Hat er oder hat er nicht? Natürlich hat der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, sich für Zensur unliebsamer Medien ausgesprochen. Die Mediathek ist ein hinreichender Beweis. Warum jetzt noch einmal darauf herumreiten? Die Antwort auf diese Frage heißt KI. Noch sind wir selbst bei öffentlich-rechtlichen Medien nicht so weit gekommen, dass Videosequenzen mit KI nachbearbeitet werden, um sie an die nachträgliche Wahrheit anzupassen. Erinnern wir uns an Orwell und seinen Roman 1984. Im Wahrheitsministerium werden Informationen an die Wahrheit angepasst, die der Große Bruder gerade haben will.
Der Große Bruder will nicht, dass wir wissen, dass Daniel Günther für Zensur ist? Dann wird die Videosequenz im Wahrheitsministerium eben so geändert, dass sie wieder passt. Alle anderen Kopien, die Nutzer vielleicht privat angefertigt haben, gelten als Fälschungen. Die Wahrheit ist wiederhergestellt. Dann braucht man keinen Moderator mehr, der hinterher behauptet, sein Gast habe gar nicht gesagt, was er gesagt hat. Der Gast hat es nicht gesagt. Ende.
Wirklich Ende? Totalitäre Regime lügen immer, weil sie sich mit der Wahrheit nicht an der Macht halten können. Jede Bevölkerung, die je unter einem solchen Regime gelebt hat, in Deutschland gleich zweimal, weiß darum und traut einem solchen Regime nicht. Während in einer freiheitlich-demokratischen Ordnung Misstrauen eine Tugend ist, die schon in der Schule gelehrt und gefördert wird, ist dasselbe Misstrauen im totalitären System eine Straftat. Was bedeutet es in diesem Zusammenhang, wenn Schüler von Lehrern zu Klimademonstrationen genötigt werden? Während Demokraten verächtlich auf systemkonforme Medien schauen, ist das systemkonforme Medium im totalitären System alternativlos. Was bedeutet es, wenn in einem Staat nicht mehr kontrovers über staatliche Eingriffe in die Freiheit auf Grund einer wirklichen oder vermeintlichen Pandemie diskutiert werden darf?
Verfassungsfeindlichkeit ohne Folgen
Was also bedeutet es nun, wenn ein Ministerpräsident ohne Folgen eine Aussage macht, für die er in einer funktionierenden freiheitlichen Demokratie sofort zurücktreten müsste? Da er sich zumindest partiell als Verfassungsfeind geoutet hat, wäre er in einem solchen System weder tragbar noch wählbar. Beachtlich ist, dass niemand seine Aussage unterstützt, obwohl er ja eindeutig zu Muttis Besten gehört. Der Grund ist einfach. Niemand wird öffentlich zugeben, dass man Zensur will, obwohl man nichts dringender will als Zensur. Die alternativen Medien, die man zunächst verlacht hat, gewinnen in einem Ausmaß an Einfluss, den man sich in seinen Allmachtsfantasien gar nicht vorstellen konnte. Das neuen Westfernsehen sind nicht mehr nur Zeitungen aus der Schweiz, sie sitzen inzwischen mitten im Land und heißen Apollo News, NIUS oder eben Achse des Guten. Sie sind nicht kontrollierbar und nicht steuerbar, man kann sich noch nicht korrumpieren und bedauerlicherweise nicht einmal verbieten. Selbst bei Compact hat es nicht geklappt.
Auch die von Günther behauptete Faktenfreiheit bei NIUS dürfte sich nicht halten lassen. NIUS ist Boulevard und NIUS langt kräftig hin. Dabei mag es zu Übertreibungen oder Überbewertungen kommen. In der Regel sind die Beiträge gut und sorgfältig recherchiert. Faktenfreiheit trifft als Vorwurf einfach nicht zu. Unangenehm sind sie, und das sollen sie sein. Darin liegt der Sinn. Niemand in den neu entstandenen Medien, deren Zahl gerade immer weiter steigt, wird von sich behaupten, absolute Wahrheiten gepachtet zu haben. Darin unterscheiden sich diese Medien von solch staatstreuen Medien wie den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Diese sind es, die behaupten, sich nie irren zu können. Dabei wird dort ein unerträgliches Framing betrieben, dass dem ungeübten Zuschauer vor lauter Denkvorschriften und -verboten bereits nach fünf Minuten der Schädel brummt. Nachrichten sind geprägt von minimalem Informationsgehalt bei gleichzeitig maximaler Meinung. Man nennt sowas Haltungsjournalismus und muss erleben, dass es Journalisten gibt, die das zum neuen journalistischen Ideal erklären.
Führt man sich das alles vor Augen und berücksichtigt die technische Entwicklung, dann ist es durchaus möglich, dass in um wenige Minuten zeitversetzt gesendeten Beiträgen von politischen Talkshows solche Wahrheitspannen, wie sie Daniel Günther verursacht hat, gar nicht mehr an die Öffentlichkeit kommen. Die KI kann nicht nur die systemkritische Problematik einer versehentlich viel zu wahren Aussage erkennen, sie kann sie direkt durch einen manipulativen Eingriff so verändern, dass der Zuschauer am heimischen Bildschirm schon in der (fast) Livesendung nicht mehr zu sehen bekommt, was er nicht sehen darf. In der Mediathek taucht so etwas gar nicht mehr auf, und einen unveränderten Mitschnitt bewahrt man allenfalls noch im Tresor auf, um den Delinquenten später mal erpressen zu können.
Naive Manipulationen
Wer es nicht glaubt, dass es so etwas geben wird, mag sich ansehen, was Markus Lanz in den letzten Tagen veranstaltet hat, um die Worte von Daniel Günther aus der Welt zu bekommen. Eine zusammengeschnittene Version des Beitrags soll belegen, dass es nur um Social Media gegangen sei. Solche Versuche mögen simple Geister beeindrucken oder allzu willige Claqueure auf den Plan rufen. In der Mediathek ist das Original verfügbar und damit auch erkennbar, was wirklich gesagt wurde. Die Absicht ist klar, und man wird es erleben, wie sich solche Verfahren in den kommenden Jahren entwickeln werden.
Künstliche Intelligenz ist in vielen Belangen sinnvoll, hilfreich und wird uns künftig eine ganze Reihe lästiger Dinge abnehmen. Die Kehrseite ist eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu manipulieren, indem man die Wahrheit verändert. Echte Wahrheit wird zu einem unbezahlbaren Gut werden, wenn wir nicht dringend beginnen, der KI ethische Rahmenlinien vorzugeben. Dann ist es immer noch möglich, zu manipulieren. Auch das beste Gesetz verhindert keine Straftat, ist aber ein Pflock in der Rechtslandschaft, die das Verbrechen eindeutig als Verbrechen markiert. Verbrechen gegen die Wahrheit, wie sie gerade sehr dilettantisch von Daniel Günther und Markus Lanz begangen werden, müssen strafbewehrte Taten werden, wenn wir die Wahrheit nicht voll und ganz der Manipulation anheimstellen wollen.
Gerade vor dem Hintergrund der explosionsartig anwachsenden Möglichkeiten der Manipulation kann und darf sich nicht ausgerechnet der Staat als Garant der Wahrheit aufspielen. Machtinteressen laufen Wahrheitsinteressen zuwider. Wahrheit muss unabhängig garantiert werden. Ähnlich wie bei Webseiten oder Mailadressen, wo die Authentizität des Absenders durch das Zertifikat eines Trustcenters garantiert wird, muss künftig die Wahrhaftigkeit jeder Information, auch die einer Fernsehsendung durch ein Zertifikat garantiert werden. Schon jetzt kann man einigen Sendern und Portalen kaum noch etwas glauben. Können wir alles mit KI manipulieren, ist jede denkbare Variante der Wirklichkeit genauso wahr, wie sie unwahr ist. Die Unschärfe, die wir aus der Quantenwirklichkeit kennen, wird dann den Makrokosmos unseres Alltags beherrschen. Und dann wird es Wahrheit nicht einmal mehr zu zweit geben, weil es unmöglich ist, dass sich zweie darauf einigen können, was denn die nicht manipulierte Wahrheit ist.
Abgesehen davon, dass mit Daniel Günther mal einer so richtig die Maske hat fallen lassen, hat der Vorfall noch einen anderen Wert. Er zeigt ungeschönt und unübersehbar, wie groß die Gefahr der systematischen Fehlinformation heute schon ist und welche Dimensionen sie durch den technischen Fortschritt annehmen wird. Die Sendung mit Markus Lanz und die Wochen danach werden möglicherweise später mal als historischer Wendepunkt angesehen werden. Ob zum Guten oder Schlechten, ist derzeit noch offen.
Videomaterial und Audiomitschnitte sind schon ohne KI seit Jahren kaum noch in irgendeiner Art und Weise sicher gerichtsverwertbar, denn mit digitalem Schnitt und digitalen Audiotools lässt sich bereits ohne KI relativ schnell ein gewünschtes Ergebnis herstellen, ohne dass der Zuschauer/Zuhörer die Manipulation bemerkt. Waren mit den alten analogen Gerätschaften bei Schnitten und Audiomanipulationen noch sofort Artefakte in Form von Bildsprüngen oder Knacken im Ton erkennbar, ist das digital schon seit langem relativ einfach zu verhindern. Kommen jetzt noch professionelle Rendertools für die Spezialeffekte von modernen Hollywoodfilmen dazu, ist eigentlich bereits ohne KI schon Feierabend. Manipulieren kann ich bereits jetzt alles. Die KI macht es mit öffentlich verfügbaren und kostengünstigen Tools zukünftig nur einfacher und für jeden verfügbar.
„Dann wird die Videosequenz im Wahrheitsministerium eben so geändert, dass sie wieder passt. Alle anderen Kopien, die Nutzer vielleicht privat angefertigt haben, gelten als Fälschungen“. Das ist exakt, was sie derzeit machen, ganz ohne KI, da reicht schon allgemeines Gebelle.
Das Foto: Seine eng aneinander liegenden Augen deuten auf Intelligenz hin – was ihn aber nicht zuverlässig vor Dummheit schützt.
Ich fasse den Wortschwall Daniel Günthers so zusammen: Zensur ist Meinungsfreiheit.
Andererseits: manche Menschen sehen maskiert einfach attraktiver aus. Pardon.
Solange die KI noch keine Ironie und Satire versteht, geht einiges gar nicht. ABER: Man kann sie schnell zu seinen Gunsten umprogrammieren. Dann war es (wie so oft) halt nur Satire…
Eine Trennung von Infrastruktur und Inhalteanbieter wäre die logische Konsequenz einer solchen technischen Entwicklung. Im Moment bestimmt das ZDF z. B. selbst, welcher Inhalt den Zuschauern offenbart wird oder in Datenbanken hinterlegt wird. Das scheint mir nach Ihrer Schilderung ein Auslaufmodell zu sein.