Dirk Maxeiner / 10.12.2017 / 06:13 / Foto: Pixabay / 8 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Krawummmm!

Er schien sich wieder beruhigt zu haben. Doch seit Freitag spuckt der Vulkan Agung auf Bali wieder gewaltige Aschewolken aus. Zuvor war schon mal der Flughafen geschlossen worden, und tausende von Anwohnern wurden evakuiert. Vulkane können ganz schön nerven. Die Dinger sind einfach unberechenbar.

Da kommt man schon mal auf krumme Gedanken. So nach dem Motto: Nun brich schon aus, du Blödmann, jetzt wo alle sich darauf eingestellt haben. Soll der ganze Aufwand etwa umsonst gewesen sein? Andererseits ist man schon sehr dankbar, dass so eine Bombe nicht hochgeht, und statt dessen alles ruhig bleibt. Das ist sozusagen eine erfreuliche Enttäuschung.

So ähnlich ist das ja auch bei gesellschaftspolitischen Eruptionen. Da gibt’s immer eine Fraktion, die möchte, dass alles in die Luft fliegt, weil sie an ein reinigendes Gewitter glaubt. Ist nur blöd, wenn man dabei vom Schlag getroffen wird. Klar fragt man sich beispielsweise, wie lange das noch mit der Euro-Schuldenpolitik gut gehen kann. Je später der Pfropfen aus diesem Vulkankegel rausfliegt, desto heftiger sind die Eruptionen. Sagen jedenfalls die Ökonomen.

Mag sein. Ich bin aber trotzdem um jeden Tag, an dem der Deckel nicht vom Topf geblasen wird, dankbar. Es kann noch ziemlich lange gut gehen, wenn alle die Nerven behalten. Mir soll’s Recht sein, ich habe absolut keinen Bock auf Schlangestehen am Bargeldautomaten. Aber zurück ins Reich der Metaphern:

Erdbeben, Erdrutsch, Eisberg, Vulkanausbruch. Naturkatastrophen haben als Sinnbild für die Politik weltweit Konjunktur. Und in Europa derzeit ganz besonders. Wobei mir die Tektonik in vielen Nachbarländern deutlich nervöser erscheint als die deutsche. Unser  Land liegt trotz allem so ruhig da wie die Eifelmaare. Das sind Vulkankegel, von denen man weiß, dass sie irgendwann wieder ausbrechen könnten. Und zwar mit einem gewaltigen Krawumm. Die Aachener-Zeitung hat es sogar beschrieben:

„Es knallt. So laut, dass man es von Maria Laach in der Eifel bis Bonn hören kann. Eine riesige Aschewolke türmt sich auf und bedeckt ganz Nordrhein-Westfalen mit grauem Puder. Eine Magmakammer unter dem Laacher See ist ausgebrochen. Niemand hat mit einer Eruption in der Eifel gerechnet.

So oder so ähnlich könnte es sich abspielen, wenn ein Vulkan in der Eifel ausbricht. Das letzte Mal geschah das vor rund 12.000 Jahren. Danach entstand der Laacher See. In der Erde darunter, in etwa 50 bis 400 Kilometer Tiefe, ist es bis heute heiß."

Der Vulkan unter dem Laacher See brach vor rund 12.000 Jahren aus und war damit Teil einer Ausbruchsserie, die vor etwa 45.000 Jahren begann und sich noch mehrere 10.000 Jahre fortführen kann. Wir lernen: Der Untergang ist möglich, aber bis dahin kann es dauern. Wer in Erwartung der sicheren Katastrophe das Häusschen versäuft und die Lebensversicherung verzockt, hat zwar viel Spaß, womöglich aber dennoch ein Problem, weil das frühzeitige Ableben sich partout nicht einstellen will.

Wer tatsächlich in der Nähe eines aktiven Vulkans wohnt, der sieht politische Erdbebchen sowieso erheblich gelassener. Etwa die Isländer, die gleich auf einer ganzen Kette vollkommen unberechenbarer Choleriker siedeln. Was im Übrigen mit einer ganz besonderen Mentalität verbunden ist:

Die Menschen sind den Kampf gegen Naturgewalten gewohnt. Sie sind gewohnt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Wenn ein Vulkan ausbricht, hilft weder Mutti Merkel noch Onkel Schulz. Und auch Opa Gauland, ich erzähl’ euch jetzt vom Krieg, hat keine sachdienlichen Handreichungen.

Isländer wissen, dass im Leben oft kein Stein auf dem anderen bleibt. Das hindert sie nicht, an die Zukunft zu glauben und deutlich mehr Kinder pro Frau zu zeugen als beispielsweise die vollkaskoversicherten Deutschen. Viele Isländer gehen hinaus in die Welt, und die meisten von ihnen kommen wieder zurück. Ganze 300.000 optimistische Bewohner haben Island zu einer reichen Nation gemacht – und auch die Wirtschaftskrise wegen der Bankenpleiten haben sie weggesteckt. Von Island lernen heißt: wehrhaft sein, an sich selbst glauben, nicht aufgeben. Und vor allem: Die Weltuntergangspropheten in die Wüste zu schicken.

„Elefanten können es hören, Menschen nicht“, beschreibt der isländische Vulkanologe Haraldur Sigurdsson jene gespenstischen Momente, bevor ein Vulkan ausbricht. Vor ein paar Jahren hat er mir eine kleine Führung gegeben, wobei der über 70jährige Forscher wie eine Gazelle durch die Gesteinswüste hüpfte.

Der Hörbereich des Menschen beginnt bei 20 Hertz – das Infraschall-Geräusch entzieht sich mit nur 15 Hertz dem menschlichen Gehör, nicht aber unserer Wahrnehmung. „Du spürst etwas tief in deiner Brust, bevor ein Vulkan ausbricht“, erzählt Sigurdsson.

Er hat das nicht in seiner Heimat, sondern auf der indonesischen Insel Java (siehe oben Bali) bei einem Ausbruch erlebt. Nach der Infraschallphase, so erinnert er sich, wird die Geräuschkulisse dann sehr militärisch: „Pfeifen und Heulen, also die Windgeräusche fliegender Gesteinsbrocken.“ Die Lava, die den Berg hinunter fließt, gibt ebenfalls Töne von sich: „Das macht ‚Kling, kling, kling’, wie zerbrechendes Glas“.

Sigurdsson hat das Standardwerk ”Melting The Earth – the history of ideas on Volcanic Eruptions” geschrieben, ist Mitherausgeber der "Encyclopedia of Volcanoes" und gehört einem recht exklusiven Club von einigen hundert Forschern an, die sich darüber Gedanken machen, wie es im Inneren der Erde aussieht, und warum es mal hier, mal dort zu vulkanischen Eruptionen kommt. 1939 in Stykkisholmur, einem Fischerdorf im mittleren Westen Islands geboren, hat er schon als Kind angefangen, Steine zu sammeln und sie miteinander zu vergleichen.

Wo Jules Verne seine „Reise zum Mittelpunkt der Erde” startete

Wenn er morgens aufwacht, geht er als erstes vor sein Haus und schaut sich um: in den Westen, zum Snaefellsjökull, wo Jules Verne seine „Reise zum Mittelpunkt der Erde” anfangen ließ, in den Südosten zum Ljosufjöll, einem Bergmassiv, das zu dieser Zeit unter einer schweren Wolkendecke liegt. Beide Vulkane sind schon lange inaktiv, aber Haraldur Sigurdsson weiß, dass es so etwas wie „tote Vulkane” nicht gibt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass einer plötzlich zum Leben erwacht, ist minimal, aber ganz ausschließen kann man es nicht."

Und das gilt, sagt auch Sigurdsson, auch für die erwähnten deutschen Vulkane, etwa in der Eifel, die gerade erst 12.000 Jahre alt sind. „Geologisch gesehen ist das eine kurze Zeit“ sagt er, „auf den Westermänner-Inseln schwiegen die Vulkane 12.000 Jahre und 1963 gab es plötzlich einen gewaltigen Knall“. Der Hauptort Heimæy wurde zur Hälfte von Lava und Asche verschüttet, ein Pompeji des 20. Jahrhunderts (einige Gebäude wurden zu Anschauungszwecken wieder ausgegraben). Es gab dennoch keine Toten, weil die zufällig anwesende Fischereiflotte innerhalb weniger Stunden über 5.000 Bewohner evakuierte.

Nicht so viel Glück hatten die Bewohner des Landstriches um den indonesischen Tambora-Vulkan herum. Sein Ausbruch 1815 kostete 107.000 Menschen das Leben, die meisten davon wurden von einer glühend heißen Gaswolke getötet, die den Berg hinab brauste. Die Überreste der Stadt, die damals komplett zerstört wurde, fand der isländische Vulkanologe im Jahr 2004 in etwa 25 Kilometer Entfernung vom Vulkan.

Die Folgen des Ausbruchs waren global, und die Erdabkühlung verursachte Hungersnöte bis hinein nach Europa. „Das war die letzte Krise dieser Art“ sagt Haraldur, „aber statistisch gesehen passiert so etwas alle 300 Jahre“. Er nennt so eine Katastrophe einen „schwarzen Schwan“. Die moderne Industriegesellschaft würde nach einem solchen Ereignis kollabieren, da ist er sich ziemlich sicher. „So etwas bedeutet komplettes Chaos, und man kann nur versuchen, irgendwie zu überleben.“

Haraldur hebt einen Gesteinbrocken auf, der aussieht wie eine Kanonenkugel. „Das glühende Material ist irgendwann ausgeworfen und so von der Luftströmung geformt worden“. Die Geologen und Vulkanologen können solche Klumpen zum Sprechen bringen wie die Forensiker von CSI. „Material, Beschaffenheit, Form, Gewicht, Entfernung vom Krater, all das hilft uns, die Gewalt einer Eruption nachzuvollziehen.“

Im Falle des Tambora heißen die Ergebnisse: Die Geschosse flogen bis zu 42 Kilometer hoch und eine Billion Kilogramm Gesteinsmassen wurden pro Sekunde in die Luft geschleudert. 100 Kubikkilometer Massen drangen aus dem Erdinneren nach außen. Die Erde hat zahllose solche Ereignisse über sich ergehen lassen, was Haraldur mit der Bemerkung zusammenfasst: „Alles ist Recyling, jeder Teil der Erde ist schon einmal durchgelaufen.“

Wer auf dem Vulkan aufwächst, hat eine andere Einstellung zu Lebensrisiken

Der Wissenschaftler sieht mit seiner großen braunen Hornbrille und den grauen Haaren aus wie ein amerikanischer Ostküsten-Intellektueller und macht überhaupt nicht den Eindruck eines über 70jährigen. Mit seinen zwei Skistöcken kraxelt er mit uns einen nicht weit von Stykkisholmur gelegenen Vulkankegel hinauf (geschätzte 300 Meter bei einer Steigung von mehr als 30 Prozent). Während wir atemlos hinterherhecheln,  erklärt er die Vorgänge unterhalb und oberhalb des Erdmantels, wie Magma sich verflüssigt und Island entstanden ist, wo sich Risse auftaten und ganze Vulkanketten bildeten, wo eine "Plume", so eine Art vulkanischer Hotspot, unter der Insel steckt.

Der Vulkanologe steht am höchsten Punkt der Caldera und lässt sich vor weiter Kulisse fotografieren. Ganz unten duckt sich vor einem Lavafeld eine kleine grüne Hütte an einem See, in dem sich ein anderer namenloser Vulkan spiegelt. Es ist das Jagdhaus seines Vaters, der dort schon als Kind merkwürdige Steine gesammelt und erforscht hat.

Im Fiss Friskur in Stykkisholmur erzählt er bei warmem Apfelkuchen von seiner Kindheit, und warum Isländer selbstständiges Denken und Handeln eingeimpft bekommen: Es ist die raue Umwelt und die entbehrungsreiche Art, mit der sie aufwuchsen. Als Kind musste er sich im Sturm an Zäunen entlanghangeln, um zur Schule zu gelangen. So stark blies der Wind, dass er die letzten Meter zum Schulgebäude über den Boden kriechen musste, „weil der Zaun da aufhörte“. Wer so aufwächst, hat automatisch eine andere Einstellung zu Lebensrisiken.

„Niemand verbietet dir hier, irgendwo hinzugehen, selbst an der steilsten Klippe wirst du keine Absperrung oder gar ein Warnschild finden“, sagt Haraldur, und er fügt hinzu: „Hier herrschen oft 50 Meter pro Sekunde Windgeschwindigkeit, da wirst du mit dem Auto einfach von der Straße geweht“. Isländer seien es deshalb gewohnt, sich selbst rückzuversichern: „Du musst immer den schlimmsten Fall einkalkulieren, du musst das Wetter checken, du musst die Straßenverhältnisse checken, du musst die Temperatur fühlen, bevor du in eine heiße Quelle hüpfst.“

Die Bauern in der Nachbarschaft der über 30 aktiven Vulkane beobachten darüber im Internet die seismische Lage um sich herum. „Island hat das beste Beobachtungs- und Informationssystem der Welt, und jedermann kann es live im Internet nutzen; die Bauern haben in Echtzeit die gleichen Informationen wie wir Wissenschaftler“, erläutert er, „auf einigen Vulkanen stehen sogar Webcams“.

Im Gefahrenfall weiß jeder, wie er sich zu verhalten hat, genau wie ein isländischer Fischer im stürmischen Nordmeer. Wer sich da nicht selbst helfen kann, der ist verloren. „Es ist dieses ganze Paket von Lebensumständen, die unser Bewusstsein prägen“, sagt der Wissenschaftler, und er fügt hinzu: „Wenn du überbehütet erzogen wirst, dann weißt du nicht, wo die Limits sind.“ Isländer zöge es an den Abgrund, weil sie wissen wollen, was dahinter ist: „Wenn du immer 100 Meter davon weg bleibst, dann lebst du nicht.“ Und aufgrund dieser Erfahrungen seien die Isländer in Krisensituationen einfach „smarter“ als Bürger von überbehüteten Vollkasko-Gesellschaften.

Link: Im isländischen Stykkishólmur unterhält Haraldur Sigurdsson in einem ehemaligen Dorfkino ein Vulkan-Museum.

Foto: Pixabay

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Leserpost (8)
Wolfgang Kaufmann / 10.12.2017

Der Unterschied zu gesellschaftspolitischen Eruptionen ist, dass sie von Menschen gemacht sind. Auch hier fühlen einige nur das Heute und ihre eigene Heiligkeit, andere hingegen kämpfen für das Übermorgen und die Lebensbedingungen ihrer Nachkommen. Eine wunderbare Synthese von weiblichen Tugenden und historischer Klarheit ist übrigens die künftige österreichische Außenministerin.

Richard Kaufmann / 10.12.2017

Dieser Artikel müsste in “Leichtem Deutsch” umgeschrieben werden, damit ihn auch das Bundeskanzleramt verstehen kann.

Stefan Riedel / 10.12.2017

Dirk Maxeiner at his best. Danke!!!! Der Gedanke, daß in einem so dynamischen System wie der Erdatmosphäre irgendetwas konstant sein könnte, hat etwas pathologisches.

Dietmar Schmidt / 10.12.2017

Lieber Herr Maxeiner, ja das würde ich gerne:  Die Weltuntergangspropheten in die Wüste schicken. Ein zu schöner Gedanke um wahr zu sein. Aber eigentlich, könnten diese Zeitgenossen einfach mal freiwillig dorthin gehen wo es wirklich gefährlich ist, sozusagen als Weiterentwicklung. Dann kommen sie vielleicht geläutert zurück und haben gelernt wirkliche Gefahren von fiktiven zu unterscheiden. Wie gesagt, zu schön um wahr zu sein. Gruß D. Schmidt

Wulfrad Schmid / 10.12.2017

Manchmal wünsche ich mir, es gäbe einen Vulkanausbruch in Deutschland, einen so heftigen, dass das ganze marode System untergeht. Würde das nützen? Nein, denn die, die es treffen sollte, würden überleben und schnell wieder an der Spitze der Machtpyramide stehen, so wie zahlreiche Nazis nach 1945. Leidtragende wären, wie immer, nur wir, die kleinen Leute..

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