Dirk Maxeiner / 04.03.2018 / 06:15 / 22 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Trau Dich anders zu sein

In "Die Welt" vom 15. Februar 1978 erschien folgende Kleinanzeige: „Chauffeur, Absolvent der Rolls-Royce Chauffeur-Schule, London, sucht passende Stelle". Das war ich.

Die Stellenanzeige war zwischen einem Agraringenieur und einem Vertriebsleiter platziert und kostete 109 Mark und 76 Pfennige. Für eine Reportage hatte ich damals tatsächlich die Rolls-Royce Chauffeurs-School besucht und wollte einmal ausprobieren, was man mit dieser Ausbildung anfangen kann. Es meldete sich aber nur ein Interessent, ein erfolgreicher Fleischermeister aus Frankfurt. Der suchte jemanden, der seine Viecher bei den Bauern im Anhänger abholt. Zugfahrzeug: ein Mercedes 450 SE. Da man damals noch nicht mit ethisch-moralischen Argumenten kommen konnte, verschaffte mir der Mercedes eine plausible Ausrede. Ich antwortete höflich aber bestimmt, so wie ich es bei Rolls-Royce gelernt hatte: „Tut mir leid, aber mit Fahrzeugen der unteren Hubraumklassen habe ich leider überhaupt keine Erfahrung“.

Seit jenen frühen Fahrschuljahren fühle ich mich den Briten irgendwie verbunden. Außerdem gefällt mir ein auf der Insel verbreitetes Motto: „Dare to be different“ – „Trau Dich anders zu sein“. Die Deutschen werden von den Briten inzwischen auch mit Milde betrachtet. Das liegt im Wesentlichen an zwei Dingen: Erstens können sie die Franzosen noch weniger leiden. Und zweitens sind sie froh, dass Angela Merkel Deutschland regiert und nicht Großbritannien. Im Vergleich zu Merkel halten sie Theresa May für ein vergleichsweise geringes Sicherheitsrisiko. Und zwischen May und Merkel liegt zum Glück der Ärmelkanal.

Seit meine gehobene Fahrer-Ausbildung sich herumgesprochen hat, gelte ich bei meinen Freunden und Bekannten als Rolls-Royce-Spezialist (so leicht wird man zum Experten). In letzter Zeit werde ich in dieser Eigenschaft öfter mal zu Rate gezogen. Das hat zwei Gründe. Da wäre zunächst einmal ein gewisser Fatalismus, der sich in Sätzen wie diesem manifestiert: „Bevor die Kohle nix mehr wert ist, werfe ich sie lieber zum Fenster raus“. Und: „Wer weiß, wie lange Spaß noch erlaubt ist“. Da trifft es sich gut, dass gebrauchte Rolls-Royces ein echtes Schnäppchen sind. Ein Silver Spirit kostete in den 90er-Jahren sagenhafte 390.000 Mark, also rund 200.000 Euro und ist inzwischen in gut erhaltenem Zustand zwischen 20.000 und 30.000 Euro zu haben. 

„Aus Freude am Tanken“

Trotzdem traut sich keiner so richtig an den Speck ran, weil das Umherfahren in einem Rolls-Royce in Zeiten von Tafel- und Klima-Diskussionen als ein wenig degoutant gilt. Ein Rolls-Royce war in Deutschland aber schon immer ein politisches Statement. Und zwar kein korrektes. Und das ist immer noch so. Er ist so etwas wie ein fahrender Brexit. Die Leute sind schon beleidigt, wenn sie ihn nur sehen. Wer sich den Spaß verkneift und sich für 20.000 Euro an einem Windrad-Fonds beteiligt, der erfolgreich die Vogelwelt schreddert, hat ein wesentlich höheres Sozialprestige und gilt obendrein als ökologischer Vorreiter. 

Allerdings kann man mit so einem Windrad nicht umherfahren, zumindest noch nicht. Meint zumindest mein Freund Heinz, der schon länger einen Rolls-Royce suchte. Heinz ist eigentlich ein ganz braver Bürger, er wohnt in einem Reihenhaus und ist eigentlich noch nie über die Stränge geschlagen. Seit einiger Zeit beobachte ich aber eine Radikalisierung. Beim Tag der offenen Tür in der evangelischen Kirchengemeinde ist er im Sommer mit einem T-Shirt aufgetaucht, auf dem stand: „Aus Freude am Tanken“.

Im Herbst hat er den Worten dann Taten folgen lassen. Er plünderte sein Sparbuch und kaufte bei einem Händler in München einen Rolls-Royce Silver Spur III. Der hatte laut Unterlagen im Jahre 1995 immerhin 385.822 Mark gekostet, Heinz musste aber nur noch knapp 25.000 Euro berappen.

Wir haben dann zusammen einen Tagesausflug gemacht. Bevor es losging, wollte ich aber doch wissen: Wo sind die 385.822 Mark bloß geblieben? Gewissenhaft wie ich bin, habe ich unter der Haube nachgesehen, im Handschuhfach gestöbert, ja sogar die Teppiche angehoben, aber ohne Erfolg: Der Zaster tauchte nicht mehr auf.

Als ich so kopfüber im Auto steckte, habe ich dann noch spaßeshalber die Zahl der Innenraum-Leuchten gezählt: Es sind 16 verschiedene Lampen. Sobald Heinz das Türschloss bedient, werden alle automatisch eingeschaltet, und das Auto erstrahlt wie der Buckingham-Palast bei einer Party der Queen. „Ein echtes Elektroauto“ sage ich zu Heinz. Er hat dann ganz schnell den Motor gestartet, wer weiß, wie lange die Batterie das sonst durchhält.

Der Gegenwert von 25 000 Dosen Bier

Als erstes sind wir zur nächsten Lidl-Filiale gefahren, um zur Feier des Tages Becks Dosenbier zu kaufen. Es macht ungeheuren Spaß dem Ampel-Nachbarn aus einem Rolls-Royce mit einer Dose Bier zuzuprosten. Die Reaktionen sind, sagen wir mal: gemischt. Dabei kostet eine Dose Bier bei Lidl noch nicht einmal einen Euro. „Dein Rolls entspricht dem Gegenwert von 25 000 Dosen Bier“, sage ich zu Heinz. Der fragt zurück: „Wie weit kommen wir damit?“. „Zehn Jahre“, antworte ich, „jeder drei Dosen pro Tag“. Heinz: „Sechs Dosen pro Tag für fünf Jahre, wer weiß, was danach ist“.

Ich streiche vorsichtig über das Armaturenbrett. Es ist wirklich noch ein Brett im ursprünglichen Sinn des Wortes. Aus poliertem Nussbaum. „Die rechte und die linke Hälfte sind spiegelbildlich gemasert“, erklärt mir Heinz. Wie er das sagt, klingt es wie eine politische Analyse. Heinz war bislang immer unpolitisch, er wird mir allmählich unheimlich.

Ich habe mein kleines „Chauffeurs Handbook" (26 Seiten), das ich 1978 zum Abschluss der Chauffeur-Schule erhielt, mitgebracht. Dort findet der Fahrer alles, was er wirklich wissen muss. Ganz im Stile englischer Short-Stories, ist das Handbuch kurzweilig und spannend geschrieben. Ich kläre meinen Kumpel zunächst einmal über seine Pflichten auf und zitiere die Vorschriften für den Umgang mit gekrönten Häuptern: „Nehmen Sie sofort die Mütze ab, wenn die königliche Person erscheint. Belassen Sie es dabei, bis Sie den Motor starten. Nehmen Sie auch die Mütze sofort wieder ab, sobald Sie irgendwo anhalten. Verlassen Sie Ihren Fahrersitz nicht, um die Tür zu öffnen. Das ist Aufgabe des Personals".

Sehr gut gefallen hat mir auch das Kapitel „Explosive Devices". Eine hübsche kleine Checkliste erklärt, wo der Klassenfeind oder der Terrorist die Autobombe zu verstecken pflegt, bevorzugt oben auf dem Auspufftopf. „Fahrer konventioneller Automobile mögen von Unfällen ereilt werden, Rolls-Royce-Fahrer haben große Schicksale“, versichere ich meinem Freund und öffne mit einem Zischen die zweite Dose Becks: „Wenigstens die letzte Reise sollte man mit Stil antreten".

„Von einem Terroristen oder Mafia-Paten in die Luft gejagt zu werden, macht mehr her als ein schlichter Unfall“, meint Heinz. „Und gibt eine gute Presse“, ergänze ich. „Es gibt keine gute Presse", antwortet Heinz. Dann fügt er hinzu: „Wird sowieso nicht passieren, die verbieten statt dessen solche Kisten und wir kriegen einen Herzinfarkt.“

Die Reißzähne des Kapitalismus

Heinz versucht während der Fahrt, die Leerlaufdrehzahl möglichst wenig zu überschreiten. Am Verbrauch ändert dies allerdings nichts. „Der Rolls säuft immer, auch ohne Grund“, sagt Heinz. Ich seufze: „Genau wie wir.“ In der Stadt sind 20 bis 25 Liter kein Ding. Dafür sitzt man aber auch in einem alten englischen Stilmöbel. Allein die Sitzgarnitur würde im Möbelhaus ein kleines Vermögen kosten. Dennoch besitzen die Deutschen erheblich mehr teure Designer-Couches als Rolls-Royces, was ich nun überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Um die gepflegte Atmosphäre nicht zu trüben, vermeidet Heinz instinktiv jedes ruckartige Manöver. Auch in Kurven hält er sich stark zurück: Die maximal angemessene Querbeschleunigung im Rolls entspricht in etwa der einer Gepäckschleife auf dem Frankfurter Flughafen.

Der Rolls-Royce erzieht zum defensiven Fahren, auch eher impulsive Persönlichkeiten verwandeln sich hinterm Steuer in rücksichtsvolle Gentlemen. Das Stigma des Reichtums und die Angst, mit einem rücksichtslosen Ausbeuter verwechselt zu werden, lassen uns lammfromm werden.

Heinz fährt penetrant gütig durch die Gegend. Selbst eine Omi, die die Fahrbahn gar nicht überqueren wollte, wird von ihm durch demonstratives Anhalten über die Straße genötigt. Durch die handpolierten Stäbe des Kühlergrills schimmern derweil die Reißzähne des Kapitalismus (obwohl auch Lenin zwei Rolls-Royces besaß). Wir sollten also nicht zur weiteren Polarisierung der Gesellschaft beitragen. „Wir müssen Vorbild sein“, sage ich zu Heinz. Und der versichert: „Wir schaffen das“.

Foto: Fabian Nicolay

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Leserpost (22)
Michael Jansen / 04.03.2018

Spitzenartikel! Musste zwar nicht laut lachen, habe mich aber mit jeder Zeile amüsiert. Zum Thema Rolls-Royce und Absurdität fällt mir immer John Lennon mit seinem Lied “Imagine” ein, heißt es doch dort: “Imagine no posessions, I wonder if you can”. Diese schöne Zeile aus dem Mund eines Mannes, der mit einem Rolls-Royce herumfuhr, ein millionenteures Appartment im Dakota Building bewohnte und sicher noch einen mindestens zweistelligen Millionenbetrag sonstwo angelegt hatte, hatte doch etwas Paradoxes an sich. Aber vielleicht hat er ja auch Lidl-Bier getrunken.

Michael Hofmann / 04.03.2018

Hallo Herr Maxeiner Ich traue mich kaum zu antworten,denn ich fahre selbst 2 dieser sagenhaft preiswerten Rolls. Ich kann alles bestätigen und ich verhalte mich so: Ich fahre nicht in meiner Heimatgemeinde,fahre als erstes aus den Stadtgrenzen und dann genieße ich den Luxus der vergangenen 30- 40 Jahre.Meistens sind die Neider groß ,ohne das sie ahnen ,daß ihr Golf das Doppelte oder der BMW gar das Dreifache kostet. Ich werde weiterhin nach dem Motto leben „Dare to be different“ und pfeife auf den Spritverbrauch. LG

Wulfrad Schmid / 04.03.2018

„Tut mir leid, aber mit Fahrzeugen der unteren Hubraumklassen habe ich leider überhaupt keine Erfahrung“. You made my day!!

Hans Hüpfer / 04.03.2018

Sehr schöner Text zum Sonntag. Vielleicht sollte man sich im Alter auch so ein Nobelcar zulegen, schon wegen der Ruhe und der “Sprengsicherheit”, aber hilft sie auch gegen Messerstecher? Für zusätzliche Personal wird es dann doch etwas knapp, schließlich muss auch der Fahrer bezahlt werden. Beste Grüße HH

Jochen Helmut / 04.03.2018

Herr Maxeiner, ich lese den “Sonntagsfahrer” immer wieder mit Hochgenuss. Auf ihre Annonce hätte sich auch mein Vater melden können, Fleischermeister und Zeit seines Lebens Freund britischer Lebensart . Hätten Sie sein Zugfahrzeug, einen Jaguar XJ6 Serie I 4.2 auch abgelehnt? Freue mich auf viele weitere Anekdoten, bitte allesamt politisch unkorrekt.

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