Chaim Noll / 30.08.2024 / 12:00 / Foto: Imago/ WikiCommons / 17 / Seite ausdrucken

Der Spiegel, Israel und der Aufschrei der alten Männer

Für alte Männer, die nicht loslassen können, wie Moshe Zimmermann und Shimon Stein, sind es schwere Tage. Der notorisch israelfeindliche "Spiegel" gibt ihnen aber willig eine Plattform für einen seltsamen Auftritt.

Der 81-jährige Moshe Zimmermann, seit anderthalb Jahrzehnten in Pension, einst Professor für Zeitgeschichte an der Universität Jerusalem, und der 76-jährige Shimon Stein, gleichfalls pensioniert, zuletzt Botschafter Israels in Berlin, sorgen sich um die „rechtswidrige Palästinapolitik“ der israelischen Regierung. Sie fühlen sich, da beide des Deutschen mächtig, dazu aufgerufen, ihre Besorgnisse in Deutschland öffentlich zu machen und finden, wenig überraschend, im notorisch Israel-feindlichen Magazin Der Spiegel eine willige Plattform. Doch das genügt ihnen nicht: Sie fordern auch gleich die deutsche Regierung auf, sie müsse der Politik Israels „eine Absage erteilen“.

Nein, ich mache mich nicht über das vorgerückte Alter der beiden aufgeregten alten Herren lustig – ich bin selbst kaum jünger, 70 immerhin. Und weiß, dass wir alle in diesen Jahren mit ein paar Problemen zu kämpfen haben. Mit nachlassendem Kurzzeitgedächtnis und schwindenden koordinativen Kapazitäten, mit einem unweigerlich einsetzenden Entfremden des eigenen Welt- und Zeitgefühls von zunehmend unbegreiflichen neuen Realitäten. Meine Enkelin bei der Armee kann eine bewaffnete Drohne lenken wie ein Spielzeug, und ich bin kaum imstande, mein Smartphone zu bedienen. Manche – und gerade solche, die früher viel Geltung hatten – werden von Eifersucht geplagt gegenüber den Jüngeren, die jetzt das Sagen haben. Und manchen fällt es auch einfach schwer, sich zurückzuziehen, in die wohlverdiente Ruhe des Alters, in das von Cicero gepriesene Otium cum dignitate, die heilsame Abkehr von der Geschäftigkeit einer eitlen Welt.

Ein Mann wie Moshe Zimmermann scheint dazu weder willens noch imstande. Er murrt und rumort und raschelt im Blätterwald mit seinen immerwährenden Klagen. Erst kürzlich erklärte er gegenüber HaAretz – der letzten israelischen Zeitung, die ihn noch interviewt – seine These vom „Scheitern des Zionismus“. Schon seit Jahrzehnten entwickelt sich Israel seiner Ansicht nach falsch. Nichts geht so, wie er sich dachte: Weder gibt es einen Palästinenserstaat, noch hat in Jerusalem die israelische Linke das Sagen, die guten Kubbuzniks der heroischen Frühzeit, deren sozialistische Träume leider durch ihre Insolvenz im Sturzflug endeten.

Den zeitgleichen enormen wirtschaftlichen Aufschwung des Landes, die Hightech-Revolution, die umwerfende Weltoffenheit der israelischen Jugend hat Zimmermann kaum mitbekommen, die fantastische demographische Entwicklung ist an ihm vorbeigegangen: Israel ist ein junges Land, fast 40 Prozent aller Israelis sind unter 20 Jahre alt, und keiner von ihnen interessiert sich für die Apodikte Moshe Zimmermanns. Die meisten dieser jungen Leute waren noch gar nicht geboren, als Zimmermann an der Uni Jerusalem das große Wort führte.

Extremist innerhalb der linkesten israelischen Linken 

Er hatte schon damals Schwierigkeiten mit der israelischen Jugend. „Er wurde mehrfach (von Studenten – C.N.) vor Gericht verklagt, weil er Kinder von Siedlern in Hebron mit der Hitlerjugend gleichsetzte“, dokumentiert die NGO Israel Academia Monitor im Internet. „Oder weil er die 'Motivation und die Dienstbedingungen einiger Eliteeinheiten' in der israelischen Armee mit der Waffen-SS (…) verglich und die Bibel mit Hitlers Buch 'Mein Kampf'. Er seinerseits verklagte eine ehemalige Magisterstudentin wegen Verleumdung, da sie ihm vorgeworfen hatte, solche 'Äquivalenz-Theorien' zu vertreten, um den deutschen Stiftungen zu gefallen, die ihn mit Ehrungen und Geldspenden überhäuften. Seine Klage gegen die Studentin wurde abgewiesen.“

In der Tat wird das Studienzentrum, an dem Zimmermann seine Professur innehatte, durch deutsche Regierungsgelder finanziert, er gehörte zum Richard Koebner Minerva Center for German History, an dem allerdings auch anständige Lehrkräfte unterrichten. Die zitierten Ansichten weisen Zimmermann selbst innerhalb der linkesten israelischen Linken als Extremisten aus. Falls es sich nicht um eine bizarre Selbstdarstellung handelt, die ärztlicher Behandlung bedarf. Auf keinen Fall kann jedoch dieser 81-Jährige als Stimme für irgendeine Gruppe der israelischen Gesellschaft herhalten, womöglich für eine Mehrheit, als die ihn Der Spiegel verkauft. Vielleicht hat Zimmermann irgendwo ein paar alte Freunde, die ihn in seinen Ansichten bestärken, aber es handelt sich um Leute, die hier in Israel derzeit keine Zuhörer finden. Gewiss, vor zwanzig Jahren sah das alles noch ein wenig anders aus. Doch unter Umständen kann Älterwerden dahin führen, Veränderungen nicht mehr mitzubekommen und damit auch nicht die eigene Marginalisierung.

Für alte Männer, die nicht loslassen können, wie Moshe Zimmermann und Shimon Stein, sind es schwere Tage. Daher dieser Aufschrei, dieser seltsame Auftritt zweier Pensionäre, die sich für israelische Granden halten. Es gehört zu den harten Realitäten des Krieges, dass jetzt die Jugend das Sagen hat, weil sie es ist, die unter Waffen steht und das Land an mehreren Fronten verteidigen muss. Denn es ist ein Verteidigungskrieg, er ist unvermeidlich und wird von der überwältigenden Mehrheit so gesehen, auch wenn Zimmermann in altersstarrer Obsession behauptet, es sei ein Krieg, den Netanyahu, ein paar Generäle und Siedlerführer gegen die Interessen der israelischen Bevölkerung führen. Unter Dauer-Raketenbeschuss durch die Hisballah ist kein normales Leben möglich, also muss es auch im Norden Krieg geben – oder besser gesagt: Es gibt ihn längst –, ob es uns passt oder nicht. Ob man im Alter geistig erstarrt, ist nicht so sehr eine Frage des Alters als des Charakters, der eben jetzt, im Alter, immer deutlicher zutage tritt. Tolerant war Moshe Zimmermann nie. Auch nicht generös. Er hat Deutungshoheit nie gern geteilt. Auch jetzt weiß er wieder besser als alle anderen, wie es hätte gemacht werden müssen. 

 

Chaim Noll wurde 1954 unter dem Namen Hans Noll in Ostberlin geboren. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be’er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland. In der Achgut-Edition ist von ihm erschienen „Der Rufer aus der Wüste – Wie 16 Merkel-Jahre Deutschland ramponiert haben. Eine Ansage aus dem Exil in Israel“.

Achgut.com ist auch für Sie unerlässlich?
Spenden Sie Ihre Wertschätzung hier!

Hier via Paypal spenden Hier via Direktüberweisung spenden
Leserpost

netiquette:

Peter Krämer / 30.08.2024

Sehr geehrter Herr Noll, vermutlich ist es für Sie nicht neu, das innerhalb der Medien, unter unseren Politikern und leider auch in der Gesellschaft die nie restlos verschwundene Ablehnung bzw. Feindschaft gegenüber Israel zurückkehrt. Falls man sich um den israelischen Staat oder seine Bürger sorgt, dann eigentlich nur, wenn sich damit der Kampf gegen “rechts” verbinden lässt. Ich sehe dahinter den Wunsch, Israel möge die Kampfhandlungen gegen die Hamas möglichst schnell einstellen, damit sich die unter uns lebenden Muslime nicht weiter provoziert fühlen. Schliesslich stört uns ein Mordanschlag in Israel weniger als in Solingen.

Wilfried Cremer / 30.08.2024

Grüß G°tt Herr Noll, der SPIEGEL lebt seit eh und je von der Verzerrung von natürlichen Gewichtungen und daraus resultierenden Nanu-Effekten. Die hofierten beiden Herren lassen sich auf ihre alten Tage allzu gerne noch mal aufblasen; das muss man ihnen nachsehen. Mit Geld hat das am Allerwenigsten zu tun, die haben hübsche Pensionen.

M.Müller / 30.08.2024

Zunächst einmal bin ich gegen Zensur, auch gegen die von den beiden. Gut, dass es Medien gibt, die das auch so sehen. In dem besprochenen Beitrag kritisieren die beiden, dass sich Israels Sicherheit durch den Verteidigungskrieg nicht substantiell verbessert. Diese Einschätzung kann ich nachvollziehen. Israel ist weiterhin von allen Seiten bedroht. Wie auch Sie schreiben, muss Israels Bevölkerung noch immer unter ständigem Reketenhagel leben. Genau dies ist gegen Israels Interesse. Außerdem kann es wohl kaum im Interesse Israel`s sein, dass sein Ruf in der Welt durch Unterstellungen wie der, einen Genozid auszuüben, nachhaltig beschädigt wird. Für mich ist dieser Genozidvorwurf eine unhaltbare Unterstellung. Dass sich auch Frau Wagenknecht diesen zu eigen macht, blieb hier bisher unerwähnt. Die Schlussfolgerung, Netanjahu unterliege einem Interessenskonflikt, wird ebenfalls thematisiert. Einerseits müsste er den Krieg möglichst zu einem Ende führen, andererseits muss er nach Kriegsende mit seinem persönlichen politischen Ende rechnen, so die Argumentation der beiden. Auch dies sollte angesprochen werden dürfen. Dass man die Bilanz der Geiselbefreiung in den letzten über 300 Tagen als ausreichend empfinden könnte, erschließt sich mir nicht. Insofern ist auch dieser Kritikpunkt für mich voll gerechtfertigt. Schließlich ist es nicht zutreffend, dass die beiden wünschen, die Politik der Bundesregierung solle sich gegen Israel richten. Sie wünschen lediglich, die deutsche Politik orientiere sich stärker an der der USA, Frankreich und GB, gerade im Hinblick auf einige Siedler. Aber von all diesen inhaltlichen Aspekten abgesehen: die Verlinkung führt direkt zur Zahlsperre!!! Eine eigene Meinung zu bilden, wird dadurch erschwert. 100% Zustimmung sind programmiert, aber nicht erreicht, falls diese Zeilen erscheinen.

M. Feldmann / 30.08.2024

Nein Herr Noll, Ihren Sanftmut gegenüber solchen Mitmenschen (?), kann ich nicht nachvollziehen. Selbst in Ihrem Alter, sehen ich zunehmend bei den Gleichaltrigen Etwas komplett aus dem Ruder laufen, wie man so sagt. (Ich halte mich fern!) Was ist auf dem Lebensweg geschehen? Waren sie in Wirklichkeit schon immer so? Und diese Stoiker gibt es überall, nicht nur in Israel. Sie fallen in größeren Ländern mit mehr Einwohnern zunächst (!) nicht so auf. Ist ein bisschen simpel dargestellt, funktioniert aber im Prinzip schon so. ... Außerdem scheinen die Beiden ihr ganzes Leben schon “neben der Spur” gelaufen zu sein, und vereinfacht gesagt, als üble Querulanten ihr ganzes Dasein vollbracht zu haben. ... Was die Beiden jetzt aber veranstalten, würde ich als Verrat am eigenen Land und eigenen Volk betrachten. ... Nicht Alles läuft in Israel “rund” so wie es sollte, aber das geht zu weit. ... Wie die Gemeinschaft darauf reagiert, bin ich mal gespannt. - Es gibt im Rheinland einen alten Spruch “Al Männer, aalglatt!” Heute weitgehend unbekannt, trotzdem immer noch wahr. Er beinhaltet das denkbar Schlechteste.

Gunhilde Herr / 30.08.2024

Die SA waren auch linke wie die Antifa von heute. Aufwachen!

Franz Klar / 30.08.2024

Der kriegsbegeisterte Autor zeigt , wie geistig fit man auch mit 70 sein kann ! Die verknöcherten Antipoden haben vermulich keine “Enkelin , die eine bewaffnete Drohne lenken kann wie ein Spielzeug” .  Die sehen nur die Opfer und haben “schwere Tage” . Mögen die beiden noch lange leben , um ihren Irrtum nach dem Spiel einzusehen !

Dietmar Herrmann / 30.08.2024

Zur Blütezeit der Herren war die selige 68er-Welt noch eine andere. Sowohl sie als auch die damals frisch erfundenen Palästinenser gerierten sich unspezifisch “links” in ihrem antiwestlich-antikapitalistischen Revoluzzerkitsch. Davon ist heute nichts mehr übrig. Wie im Artikel von de Winter vor einigen Tagen gut dargestellt, sind die heutigen Israelfeinde fundamentalislamistisch motiviert, ihr Ziel die Auslöschung aller Juden. Da könnte Israel ihnen 80% des Staatsgebietes und Billionen an Tribut anbieten, es würde nichts ändern. Für nostalgische Altlinke schwer zu begreifen. Und was die “Untaten” der IDF angeht, die kämpft doch aus Rücksicht auf westliche Schneeflöcklis mit gefesselten Händen. Wie echtes rücksichtsloses Vorgehen aussieht, könnte man sich beim Agieren der SS in Warschau 44 ansehen. Dort war der Aufstand nach wenigen Wochen niedergeschlagen, selbst ohne Hightech oder MOAB-Bomben, mit denen man Gaza ohne eigene Verluste planieren könnte.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen

Es wurden keine verwandten Themen gefunden.

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com