Dirk Maxeiner / 28.04.2019 / 06:19 / Foto: Pixabay / 47 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Türkische Hochzeit

Als erfahrener Hochzeitskutscher, der mit seinem alten Cadillac schon mehrere Dutzend Hochzeitspaare in den Hafen der Ehe chauffiert hat, bin ich stets um Fortbildung bemüht. Da mein Bekanntenkreis sich in den letzten Jahren um eine Reihe türkischstämmiger junger Menschen erweitert hat, interessiere ich mich ganz speziell auch für deren Hochzeitsbräuche. Einem breiteren Publikum sind türkische Hochzeits-Events in letzter Zeit durch unterhaltsame Tanzeinlagen auf bundesdeutschen Autobahnen bekannt geworden, besonders viel Glück für Braut- und Bräutigam soll eine Erwähnung der Hochzeitsgesellschaft in überregionalen Medien bringen. 

Türkische Hochzeiten werden zwar im Kreise von mindestens 300 bis 1.000 Gästen begangen, aber es ist stets das Bestreben der Familien, noch größere Teile der Allgemeinheit an ihren Festen teilhaben zu lassen. Das kann unmittelbar auf der A 42 bei Gelsenkirchen (oder auch wie hier auf der  A 226 bei Bendorf) erfolgen, sehr begehrt sind aber auch prominente Platzierungen der Feier in Presse, Funk und Fernsehen. Derzeit wetteifern türkischstämmige Heiratswillige um den ersten Auftritt in der Tagesschau. 

Türkische Hochzeitsbräuche sind, wie überall, uralt, aber es werden nach und nach neue kulturelle Gegenstände und Möglichkeiten in die Rituale integriert. Beispielsweise werden Saiteninstrumente wie Bağlama, die Cura oder Tambura durch AMG-Klappenauspuffanlagen und Faustwaffen der Marke BERETTA Px4 Storm ergänzt. Heraus kommt eine für Kulturwissenschaftler hochinteressante Crossover-Musik, die Elemente morgenländischer Zupf- und Streichinstrumente mit einem Boxenstop der Formel 1 und einer Silvesternacht in Neukölln verschmilzt.

Der traditionelle Ablauf einer türkischen Hochzeit bleibt im Prinzip unverändert: 1. Bewilligungsbesuch (Kiz isteme), 2. Das Versprechen (Söz kesme), 3. Verlobungsfeier (Nisan), 4. Hochzeitsvorbereitungen, 5. Henna-Abend, 6. Abholung der Braut, 7. Hochzeitsfeier, 8. Erstmaliges Zusammenkommen (Gerdek). Abendländische Symbole und Hilfsmittel verändern nun nach und nach verschiedene Schritte dieses Ablaufes. 

Henna-Abend und Unschulds-Abend

Beispielsweise die Hochzeitsvorbereitungen. Diejenigen Familienmitglieder, die nicht bereits über ein breit bereiftes Markenautomobil der Oberklasse verfügen, nehmen etwa 6 Monate vor dem Termin Kontakt zu den Leihwagen-Profis von Sixt auf, um einen geeigneten Audi R8, Porsche Panamera oder Ford Mustang für den großen Tag zu reservieren. 300 PS gelten als Untergrenze. Auch regionale Autovermieter haben sich voll auf das Wochenend-Geschäft mit türkischen Hochzeiten eingestellt. 

Die Events gelten gleichzeitig als Kontaktbörse für die noch nicht verheirateten Jungmänner, die sich bemühen, durch entschlossenes Auftreten ihren Marktwert zu erhöhen. Wer junge Männer dabei beobachtet, wie sie auf dem Parkplatz von Aldi mit qualmenden Reifen  Burnouts üben, sollte nicht böse sein. Sie üben lediglich für die Hochzeit ihres großen Bruders. Auch nächtliches Schießtraining auf dem Balkon dient nur dazu, das Rückschlagsverhalten einer Beretta kennenzulernen, um während der Abholung des Hochzeitspaares gefahrlos in die Luft schießen zu können. 

Die weiblichen Familienmitglieder treffen sich am Vorabend der Hocheit zum sogenannten Henna-Abend, um die Handflächen der Braut und die Finger mit Henna zu färben. Es ist die letzte Nacht, die die Braut nur unter Frauen als Jungfrau verbringt. Die Männer versammeln sich derweil in einer Shisha-Bar zu einem integrativen Sprachkurs namens Unschulds-Abend, der dazu dient, die Ausdrucksfähigkeit zu steigern.

„Is ein bischen Stau, sach ich mal" 

Einer der Älteren übernimmt dabei die Rolle eines deutschen Polizisten, indem er einen Fahrradhelm aufsetzt. Und dann fragt er Sachen wie diese: „Warum haben Sie auf der Autobahn angehalten?“ Mögliche Antworten: „Is ein bischen Stau, sach ich mal, weil hier so viele Autos sind“ (Anfänger). „Wir waren auf der Autobahn, keine Ahnung, dann waren wir hier, und gesperrt“ (Fortgeschrittener). „Ich geb die Schuld mal den Vorurteilen, aber erkären kann ich das leider auch nicht“ (Alter Hase).

Die Route des Hochzeits-Konvois wird sorgfältig ausgewählt und entsprechende Autobahn und Tanzflächen im Voraus festgelegt. Eine zweispurige Autobahn ist ein bisschen langweilig, drei gesperrte Spuren gelten als ambitioniert, vier Spuren als State of the Art. Das Erscheinen deutscher Gesetzeshüter mit ihren lustigen Blaulichtern gilt inzwischen als Zeichen einer auch folkloristisch besonders gelungenen Feier. Wo gibt’s mehr Show für weniger Geld? Häufig werden aus Dankbarkeit Einladungen für das rauschende Fest im Saale ausgesprochen.

Ein besonderes Highlight ist die Geschenkzeremonie. Die Geschenke werden dabei der Reihe nach abgegeben, und ein Sprecher teilt der gesamten Gesellschaft mit, was geschenkt wurde. Danach folgt eine fröhliche Kollekte für während des Hochzeitskonvois entstandene Bußgelder und Führerschein-Wiederbeschaffungskosten. Der mit dem höchsten Bußgeld legt anschließend einen Bauchtanz aufs Parkett.

Von Dirk Maxeiner ist  in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er) Portofrei zu beziehen hier.

Foto: Pixabay

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Chris Hofer / 28.04.2019

Dazu gehört noch die nette Kleinigkeit, dass manch eine Braut vom Gynäkologen vor der Hochzeit nochmals zur Jungfrau gemacht wird. Ein Gynäkologe erzählte schmunzelnd, dass er diesen kleinen Dienst an der Frau mit grösstem Vergnügen mache. Und nicht gerade selten.

Klaus Meyer-Stoll / 28.04.2019

Es handelt sich nicht um eine kulturelle Sitte. Das nennt man “Landnahme”. Man macht sich über unsere Regeln und Gesetzeshüter gezielt lustig und weiß, man hat keine Konsequenzen zu fürchten, wenn man einen guten Anwalt hat.

Claudia Maack / 28.04.2019

Demnächst sollten auf deutschen Autobahnen Kamelrennen abgehalten werden. Dann hätten Schulschwänzer auch an anderen Tagen als freitags eine gute Entschuldigung fürs Nichterscheinen:  Musste erst kultursensibel den Ausgang des Kamelrennens abwarten, bis Mama den SUV starten konnte.

Wolfgang Lang / 28.04.2019

Sie haben eins leider vergessen, verehrter Autor - das Wichtigste! Das weisse, rotbefleckte Tüchlein, das am Tag danach den Eltern des Ehemannes unaufgefordert zu präsentieren ist. Aber wer das alles nie persönlich mitgemacht hat, kann auch nicht den kompletten Durchblick haben.

Angela Seegers / 28.04.2019

Dicke Hose, kleines Hirn. Ganz alter Spruch. Sozusagen Brauchtum.

Bernd Ackermann / 28.04.2019

In Afghanistan schoss eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft mit ihren AK47 in die Luft, ein zufällig vorbeikommender Apache-US-Kampfhubschrauber fühlte sich entweder angemacht oder wollte mitfeiern (weiß man nicht so genau) und schoss zurück. Da ist doch etwas Knallerei mit der Beretta eher Kinderkram. Leider führt der Zubehörhandel noch keine M230 Chain Guns für’s Autodach, sonst hätte ich schon eine montiert.

Florian Schonauer Schonauer / 28.04.2019

Der Sonntagsfahrer ist so absolut ” göttlich” geschrieben,daß ich ihn wahrscheinlich noch mehrmals lesen und genießen werde… Danke,lieber DirkMaxeiner,Danke! Es ist ein Fest!

Frank Mertes / 28.04.2019

So ein netter Korso war gerade bei Hannover auf der A2 zu bewundern. Wenn die mal auf die Idee kommen, das mit Elektroautos zu probieren, bekommen die sogar einen Empfang bei Steinmeier mit Vergabe des Bundesverdienstkreuzes und eine Audienz bei ihrer Heiligkeit Greta I.

S. Miller / 28.04.2019

Und dann der dunkle Bundesbürger, der sich über diese absoluten Unverschämtheiten echauffiert. Diesen Pascha-Säcken sollte mal mit ungewohnter Härte des Gesetzes der Narziss kastriert werden. Solche Leute kriegt man nur in den Griff, wenn sie vor der Rechtsprechung Angst haben, nicht, wenn sie sich dabei halbtot lachen. Daher geht sowas immer nur im blöden Westen. In deren Herkunftsländern ist man so klein mit Hut, weil die nicht lange fackeln. Wo sind wir denn?????

Emmanuel Precht / 28.04.2019

Jetzt gerade findet unten in der Straße (die Brütmeile in Turksburg-Mürxlüh) so eine Brautübergabezeremonie mit lauten Trommeln, quäkenden Blasinstrumenten, aufheulenden Motoren und weiteren kulturellen Besonderheiten unter Zuhilfenahme von Faustwaffen statt. Mir geht diese “wunderbare”,  besser wundersame Kultur die sich hier ausgebreitet hat wie der Schimmelpilz im ungelüfteten Badezimmer, derart auf den Senkel.  Und seitdem die Helmpflicht für Die mit dem besonderen Hintergrund abgeschafft wurde, stellen sich auch reichlich ganz besondere Motorradfahrer zur Verstärkung der Geräuschbelästigung zur Verfügung. Wohlan…

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