Samstagmorgens gehe ich immer zu meinem Kiosk, um Lotto zu spielen. Und dabei entdeckte ich gestern die neueste Ausgabe des Spiegel. Auf dem Cover die gewohnte, ein bisschen altbacken gewordene Symbolik eines typischen Spiegel-Titels: Abgebrochene Windräder, herunterhängende Starkstromleitungen und ein vom Blackout verdunkeltes Berlin. Dazu die Schlagzeile: "Murks in Germany". Ergänzt von der Erläuterung: "Energiewende: Wie eine große Idee am deutschen Kleingeist scheitert". Huch, wächst da tatsächlich auch im eher wendefreundlichen Biotop die Einsicht, dass mit unserer sogenannten Energiewende etwas fundamental nicht stimmt? Neugierig geworden, beschloss ich, etwas für den dahinsiechenden Kiosk-Verkauf der Kollegen zu tun und die Spiegel-Ausgabe 19/2019 käuflich zu erwerben (Online ist der Beitrag hinter einer Bezahlschranke).
Und ich muss zugeben: Es hat sich gelohnt. Allerdings aus anderen Gründen, als die insgesamt vier Autoren sich das vielleicht gedacht haben. Der Beitrag ist nämlich mitnichten eine Abrechnung mit einer verfehlten deutschen Energiepolitik, die glaubt, mit Ideologie ließe sich die Physik überlisten. Stattdessen liefert die Titelgeschichte ein erhellendes Psychogramm der gescheiterten Energiewende-Protagonisten inklusive der Verfasser selbst.
Hier wird exemplarisch vorgeführt, wie man ein falsifiziertes Weltbild aufrecht erhält, indem man störende Einwände einfach ausblendet. "Der Umbau des deutschen Energiesystems droht zu scheitern", konzidiert man, nur um dann umso entschiedener zu fordern: "Das Generationenprojekt braucht einen Neuanfang". Darunter versteht man im Einzelnen allerlei Nippes aus der alternativen Grabbelkiste, etwa die Idee, Elektroautos als Speicher zu nutzen, sprich die Wiederbelebung des vor langer Zeit ausgemusterten Nachtspeicherofens.
Eine „große Idee“, eine „fabelhafte Idee“, eine „fantastische Idee“
Derjenige, der Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein" gelesen hat, fühlt sich sofort an die „Geschichte mit dem Schlüssel" erinnert. Es geht dabei darum, dass Menschen, anstatt einen gescheiterten Lösungsansatz zu verwerfen, ihre Anstrengungen auf dem falschen Weg verdoppeln und verdreifachen. Die Moritat vom verlorenen Schlüssel oder „mehr desselben“ geht so: Ein Betrunkener sucht unter einer Straßenlaterne seinen Schlüssel. Ein Polizist hilft ihm bei der Suche. Als der Polizist nach langem Suchen wissen will, ob der Mann sicher sei, den Schlüssel hier verloren zu haben, antwortet jener: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.“
Und genauso geht es auch dem Spiegel: Dort, wo es für den Traum von der Energiewende richtig finster wird, beispielsweise bei den physikalischen Gesetzmäßigkeiten einer zuverlässigen Energieversorgung, schaut man gar nicht erst nach. Die Überschrift "Grüner Blackout" bekommt dadurch eine ganz andere Bedeutung als intendiert – und trifft dennoch voll zu.
Wie weiland im Sozialismus lässt man auf die Idee als solche nichts kommen. Die Energiewende ist abwechselnd eine "große Idee", eine "fabelhafte Idee", ja eine "fantastische Idee", wahlweise ein "Generationenprojekt", bei dem es schlicht um alles geht: "Wie die Bürger künftig leben und arbeiten werden, wie die Industrie wirtschaftet, wie das Zusammenleben funktionieren soll". Wie immer bei deutschen Großphantasien, so hapert es auch beim "Modell für nachhaltiges Wirtschaften" lediglich an der Umsetzung. Es fehle an politischem Willen und fähigem Management: "Was einmal groß gedacht wurde, verläppert im Klein-klein der deutschen Wirklichkeit". Sprich in spießigen Unterschieden zwischen installierter Leistung und tatsächlich nutzbarer Leistung von Wind und Sonne, in Kategorien wie Grundlastfähigkeit und Netzausregelungsreserve (Siehe hierzu unsere wöchentliche Kolumne "Woher kommt der Strom?").
Nicht das eigene Weltbild kaputt recherchieren
Doch diese blinden Flecken meiden die Wendeidologen wie der Teufel das Weihwasser – oder wie der Besoffene die Autoschlüssel-Suche im Dunkeln. Man könnte ja das eigene Weltbild kaputt recherchieren. Dabei lässt sich das Problem ziemlich einfach benennen:
1. Die große Leistung von Windrädern und Solarzellen, die in Deutschland mittlerweile installiert ist, hilft gar nichts, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Und das ist naturgemäß immer wieder der Fall. Dann müssen schlicht und einfach konventionelle Kraftwerke oder auch die AKW's einspringen (auch die der Nachbarn) Wirtschaftliche Speichermöglichkeiten für überschüssigen Sonnen- und Windstrom gibt es auf absehbare Zeit in Deutschland nicht. Punkt.
2. Wer nach den AKW's auch noch die Kohlekraftwerke (und neue Gaskraftwerke will keiner bauen) abschalten will und glaubt, alleine mit sogenannten regenerativen Energien zurande zu kommen, fährt das Land gegen die Wand. Das hat mittlerweile sogar die Bundes-Netzagentur gemerkt, siehe den heute gleichzeitig auf Achgut.com erscheinenden Beitrag "Die Physik schlägt zurück und Schilda löffelt Licht aus Eimern". Ohne eine Stromversorgung, deren Grundlast zuverlässig gesichert ist, kann kein Industrieland existieren. Wer das glaubt, betreibt die „weltweit dümmste Energiepolitik", wie das Wallstreet-Journal Deutschlands Experiment am lebenden Objekt bezeichnete. Dagegen helfen auch keine Placebos. Die Spiegel-Autoren zählen sie dennoch unverdrossen auf: Von der Gebäudedämmung bis zur Digitalisierung, vom Elektroauto bis zur CO2-Steuer. Als Hit offerieren sie: "Dagegen hilft nur... so intelligent wie möglich zu steuern".
Wenn kein Saft da ist, hilft "so intelligent wie möglich steuern" aber leider gar nicht, ein Auto ohne Sprit steht, egal wie virtuos Sebastian Vettel am Lenkrad dreht. Sorry Jungs, mit keiner dieser Ideen bringt ihr bei einer Dunkelflaute auch nur ein Fließband (und auch nicht die Druckmaschine des Spiegel) in Gang. "Die Energiewende, Version 2.0, muss neu gedacht werden, viel breiter, universeller" gleiten die Kollegen wie auf einem fliegenden Teppich Richtung Bagdad über das Problem hinweg.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Mit "breiter und universeller Denken" fährt noch nicht einmal ein Elektrofahrrad. Aber da kann man ja wenigstens treten. Und das ist auch die Aussicht, die hier eröffnet wird. Deshalb soll die Politik "die Bürger mitnehmen" (auf dem Fahrrad?), denn "ohne einen gewissen Verzicht wird es nicht gehen".
In lupenreiner Populisten-Manier wird „Haltet den Dieb!“ gerufen
Aha, damit nähern wir uns dem Kern des neuen Denkens, das ganz das Alte ist. Es geht den Beteiligten weniger um die Rettung der Welt als die ihrer Weltanschauung. Schließlich sind nur so die in der Vergangenheit intonierten journalistischen Jubelarien zur Energiewende weiterhin förderlich für die Karriere. Es wird noch ein bisschen dauern, bis der Tag kommt, an dem man sie diskret aus der Publikationsliste entfernt, so, als handele es sich um Claas Relotius. “This is the way the world ends. Not with a bang but a whimper," formulierte einmal der Schriftsteller T.S. Elliot. Die Welt endet demnach "nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern". Und so ähnlich könnte es auch der Energiewende gehen. Der Abschied von der "fantastischen Idee" wird nicht rhetorisch, aber ziemlich sicher praktisch vollzogen werden. Und es wäre für uns alle besser, wenn kein Blackout die Dinge zusätzlich beschleunigen müsste.
In dem vorliegenden Spiegel-Psychogramm ist jedenfalls schon deutlich spürbar, wie sich viele sogenannte Experten und Profiteure des ökologisch-industriellen Komplexes langsam vom Acker machen. Wenn es schief geht (und es geht schief), will es keiner gewesen sein. Deshalb wird jetzt schon mal in lupenreiner Populisten-Manier "Haltet den Dieb!" gerufen: Die Politik war's, unfähige Manager oder Fachleute, "die nur Papiere produzieren, aber keine Strategie". Gerne zeigt man auch auf den "roten Milan" oder dummdreiste Naturschützer, die die "Gefährdung der Mopsfledermaus" durch Windräder anführten. Nicht zu vergessen ein hedonistisches und verwöhntes Volk, das nicht bereit ist, für das große Ganze zu sterben – pardon – zu verzichten.
Dabei hätte alles so schön werden können. Schließlich sei der Begriff der "Energiewende", so schreibt der Spiegel, "in den Wortschatz der Welt eingegangen", so wie "Götterdämmerung" oder "Kindergarten". Aber es hilft alles nix. In Sachen Energiewende ist jetzt Götterdämmerung im Kindergarten.
Von Dirk Maxeiner ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er) Portofrei zu beziehen hier.
Beitragsbild: Creative Commons CC0 Pixabay

Vorbildlich , die Stadt Monheim, laut Bericht der Rheinischen Post... Ab sofort teilen sich die städtischen Bediensteten und Monheims Bürger neun Renault Zoes und zwei neunsitzige Renault Master zur mobilen Nutzung.Die Fahrzeuge können ab sofort online gebucht und ausgeliehen werden. Vor allem tagsüber und werktags dienen sie teilweise auch als Dienstfahrzeuge, ansonsten stehen sie vor allem der Bürgerschaft rund um die Uhr zur Nutzung zur Verfügung. Die neun Zoes werden elektrisch betrieben. In Monheim werden sie mit „““ 100 Prozent Ökostrom „““ der Mega betankt.
Erfolgreiches Framing funktioniert am besten, wenn dafür die Grundlagen gelegt wurden. Wenn eine Idee absehbar scheitert, dann müssen diejenigen, die dafür verantwortlich gemacht werden sollen, schon möglichst früh feststehen. Dazu müssen sozusagen journalistisch die Denkansätze angebahnt und durch Wiederholung populär gemacht werden. Das gilt für alle Problemfelder: So ist auch zu erwarten, dass die multikulturelle Bereicherung der Nation Deutschland in einem Absturz der industriellen Leistungsfähigkeit endet. Und darauf kann es nach Lesart der linken Presse nur einen einzige Antwort geben: wenn das passiert, sind die Rechten daran schuld. Was man im Spiegel lesen kann, ist also nur eine Vorstufe: Denn alles, was in Deutschland rückschrittlich ist, bürokratisch, kleingeistig, provinziell und so weiter, ist ja auch irgendwie rechts. Irgendwann kommt man dann damit um die Ecke, dass letztendlich an den immer zahlreicheren Stromsperren (und die werden wir bekommen) die AfD schuld ist. So wie die Juden im Dritten Reich „an Deutschlands Unglück schuld“ waren. Jedenfalls in offizieller Lesart der Medien. Und in der DDR die „feindlich negativen Elemente“ im eigenen Lande und die „Bonner Ultras in der BRD“ natürlich. Der Klassenfeind heißt heute AfD. Der Spiegel arbeitet in bekannter Manier schon mal auf diese Schuldzuweisung hin.
Fit halten , außerhalb von Geschäftszeiten „am Abend „ Noch jung genug, passte es gerade kein neues Auto mehr anzuschaffen . Kann meine Besorgungen innerhalb einer 5km Zone, leicht zu Fuß oder per Fahrrad machen. Nach anderthalb Jahren Probierzeit steige ich wieder um auf „AUTO“ !! Fahrrad und Fußgänger ? Beides, zu gefährlich ! !
Die "weltweit dümmste Energiepolitik" hat in meinem Stadtteil Hamburg-Ohlsdorf in der Nacht zum 3. Mai erbarmungslos zugeschlagen. Von einer Sekunde zur anderen Blackout. Ein schreckliches Déjà-vu für mich, die ich noch die Schrecken der Nachkriegszeit mit ihren ständigen Stromsperren hautnah erleben durfte. Gottlob dauerte dieses "Experiment" nur etwa 90 Minuten. Dann blinkte der Radiowecker wieder auf, und der Kühlschrank summte erneut vor sich hin. Kann es sein, dass man uns schon einmal häppchenweise an das neue System des Wackelstroms gewöhnen will? Mich würde in diesem total aus dem Ruder gelaufenen Land - einer veritablen Bananenrepublik - nichts mehr wundern. Wenn wir dann auf dem von Herrn Morgenthau vor gefühlten Äonen verordneten Kartoffelacker angelangt sind, zünden wir abends wieder Fackeln an. Denn wer benötigt dann noch eine Energieversorgung? Welch schauriger Gedanke. Wäre ich jünger, ich würde mich sofort vom Acker machen, bevor ich ihn mit primitivsten Mitteln bestellen soll.
@ Andreas Rühl / 05.05.2019 Auch der Geschlechtverkehr wird in den Fokus geraten. Man kann sich dabei sogar auf Martin Luther berufen: In der Woche zwier (zwei), schadet weder dir noch ihr und machts Jahr hundertvier. Man muß nur darauf kommen - ich meine das Zitat !
Die Idee, Smart Grid ist leider nicht zu Ende gedacht. Der Aufwand für die Steuerung von n Verbrauchern braucht n*n-1 Kommunikationsbeziehungen und die brauchen auch Energie! Zusätzlich schlägt bei zufälligen Anforderungen und das ist der Großteil der Energieverbräuche die Markovsche Verteilung unbarmherzig zu, d.h. man braucht ein gesichertes Überangebot. Das Gegenteil ist Planwirtschaft, aber leider ist unsere Welt nicht planbar...
Man staunt doch immer wieder, dass es offensichtlich doch noch genügend Leser des Spiegel gibt, die auch ganz offensichtlich alles glauben, was da an erstaunlichen, offensichtlich von keinerlei Sachkenntnis oder Fakten getrübten Informationen veröffentlicht wird. Man darf bezweifeln, ob ein echter Blackout, den wir uns alle kaum wünschen dürften, diese ideologisch verblendeten Gutmenschen wirklich zum Umdenken bringen würde.