Matthias Heitmann, Gastautor / 01.04.2017 / 09:13 / 0 / Seite ausdrucken

Der WochenWahnsinn: Brexit – eine Chance für die Demokratie in Europa

In ihrer Radio-Kolumne „Der WochenWahnsinn“ gehen Achse-Autor Matthias Heitmann und Antenne Frankfurt-Moderator Tim Lauth jede Woche auf Zeitgeisterjagd. Seit Kurzem ist der WochenWahnsinn nun auch auf der Achse zu hören und zu lesen. Diese Woche geht es um den Brexit und die Chancen, die er auch für uns Europäer birgt. Zum Anhören geht es hier entlang.

Tim Lauth: Matthias, wenn irgendetwas in der letzten Woche wahnsinnig war, dann doch wohl, dass die Briten tatsächlich ernstmachen mit dem Brexit. Wir hatten ja schon im letzten über das Thema hier gesprochen. Damals hast du Briten zu ihrer Entscheidung beglückwünscht. Hat sich Deine Meinung mittlerweile verändert?

Matthias Heitmann: Ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Die abfällige und arrogante Art und Weise, in der seither über die angeblich so aufgehetzten und irrationalen Brexit-Befürworter hergezogen wurde, zeigt mir eher, dass die Entscheidung richtig war. Die Briten haben mehrheitlich entschieden, sich nicht mehr von einem bürokratischen Monstrum namens EU regieren zu lassen. Lieber wollen sie ihre selbst gewählten Politiker in die Pflicht nehmen. Ich wüsste nicht, was es daran nicht zu verstehen gibt.

Lauth: Aber Matthias, was ich nicht verstehe, ist folgendes: Ich weiß, dass Du kein Nationalist bist. Aber ist es nicht irgendwie nationalistisch, wenn die Briten sich aus der Gemeinschaft zurückziehen und ihr eigenes Süppchen kochen?

Heitmann: Ich verstehe, was Du meinst, Tim. Du denkst, dass wenn Menschen auf ihre nationale Souveränität pochen, dass sie damit automatisch rückschrittliche Nationalisten sind.

Lauth: Ja, irgendwie schon. Zumindest ist das der Eindruck, der vermittelt wird.

Heitmann: Ja, und das sehe ich eben anders. Demokratie existiert derzeit nur auf der Ebene der Nationalstaaten. Die Europäische Union ist ein Apparat, der sich von den Bürgern systematisch abriegelt. Es gibt zwar das Europaparlament, das hat aber so gut wie keinen Einfluss auf die Politik der EU-Kommission. Und immer, wenn in den letzten Jahren die Bürger in irgendeinem Mitgliedsstaat nach ihrer Meinung zur EU gefragt wurden, haben sie der EU einen Denkzettel verpasst. Nur leider reichen Denkzettel allein nicht aus. Der Brief der britischen Premierministerin Teresa May, in dem sie den Austritt Großbritanniens ankündigt, ist da schon etwas anderes. Dieser 29. März war ein wichtiger Tag, nicht nur für das Vereinte Königreich, sondern auch für die Demokratie in Europa.

Lauth: Aber wenn das letztlich nur ein demokratischer Vorgang ist, warum wird das alles so hochgekocht?

Heitmann: Weil noch nie in der Geschichte der EU ein Volk die Frechheit besaß, gegen die Bevormundung durch Brüssel nicht nur zu protestieren, sondern sich mehrheitlich zu der nicht leichten Entscheidung durchzuringen, dass es besser ist, die eigenen Belange wieder selbst in die Hand zu nehmen. Jahrelang hielt man die Europäische Union für alternativlos und für unumkehrbar. Der Brexit zeigt: Es geht auch anders. Unabhängig davon, ob man die Entscheidung nun für richtig oder falsch hält: Für die europäische Demokratie und für die europäische Idee insgesamt ist es gut, wenn es tatsächliche und reale Alternativen gibt.

Lauth: Nach der britischen Woche steht uns und unserer Eintracht nun zu allem Überfluss ja auch noch eine englische Woche bevor. Gibt es eine Alternative dazu, dass unsere Eintracht in der kommenden Woche punktet?

Heitmann: Nein, die darf es nicht geben. Es müssen mindestens drei Punkte her, dann kehrt auch hier wieder ein wenig mehr Ruhe ein.

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