Der Sonntagsfahrer: Mallorca und Motorroller

Von Air Tuerkis.

Im Rahmen unserer Jugendinitiative („Wie produziere ich einen politischen Blog?“) wird achgut.com am heutigen Sonntag, den 10.03.2019, von jungen Talenten produziert. Das gilt auch für die Kolumnen. Der Sonntagsfahrer stammt heute von Air Tuerkis (16), Schüler in Berlin.

Jedes Jahr im Sommer bin ich auf Mallorca. Das mag Proll sein. Will ich auch nicht leugnen. Nun ich weiß, das ist gar nicht hipp. Meine Lieblingsfilme sind auch immer noch Star-Wars, alles mit Arnold Schwarzenegger und James Bond. Mein Schnitzel esse ich mit Pommes und den Salat bestelle ich meist ab – gegen die großmütterlichen Gefühle der Bedienung. Ich bin durch so etwas schon unangenehm aufgefallen, besonders in meiner Berliner Öko-Umgebung. 

Aber manchmal hat es mir auch gefallen. Als ich mit der Familie meiner Freunde essen war, hätte der Vater seinem Sohn gerne  eine Coca-Cola-Light koffeinfrei spendiert, die es leider nicht gab. Stattdessen musste er in einen Apfelsaft starren, während ich getrost mit Verweis auf meine Eltern eine richtige Cola bestellen konnte. Dann war es richtig schön Proll zu sein.

Einmal war ich mit einem solchen Freund, dessen Eltern beide Vegetarier sind, beim Imbiss meines Vertrauens und der Wahnsinnskerl bestellte sich tatsächlich einen Döner nur mit Fleisch - das war dann selbst mir schon fast zu hart. 

Aber ich schweife ab: Eigentlich wollte ich ja nur sagen, dass ich jedes Jahr auf Mallorca bin. Ja und wissen Sie, wenn wir (als volle-Sonnenzeit-am-Strand-Ausnutzer) dann bei untergehender Sonne in unserem Fiat-Panda-Mietwagen vom Strand ins Apartment fahren, dann hören wir seit ich ganz klein bin Musik aus der Jugend meiner Eltern. Mein Favorit: Adriano Celentano. 

Eigentlich liegt Mallorca zwar nicht in Italien sondern in Spanien (ansonsten könnten wir aber auch nochmal Andy Möller fragen), und eigentlich war ich auch noch nie in Italien, trotzdem fühle ich mich immer wie Adriano Celentano, wenn ich auf Mallorca bin aber auch phasenweise in Deutschland. Ich laufe dann immer rum und denke mir „Oh buongiorno, Senora, Tortellini, Pizza. Milano, Sizilia, oh bella Italia“.

Mit 15 äußerte ich dann folgerichtig den Plan, mir einen Motorroller zu kaufen. Mütter, von Hause aus eher bedenkenträgerische Wesen, sind bei derartigen Plänen natürlich immer ein klitzekleines Problem. Doch mit gutem Zureden des männlichen Teils meiner Elternschaft und mit Extraeinkauf von besonders warmen Überziehhosen mit Beinschonern (unter uns: den Quatsch hab ich nie angezogen, aber bitte nicht weitersagen) durfte ich loslegen.

Erst hatte ich überlegt, mir getreu des Adriano-Celentano-Lifestyles eine Vespa in Himmelblau zu kaufen, das musste ich allerdings mit Blick auf die Preistafeln verwerfen. Und so wurde es ein weißer Roller von Piaggio (immerhin der Hersteller von Vespa), gekauft in einer dubiosen Werkstatt in Südberlin und vorerst gedrosselt, damit ich ihn mit meiner Mofa-Fahrerlaubnis fahren durfte. Ich bekam sogar Rabatt, weil Piaggio gerade dabei war, auf Viertakt umzusteigen und ich ein Modell der klassischen aber auslaufenden Zweitakt-Reihe wollte. 

Beim Zweitakt-Motor wird das Motoröl mit dem Benzin vermischt und daher mit ausgestoßen. Daher macht ein Zweitakter viel mehr Geräusch und stinkt viel mehr – und darum gehts ja schließlich. Und vielleicht werden die zusätzlichen Emissionen dazu beitragen, dass Mallorca noch ein bisschen wärmer wird. 

Seitdem bin ich – bisher leider alleiniges – Mitglied der Mofa-Rocker-Gang-Berlin und fahre mit einem zweirädrigen Vier-PS-Ungetüm durch die Hauptstadt. Und dabei ist mir durchaus einiges passiert. Ich habe mich auf einer vereisten Pflastersteinstraße nach einer Kurve kurz mal zum Verschnaufen hingelegt, schon fragten mich Passanten, ob denn alles in Ordnung sei. Naja, meine schöne Lederjacke, mit der schon mein Vater der Legende nach meine Mutter abgeschleppt hatte, und deren Leder so dick ist, dass dafür sicherlich eine ganze Herde von Weihenstephaner-Milchautomaten dran glauben musste, war voll von Schlamm und Schnee, und meine schöne weiße Plastikkarosserie hatte einige Kratzer. Und dann ist da natürlich die Frage im Raum, ob man es der Mami denn erzählen sollte oder ob das eher taktisch unklug im Hinblick auf die Gefahrenbewertung des Rollerfahrens ist. 

Ein anderes mal begegnete ich einer wirren Trulla auf einem Fahrrad, die mich anbrüllte, warum ich nicht mit dem Fahrrad fahren würde. Und überhaupt die arme Umwelt! Die weiteren Verwünschungen gingen im Geräusch meines Zwei-tak-takters unter.

Aber Radfahrer hier sind eh oft nicht ganz sauber. Ich beobachte täglich immer wieder mit Bewunderung, wie Radfahrer mit Vollspeed auf die Kreuzung zurasen, während ein riesiger LKW mit noch einem riesigeren Anhänger hinten dran gerade dabei ist, über diesen Fahrradstreifen rechts abzubiegen, und sich der Fahrradfahrer wissentlich im toten Winkel befindet. Die motorisierten Verkehrsteilnehmer stehen daher meist ewig vor dem Abbiegen, strecken ihren Kopf in alle Richtungen aus und tasten sich langsam vorwärts. Bei großen LKWs, die immer wieder einen neuen Radfahrer auftauchen sehen und daher ihre kurze Anfahrtsphase direkt wieder mit einer Bremsung beenden, sieht man, wie das ganze Fahrzeug lustig hin und her wackelt. 

Das beeindruckt die Fahrradvandalen aber überhaupt nicht: immer wieder gehts mit Vollspeed rein, und wenn das Auto einen Radfahrer dann erst relativ spät bemerkt und der Fahrradfahrer einen Schlenker fahren muss, brüllt der: „Ey, du Arschloch, haste keene Augen im Kopp?“, oft gepaart mit einem energischen Schlag auf die Motorhaube. 

Wenn man sich einen Motorroller kauft, hat man natürlich auch gewisse Gründe abseits der Praktikabilität. Sie wissen schon, ein bisschen auf dicke Hose machen schadet ja nicht. Besonders natürlich vor Personen des anderen Geschlechts. Wenn man es dann mal geschafft hat, jemanden hinten auf seinem motorisierten Gefährt aufsatteln zu lassen, hat man den Jackpot geknackt. Aus Sicherheitsgründen – und nur aus Sicherheitsgründen! – muss sich an der Hüfte des Fahrers  – leider! – festgehalten werden. Und bei jeder Bremsung… Sie wissen schon. 

Wenn man nun mit dem neuen quasi Gastmitglied im Mofa-Rocker-Club unterwegs ist, ist es sehr ungünstig, wenn ein Motorrad neben dir an der Kreuzung steht. Dagegen klingt man dann eher wie so ein frisch-geschlüpftes Küken, welches in das Metro-Goldwyn-Mayer-Logo gesetzt wurde (weil der Löwe gerade krank ist oder Ferien hat) und nun brüllen soll. Und wenn das Motorrad mit locker 30 mal so viel PS wie man selber vor einem weg fährt, naja. Trotzdem cooler als Fahrradfahren.

Und die Berliner Verkehrs Betriebe (BVG) bekommen langsam auch schlotternde Knie, weil sie merken, dass der Motorroller endgeil ist. 

Als ein (anonymer) Vorkämpfer des Rollerfahrens twitterte :“Ich fahr lieber Roller und hab keine Asis, Drogisten, Penner, Rowdys, Musikanten und Bier und Döner verspeisende Kids um mich herum.“, antwortete prompt der offizielle Account der BVG mit dem schwachen Gegenargument: „Aber dafür Insekten im Mund“. 

Gut, vielleicht ist das mit den Insekten aber gerade der Grund, warum Rollerfahren in China und Fernost so unglaublich beliebt ist…

Ok, das war schon jetzt irgendwie… Jep, ich weiß Bescheid.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts  "Achgut U25: Heute schreibt hier die Jugend" in Zusammenarbeit mit der Friedrich A. von Hayek Gesellschaft und dem Schülerblog „Apollo-News“ entstanden. 

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Rolf Lindner / 10.03.2019

Das mit den Insekten im Mund von Motorrollerfahrern in China und Fernost ist aber politisch unkorrekt. Damit wird man ganz schnell zum Rassist gekürt

Joachim Lucas / 10.03.2019

Man muss die Dinge in seinen jungen Jahren ausprobieren, später macht man es nicht mehr. Ein Moped? Geil. Ich habe in den 70igern meine Garelli Bonanza geliebt. Es hat mich oft zerlegt, wie meine damaligen Mopedkollegen auch. Cool war es, wenn bei den Fußrastern das Metall sichtbar wurde. Beweis, dass man tief in die Kurven gehen konnte. War auch ideal Mädels mitzunehmen und zu beeindrucken. Überlebt haben es damals alle im Bekanntenkreis. Wer schon in jungen Jahren ein langweiliger Biotist ist, bleibt es gewiss sein ganzes Leben. Und von den Rad fahrenden Langweilern mit Nußschalenhelm gibt es hier im Ort genug. Absolute Sicherheit tötet die Freiheit.

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