Eine Bahnfahrt in der vergangenen Woche hob meine Stimmung enorm. Das lag aber weder an der Bahn, noch an mir. Ich war schlecht gelaunt und die Bahn schlecht organisiert, also alles normal. Es lag an Chico. Er ist eine Promenadenmischung von der Größe eines Dackels, stammt aus Tel Aviv und hat vermutlich sehr multikulturelle Vorfahren, sagt sein Herr. Chico hat das Killer-Gen, allerdings nur was weibliche Herzen anbetrifft. Ständig muss man Auskunft über Rasse, Alter und Namen geben, dann folgt nach einem offenbar vorprogrammierten Ritual der Austausch von Zärtlichkeiten. Und das kann dauern. Will sagen: Wer nicht unhöflich sein will, muss für einen Ausflug viel Zeit einplanen. Chico wurde mir zwecks Überführung von Berlin nach Augsburg als Beförderungsfall übergeben. Oder besser gesagt: Er wurde mir in letzter Minute aufs Auge gedrückt, damit ich keine Zeit hatte, um eine Ausrede zu finden. So wurde ich zum mobilen Hundesitter. Und Chico war auf dieser Fahrt mein Medium.
Es ging erst mal los wie üblich. Der Zug fuhr in umgekehrter Reihenfolge ein, dies wurde den wartenden Beförderungsfällen aber nicht mitgeteilt. Chico und ich mussten daher nach der Abfahrt vom ersten Wagen in den letzten Wagen marschieren. Und nicht nur wir beide, sondern alle, die einen festen Sitzplatz gebucht hatten. Unser Ausflug zog sich hin, siehe oben. In der Mitte des Zuges traf sich die Völkerwanderung, was zu einem sehr unterhaltsamen Gemeinschaftserlebnis führte. Chico fand das prima – wann kann man schon mal so viele Leute in so kurzer Zeit beschnuppern.
Das meine ich auch im übertragenen Sinn, denn als wir endlich in Wagen 14 angelangt waren, begrüßte eine nette Frau in Bahnuniform zuerst Chico und dann mich. An Chico gerichtet sprach sie die Worte: „Diese Idioten lernen das nie“. Ich darauf hin: „Was lernen die nie?“. Sie: „Na die umgekehrte Zugreihenfolge anzusagen“. Ich wollte sie ein wenig aufmuntern und beruhigte: „Idioten gibt es überall“. Sie daraufhin: „Nein, so viele Idioten gibt es nicht überall.“ Mein deeskalierender Vorschlag zur Güte: „Ich glaube, die sind nicht von Natur aus Idioten, die haben das studiert“.
Dann gab es kein Halten mehr. Als Begleiter von Chico gilt man irgendwie sofort als Vertrauens-Obmann. Selbst ein Hells-Angel kommt mit Chico an der Leine rüber wie der Friedenbeauftrage von Ärzte gegen den Atomkrieg. Der diensthabende junge Mann aus dem Bord-Bistro, der gerade Kaffee verteilte, hielt inne und wandte sich zu mir: „Neulich haben sie Ansichts-Karten verteilt, da stand so ungefähr drauf, dass ein Kind viel häufiger lacht als ein Erwachsener – und dass man doch lieber lachen sollte als sich aufzuregen.“ Ich gebe zurück: „Ist ja nicht ganz falsch“. Er: „Ja, aber wir sollten diese Botschaft an Fahrgäste verteilen, wenn der Zug ein paar Stunden Verspätung hat oder überhaupt nicht weiter fährt“. Ich: „Oh, das ist möglicherweise keine besonders gute Idee“. Er: „Eben“.
Ich beschließe, die politische Testphase zu eröffnen
Wie das so beim Beschnuppern ist, spüre ich einen vertrauten Geruch. Ich beschließe, die politische Testphase zu eröffnen, schließlich hab ich mit Chico die perfekte Tarnung. „Möglicherweise sollten Sie diese Trost-Karten dem Bundeskanzleramt empfehlen, Frau Merkel kann sie dann an die Bevölkerung verteilen.“
Inzwischen lauschen etliche andere Fahrgäste, wie mir scheint mit zustimmenden Mienen unserem Ping-Pong. Dann kommt der Schaffner hinzu, der die Fahrkarten kontrolliert, aber ebenfalls eine verschwörerische Stimmung wittert. Er begutachtet meinen Fahrausweis und sagt mit deutlichem Berliner Akzent: „Sie wollen also ins Seehofer-Land, sie Glücklicher“.
Dann fragt er: „Und wo ist der Fahrschein für den Hund?“. Ich sage: „Der braucht keinen, der ist zu klein“. Er: „Das ist ein Grenzfall.“ Ich: „Genau, er hat seinen Pass gefressen und ist außerdem unter 18“. Wir haben inzwischen die ungeteilte Aufmerksamkeit des Abteils und ich überlege, ob ich nicht auf einen Tisch steigen und eine feurige Revolutionsrede halten soll. Leider kann ich den inneren Schweinehund nicht überwinden. Chico liegt lammfromm wie ein Kaninchen unter mir und hat angefangen zu schnarchen.
Das entbindet den Schaffner aber nicht von der Pflicht, mich an seine Dienstvorschriften zu erinnern, schließlich stehen wir unter Beobachtung der Öffentlichkeit: „Haben Sie einen Maulkorb dabei? Das ist Vorschrift“. Ich daraufhin: „Maulkörbe sind ja gerade groß in Mode, ich bestehe aber auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung“. Das Bordbistro ergänzt „Mir würden sie am liebsten auch einen verpassen“. Ich schaue mich um und habe das Gefühl, das gleich jemand zum Sternmarsch auf Berlin aufrufen könnte. Chico bekommt jedenfalls unbürokratisch eine Freifahrt ohne Maulkorb. Sollte ich irgendwann mal um politisches Asyl nachsuchen müssen, dann werde ich es zuerst im ICE zwischen Berlin und Augsburg versuchen.
Beitragsbild: Creative Commons CC0 Pixabay

Ja Herr Maxeiner, es sind die alltäglichen und kleinen Dinge, die die Stimmungsveränderung deutlich machen. Danke für diese scheinbare Nebensächlichkeit. @Helge-Rainer Decke, danke für den Kommentar für meinen. Im Gegensatz zu Ihnen entdecke ich weder bei den Autoren oder Mitkommentatoren zu viel postfaktisches. Über die Fakten hinaus zuspitzen, ergibt dann Meinung. Sie können meine Skiunfälle googeln und meine Methamorphose wünschen, kein Problem solange es "freedom of speech" gibt. „Maulkörbe sind ja gerade groß in Mode, ich bestehe aber auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung“. Deswegen lese und schreibe ich hier mit großer Freude. Allen ein sportliches Prost!
Sehr schöne Geschichte! Offensichtlich brodelt es überall in der Gesellschaft. Die Frage ist nur, warum passiert so wenig? Außer ein paar Pegida- und Merkel-muss-weg- und Kandel-ist-überall-Demos, die, verglichen mit dem allgegenwärtigen Brodeln, spärlich mit Teilnehmern gesegnet sind. Eigentlich müssten doch längst 10.000ende auf die Straße gehen gegen die allgegenwärtigen Ungerechtigkeiten....
Wäre der Kabarettist Steinbrück zusammen mit seinem Partner F. Schröder in diesem Abteil gesessen, dann hätte man Herr Maxeiner als Dumpfbacke abgeurteilt (vgl. Münchener Runde im Bayerischen Fernsehen vom letzten Mittwoch) und zum Schweigen gebracht. Kabarett lebt inzwischen dort, wo Politiker und sonstige Zensoren keinen Zugriff mehr haben: mitten im gemeinen Volk. Eine wunderbare Geschichte.
Der Vorteil der Klugheit besteht darin, Herrn Maxeiners Post niemals zu "uebersehen" . Meinen Dank an Sie..
Vielen Dank Herr Maxeiner – ein schöner und treffender Beitrag! Es ist schon sehr bedenklich und auch bedauerlich, dass Kritik heute wieder nur schön verpackt serviert werden kann, weil sonst mit Restriktionen zu rechnen ist -; frei nach Werner Finck: "Mich konnten sie so schnell nicht fassen, weil sie so schnell nicht fassen konnten“.
Hunde haben's gut (wenn sie's gut haben). Und ohne sie wären die Humanoiden schwerer zu ertragen. Die Vierbeiner sind eben auch Katalysatoren - z. B. für diesen köstlichen Bericht. Super, das kreative Potential im Zug! Wehe, wenn sie losgelassen....
Fürwahr, ein Antidepressivum!