Dirk Maxeiner / 11.03.2018 / 06:22 / Foto: Pixabay / 26 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Dieselstudie als vorzeitiger Todesfall

Vorgestern meldete das Bundes-Umweltministerium 6.000 Tote pro Jahr durch Dieselabgase, gestern waren die dann wieder lebendig: „Kein einziger Diesel-Toter wirklich nachweisbar“, titelte Bild. Die Auferstehung der Sechstausend wird wohl ins Guinnessbuch der Rekorde eingehen. Christus brauchte nach seiner Kreuzigung immerhin drei Tage für diese Übung. Das wirft beim Laien (und auch beim Fachmann) die Frage auf, wem man bei aller christlichen Güte eigentlich noch trauen kann. Deshalb hier ein kleines Kompendium zu den Fragen: Wo werde ich wie beschissen und warum?

Die gute Nachricht zuerst: Man kommt mit dem Laienverstand in der Beurteilung von sogenannten „Studien“ oft recht gut zurecht. Vorausgesetzt, man lässt sich nicht ins Bockshorn jagen. Also keine Angst vor Professoren. Schon beim ersten Nachfragen stellt sich mitunter heraus, dass sie zwar Professor sind, aber leider auf einem anderen Fachgebiet. Die Tatsache, dass eine Untersuchung von einem Institut gemacht wurde, bedeutet ebenfalls nicht viel. Auch ein Massagesalon darf sich Institut nennen. Viele Institute führen die Bezeichnung „GmbH“ im Namen. Das heißt „Gesellschaft mit beschränkter Haftung" und ist auch so gemeint. Und was den wissenschaftlichen Jargon anbetrifft, so handelt es sich in der Regel um schlechtes Deutsch und verschrobene Grammatik, beides kein automatischer Ausweis hoher Kompetenz. Scharlatane haben sich zu allen Zeiten hinter Wort-Ungetümen versteckt. Das soll den normalen Menschenverstand auf Distanz halten.

Im aktuellen Streit spielt beispielsweise der schöne Terminus „vorzeitige Todesfälle“ eine große Rolle. Wenn ich morgen beim Reinigen der Dachrinne von der Leiter falle, dann bin ich ein vorzeitiger Todesfall. Es gibt in Deutschland pro Jahr etwa 10.000 solcher vorzeitiger Todesfälle und da sind die rund 3.000 Verkehrstoten noch gar nicht mitgezählt. Das ist gewissermaßen der vorzeitige Tod erster Klasse, es gibt aber noch einen vorzeitigen Tod zweiter Klasse. Dabei handelt es sich nicht um tatsächliche Tote, sondern um hypothetische Tote. Die sind die allzeitbereiten Zombies der Alarmbranche. Und diese seltsamen Wesen errechnet die vom Umweltbundesamt und vom Umweltministerium verbreitete Studie „Quantifizierung von umweltbedingten Krankheitslasten aufgrund der Stickstoffdioxid-Exposition in Deutschland“.

Ein Viertel mehr Chianti und ich sterbe just in time

Aufgrund von Statistiken, auf die ich noch zurückkomme, geht man davon aus, dass Menschen, besonders wenn sie gesundheitlich geschwächt sind, noch früher sterben, wenn sie zu lange an einem Dieselauspuff schnuppern. Das interessiert mich natürlich brennend, schließlich sagt mein Arzt immer, ich soll endlich den Alkoholkonsum einstellen, damit ich nicht frühzeitig ablebe. Nun macht so ein Gläschen am Abend deutlich mehr Spaß als ein Spaziergang in der Stuttgarter Innenstadt. Wenn ich also nicht mehr spazieren gehe, darf ich jeden Abend ein Viertel mehr Chianti zu mir nehmen und sterbe just in time, na das ist doch mal eine gute Nachricht.

Was mich aber ein bisschen stört, ist die Tatsache, dass sie mir nicht sagen können, ob mein vorzeitiges Ableben nun mit 70, 80 oder 90 Jahren stattfinden wird. Vor allem kann mir diese hochmögende wissenschaftliche Ausarbeitung noch nicht einmal sagen, um wieviel der Selbstzünder mein irdisches Dasein konkret verkürzen wird: Um 30 Sekunden, drei Tage oder drei Jahre? Und was ist eigentlich mit dem vorzeitig-vorzeitigen Ableben? Falle ich wegen der Diesel-Emissionen 30 Sekunden früher von der Leiter? Über 30 Sekunden würde ich in jedem Fall mit mir reden lassen.

Einen Anhaltspunkt liefert die Angabe, die Deutschen hätten in einem Jahr rund 50.000 Lebensjahre verloren. Wenn 6.000 vorzeitige Dieseltote in ein einem Jahr 50 000 Lebensjahre verlieren, sinkt dann meine Lebenserwartung als Diesel-Opfer in einem Jahr um 8 bis 9 Jahre? Es kann sich dabei nur um höhere Mathematik handeln, möglicherweise haben die Forscher aber auch so eine Art umgekehrtes Raum-Zeit-Kontinuum entdeckt. Ich bin also womöglich schon vor einem Jahrzehnt vorzeitig am Dieselqualm gestorben aber habe es noch nicht gemerkt.  Was mich tröstlich stimmt: Es leben inzwischen vermutlich mehr Menschen von Dieselstudien, als daran sterben, alleine das Umwelt-Bundesamt in Dessau hat 1.600 Mitarbeiter. 

Ein treffliches Kriterium zur Beurteilung von Studien ist auch der Zeitpunkt ihres Erscheinens. Fällt die Veröffentlichung in auffälliger Weise mit politischen Ereignissen zusammen, liegt der Gedanke auf der Hand, dass es dabei nicht um bloßen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn geht. Im vorliegenden Fall fällt ein ideologischer Streit um den Diesel mit dem Abdanken der bisherigen Umweltministerin zusammen. Verständlich, dass Barbara Hendricks und die ihr verbundene Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes, nochmal zeigen wollen, wo der Hammer hängt. Da ist so eine Studie ein wunderbares Abschiedsgeschenk, man gönnt sich ja sonst nichts.

Svenja Schulzes Kügelchen

Barbara Hendricks legte in ihrer vierjährigen Amtszeit grundsätzlich nur Studien vor, die ihren politischen Zielen dienten. Und wenn sie das einmal nicht taten, dann wurden sie einfach umgedeutet. Dieser Tradition wird das Bundes-Umweltministerium auch weiterhin verpflichtet bleiben. Die neue, Svenja Schulze, hat sich im Zuge der Fukushima-Panikmache als NRW Landesministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung einen Namen gemacht. Ihr Meisterstück: Sie erklärte 2.285 Brennelementekugeln aus dem Zwischenlager am Forschungszentrum Jülich für fahrlässig abhanden gekommen. Einziger Schönheitsfehler: Die Kügelchen waren nie weg.

Kügelchen tauchen wieder auf und Tote kommen abhanden, was will man machen. „Forschung kostet Opfer“, sagte immer mein alter Physiklehrer. Und mein alter Mathematiklehrer vertrat zu meinem Leidwesen die Ansicht: Wer am Anfang einen logischen Fehler macht, kann danach noch so richtig rechnen, das Ergebnis ist trotzdem falsch. Wenn man sich die Annahmen der UBA-Studie zu den krankmachenden Stickoxiden zu eigen macht und sie dann auf Raucher überträgt, dann kommt in der Tat ein alarmierendes Ergebnis heraus: Raucher müssten spätestens nach ein bis zwei Monaten tot umfallen. „Das passiert aber nicht,“ sagt Professor Dieter Köhler, ein renommierter Lungenexperte, der von 2002 bis 2007 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie war und diese Rechnung hier aufmacht. Welch ein Glück, dass es in diesem Land noch ein paar renitente Pensionäre gibt.

Nun sollte man nicht davon ausgehen, dass das Umweltbundesamt für seine Studie tatsächlich geforscht hat. Das tun die nicht. Sie lassen forschen. In diesem Fall das Helmholtz Zentrum München GmbH, ich ahnte es. Aber auch die haben nicht geforscht. Die haben nur gelesen, das heißt, sie haben sich eine Menge anderer Studien zum Thema aus aller Welt angeschaut. Und dann haben sie – jetzt mal grob vereinfachend gesprochen – ein arithmetisches Mittel aus den vorhandenen Studien berechnet und auf das errechnete arithmetische Mittel der Verhältnisse in Deutschland übertragen. Ein Fehler oder ein logischer Kurzschluss in den Ausgangsstudien pflanzt sich dadurch fort. Aus einfachem Schwachsinn wird bei diesem Verfahren Schwachsinn hoch zwei. Der oben erwähnte Dieter Köhler vergleicht das Vorgehen mit dem Hexenhammer: „Darin wird ernsthaft erklärt: Wie und mit welchen Experimenten erkennt man eine Hexe. Aber die Grundfrage wird überhaupt nicht mehr gestellt: Gibt es überhaupt Hexen?“

Milch erzeugt Nazis

Einen kausaler Zusammenhang zwischen Stickstoffdioxid und den angeführten Erkrankungen gibt es nach wie vor nicht. Das UBA hat sich um diese Frage auch überhaupt nicht geschert. Es ließ ausschließlich epidemologische Studien vergleichen. Im Gegensatz zu toxikologischen Studien werden dabei Personen nicht gezielt Stickoxiden ausgesetzt, sondern es werden rein statistisch Personen mit einer hohen Stickoxid-Belastung mit solchen verglichen, die einer niedrigeren Belastung ausgesetzt sind. Also beispielsweise Menschen, die an vielbefahrenen Straßen wohnen, mit jenen,  die in einem Luftkurort beheimatet sind. Und es wird dann geschaut, ob es Unterschiede in der Lebenserwartung gibt. Nur ist ein statistischer Zusammenhang wissenschaftlich kein Beweis für eine tatsächliche Ursache-Wirkung-Beziehung. Im Dritten Reich wurden beispielsweise Kleinkinder mit Milch aufgezogen. Und eine große Zahl von denen wurde zu begeisterten Nazis. Rein statistisch liegt also der Verdacht nahe, dass Milch Nazis erzeugt und sofort vom Verfassungschutz beobachtet werden muss.  

Das Problem an den beiden Gruppen, die in der UBA-Studie verglichen werden ist, dass man sie nicht vergleichen kann. Man kann beispielsweise davon ausgehen, dass an vielbefahrenen Straßen mit entsprechend niedrigeren Mieten eher weniger wohlhabende Menschen wohnen, während sich im Luftkurort die High-Society drängt. Wer reich ist, lebt im Schnitt länger, man achtet in diesen Kreisen mehr auf die Gesundheit und kann sich die beste medizinische Versorgung leisten. Plötzlich liegt die höhere Lebenserwartung nicht am fehlenden Stickoxid, sondern an der reichlich vorhandenen Kohle. Vice versa. Trennen lassen sich die verschiedenen Einflüsse leider nicht. Und schon ist das ganze Studien-Konstrukt reif für die Tonne.

Das soll jetzt nicht heißen, dass solche Studien grundsätzlich Humbug sind. Sie müssen allerdings sorgfältig durchgeführt werden. Und sie sollten nicht zur Bestätigung einer bereits vorgefassten Meinung angefertigt werden, ganz im Gegenteil. Beides scheint mir bei der UBA-Studie ein wenig vernachlässigt worden zu sein. Man muss wirklich nicht studiert haben, um zu erkennen, dass in der Diesel-Auseinandersetzung Wissenschaft und Voodoo verdammt eng aneinander bauen. Der Laie sollte deshalb nicht verzagen und munter die einfachen Fragen stellen. Und sich dabei mit dem weltberühmten Biochemiker Erwin Chargaff trösten, der ausdrücklich ein „Lob des Laien“ verfasste. Schließlich sei, so meint er, „in einer zunehmend verfachlichten Welt jedermann ein Laie, wenn manchmal auch nur zu 98 Prozent“. Chargaff brillierte im übrigen mit der zwingenden Logik: „Fachmann ist man meist nur wenige Jahre. Laie aber das ganze Leben lang“. Sofern man nicht vorzeitig abgelebt worden ist.

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Bernd Ufen / 11.03.2018

Es ist immer schlecht, wenn man wie das UBA offensichtlich den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität nicht kennt. Eine Korrelation kann auf eine Kausalität hinweisen, muss es aber nicht. Aber es ist ja so herrlich einfach, die Verbindung herzustellen und viele glauben es. Wenn diese Studien auch noch vom Helmholtz Zentrum kommen, müssten bei jedem Leser alle Alarmglocken läuten, denn diese Organisation ist wie die Bertelsmann Stiftung bekannt für ihre merkwürdigerweise immer einseitigen Erkenntnisse.

Frank Volkmar / 11.03.2018

Interessant wäre es gewesen, wenn zu dieser “Bewertung” der gesundheitlichen Folgen von Stickoxydbelastungen durch das Bundesumweltministerium eine Stellungnahme des BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) erfolgt wäre ! Immerhin bewertet dieses Institut mit insgesamt 750 Mitarbeitern doch Stoffe bezüglich ihrer Relevanz für die Gesundheit der Bürger. Im Falle von Glyphosat hat dies zwar nicht so funktioniert (wie gewünscht), wäre aber doch hilfreich gewesen, um vielleicht zumindest zu entscheiden, ob man künftig mehr Wert legt auf wissenschaftliche Analyse oder blanken, hysterischen Populismus. Dann sollte man wenigstens so ehrlich sein und dieses BfR auflösen !

Christistian Gapp / 11.03.2018

Da hat der Autor leider Unrecht: „Man kommt mit dem Laienverstand in der Beurteilung von sogenannten „Studien“ oft recht gut zurecht.“ Er belegt nur deutlich, wie wenig er von Epidemiologie versteht. Er juxt herum, was die 50.000 Jahre denn für ihn individuell bedeuteten. Solche Einwände wurden schon vor zweihundert Jahren erhoben, als erste Berechnungen von Lebenserwartungen angestellt wurden. Die kritisierte Studie folgt epidemiologischer Praxis. Solche Studien können meist keine Aussagen über Kausalketten machen. Das liegt aber in der Natur der Sache. Beispielsweise erkannte J. Snow beim Choleraausbruch in London durch Vergleiche mit nicht betroffenen Stadteilen, dass Erkrankte alle denselben Wasserspender nutzten. Der wurde dann geschlossen. Bis zur Entdeckung des Bakteriums war es aber noch ein langer Weg. Durch Studien werden die Gesundheitseffekte einer Exposition abgeschätzt. Sterben in einer exponierten Population mehr Menschen, als in einer nicht exponierten, so ist das relative Risiko größer als Eins. So wurden die Risiken von Feinstaub, NO2, etc. abgeschätzt. Der Verlust an Lebensjahren lässt sich dann relativ einfach berechnen. Man nimmt die Sterbeverteilung und verringert die Mortalität mit Hilfe des (inversen) relativen Risikos umso die Größe der Population abzuschätzen, die nicht exponiert wäre. Die Differenz ergibt dann den Verlust an Lebensjahren. (=> Sterbetafeln). Natürlich sollten die relativen Risiken nur für Bereiche verwendet werden, für die es auch Daten in den Studien gibt. Tut man das nicht, so wie der Pneumologe im zitierten Welt-Artikel, kommen selbstverständlich unsinnige Werte heraus. Übrigens sind die Gesundheitseffekt wohl deutlich größer. Betrachtet wurde ja nur der Hintergrund, also die überall vorhandene Verschmutzung, der jeder ausgesetzt ist. Um den zu Messen gibt es in den Städten sogar extra Messstationen, die nicht an Hotspots stehen.

Peter Neumeyer / 11.03.2018

Herr Maxeiner, es mach sehr viel Spaß Ihre mit humoristischen scharfsinnigen Spitzen versehenen Texte zu lesen! Eine wichtige Lehre aus diesem Text, ist die Infragestellung nicht nur von sogenannten Experten, die sich über ein ihnen fremdes Fachgebiet äußern, sondern auch die Infragestellung von Experten, die sich über ihr Fachgebiet äußern. Das allerdings stellt für den deutschen autoritätsgläubigen Michel eine solch große Schwierigkeit dar, die zu seinem vorzeitigen Ableben führen kann.

Heinrich Niklaus / 11.03.2018

Ob die Bundesregierung überhaupt noch begreift, wie sehr ihr Renommee leidet, wenn sie diesen ideologischen Bullshit auf die Bundesbürger herabprasseln lässt? Frau Krautzberger ist Soziologin. Diese Schwadroneure können bekanntlich ja alles erklären. Erfreulich ist, dass BILD sich nicht für diesen grün-linken Schwachsinn einspannen lässt. Aber dort weiß man vermutlich auch, dass man 15 Millionen Diesel-Fahrer nicht belügen darf, ohne dass die Auflagenzahl noch weiter absackt.

Dietmar Schmidt / 11.03.2018

Danke Herr Maxeiner, total köstlich geschrieben. Gruß D. Schmidt

Engelbert Gartner / 11.03.2018

Aus Wikipedia:  “Die Behörde hat rund 1500 Beschäftigte und Einrichtungen in Dessau-Roßlau, Berlin, Bad Elster und Langen”.  /  Das Schlimmste , für solchen Schwachsinn werden 1500 Mitarbeiter bezahlt.  Würde ich bei dieser Behörde arbeiten, müßte ich mich nur noch schämen !  Mit traurigen Grüßen E.Gartner

Michael Hofmann / 11.03.2018

Hallo Herr Maxeiner Und das Schlimme ist, wir müssen weiterhin mit den Schwachmaten leben. Sachentscheidungen werden getroffen ohne jeglichen Sachverstand. Armes Deutschland LG Michael Hofmann

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