Von Jeffrey Herf.
Die Sowjetunion war bei der Prägung der feindseligen Haltung des Warschauer Paktes gegenüber Israel die treibende Kraft und der zentrale Akteur. Anders als die maoistische Propaganda und die romantische Verklärung durch die Neue Linke und ihre Nachfolger im Westen hatte die Haltung der Sowjetunion wegen ihrer Radikalität und, ganz wichtig, ihrer materiellen Substanz bemerkenswerten Einfluss. Die Sowjetunion, nicht Maos großspuriges China, war für linke Guerilla-Bewegungen auf der ganzen Welt die Hauptquelle für Waffen und militärische Ausbildung.
Ihr militärischer Beistand für die arabischen Staaten und palästinensischen Terrororganisationen war ebenso Teil der weltweiten Offensive gegen den „US-Imperialismus“ wie auch ihrer Bemühungen, sich im strategisch wichtigen Nahen und Mittleren Osten Einfluss zu verschaffen. So klein der ostdeutsche Beitrag im Vergleich zur sowjetischen Supermacht auch war, Ost-Berlin folgte dem sowjetischen Beispiel keineswegs widerwillig. Im Gegenteil, um den ideologischen Eifer zu stärken und das nationale Interesse zu schützen, beteiligten sich ostdeutsche Führer eifrig an den Kampagnen gegen Israel. Im Nahen Osten unterstützte der Ostblock, einschließlich der DDR, die radikalen Kräfte, nicht die gemäßigten, und zwar mit Wort und Tat. (…)
In der wohl bittersten Ironie dieser Ära wendeten die Staatskommunisten und linken Bewegungen die Sprache des Antifaschismus, die die ganze Welt mit dem Kampf gegen den Nationalsozialismus assoziierte, zu einem rhetorischen Arsenal, das sie nun gegen den jüdischen Staat richteten. Sicher, es gab Kommunisten, jüdische wie nichtjüdische, die der Ansicht waren, der Antifaschismus des Zweiten Weltkrieges hätte zu einer Unterstützung für den Zionismus nach dem Krieg führen müssen. Die kurze Ära der sowjetischen Unterstützung Israels endete jedoch mit den antikosmopolitischen Säuberungen der frühen 1950er Jahre. (…)
Zionismus als eine „chauvinistische Ideologie“
Damals wie heute gingen manche Beobachter davon aus, dass der unterschwellige, aber nachhaltige Einfluss des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft, der möglicherweise bei den „einfachen Leuten“ nachklang, verantwortlich war für den Antagonismus zu Israel und die Begeisterung für die arabischen Staaten und palästinensischen Terrororganisationen. Journalisten, die in NS-Deutschland gearbeitet hatten und anschließend eine Beschäftigung in den Propagandaorganen der ostdeutschen Regierung fanden, mögen ebenfalls für eine gewisse Kontinuität gesorgt haben. Doch der ideologische Kern der antiisraelischen Wende lag im Marxismus-Leninismus und dem damit assoziierten linken Antiimperialismus der 1960er Jahre.
In der DDR fand die Begeisterung für die linken Revolutionen in der „Dritten Welt“ einige äußerst wichtige Partner in den arabischen Staaten und in den Palästinenserorganisationen, die sich bereits im Krieg mit Israel befanden. Letztere entwickelten besonders enge Beziehungen zur westdeutschen radikalen Linken, sowohl zu den offen agierenden, marxistisch-leninistischen und maoistischen Sekten der 1970er Jahre als auch zu den ideologisch diffuseren Überresten des Denkens der Neuen Linken und den illegalen linksterroristischen Untergrundorganisationen wie der Roten Armee Fraktion, der Revolutionären Zellen und der Bewegung 2. Juni.
Im Jahr 1980 veröffentlichte ein Autorenkollektiv aus Forschern und Professoren, die am ostdeutschen Institut für internationale Beziehungen der Akademie für Rechts- und Politikwissenschaft in Berlin arbeiteten, ein Wörterbuch der Begriffe für Außenpolitik und Völkerrecht. Der Zionismus wird dort als eine „chauvinistische Ideologie“ definiert, als „das weitverzweigte Organisationssystem und die rassistische, expansionistische politische Praxis der jüdischen Bourgeoisie, die einen Teil des internationalen Monopolkapitals bildet“. Dessen Wurzeln aus dem 19. Jahrhundert lagen demnach in einer „kleinbürgerlichen Reaktion auf den Antisemitismus“, die sich zu „einer reaktionären Konzeption von der jüdischen Gemeinschaft [entwickelte], die, um das jüdische Proletariat vom Klassenkampf abzulenken, die Klassenfrage ignorierte und die Lösung der sog Judenfrage [...] in der Schaffung eines jüdischen Nationalstaates auf dem arabischen Territorium von Palästina sah. Mit dieser Konzeption ordnete sich der [Zionismus] von Anbeginn in die politischen, ökonomischen und strategischen Interessen des Weltimperialismus ein“, insbesondere in jene des „USA-Imperialismus im Nahen Osten“.
Ein „rhetorischer Nebel scheinbarer Mäßigung“
Seit der Staatsgründung im Jahr 1948 behaupteten ostdeutsche Historiker, der Staat Israel stehe für nationalen Chauvinismus und Antikommunismus. Er richte sich „gegen die arabische, nationale Befreiungsbewegung“. „Die aggressive Politik Israels führte, unterstützt von imperialistischen Staaten, insbesondere den USA, zu den militärischen Auseinandersetzungen im arabischen Raum, zur Entwicklung des Nahostkonfliktes. Auf der XXX. UNO-Vollversammlung (1975) wurde mit der Resolution 3379 der [Zionismus] als eine Form des Rassismus und der rassischen Diskriminierung verurteilt.“ Mit anderen Worten, die zionistische Ideologie und der Staat, den sie hervorbrachte, hatten keinerlei moralische Legitimierung. Für diese Autoren war der Staat Israel von Anfang an und untrennbar mit dem amerikanischen Imperialismus und dessen Eindringen in „das Territorium Palästinas“ verbunden.
Zu den prägenden Aspekten der ostdeutschen Außenpolitik zählte, was ich einen „rhetorischen Nebel scheinbarer Mäßigung“ nennen möchte, mit einem Vokabular voller Verweise auf Frieden, Gerechtigkeit und „politische Lösungen“ für den Nahostkonflikt, gepaart mit einer rückhaltlosen Unterstützung für unversöhnliche arabische Regierungen und radikale Palästinenserorganisationen. Die Politik der Sowjetunion und des Warschauer Paktes vereinte in diesen Jahrzehnten des Kalten Krieges die Sprache der Entspannung und die rationale Logik der atomaren Abschreckung mit einem unmissverständlichen Radikalismus bezüglich der Politik im Nahen Osten und allgemein in der „Dritten Welt“. Angewandt auf den Konflikt zwischen Israel, den arabischen Staaten und den Palästinenserorganisationen machte diese Haltung von Anfang an ausschließlich Israel für das verantwortlich, was die ostdeutschen Forscher im Jahr 1980 eine „durch imperialistisch-zionistische Kräfte herbeigeführte Konfliktsituation“ nannten, „die sich vor allem in Aggressionsakten gegen die arabischen Völker und Staaten widerspiegelt“. (…)
Kritiker der deutschen Antagonisten Israels haben schon damals und seither immer wieder argumentiert, der linke Antizionismus sei lediglich eine weitere Form des Antisemitismus, des Judenhasses. In der langen Geschichte des Antisemitismus bildet der Antagonismus zum Staat Israel in jener Zeit in der Tat ein eigenes Kapitel. Ihn zeichnete aus, dass jene, welche die Juden attackierten, gleichzeitig behaupteten, ihre Animosität habe nichts damit zu tun, dass die Angriffsziele Juden seien.
Die Fragen blieben jedoch die gleichen: Warum konzentrierten sich die linken Antizionisten in einer Welt, in der demokratische Regime in der Minderheit waren, ausgerechnet auf die eine funktionierende Demokratie im Nahen Osten? Warum verschlossen sie die Augen vor Terroranschlägen gegen Israelis, während Israels Maßnahmen zur Selbstverteidigung auf weltweite, echte Empörung stießen? Warum unterstellten Israels Kritiker stets, dass die israelische Regierung nie die Wahrheit sagte, während sie Diktatoren und Terrororganisationen einen Vertrauensvorschuss gewährten? Zeigte sich nicht in der Bereitschaft, Israel furchtbarer Verbrechen anzuklagen, ein Überbleibsel der uralten Neigung, den Juden Morde an Unschuldigen vorzuwerfen?
Praktiken des „Dritten Reiches“ nachahmen
Ein wichtiges Merkmal des kommunistischen und linken Antizionismus und Antagonismus gegen Israel war das entrüstete Beharren darauf, es handle sich um einen heimtückischen Kniff der Zionisten, wenn sie auch nur die leiseste Verbindung zu dem Antisemitismus der Vergangenheit andeuteten. Das war insofern wirkungsvoll, als es verlässlich half, das Thema zu wechseln. Vor dem Gericht der weltweiten öffentlichen Meinung in der UNO-Vollversammlung erlitt Israel damals eine doppelte Niederlage. Zum einen stimmte nur eine Minderheit der Staaten Israel zu, dass die gegen das Land gerichtete politische und militärische Offensive eine Form des Antisemitismus und Rassismus sei.
Zum Zweiten musste Israel hinnehmen, dass seine staatslegitimierende Ideologie, der Zionismus, zu einer Form des Rassismus erklärt wurde, ja sogar seinerseits zu einer, im Wortlaut der Repräsentanten der PLO, Form des Antisemitismus, da er sich gegen die arabischen „Semiten“ Palästinas richte. Am meisten schmerzte sicherlich die Assoziierung des Staates Israel mit dem Nationalsozialismus. In ihrer wichtigen Darstellung der arabischen Reaktionen auf den Holocaust gelangen Meir Litvak und Esther Webman zu dem Schluss, dass „die Gleichsetzung des Zionismus mit dem Nationalsozialismus [...] unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als Teil der arabischen öffentlichen Debatte begann“.
Das Motiv „Israel als Nazi“
Ich werde die Frage nicht beantworten können, ob die Assoziierung Israels mit NS-Deutschland in den arabischen Ländern oder in der sowjetischen Propagandamaschine nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Anfang genommen hatte. Es liegt jedoch auf der Hand, dass die Sowjetunion und ihre Verbündeten, wenn sie dem jüdischen Staat vorwarfen, Praktiken des „Dritten Reiches“ nachzuahmen, erheblich dazu beitrugen, dass diese Unwahrheit zu einer allgegenwärtigen Maxime der weltweiten, nicht nur arabischen, politischen Kultur wurde.
Diese Punkte werfen die Frage auf, ob das ostdeutsche Regime womöglich die zweite antisemitische Diktatur im Deutschland des 20. Jahrhunderts war, ob Teile der westdeutschen radikalen Linken eine antisemitische Bewegung waren und ob beide gerade deshalb Anhänger fanden, weil der Hass auf Israel in Deutschland eine vertraute Tonart anschlug. Die weltweite und die deutsche antiisraelische Linke verwarfen solche Fragen als zionistische und imperialistische Propaganda, doch im deutschen Kontext ließen sich solche Themen nicht ganz so leicht beiseiteschieben.
Hier spielte das Motiv „Israel als Nazi“ eine wichtige Rolle bei der Überwindung von Deutschlands „Judenkomplex“, wie ein westdeutscher Linker es formulierte, also aufgrund der Erinnerung an die deutsche Verantwortung für den Holocaust ein unterstellter Widerwille oder ein Hemmschuh, Israel zu kritisieren oder ihm entgegenzutreten. Mit der Gleichsetzung von Israel und NS-Deutschland gelang es den Staatskommunisten im Osten und der radikalen Linken im Westen von den 1960er bis in die 1980er Jahre hinein, den Kampf gegen Israel als antifaschistisch zu kodieren. Israel war zur Verkörperung der Übel des NS-Regimes geworden, das die Linken nach eigenem Bekunden verachteten. (…)
Auszug aus der Einleitung zum Buch „Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche radikale Linke, 1967–1989“ von Jeffrey Herf, aus dem Englischen übersetzt von Norbert Juraschitz, 518 Seiten, 19 Abbildungen, gebunden, Schutzumschlag, 39,00 € (D); 40,10 € (A); ISBN 978-3-8353-3484-7. Das Buch ist hier bestellbar.
Den ersten Teil dieses Beitrages finden Sie hier.
Jeffrey Herf, geb. 1947, ist ein amerikanischer Historiker. Er lehrt an der Universität Maryland.
Beitragsbild: Bundesarchiv/ Bernd Settnik CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons
Ganz klar war Israel in der DDR der Feind. Das drückte sich auch dadurch aus, daß in den Medien der DDR unisono vom „Agressor Israel“ die Rede war. Ohne diesen Zusatz gab es kein Israel. Der Antisemitismus der Kommunisten manifestierte sich immer nur subtil; in der DDR durch die Feindschaft zu Israel und das Bündnis mit der PLO und prosowjetischen arabischen Staaten. Das Judentum an sich wurde nie offen thematisiert. Daß Israel der „Staat der Juden“ (Herzl) war, erfuhr ich erst viel später. In der Sowjetunion trat der Antisemitismus offener zu Tage; aber (soweit ich weiß) auch nie „offiziell“. Praktisch dadurch, daß die Sowjetunion dafür sorgte, daß Israel in nahezu jeder Resolution des UNO-Sicherheitsrates einseitig zum Schuldigen an irgendwelchen Konflikten erklärt wurde. Und in der Propaganda sprach man von „Kosmopoliten“. Gemeint waren Juden.
Täterreflex. Schuldumkehr. "Die Juden sind (selbst) schuld". Man wollte es wenigstens nachträglich unter Beweis stellen. In der DDR waren Witze über Juden und den Holocaust durchaus verbreitet, vermutlich wurde in den Kantinen der Stasi und der Parteikader ab lautesten gelacht.
Werter Herr HERF, daß ist ein grandioser Beitrag ! Ich muss ihnen in allem zustimmen ! Da ich in der "DDR" großgeworden bin, und in den Sechzigern das dortige Erziehungssystem "geniessen" durfte, habe ich alle Entwicklungen die sie beschreiben drastisch miterlebt. Eine kleine Erinnerung am Rande, - zur Zeit des "Sechs-Tage Krieges" erschien in der Berliner Zeitung eine unglaublich infame Karikatur von Verteidigungsminister Dayan, auf dessen schwarzer Augenklappe ein Hakenkreuz gemalt war ! Das habe ich nie vergessen können.
Zitat:"Diese Punkte werfen die Frage auf, ob das ostdeutsche Regime womöglich die zweite antisemitische Diktatur im Deutschland des 20. Jahrhunderts war, ob Teile der westdeutschen radikalen Linken eine antisemitische Bewegung waren und ob beide gerade deshalb Anhänger fanden, weil der Hass auf Israel in Deutschland eine vertraute Tonart anschlug." Meine Vermutung ist, daß nach dem 6-Tage Krieg und wegen der Unterstützung der USA für Israel die westdeutsche Linke sich gegen Israel positionierte. Die Palästinenser spielten dabei die Rolle der "edlen Wilden". Die Araber hassen eher die Juden als die Nazis, für die es auch heute noch Sympathien für die Nazis gibt.
Im BI-Lexikon von 1983 der DDR finde ich zum Stichwort "Juden" den folgenden Satz: " Während in den soziallist. Staaten die Grundlagen für Antisemitismus und Rassismus beseitigt wurden, blieb in kapitalist. Staaten die Basis für den Antisemitismus erhalten." In der BRD sind die schlimmsten "Judenhasser" auch eher auf der linken Seite zu finden, was von vielen unserer ewig Unverantwortlichen einfach nicht bemerkt wird. Ich befand mich gerade auf Besuch bei meiner DDR-Verwandschaft, als die Araber den Staat Israel an einem Feiertag überfielen und die DDR-Medien dreist logen, dass nämlich Israel arabische Staaten überfallen hatte. Was ich bis heute nicht verstehen kann, ist die Tatsache, dass zwei Politiker der Grünen, beide dazu noch vorbestraft wegen anderer Delikte, von ihrer Partei als Abgeordnete aufgestellt wurden, obwohl der eine vom Spiegel (18/91) anlässlich des 1. Golfkrieges mit den Worten zitiert wird: "Wenn ich den Krieg dadurch beenden könnte, dass eine 1 Million Juden sterben müssten, dann würde ich das Kauf nehmen", und dem anderen werden Ungeheuerlichkeiten vorgeworfen, die einem angesichts der Leiden der Juden in der NS-Zeit die Sprache verschlagen. Aber nichts passiert, außer das Deutschland in der UN-Vollversammlung beharrlich gegen den Staat Israel stimmt.