Von Rocco Burggraf.
Wenn ich einen mir ans Herz gewachsenen Typus Mensch charakterisieren möchte, der sich nach ein paar Jahrzehnten des Verschwindens nun wieder überall im Habitat ausgebreitet hat, erzähle ich immer diese Geschichte.
Es geht um eines meiner ersten großen Bauprojekte in Dresden. Aber der Reihe nach... Im Spiel war – so etwas kam in den Sonderabschreibungsjahren nach der Wende gelegentlich sogar bei Berufsanfängern vor – ziemlich viel Geld. Genauer gesagt, ging es um 40 Millionen D-Mark. Ein damals noch satter Betrag, den ich als gesamtverantwortlicher Planer in ein neues Stück Stadt mit fast 1.000 Wohnungen und etlichen öffentlichen Einrichtungen übersetzen sollte. Ein Job, der – fiskalisch gesehen – nebenbei noch etlichen Verwaltungsbeamten in Dresden das Auskommen sicherte, worüber wahrscheinlich nie einer der Betroffenen je nachgedacht hat. Warum hätten sie es tun sollen?
Am Vorhaben – einem sogenannten „Wohnpark“ – beteiligt waren neben dutzenden Planungspartnern auch ein Projektsteuerer aus Köln und ein dort ebenfalls angesiedelter Prokurist, den ich als juristischen Beistand für vertragliche Fragen und Fördermaßnahmen hinzugezogen hatte. Sein Know-how gab es im Osten nicht. Nach monatelanger intensiver Planungsarbeit an der Belastungsgrenze lag der sogenannte Vorhaben- und Erschließungsplan abgabefertig in etlichen Ordnern und Kisten. Schließlich dann verpackt im samtenen Kofferraum des von mir frisch erworbenen, ersten sprachkundigen Fahrzeugs der Automobilgeschichte. Ein durchaus erhabenes Gefühl. Es bedurfte jetzt noch einer letzten Freigabe im Stadtplanungsamt, dann hätten die ersten Arbeiten per vorgezogener Baufreigabe starten können.
Im Amt war man seit langem schon alles andere als erfreut über die Aussicht, den Planungsprozess endgültig loslassen und die eigens abgeforderten Unterlagen abschließend sichten und abstempeln zu müssen; man verschob deshalb den entscheidenden Akt unter fadenscheinigen Gründen von Woche zu Woche. Mein Hinweis, dass dies letztlich für viele Familien ein monatelanges Warten auf den bereits geplanten Einzug bedeuten würde, verhallte ein ums andere Mal, irgendwo zwischen Regalen, Hydrotöpfen und neu angeschafften ergonomischen Sitzmöbeln, auf denen teils enorme Lastverteilgesäße in bemerkenswerter Vielzahl Platz gefunden hatten, um ihrem gesicherten Lebensabend entgegenzudämmern. Der Beginn einer großen Liebe.
Ein lancierter Anruf des Investors ein paar Etagen weiter oben beim Bürgermeister führte schließlich irgendwann aus der Warteschleife heraus, hin zum gewünschten Termin im weitläufigen Amt. Einem mir wohlbekannten Labyrinth der Zuständigkeiten, in dem sich die teppichgedämpften Wege der Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen mit den Kaffeekannen und den liebevoll vorbereiteten Geburtstagstellerchen kreuzten. Hier im kommunalen Tempel klagte man unüberhörbar über das unübersichtliche Baugeschehen ringsum, das neuerdings so viel Unruhe verbreitete. Genehmigungen wurden sichtlich ungern erteilt, hatten doch die Bearbeiter davon nichts, außer eben einem erhöhten Arbeitsaufwand, der sich auf dem Lohnzettel nicht niederschlug.
Dafür lauerte überall der Fehlerteufel, für den man unter Umständen kritisiert wurde. Wenn man sich im Amt doch einmal zum Handeln entschloss, dann in einer letzten Aufwallung von Vergeltungslust stets verknüpft mit einem Wust von unsinnigsten Auflagen. Stand doch zu befürchten, dass mit den mannigfaltigen Bauwerken draußen jetzt Geld verdient würde. In einer Höhe, so wurde gemunkelt, die die aus einem ordentlichen öffentlichen Tarifvertrag entspringende Vergütung des postsozialistischen Sacharbeiters in geradezu unanständiger Weise überstieg.
Das Treffen hinter dem Garderobenschrank
Um den offensiven Begehrlichkeiten des marktwirtschaftlichen Klassenfeindes (zu denen ich jetzt zweifellos zählte) etwas entgegenzustellen, hatte man sogar ein beeindruckendes Sinnbild des Widerstands neu entdeckt. Den Garderobenschrank! In den Amtsstuben wurde, wie schon in den Siebzigern kollektiv entschieden, das Klamottenmöbel als Barrikade unmittelbar vor die Türöffnung der Büros zu schieben. Der Fremdling war fortan beim Eintreten nach zumeist unerwidertem Klopfen gezwungen, in einer demütig gebückten Haltung, um die Spanplattenecke herum, in der gebotenen Ehrfurcht um Audienz zu bitten. Ferner ergaben sich für die hier Sesshaften auch Gelegenheiten, womöglich artfremde Objekte noch rechtzeitig aus dem Blickfeld zu räumen. Gelernt ist gelernt.
Es stand nun also „mein Termin“ an, an dem nicht zuletzt auch die Bezahlung des vereinbarten Honorars für sämtliche Planungsleistungen hing. Neben meiner Wenigkeit und zwei weiteren, leitenden Angestellten war der gesamte Kölner Beratungsstab in die sächsische Landeshauptstadt geladen. Ich hatte im Westen mein Arrangement inklusive der terminlichen Absprachen etwas großmäulig als unfehlbar gepriesen und als Schlusspunkt des Tages einen Tisch in einem der besseren Lokale reserviert. Dem erfolgreichen Treffen hinter dem Garderobenschrank stand nach meiner Einschätzung also nichts mehr im Wege.
Am Morgen entstiegen dann die nach Dresden eingeflogenen Partner pünktlich, mit Maßanzug, teurer Uhr und formidabel kostümierter Praktikantin ausgestattet, dem VIP-Shuttle des Flughafens. Die angefallenen Ticket- und Spesenrechnungen übergab man mir als Planungschef diskret und unkommentiert im Umschlag. Die Kosten der Lufthansa für den Katzensprung von West nach Ost hatten – wie ich später feststellen musste – einen fünfstelligen Betrag gerade noch eben verfehlt. Mein Honorar schmolz beträchtlich, und ich versuchte, es ritterlich zu nehmen.
Der aufzusuchende zuständige Sachbearbeiter in der Behörde war ein mürrischer älterer Herr, der in etwa das Aussehen des Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger, keineswegs aber dessen Humor hatte. Planungen von mehr als fünf Wohnungen waren ihm ebenso fremd wie Dienstflüge, Maßanzüge oder gar gutaussehende Praktikantinnen. Eine Welt, die ich gerade eben zu schätzen begann. Nach Monaten des zähen Aufeinander-Angewiesenseins waren wir – nicht zuletzt aufgrund der fundamental unterschiedlichen Wahrnehmungen des Universums – einander in leidenschaftlicher Hassliebe verbunden. Ich war stets bemüht, die Lage nicht vor Dritten eskalieren zu lassen, allerdings auch nicht sicher, ob es überhaupt irgendjemanden auf Erden gab, mit dem „Emil“ eine stimmige „Chemie“ hätte herstellen können.
„Hatten Sie einen Termin?“
Gemeinsam mit den hochrangigen Gästen warteten wir also am entscheidenden Tag auf dem Flur, bis der Zeiger der Amtsuhr senkrecht nach oben zeigte. Wir wollten soeben klopfen, als sich die Tür wie von Geisterhand öffnete. Alle blickten ins ungewohnt aufgeräumte Antlitz des Sachwalters, der sich schwungvoll seinen Regenmantel über die Strickjacke warf und erkennbar zum Gehen ansetzte. Unsere verdutzten Gesichter schienen ihm immerhin noch Grund genug, sich scheinheilig nach unserem Begehr zu erkundigen: „Hatten Sie einen Termin?“ Ich war kurz versucht, zu einer rechten Geraden anzusetzen, zog dann aber doch den vorsorglich ausgedruckten E-Mail-Verkehr hervor, der unmissverständlich zeigte, dass dieser Termin – wenn auch mit reichlich unerwartetem Verlauf – gerade eben stattfand.
Der indisponierte Gastgeber blickte kurz auf den Zettel und gab sich einsichtig: „Äh ja, kann sein, geht aber jetzt wirklich nicht. Sie sehen ja… ich bin erkältet!“, teilte er mit. Während ich noch angestrengt darüber nachdachte, wie eine Erkältung beschaffen sein muss, die es einem Anwesenden verunmöglicht, einige abgestimmte Formulare abzustempeln, schloss der Herr in aller Gemütsruhe die Bürotür von außen ab und erläuterte im Gehen kurz, dass er lediglich noch mal gekommen sei, um „seinen Schreibtisch aufzuräumen.“ Ordnung muss sein. Weg war er.
Die entgeisterten Gesichter der westdeutschen Kollegen realistisch zu beschreiben, ist schlechterdings nicht möglich. Mir rutschte noch ein hilfloses „Nicht Ihr Ernst?!“ heraus, ehe ich, mit rotem Kopf und als Angehöriger der ortsansässigen Sozialisation um Fassung ringend, dazu überging, die gescheiterte Dienstreise mit einer eilends organisierten Stadtführung, dem anschließenden kostenintensiven Abendessen im Hotelrestaurant in irgendetwas halbwegs Versöhnliches umzuwandeln. Die Kollegen konnten am Abend die Absurdität des Geschehens angesichts der Bedeutung des Projekts für die Stadt selbst nach mehreren Gläsern Rotwein noch nicht fassen. Der Termin fand dann sechs Wochen später mit dem erwarteten Ergebnis statt. Die Lufthansa verdiente abermals, mein Honorar reduzierte sich weiter. „Emil“ ging nonchalant über das Vorkommnis hinweg. Seine Vergütung war unverändert geblieben.
Dipl.-Ing. arch Rocco Burggraf, Jahrgang 1963, ist freier Architekt und Stadtplaner. Er lebt und arbeitet in Dresden. Diesen Beitrag veröffentlichte er zuerst auf seinem Facebook-Account.
Beitragsbild: Tim Maxeiner
Den Sozialismus in seinem Lauf … . Und den Bürokratismus noch viel weniger.