Der SPIEGEL hat am 20. April 2026 mit einer Kultur-Titelstory und gleich sieben Autoren gegen NIUS angesetzt. Schon diese Zahl ist aufschlussreich. Sieben Autoren. Nicht etwa für eine große Enthüllung über Korruption, Geheimdienstkontakte oder ein verdecktes Finanzierungsnetzwerk, sondern für den Versuch, aus einer Handvoll bekannter, teils erledigter, teils umstrittener, teils schlicht geschmacklich missliebiger Vorgänge einen politischen Systembefund zu destillieren. Der Aufwand ist hier selbst die Botschaft: Man wollte NIUS nicht nur kritisieren, man wollte es zum Fall machen.
Genau darin liegt der methodische Kernfehler dieses Textes. Er gibt sich als Recherche und ist in Wahrheit eine medienpolitische Intervention. Was als journalistische Bestandsaufnahme verkauft wird, ist bei näherer Betrachtung eine ideologisch motivierte Grenzziehung: Dieses Medium, diese Tonlage, dieses Personal, dieses Publikum sollen als außerhalb des Zulässigen stehend kenntlich gemacht werden. Das ist als politische Haltung erlaubt. Es als Ergebnis einer großen investigativen Anstrengung auszugeben, ist etwas anderes. Der Artikel verwechselt Recherche mit Milieupflege und hält das offenbar für eine publizistische Großtat.
Was trägt die Titelstory tatsächlich? Nicht der Nachweis eines singulären großen Skandals. Nicht die Aufdeckung einer verborgenen Struktur. Nicht eine neue, belastbare Tatsache, die ohne diese sieben Autoren nie ans Licht gekommen wäre. Der SPIEGEL macht vielmehr das, was er heute besonders gern macht, wenn das Objekt des Missfallens politisch hinreichend unerquicklich ist: Er sammelt, etikettiert, moralisiert, raunt etwas aus dem Off dazu und erklärt am Ende das Konvolut zur Totaldiagnose. Aus einzelnen Fehlern, einzelnen Wertungen, einzelnen Stilfragen und der offenkundigen Abneigung gegen das politische Profil von NIUS wird eine große Erzählung gebaut. Nicht die Faktenmenge trägt diese Erzählung. Die Erzählung trägt die Fakten, soweit sie eben trägt.
Ein Haus mit Relotius-Vergangenheit spielt den tugendstrengen Wächter
Man kann das auch kürzer sagen: Der SPIEGEL verzeiht NIUS nicht in erster Linie Fehler. Er verzeiht NIUS seine Überzeugungen nicht. Genau deshalb wird hier mit einem Eifer und einer Fallhöhe operiert, die man aus demselben Haus bei anderen Medien nicht ansatzweise kennt. Ein Medium, das politisch und kulturell dem eigenen Milieu nähersteht, dürfte sich eine vergleichbare Fehlerbilanz leisten, ohne dass gleich sieben Autoren zur kulturkämpferischen Großjagd blasen. NIUS ist Zielscheibe nicht trotz, sondern wegen seiner Positionierung. Die Fehler liefern den Vorwand. Der eigentliche Gegenstand des Angriffs ist die Abweichung.
Das Missverhältnis wird noch deutlicher, wenn man den Absender betrachtet. Ein Haus mit Relotius-Vergangenheit, also mit einer Fälschungsaffäre von historischem Format, spielt hier den tugendstrengen Wächter über die publizistische Hygiene anderer. Das hat unfreiwilligen Witz. Ausgerechnet der SPIEGEL möchte einem Konkurrenzmedium nun in epischer Breite journalistische Integrität erklären. Man muss dem Blatt diese Neigung fast lassen: Es verfügt über eine bemerkenswerte Fähigkeit, aus der eigenen Fallhöhe moralisches Mobiliar zu zimmern. Wer selbst eines der größten Glaubwürdigkeitsdesaster der deutschen Pressegeschichte produziert hat, sollte bei der Unterscheidung zwischen dokumentierter Kritik und weltanschaulicher Anklageschrift etwas sorgfältiger verfahren. Der SPIEGEL tut das nicht. Er predigt. Und Predigten aus dieser Kanzel haben, freundlich gesagt, ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Besonders unerquicklich ist dabei die demonstrative Asymmetrie der Maßstäbe. NIUS macht, nach allem öffentlich Sichtbaren, nicht mehr, sondern eher weniger Fehler als andere große Häuser. Es produziert auch keine einzigartigen Fehler. Was es einzigartig macht, ist etwas anderes: Man mag seine Haltung nicht, seinen Ton nicht, sein Publikum nicht, seine politische Funktion schon gar nicht. Also wird das Übliche zum Symptom, das Korrigierte zum Skandal, das Missliebige zur Gefahr und der politische Gegner zum Gegenstand einer titelreifen Exorzismusübung. Genau das ist die eigentliche Aussage dieser SPIEGEL-Geschichte. Nicht: Hier liegt eine außergewöhnliche journalistische Verfehlung vor. Sondern: Dieses Medium soll in seiner Wirkung begrenzt, in seinem Umfeld isoliert und in seinem Publikum moralisch markiert werden.
Wie sehr NIUS das etablierte Medienmilieu inzwischen beschäftigt
Deshalb ist die Sache auch unter Proportionalitätsgesichtspunkten unerquicklich für den SPIEGEL. Selbst wenn man ihm die belastbareren Vorwürfe im Kern stehen ließe, rechtfertigt das keinen Zehn-Seiten-Feldzug mit sieben Autoren und Titelplatzierung. Dafür fehlt schlicht die Substanz. Was der Artikel tatsächlich leistet, ist viel bescheidener: Er dokumentiert, wie sehr NIUS das etablierte Medienmilieu inzwischen beschäftigt. Die Vielzahl an Autoren sind eben nicht nur Aufwand. Sie sind auch ein Eingeständnis. Ein solches Aufgebot veranstaltet man nicht gegen Irrelevanz. Man veranstaltet es gegen einen Akteur, den man für wirksam hält, für störend, für gefährlich im diskursiven Sinne. Anders gesagt: Der SPIEGEL hat mit erheblichem Personalaufwand öffentlich bestätigt, dass NIUS ein Faktor ist.
Und damit zur ökonomischen Pointe, für die man sich bei aller Polemik tatsächlich bedanken darf. Der Media-Wert dieser Titelstory für NIUS ist beträchtlich. Nicht nur im schlichten Sinn von zusätzlicher Reichweite. Die gibt es ohnehin, und zwar gratis, flächendeckend und durch einen Gegner von der publizistischen Wucht des SPIEGEL in einer Qualität, die kein Werbebudget kaufen könnte. Der eigentliche Wert liegt tiefer.
Erstens bestätigt der SPIEGEL mit erheblichem personellen und redaktionellen Aufwand, dass NIUS für relevant gehalten wird. Sieben Autoren schickt man nicht los, um publizistische Folklore zu bekämpfen. Man tut das, wenn man einen Akteur vor sich hat, den man als wirksam, störend und gefährlich für das eigene Deutungsmonopol empfindet. Allein darin liegt bereits ein beträchtlicher Reputationsgewinn für NIUS.
Aufwertung durch Feindschaft
Zweitens liefert der Artikel den Lesern von NIUS genau den Befund, den das Portal seit langem formuliert: dass es nicht nach denselben Maßstäben behandelt wird wie andere Medien. Nicht die Existenz von Fehlern ist hier die Nachricht. Fehler gibt es überall. Die Nachricht ist die hysterische Proportionierung, die moralische Aufladung und der fast rührende Eifer, mit dem aus einem Sammelsurium einzelner Vorgänge ein politischer Makel konstruiert werden soll. Der SPIEGEL wollte ein Urteil sprechen und hat vor allem seine eigenen Maßstäbe offengelegt.
Drittens entsteht durch diese Titelstory etwas, das für NIUS politisch und publizistisch von kaum zu überschätzendem Wert ist: Legitimation durch Gegnerschaft. Wer vom SPIEGEL mit dieser Inbrunst bekämpft wird, ist offenkundig im Spiel. Der Artikel soll isolieren und adelt damit unfreiwillig. Er soll diskreditieren und bescheinigt Bedeutung. Er soll einen Wettbewerber kleinmachen und dokumentiert vor allem, dass dieser Wettbewerber längst nicht mehr klein ist.
So bleibt am Ende ein hübsches Paradox. Der SPIEGEL wollte NIUS treffen und hat ihm zugleich einen Dienst erwiesen, für den man sich bei nüchterner Betrachtung nur bedanken kann. Eine so große Bühne, eine so sichtbare Aufwertung durch Feindschaft und ein so anschaulicher Beleg für ideologisch asymmetrische Maßstabsanwendung sind am Markt schwer zu bekommen. Hier wurden sie frei Haus geliefert – mit Titelplatzierung und im ehrwürdigen Ton eines Hauses, das seine eigenen Lektionen über Maß, Demut und Glaubwürdigkeit bis heute nur sehr selektiv gelernt hat.
*Der Autor vertritt NIUS und Julian Reichelt anwaltlich.

Ein guter Romanautor könnte jetzt im Stile der „Buddenbrooks“ einen deutschen Gesellschaftsroman verfassen, in dem der Typus eines blattmachendem Rudolf Augstein über die TV-Zwischenstation Stefan Aust von dem völlig neuen Typus eines Internet-Journalisten abgelöst wird, der im besten Sinne einem populistischen Volkstribun wie Julian Reichelt ähnelt. Alle drei waren/sind hochtalentiert, während durch die Flure der Erikaspitze der müffelnde Gestank alter, protestantischer Frauen weht, die Hannah Arendt, Marlene Dietrich oder Alice Schwarzer nur noch vom Hörensagen kennen und die bei ihnen demzufolge nicht einmal den identitätspolitischen Status einer einbeinigen, schwarzen Lesbe erreichen würde. Nichts ist beleidigender als mangelnde Ausstrahlung, wenn man sich selbst als talentfreier Künstler sieht.
„Der Artikel soll isolieren und adelt damit unfreiwillig.“ –
Das Problem mit dem Adel sollte man mal angehen.
Dabei aber das Problem mit „Charakter“en wie Reichelt nicht aus den Augen verlieren. Auch wenn das Thema dem Döpfner irgendwie unangenehm war.
Vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ zum „Knallbonbon der Demagogie“. Glückwunsch, Spiegel!
@kai marchfeld: nein, nicht erst Corona, sondern bereits im Flüchtlingssommer von 2015 sank der Wahrheitsgehalt von Spiegel-Reportagen unter die Lesbarkeitsschwelle. Was dieses „Qualitätsmedium“ für sagbar hält, ist außerhalb der Realitätsverweigerungsblase vollkommen irrelevant.
ich habe den Spiegel gut 40 Jahre regelmäßig gelesen und verehre Rudolf Augstein bis heute. „Sehen und schreiben was ist.“
Heute würde dich dieses Blatt nicht einmal mehr mit der Kneifzange anfassen. Aber ich verpasse keine Nius -Sendung mehr.
Endlich wieder unter normalen Menschen sein. Das tut richtig gut.
Der „Stürmer“ lebt. Haltet den Dieb,schrie der Verbrecher.
Schon früher wurde mir von alten erfahrenen Menschen erzählt, dass sich dem Tod geweihte Menschen kurz vor ihrem Ableben noch einmal kurz aufrichten, den Eindruck erwecken, als würde es ihnen wieder bessergehen – und kurz darauf waren sie tot. Mausetot.
Warum mir das im Zusammenhang mit dem „Spiegel“ einfällt?
Keine Ahnung!