig als Überflugzone bezeichnen, ist (noch?) vergleichsweise stabil. 

Ganz abgesehen davon, dass es bis zur Wahl noch ein halbes Jahr hin ist. Und ein halbes Jahr sind in der Politik bekanntlich eine Ewigkeit. Dass sich die Wirtschaft bis zum 3. November so weit erholt, um Trump wieder mit diesem Pfund wuchern zu lassen, ist allerdings nahezu ausgeschlossen. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein: Dass die Rezession ihren Tiefpunkt erreicht und die Schlangen der Arbeitslosen katastrophale Längen annehmen. 

Andererseits könnten ein Impfstoff oder ein wirksames Medikament, sollte das eine oder das andere rechtzeitig gefunden werden, die Stimmung wieder aufhellen. Und da das Rennen trotz Corona immer noch recht eng ist, können kleine Stimmungsschwankungen Entscheidendes bewirken. Darum sind Meldungen von einem gesicherten politischen Ableben Donald Trumps verfrüht, um eine Formulierung Mark Twains zu variieren, der seinerzeit seinen medial gemeldeten Tod deutlich überlebt hat. 

Hier noch ein Gedanke: Schön ist es ja nicht, dass sich die Hoffnungen der Trump-Gegner auf ein Virus und auf eine Rezession stützen, zumal beide nicht auf Amerika beschränkt sind sondern weltweit für Depressionen sorgen. Aber so ist sie nun mal, die Politik. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. (Noch so ein goldrichtiger Volksmund.)

Ja, der Wunsch, dass der 77 Jahre alte weiße und männliche Demokrat den nur vier Jahre jüngeren weißen und männlichen Republikaner ablöst, ist der Vater vieler Analysen, Umfrageergebnissen und Kommentare. Aber so wie die Dinge bei genauerer Betrachtung (zum Beispiel des Economist) zur Zeit liegen, erinnere ich lieber an den eingangs erwähnten, anderen Volksmund, der die Vorsicht als die Mutter der Porzellankiste empfiehlt. 

Und wo wir schon bei allerlei Volksmündern sind, hier noch zwei, die ebenfalls zur pandemischen Trump-Phobie und zum amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf passen: Vorfreude mag die schönste Freude sein, aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

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Leserpost

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Jochen Lindt / 03.05.2020

Hillary Clinton bekam nur deshalb mehr Stimmen als Trump, weil der in Kalifornien keinen Wahlkampf machte.  Das hatte taktische und finanzielle Gründe, denn Clinton hatte etwa doppelt soviel Geld zur Verfügung wie Trump.  In Kalifornien holte Hillary dann auch ihre meisten Stimmen, US-Präsidentin der Herzen ist sie damit noch lange nicht. Wird sie auch nie.

Petra Wilhelmi / 03.05.2020

Trump ist kein feiner Mann, aber ein Macher. Trump hat einen eigenartigen Humor, aber er hat sein Land vorangebracht. Trump ist ein Großmaul, sicherlich, aber er hat für seine Leute viel getan, mehr als die Regierung des Politstars Obama, der faul in seinem Land herumgelungert ist und nur schöne Reden schwingen konnte. Man braucht heutzutage Leute, die mit der Faust auf den Tisch hauen und nicht nur diplomatischen attischen Bienengesang versprühen. Wenn die Amerikaner so doof sind wie die Deutschen, werden sie das vergessen und einen Demokraten wählen. Falls die Amerikaner nicht so doof sind, wie die Deutschen, werden sie nicht - nur wegen Corona - den Präsidenten zu Fall bringen, der ihnen Jobs verschafft hat, sich gegen die Vorherrschaft von China wendet und das Land wieder nach Corona voran bringen kann. Wir werden sehen. @RolfTenner: Nach ihren Taten sollten Sie einen Politiker beurteilen und nicht nach dem, was er sagt. Trump ist nur das Gespött linksgrüner Ideologen, weil er denen gefährlich geworden ist und man das ihm niemals verzeihen wird.

Dr. R. Möller / 03.05.2020

@Ralf Tenner. Ich habe es auch gesehen. Komme aber zu dem Schluß, daß es nur die Lügen der Mainstreampresse zu Tage fördert.  Nicht Präsident Trump ist Realsatire sondern die ewigen Versuche in los zu werden. Präsident Trump ist der derzeit einzige Hoffnung die Werte unserer westlichen Demokratien erfolgreich zu verteidigen. Aber große Teile der Menschen leben offensichtlich lieber in Sklaverei als Verantwortung für sich zu übernehmen.

Wolfgang Richter / 03.05.2020

Wenn es kontra Trump geht, spielen die Vorwürfe der (nach deutschem Recht) Vergewaltigung gegen Biden (Tatzeit 1993) keine Rolle? Und “meeto” verschluckt sich gerade moralisch?

Ralf Tenner / 03.05.2020

Für das eigene Wohlbefinden ist es den meisten Deutschen doch völlig egal, wer in Amerika Präsident ist. Aus alter Nachkriegsverbundenheit wünschen wir mit überwältigender Mehrheit vielmehr den Amerikanern, dass sie nicht länger von einem Mann regiert werden, der das ganze Land international der Lächerlichkeit preisgibt. Und nein, wir brauchen auch nicht die deutsche Presse, um Häme über diesen Präsidenten auszuschütten. Wir müssen ihn nur – kommentarlos, ungeschnitten und im Originalton – bei seinen Pressekonferenzen erleben. Seinen Auftritt mit den Desinfektionsmitteln habe ich jedenfalls mit eigenen Augen gesehen und nicht der hier so oft gescholtenen „Lügenpresse“ entnommen. Zuschauen, zuhören – das ist Realsatire pur.

Jürgen Fischer / 03.05.2020

Joe Biden? Creepy Uncle Joe? Also nach dem zu urteilen, was gerade ans Tageslicht gezerrt wird, gerät das entweder zum Rohrkrepierer oder die Demokraten wursteln schon fleißig hinter den Kulissen an einer Alternative rum. Aber das ist für uns nicht so wichtig: gerade auf n-tv, fünfte Amtszeit für Merkel? Da gruselt mich viel mehr davor. DAS ist wirklich creepy.

Karsten Dörre / 03.05.2020

Klappern gehört zum politischen Geschäft. Wer keine Schlagzeilen macht, bleibt weitestgehend unbekannt, farblos oder aalglatt und somit ohne Reibungsfläche. Mir ist es als Deutscher vollkommen egal, wer in Amerika Präsident wird oder bleibt. Hat keine Bedeutung. Angela Merkel wird 2021 erneut zur Bundeskanzlerin gewählt. Das hat mehr Gewicht in Deutschland.

Ricardo Sanchis / 03.05.2020

Das nahezu tägliche Trumpbashing der deutschen Staatspropagandamedien, das hierzu Lande, bei noch nicht medial Gleichgeschalteten, bestenfalls ein müdes und leicht gernervtes Gähnen hervorruft müssen die US Amerikaner nicht ertragen. Es wird also nicht wahlentscheidend sein können. Wenn Trump erneut gewinnt freue ich mich schon über das empörte und weinerliche Fußaufstampen von Kleber, Slomka und Co.

Karl-Heinz Vonderstein / 03.05.2020

Gegen Trump soll nie der bessere Kandidat gewinnen, sondern immer das kleinere Übel, das war bei Hillary Clinton so und das ist wohl auch bei Joe Biden so.

Günther Wirst / 03.05.2020

Umfragen vor Wahlen sind für’n Arsch. Wenn man nach den Umfragen gegangen wäre, dann hätte Trump bei den letzten Wahlen wegen völliger Chancenlosigkeit gar nicht anzutreten brauchen. Es ist aber anders gekommen. ganz anders. Und wenn die Wirtschaft noch so am Boden liegt: Wem werden die Amerikaner eher zutrauen, dass er das Land wieder hoch bringt? Biden eher nicht.

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