Dirk Maxeiner / 08.04.2018 / 06:27 / Foto: Len Rizzi/Off-shell / 7 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Hauptsache schlucken

Die Umweltbewussten unter Ihnen möchte ich an dieser Stelle beruhigen: Ich bin für diesen Sonntagsfahrer keinen Meter gefahren. Ein Umstand, der die bundesdeutsche Kohlendioxid-Bilanz erfreut und die Unterhaltskosten für meinen alten Volvo senkt. Wenn ich schreibe, steht er in der Garage und träumt von einem Göteborg, das es nicht mehr gibt. Vor allem braucht er kein teures Benzin. Da behaupte noch einer, Ökologie und Ökonomie ließen sich nicht unter einen Hut bringen.

Aber das ist ja noch nicht alles: Während Sie diese Zeilen lesen, fahren Sie mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls kein Auto. Ich hoffe natürlich, dass mir dafür irgendwann das deutsch Umweltverdienstkreuz mit grünem Band verliehen wird. Wobei mir ein ordentliches Preisgeld lieber als das grüne Band wäre (ich würde davon einen alten amerikanischen V8-Schlitten anzahlen, also zur Erhaltung von Kulturgut beitragen).

Die segensreiche Wirkung des Geschriebenen kann wirklich nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine besondere Rolle spielen die Automobil-Journos. Wer in Autobild , Auto Motor und Sport und ähnlichen Brumm-Brumm-Magazinen schmökert träumt zwar von einem Ferrari oder einem Porsche, liegt dabei aber ganz entspannt auf dem Sofa. Millionen von Kilometern werden so eingespart. Besonders verdienstvoll ist auch RTL, das die Raser mit den Formel-1-Übetragungen davon abhält, am Sonntag einen Ausflug zu machen.

Aus diesem Grund ist das selbstfahrende Auto ein umweltmäßiger Rohrkrepierer. Damit geht Fahren und Lesen (oder Fahren und Fernsehen) zugleich und der ganze Effekt ist hin. Der Vorgang des Lesens ist ja ohnehin etwas Besonderes, schließlich muss der Leser im Geiste jedes geschriebene Wort nachsprechen. Eine intime Angelegenheit, die lediglich ein wenig Grips erfordert. Und natürlich ein bisschen Zeit.

Die scheint aber immer knapper zu werden. Jedenfalls steht in Netz-Publikationen jetzt häufig etwas in der Art wie: „An diesem Beitrag lesen Sie zwei Minuten und 30 Sekunden“. Viel lustiger fände ich den Hinweis: „An diesem Beitrag schrieb der Autor zwei Minuten und 30 Sekunden“. Auf Dostojewkijs Schuld und Sühne steht wahrscheinlich demnächst der Warnhinweis „An diesem Buch lesen Sie 250 Stunden“ (länger braucht man allenfalls noch für die Bedienungsanleitung eines modernen Autoradios, wobei Dostojewskij deutlich leichter zu verstehen ist).

Lesen ist ja eigentlich eine kontemplative, langsame, erholsame Beschäftigung. Warum soll das nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen als ein Kaninchen beim Begattungsakt? Ich vermute, man will damit jene, die das Lesen längst aufgegeben haben, zurückgewinnen. Das wird aber nicht klappen.  

Fest abonniert für den Part des Unholds

Es gibt ja grundsätzlich zwei Arten von Nicht-Lesern. Da sind die einen, die es nie richtig gelernt haben und lieber Filmchen anschauen. Und da sind die anderen, die es gelernt, haben, aber keinen Sinn  mehr darin sehen. Die brauchen aber keinen Hinweis auf die Lesedauer. Denen genügt meist die Überschrift um innerhalb von fünf Sekunden zu wissen, worum es geht. Zum Beispiel in dieser Art: „10 Monatshoch: Merkel so beliebt wie lange nicht mehr“. Sehr hübsch ist auch alles mit Donald Trump – nur umgekehrt. Der Mann ist fest abonniert für den Part des Unholds. Es gibt aber auch ganze Bücher, die man in 5 Sekunden gelesen hat. Zum Beispiel Heiko Maas „Aufstehen statt wegducken: Eine Strategie gegen Rechts.“  Statt „Lesedauer fünf Sekunden“ wäre in diesem Fall möglicherweise ein anderer  Hinweis zielführender: „Wenn Sie dieses Buch lesen, kriegen Sie fünf Euro“.

Wobei ich gar nicht bestreiten will: In der Kürze liegt oft die Würze. Sich kurz zu fassen, kann durchaus eine Kunst sein. Nehmen wir zum Beispiel die amerikanische Bill of rights. Auch unser Grundgesetz ist überschaubar. Oder der Klassiker: Die zehn Gebote. Bei der Gelegenheit stelle ich mir gerade vor, die AfD würde das Grundgesetz im Bundestag als Gesetzesvorlage einbringen. Die anderen Fraktionen müssten das dann aus Prinzip ablehnen. So ähnlich geht es ja auch der „Gemeinsamen Erklärung 2018“. Die ist ebenfalls schön kurz mit 33 Wörtern und 273 Zeichen. Das reicht offenbar um eine Menge Leute an etwas zu erinnern, an das sie nicht erinnert werden wollen.

Was ich aber gar nicht verstehe, ist die Tatsache, dass die Stoppuhr-Nummer sich noch nicht auf den Speisekarten der sogenannten Schnell-Restaurants durchgesetzt hat. Man könnte doch eigentlich erwarten, dass sie ihre Menüs ebenfalls mit Zeitangaben versehen: „Für den Verzehr dieses Burgers benötigen sie eine Minute und 30 Sekunden“. Fachleute nennen solche Gerichte übrigens „Flutschfood“, weil man nicht kauen, sondern nur schlucken muss. Siehe oben Merkel, Maas und Trump.

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Leserpost

netiquette:

Eli Möller / 08.04.2018

Lesen ist nach wie vor ein Genuss, doch schnelle Kost entsteht eben auch durch schnelle Ereignisse ,für die der Lesenensgenuss und die Information nicht erwünscht ist. Man soll sich eben sofort positionieren, kalulierbar sein, für Statistiken . Und zeige mir jeder ein Automobil ohne Umweltschäden, wir wissen doch alle Verbrennungsmotoren sind umweltbelastend, auch wenn der Strom aus der Steckdose kommt . Die Erde entfernt sich durch die Expansion des Alls von der Sonne .Es wird nicht warm, sondern bitter kalt. Nicht gleich, aber wir lesen ja auch noch.

Karla Kuhn / 08.04.2018

„Wenn Sie dieses Buch lesen, kriegen Sie fünf Euro“. Nicht für hundert Euro und mehr würde ich es lesen, da singe ich lieber am Karlsplatz und halte meinen Hut hin, ist “bildungsmäßig” hoch interessant, gerade in diesen Zeiten. Kaffee to go, Hamburger to go etc. und die meisten Verpackungen werden einfach auf der Straße entsorgt. Es gibt Länder, da zahlt man wegen einem Schnipsel Papier eine hohe Strafe oder “wildpinkeln” in Kanada ist besonders teuer. Aber wir haben ja anscheinend eine staatliche Müllabfuhr, die alles richten soll.  Und wir wollen doch die Gäste, EGAL woher sie kommen nicht verschrecken, bzw. nicht diskriminieren.  Komisch, in Rom geht das ohne Probleme. Aber da sitzen auch an jeder Ecke die Carabinieri. “So ähnlich geht es ja auch der „Gemeinsamen Erklärung 2018“. Die ist ebenfalls schön kurz mit 33 Wörtern und 273 Zeichen. Das reicht offenbar um eine Menge Leute an etwas zu erinnern, an das sie nicht erinnert werden wollen.”  HERVORRAGEND !!  Nicht nur der Kuchen versüßt mir den Nachmittag, auch der humorvolle Sonntagsfahrer.

Werner Arning / 08.04.2018

Für das Lesen meiner lokalen Tageszeitung, für deren Lektüre ich mir früher täglich eine Stunde Zeit nahm, brauche ich heute gute fünf Minuten. Ich habe das Abonnement vor einem Jahr gekündigt, weil ich Trump-Bashung, AfD-Bashing und Merkel-Hymnen nicht mehr aushielt, außerdem driftete sie nach einem Wechsel des Chefredakteurs nach links, wie ich finde. Meine betagte Nachbarin hängt mir allerdings täglich ihr Exemplar an die Tür, wenn sie es ausgelesen hat. Da sie alleinstehend ist, würde ich auf diese Weise mitbekommen, wenn ihr mal etwas zustoßen sollte, meint sie. So bleibt mir der zweifelhafte Genuss der Zeitung erhalten. Aber das Lesen geht jetzt halt schnell.

Werner Schiemann / 08.04.2018

Viel Spass mit dem künftigen V8, wenn er denn tatsächlich kommen sollte. Wie sagte der bekannte Schweizer Auto- und Motorradtuner Fritz Egli immer: Wir bauen keine Fahrzeuge zum Sprit sparen sondern zum genüsslichen Benzin abfackeln. Dem Vernehmen nach wurde er bisher noch nicht ans Kreuz genagelt.

Elmar Schürscheid / 08.04.2018

Schlucken ist gut! Immer runter damit. Schönen Sonntag.

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