Eigentlich sind die Deutschen Ärztetage eine eher nüchterne Angelegenheit, handelt es sich dabei doch um die in der Regel einmal jährlich stattfindende „Hauptversammlung“ der Bundesärztekammer, also um so etwas wie das Parlament der Ärzteschaft. Verhandelt werden in erster Linie Regelungen zum Berufsrecht, also z.B. grundlegende Fragen zur Berufs- und Weiterbildungsordnung.
Daneben artikulieren die Ärztetage aber auch Positionen zu aktuellen gesundheits- und sozialpolitischen Fragen. Auf dem gerade zu Ende gegangenen 130. Deutschen Ärztetag in Hannover ging es beispielsweise um so ein staubtrockenes Thema wie den „Sachstandsbericht Ärztliches Personalbemessungssystem der Bundesärztekammer“, aber auch um den „Masterplan Medizinstudium 2020 – Jetzt handeln!“ oder den Themenkomplex Sucht mit dem Vortrag: „Substanzbezogene Störungen – ein gesellschaftliches Problem“.
Klimaschutz entschlossen vorantreiben!
Selbstverständlich fehlt auch das Thema Klimawandel nicht, bekanntlich ja die größte gesundheitliche Bedrohung der Menschheit. So wurde ein Antrag zur Abstimmung gestellt, der den markigen Titel trägt „Gesundheit schützen, Lebensqualität erhalten – Klimaschutz entschlossen vorantreiben“. Hier eine kleine Kostprobe:
„Die deletären Auswirkungen der Überschreitung des 1,5°-Zieles wurden auch von Deutschen Ärztetagen mehrfach thematisiert, sind wissenschaftlicher Konsens und werden daher hier nur in wenigen Stichworten in Erinnerung gerufen: Extremwetterereignisse (Dürre, Überschwemmungen, Stürme), Übersterblichkeit in Hitzephasen, gesundheitliche Belastung nicht nur vulnerabler Gruppen, Ernteausfälle, Hunger und Wassermangel mit Unbewohnbarkeit zunehmender Teile jetzt besiedelter Regionen, in der Folge globale Fluchtbewegungen und soziale Unruhen.“
Und, man mag es kaum glauben: „Die aktuellen Vorgaben des deutschen Klimaschutzgesetzes, die die Treibhausgasneutralität bis 2045 anstreben, sind in diesem Kontext als völlig unzureichend anzusehen“. Kurz gesagt: Wir sind dem Untergang geweiht, wenn jetzt nicht endlich usw. usf..
Das Protokoll des Ärztetages mit den Abstimmungsergebnissen liegt noch nicht vor, so dass offen bleiben muss, ob der Antrag nun angenommen wurde oder nicht. Ich glaube aber schon, wahrscheinlich sogar ohne auch nur eine Gegenstimme. Wobei den kritischen und kundigen Beobachter doch etwas irritiert, dass in diesem oder auch anderen Anträgen ein Meilenstein des heroischen Klimakampfes der Deutschen Ärzteschaft keinerlei Erwähnung mehr findet.
Schließlich hatte doch bereits fünf Jahre zuvor der Deutsche Ärztetag im November 2021 – der Ärztetag 2020 fiel wegen Corona aus – vollmundig beschlossen, dass Deutschlands Gesundheitssystem bis 2030 klimaneutral sein soll. Aber wie das in letzter Zeit so ist mit großen Vorhaben in Deutschland: Meistens gehen sie in die Hose. So auch hier. Jedenfalls resümierte bereits vor gut einem Jahr der Expertenrat Gesundheit und Resilienz der damaligen Bundesregierung, „dass der Beschluss des 125. Deutschen Ärztetages 2021, das deutsche Gesundheitswesen bis 2030 klimaneutral zu entwickeln, umgesetzt werden kann, erscheine aktuell unwahrscheinlich.“ Würde „unwahrscheinlich“ durch „unmöglich" ersetzt, könnte man den Experten sogar mal zustimmen.
Mal eben so auf alles Fossile verzichten
Vor diesem Hintergrund wird aber zumindest nachvollziehbar, warum sich der aktuelle Ärztetag zum Thema Klimawandel und Gesundheit(swesen) lieber mit großartigen Zukunftsprojektionen beschäftigt als mit der schnöden Realität bzw. dem Irrglauben, unser Gesundheitswesen könne innerhalb von ein paar Jahren, mal eben so, auf alles Fossile verzichten. Denn wie die Bundesärztekammer im Jahr 2021 selbst feststellte, beträgt der sog. CO2-Fußabdruck des Gesundheitssektors beachtliche 4,4 Prozent der globalen Nettoemissionen. Weiter heißt es dort: „Wäre der globale Gesundheitssektor ein Land, wäre er der fünftgrößte Emittent von Klimagasen im weltweiten Ranking der Länder.“ Und: „In Deutschland beträgt der Anteil 5,2 Prozent im EU-Durchschnitt 4,7 Prozent.“ Dabei machen die Medizinprodukte und die damit verbundenen Lieferketten mit 71 Prozent den größten Anteil aus, während direkte und indirekte Emissionen der Gesundheitseinrichtungen für die restlichen 29 Prozent verantwortlich sind.
Als mildernder Umstand für den damaligen Irrglauben, die sogenannte und totale Klimaneutralität des Gesundheitssektors innerhalb von neun Jahren erreichen zu können, kann lediglich angeführt werden, dass sich seinerzeit, vor allem 2019, der heroische Klimakampf auf seinem historischen Höhepunkt befand: Angesichts des drohenden Weltuntergangs muss dann eben auch mal das scheinbar Unmögliche möglich gemacht werden! Allerdings hatte ich mir früher die Ärzteschaft oder zumindest deren Mehrheit immer deutlich rationaler vorgestellt. Aber mittlerweile scheint es so zu sein, dass diejenigen, die in diese Ämter und Mandate der verfassten Ärzteschaft gelangen, zu einem nicht unbedeutenden Teil ideologisch erheblich verpeilt sind.
Übergriffiges Verhalten auf dem Ärztetag?
Der Linksdrall und Wokismus vieler, wahrscheinlich gar der Mehrheit der Delegierten des aktuellen Ärztetages, wird besonders deutlich an dem Umgang mit einer eher bizarren, ja belustigenden Einlage, die fünf Medizinstudentinnen gegeben haben. Das bereits seit geraumer Zeit ebenfalls auf linksgrün gezogene Deutsche Ärzteblatt (DÄ) berichtete – wie auch andere Publikationen – sofort und ebenso ausführlich wie unkritisch über diesen vermeintlichen Skandal. Was war laut DÄ passiert? Die Studentinnen hatten in einer persönlichen Erklärung von übergriffigem Verhalten während des dreitägigen Ärztetages berichtet:
„Kommentare über unser hübsches Auftreten sind unangebracht. Kommentare über unsere Ausschnitte sind unangebracht. Hände auf Rücken und Gesäßen sind unangebracht (…) Zusätzlich habe es Einladungen auf Hotelzimmer gegeben, über Berufspolitik sei eher mit den männlichen Kollegen gesprochen worden, nicht mit den Frauen aus der Delegation der Bundesvertretung der Medizinstudierenden“.
Praktischerweise hatten die Fünf auch gleich eine recht umfangreiche schriftliche Erklärung parat, mit einer Auflistung der oben genannten und weiterer Schandtaten, zum Beispiel: „Mit unseren männlichen Kollegen über berufspolitische Themen zu sprechen – mit uns weiblichen über Kinder kriegen und Stillen, ist unangebracht.“ Oder: „Einladungen, doch mal eben zusammen „vor die Tür“ zu gehen, sind unangebracht. Kommentare, Sie würden uns heute Abend gerne mit nach Hause nehmen, sind unangebracht.“ Diesen Umgang halten die Studentinnen für „nicht nur respektlos, sondern absolut inakzeptabel.“ Doch das Schlimmste kommt noch: Für diese Erklärung und damit den vermeintlichen Mut, öffentlich über die Erlebnisse zu reden, haben sie laut DÄ von der gesamten Versammlung „Standing Ovations“ erhalten.
Bodenlose Naivität
Zur etwas genaueren Einordnung dieser durchweg nicht näher dargelegten Vorwürfe ist zunächst einmal von Bedeutung, dass bis dato ganz offensichtlich niemandem etwas Derartiges aufgefallen war, auch nicht den mit 47 Prozent durchaus stark repräsentierten weiblichen Delegierten. Zudem war es über die Kongresstage nun wirklich saukalt – schließlich herrschten die Eisheiligen –, so dass die männliche Aufforderung, „mal eben zusammen vor die Tür zu gehen“, nicht sonderlich glaubwürdig erscheint.
Und dass nun männliche Delegierte von sich aus auf diesem Kongress gegenüber den Studentinnen ausgerechnet das Thema „Kinder kriegen und Stillen“ angesprochen haben, halte ich für frei erfunden. Und ob „Hände auf dem Rücken“ der Studentinnen, gemeint ist ja wahrscheinlich nur eine Hand, in dieser Allgemeinheit nun wirklich unangebracht sind, darf doch wohl ernsthaft bezweifelt werden. Und angeblich geäußerten Einladungen, „uns heute Abend gerne mit nach Hause (zu) nehmen“, erscheinen schon deshalb nicht besonders glaubhaft, da nahezu alle Kongressteilnehmer nicht zu Hause übernachtet haben, sondern im Hotel.
Kurz gesagt: Mir erscheint das Meiste aus dieser „Erklärung“ als entweder frei erfunden oder aktiv provoziert. Fast noch beschämender finde ich allerdings das ärztliche Delegierten-Publikum, dass sich mit seiner absolut kritiklosen und vollständigen Identifizierung mit diesem Studentinnen-Pamphlet nicht nur bodenlose Naivität vorhalten lassen muss, sondern sich auch noch gemein macht mit solchen woken Aktivistinnen. Aber: Woke zu woke gesellt sich eben gern – und der Rest hält lieber die Klappe.
PS. Besserung ist in Sicht: In einer gemeinsamen Erklärung von Bundesärztekammer und allen Landesärztekammern vom 19.5. heißt es: „Das Thema ‚Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung‘ wird ein Schwerpunktthema auf dem kommenden Deutschen Ärztetag sein.“ Da kann man nur gespannt sein und hoffen, dass den Sittenstrolchen endlich das Handwerk gelegt wird.
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@Günter H. Probst, „Früher standen bei den Ärztetagen immer die todschicken Escortgirls in Pelzmänteln an den Ausgängen der Konferenzsäle.“ –
Die haben sich beruflich umorientiert und durchforsten inzwischen RKI-Files nach „spektakulären Sensationen“.
Else Schrammen schrieb: „Ich hätte gerne einmal ein Bild von den so arg bedrängten Medizistudentinnen gesehen. Waren es Damen so à la “Model„ würde ich sagen: Ärzte sind auch nur Männer. Ginge es eher in Richtung “Rumpelstilzchen„ war wohl eher der Wunsch nach kleinen Aufmerksamkeiten die treibende Kraft ….“ Meine Antwort an Else: Es handelte sich um das Gegenteil von „Models“. Sondern: eher so eine Mischung aus abgedrehten ASTA-Tanten und verhärmten Sachbearbeiterinnen vom Amt, vorgealtert wirkend. No Sex Appeal. Aber das ist nur meine Wahrnehmung als alter Knacker. Sie finden das Foto der Damen im Internet, z.B. beim NDR: „Auf Ärztetag: Medizinstudentinnen wurden offenbar sexuell belästigt“
@ Schrammen Gut gebrüllt. Ein kleiner Fehler: Rumpelstilzchen war ein Mann.
…Vor allen Dingen hüte sich der Arzt vor dem Rufe eines Spielers, Trinkers, oder Wollüstlings, denn diese Eigenschaften stehen in geradem Widerspruche mit seinem Geschäfte, und rauben unausbleiblich das Zutrauen des Publikums.
Die erste nimmt ihm das Interesse an den Kranken, die zweite den Kopf, und die dritte die Reinheit und Sicherheit des Charakters, die in den ärztlichen Verhältnissen ganz unentbehrlich ist.
Es ist daher sehr vorteilhaft, wenn der Arzt verheiratet ist, und ein gutes häusliches Leben führt. Er wird dadurch nicht allein mehr Zutrauen besonders bei dem weiblichen Theile des Publikums erhalten, sondern auch manchem Verdacht, auch wohl mancher Zumutung, am besten ausweichen.
C. W. Hufeland, Königl. Preuss. GeheimenRath, wirkl. Leibarzt usw. ……Berlin 1806
@ Grimm „Angemacht“ haben Frauen früher auch. Aber mit Blicken und nicht in dem sie sich betrunken so benehmen, wie sie es den toxischen Männern immer vorgeworfen wird.
Bei mir ist es nur der Sexwahn.
Naja. Es wird ja eine (schriftliche) Zustimmungserklärung für sexuelle Handlungen gefordert. Die kann man ja nur bekommen, wenn man danach fragt.
Daher ist die Frage: „ Darf ich Sie fragen, ob sie mir eine schriftliche Zustimmung geben, sie zu rüsseln, ganz im Sinne des Feminismus.
Wie denn sonst?