Xidir Tunc war zwölf Jahre alt damals, an jenem Tag im Sommer, als türkische Soldaten in sein Dorf einrückten. Auf einer höher gelegenen Weide hütete er gerade die Tiere. So sah er, wie Soldaten die Menschen aus ihren Häusern trieben, die Männer auf dem Dorfplatz sammelten und die Frauen und Kinder zum Hang an einem nahe gelegenen Bach scheuchten. Dann hörte Tunc einen Schuss, offensichtlich das Signal zum Beginn des Mordens. Gleich darauf wurden die Männer mit Maschinengewehren niedergemäht und die Frauen und Kinder mit Gewehren erschossen. Anschließend zogen die Soldaten von Haus zu Haus und legten Feuer. Alles, was nicht aus Stein war, ging in Flammen auf. Am Abend hat Xidir Tunc sich noch einmal in das stille, von Rauchschwaden überlagerte Dorf gewagt. Er sah sie liegen, 120 bis 140 Leichen, alles Verwandte und Bekannte von ihm. Auch sein Vater und zwei Geschwister waren darunter. Der Zwölfjährige floh von der Stätte des Grauens in die Berge, hauste einen Monat lang in einer Höhle und schlug sich dann zu einer Tante durch. Nur etwa 30 Dorfbewohner - das erfuhr Tunc später - haben überlebt, weil sie sich wie er zufällig woanders aufhielten. Heute sind gerade einmal fünf Häuser wieder bewohnt.
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