Dirk Maxeiner / 11.02.2018 / 06:21 / 13 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Ground Control to Dalai Lama

Von so einer Sonntagstour träume ich schon lange. Vergangene Woche schickte SpaceX-Gründer Elon Musk "Falcon Heavy" ins All, eine Lasten-Trägerrakete. Zum Start erklang "Space Oddity" von David Bowie: “Ground Control to Major Tom…” Und dann gab es Weltraum-Bescherung: Musk ließ einen metallic-roten Tesla-Sportwagen auspacken. Jetzt kurvt der Flitzer mit zigtausend km/h und einer Puppe im Raumanzug um die Sonne. Das Reichweitenproblem des Elektroautos ist damit final gelöst – fährt ewig, es sei denn ein schwarzes Loch kommt dazwischen. Das erinnert  mich ein bisschen an Angela Merkel. Irgendwann in nächster Zeit soll der Tesla übrigens am Mars vorbeikommen.

Auf dem Bordcomputer-Display steht der von Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis" populär gemachte Schriftzug: "Don't Panic“. Der Sciene-Fiction-Klassiker ist voller wunderbarer Sprüche. Beispielsweise, wenn „Marvin“, der depressive Roboter, sagt: „Ich kriege schon Kopfschmerzen, wenn ich nur versuche, mich auf euer Niveau herunter zu denken."

Und damit sind wir bei der Tesla-Konkurrenz von Daimler. Der deutsche Autohersteller wollte sich nicht die Schau stehlen lassen und auch visionäre Größe beweisen. Aber auf deutsche Art, also mit Tiefgang und pädagogischem Anspruch. In Ermangelung einer Trägerrakete entschloss sich die PR-Abteilung des Unternehmens zu einem Ausflug auf die Foto-Plattform Instagram. Dort platzierte man das Bild eines weißen Mercedes-Coupés mit einem einfühlsamen Spruch des Dalai Lama, seines Zeichens Friedensnobelpreisträger: „Betrachte eine Situation von allen Seiten, und du wirst offener werden“. So was kommt immer gut, dachten sich die Leute vom anderen Stern, klingt doch astrein multikulturell und harmoniestiftend. 

Erbauliche Poesie hat ja bei Daimler eine jahrzehntelange Tradition: „Wir können langfristig nicht mit unserem Stern umgehen, als ob wir noch einen zweiten im Kofferraum hätten", erklärte man schon 1990 in Anzeigen und bildete dazu eine schöne Weltkugel ab. Firmenintern galt eine modifizierte Parole: „Wir können langfristig nicht mit unserem Stern umgehen, wenn wir kurzfristig Pleite machen." Die perfekte Symbiose zwischen den beiden Sprüchen gelang dann allerdings BMW. Dessen einstiger Aufsichtsratsvorsitzender, Eberhard von Kuenheim fand mit sensiblem Gespür für den Zeitgeist eine der schönsten Formulierungen, seit es Ökologie gibt. Er bekannte sich nachdrücklich zur „Verantwortung" für den „Lebensraum des Automobils".

Der Daimler-Chef fiel um wie die A-Klasse beim Elchtest

Aber zurück zum Dalai Lama. Der begreift sich ja bekanntlich als Oberhaupt der Tibeter – einer Gegend mithin, die von den Chinesen brutalstmöglich annektiert wurde. Und daran möchten sie nur ungern erinnert werden. Das Seid-nett-zueinander-Gesäusel der Daimler PR-Abteilung verstanden sie folglich genau umgekehrt: Als Provokation. Es gilt dort nämlich die alte konfuzianische Regel: „Betrachte eine Situation stets nur von deiner Seite, und tritt jeden in den Arsch, der anderer Meinung ist". Der Dalai Lama hat im totalitären China folglich Generalverschiss und gilt als übler Separatist. Und so drehten die Chinesen ihren Windkanal bis zum Anschlag auf und es wehte ein mächtiger Anti-Daimler-Sturm bis in die Stuttgarter Konzernzentrale. 

Uups! Da war dem Automobil-Weltmeister offenbar etwas entgangen. Dabei dachten Sie immer, Moral gäbe es umsonst. Daimler-Chef Dieter Zetsche reagierte mit ruckartiger Verlagerung des Schwerpunktes und kippte einfach um, wie einst die Mercedes A-Klasse beim Elchtest. Während Elon Musk in Richtung Sonne aufsstieg, warf sich Zetsche vor den roten Garden in den Staub und übte Selbstkritik. Die FAZ kommentierte, der Daimler-Vorstand habe „wie ein Dissident nach dem Folterverhör in vorauseilendem Gehorsam versprochen, nie wieder die Souveränität Chinas in Frage zu stellen“.

Der aktuelle Stand der Unternehmens-Philosophie lautet daher: „Wir können unseren Stern langfristig nur retten, wenn wir kurzfristig die Moral ein wenig außer Kraft setzen." Mercedes-Kunden die über einen Kompass und ein Navigationssystem verfügen, dürften darob ein wenig in Depression verfallen, ganz wie "Marvin" der Roboter, in Per Anhalter durch die Galaxis. Der würde jedenfalls sagen, was er immer sagt: „Ich kriege schon Kopfschmerzen, wenn ich nur versuche, mich auf dieses Niveau herunter zu denken."

Der Sicherheitsabstand zur Erde ist zu gering

Das irdische Führungspersonal dieses Landes schwächelt derzeit ein wenig, vom überirdischen ist bedauerlicherweise auch keine Entlastung zu erwarten. Wenn Dieter Zetsche und Bischof Bedford-Strohm die Jobs tauschen, merkt das kein Mensch.

Und damit sind wir bei unseren Regierenden. „Den sollte man zum Mond schicken“ hieß früher ein geflügeltes Wort, als die Raum-Verschickung noch nicht so real möglich war wie heute mit Elon Musks Falcon Heavy-Trägerrakete. Die kommerzielle Raumfahrt erweitert in jedem Fall den Radius unserer Politik und bietet ihr einen endlosen Raum zur Entfaltung. 

Wobei ich der Meinung bin, dass eine Mond-Verschickung des Kabinetts nicht ausreicht, der Sicherheitsabstand zur Erde ist einfach zu gering.  Zum Glück gaben Wissenschaftler just vergangene Woche bekannt, dass die sieben Planeten des von uns 39 Lichtjahre entfernten Sterns Trappist-1 bis zu fünf Prozent Wasser enthalten. Leben ist dort also möglich, es muss ja nicht gleich intelligent sein. Man könnte möglicherweise einen Sammeltransport für unser Führungspersonal nach Trappist-1 organisieren, Elon Musk gibt uns bestimmt großzügigen Rabatt.

Und David Bowie darf mit Space Oddity die neue deutsche Nationalhymne beisteuern: Take your protein pills and put your helmet on...Commencing countdown, engines on (five, four, three)....Check ignition and may God's love be with you (two, one, liftoff)....

Am Bestimmungsort angekommen, könnte die GroKo dann in aller Ruhe beginnen, für alle gleiche Lebensbedingungen wie auf der Erde zu organisieren. Gerechtigkeit und Inklusion für den gesamten Weltraum, inklusive Parkraum-Bewirtschaftung. Und wenn Elon Musk mit seinem Tesla-Roadster vorbeirast, dann kriegen sie ihn endlich. Über 1.000 km/h innerhalb geschlossener Planetensysteme. Das wird teuer.

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Wolfgang Richter / 11.02.2018

Wenn schon Mond als nahe liegende Lösung, dann bitte die Rückseite. Dort könnte sich das entsorgte Führungspersonal mit anderem über die gemachten Fehlleistungen austauschen, sofern Verschwörungstheoretiker der besonderen Art damit Recht haben sollten, daß sich der “Führer” mit seinem Hofstaat mittels einer seiner Wunderwaffen nach dort abgesetzt haben soll, um der irdischen Gerechtigkeit zu entfliehen.

Elke Albert / 11.02.2018

Hübscher Gedanke. Aber die Amöben auf Trappist-1 werden diese Chaos-Truppe bestimmt auch nicht haben wollen!

Matthias Thiermann / 11.02.2018

Also ich stimme zu alle besagten Personen ins All zu schießen. Aber ich glaube die Fluchtgeschwindigkeit von der Erde beträgt weit mehr als die Tausend km/h, so um die 30 km/s! Und Marvin ist kein depressiver Computer, sondern ein depressiver Roboter.

Martin Landvoigt / 11.02.2018

Abgesehen von dem großartigen Bowie und dem phantastischen Song strahlt dieser eben nicht den Zukunftsoptimismus aus, sondern eine bittere Melancholie. Die Verszeile sollte bekannt sein: ‘Your circuit’s dead, there’s something wrong - Can you hear me, Major Tom?’ Ist es nun ein Akt der Selbstironie und intellektueller Distanz, das Musk gerade diesen Song wählte? Oder - wie bei Jesus von Montreal - als ein Werbefilm gedreht wurde, und das Wort der unerträglichen Leichtigkeit des Seins Motto sein sollte ... die Regieanweisung: Ganz leicht, eben wie Kundera ... Einfach die Oberflächlichkeit, der es auch völlig egal ist, was dahinter steht.

Winfried Sautter / 11.02.2018

Wenn ein Stern schon Trappist heisst, sollte das zu denken geben: Auf unserem Planeten ein Orden von der besonders strengen Observanz.

Karla Kuhn / 11.02.2018

“Ich kriege schon Kopfschmerzen, wenn ich nur versuche, mich auf dieses Niveau herunter zu denken.” “Wenn Dieter Zetsche und Bischof Bedford-Strohm die Jobs tauschen, merkt das kein Mensch.” “Brutalstmöglich” erinnert mich an Koch. “Wobei ich der Meinung bin, dass eine Mond-Verschickung des Kabinetts nicht ausreicht, der Sicherheitsabstand zur Erde ist einfach zu gering.  Zum Glück gaben Wissenschaftler just vergangene Woche bekannt, dass die sieben Planeten des von uns 39 Lichtjahre entfernten Sterns Trappist-1 bis zu fünf Prozent Wasser enthalten. Leben ist dort also möglich, es muss ja nicht gleich intelligent sein. Man könnte möglicherweise einen Sammeltransport für unser Führungspersonal nach Trappist-1 organisieren, Elon Musk gibt uns bestimmt großzügigen Rabatt.”  Zu köstlich.  Können Sie den Sammeltransport nicht umgehend organisieren ?  Nach dieser herrlichen Satire habe ich keine Lust noch was von unseren “Eliten” zu hören.

Thomas Weidner / 11.02.2018

Die 1990er: Man erinnere sich an die regierungsverordnete Einführung des Wasserlacks bei PKWs: Das war “Umweltschutz und Resourcenschonung” pur - speziell bei BWM und Mercedes: Die Autos rosteten einem unter dem Hintern weg - und konnten so die Umwelt durch ihren Betrieb nicht mehr schädigen. Blöde nur, dass sie mit Neuwagen ersetzt werden mussten. An Audi sei erinnert: Beim 100 C4 ohne Wasserlack hätte Audi auch eine Durchrostungsgarantie von 25 Jahren geben können… Das war gelebter Umweltschutz - der heute durch Verschrottungsprämien zur Farce degradiert wird. Heute herrscht Symbolpolitik vor - dank Massenmedien von der Mehrheit der Wähler wohl gelitten…

Gerd Koslowski / 11.02.2018

Tolle Idee, ich frage mich seit Wochen, wie man die uninspirierten Politikerdarsteller zum Mond schießen könnte, ohne Rückfahrkarte. Trappist-1 ist natürlich noch besser.

Hjalmar Kreutzer / 11.02.2018

Sehr schöne entspannende musikuntermalte Bilder. Immerhin waren es nicht Steuerzahlers Millionen, die da in den Orbit geschossen wurden, sondern die eigenen, oder „nur“ die der Aktionäre. So eine Ausgabe muss man sich auch erst einmal leisten können, insofern Respekt für den unternehmerischen und logistischen und technischen Erfolg. Immerhin driftet der Tesla schön kühl durchs All, statt auf der Straße abzubrennen.

Stefan Bley / 11.02.2018

Dürfte schwer werden unsere Klimawandel-Jünger für die Sache zu gewinnen, wenn wir anfangen unseren Schrott, wie Teslas und Politiker, im All zu verklappen. Vielleicht sollten wir diese kleine Gruppe gleich mit zum Mond (oder sonstwo hin) schicken. Dort können Sie dann ungehindert zum Architekten ihrer eigenen Welt werden, anstatt hier den Massen auf den Wecker zu gehen.

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