Seit letzter Woche ist es amtlich: Nicht nur die AfD, sondern Hinz und Kunz sind Nazi. Das entsprechende Verfassungsschutz-Gutachten umfasst 1.108 Seiten, fast viermal so viel wie die Bedienungsanleitung eines VW-Golf. Die Verfasser verwechseln allerdings Gas und Bremse.
Etwa 8.000 Beschäftigte – Randgruppen mit eingerechnet – zählen die deutschen Verfassungsschutzämter. Die klandestin Herausgeforderten sind also nicht nur viele, sondern fühlen sich offenbar auch bemüßigt, einen gewissen Fleiß für sich zu reklamieren. Immerhin hat ihr jüngstes Gutachten 1.108 Seiten, also 0,13 Seiten pro Mitarbeiter. Die Beteiligten haben sich darin bemüht, der AfD nachzuweisen, dass sie „gesichert rechtsextrem“ sei. Dafür war eine mehrjährige Schaffensphase des Inlandsgeheimdienstes vonnöten.
Laut der Seite „Talent Rocket“ bedeutet die Formulierung „stets bemüht“ in einem Arbeitszeugnis „nichts anderes, als dass der Mitarbeiter zwar halbwegs motiviert war, aber nicht mit seinen Fähigkeiten überzeugen konnte“. Die Betriebsanleitung eines VW Golf umfasst 342 Seiten, auf denen es Volkswagen gelingt, die Funktion von Gas, Bremse, Schaltung, Lichthupe und Blinkerhebel für Interessierte eindeutig zu erklären. Die Autoren des Verfassungsschutzes brauchen 1.108 Seiten, um Interessierten zu erklären, dass sie im Kofferraum keine rauchenden Colts gefunden haben, diese aber gesichert irgendwo sein müssen.
Das gewichtige Werk wiegt normal ausgedruckt 5.540 Gramm, in etwa so viel wie elf Portionen Rinderhackfleisch bei Aldi oder Lidl, die zur Herstellung einer Sauce Bolognese gedacht sind – und es liest sich auch so. Wenn man nach Konkurrenz-Publikationen mit ebenfalls 1.108 Seiten sucht, stößt man auf den „Vinum Weinguide Deutschland“ und „Goldschmiedekunst im Grünen Gewölbe“, alle ebenfalls 1.108 Seiten stark, letzteres allerdings mit „3. Bänden im Schuber“.
Das neue Must-have für jeden Liebhaber
Auch der Verfassungsschutz könnte an der bibliophilen Ausstattung seines Werkes noch etwas feilen. Für Repräsentationszwecke wäre ein Leineneinband mit Prägeschrift sicherlich geeigneter. Die Benchmark sind hier eindeutig Konrad Kujaus Hitlertagebücher. 60 blaue Bände mit 2.000 Seiten, die dem „Stern“ immerhin zwischen 100.000 und 200.000 Mark wert waren – pro Band. In Sachen Marketing ist da also noch viel Luft nach oben, liebe Maulwürfe. Ein bisschen Klappern gehört schon zum Handwerk, leicht abgewandelt nach dem Vorbild des Vinum-Weinguide, würde euer Gemeinschaftswerk gleich fetziger klingen: „Internationale Stars, unkonventionelle Newcomer – der BfV-Rechtsextremenguide ist als Buch und App das neue Must-have für jeden Liebhaber!“
Andererseits mache ich mir ein bisschen Sorgen um die stets Bemühten. Ihre Antwort auf die Frage „Was ist gesichert rechtsextrem?“ lautet in einfacher Sprache: „Alle, die nicht bei drei auf den Bäumen sind“. Es kommt gar nicht darauf an, was einer sagt oder tut, sondern darauf, was er meint, wenn er etwas sagt. Oder was er tun könnte, wenn er etwas meint. Und das weiß er womöglich selbst nicht, dafür aber der Verfassungsschutz, der es allerdings geheimhält. Alle, die bis hierher den Überblick verloren haben, darf ich trösten: Der Verfassungsschutz hat ihn auch verloren. Aber sonst ist alles klar auf der Andrea Doria.
Um in den Kreis der gesichert rechtsextremen Talente und Newcomer aufgenommen zu werden, genügt einstweilen der Gebrauch von Worten wie „Einzelfall“, „Messermigration“,„Biodeutscher“ oder „Einheitspartei“, das Erwähnen von Namen wie „Bill Gates“ oder „George Soros“ sowie das Äußern von Wünschen wie „Alice für Deutschland“, um nur die Angebote zu nennen, die ich bislang für barrierefrei hielt.
„Mein Kampfpreis“
Appropos Angebote: Am vergangenen Donnerstag wurde die Fleischerei Barner in Halle zum Newcomer im Reich der Finsternis, als der 62-jährige Inhaber nach sorgfältiger Kalkulation ein Werbeschild vor die Tür stellte, auf dem geschrieben stand: „Schnitzel, Spiegelei, Bratkartoffeln, 1 Port. 8,88 Euro“. Das Problem mit dem lecker Stammgericht verrät die Bild-Zeitung: Die Zahl 88 werde „als getarnter Hitlergruß“ verwendet: „Der achte Buchstabe des Alphabets ist das H, die Abkürzung ‚HH‘ steht für ‚Heil Hitler‘“.
Sich von der Zahl verfolgt fühlende Passanten und die Lokalzeitung machten die gesichert rechtsextremen Schnitzel dann öffentlich, vielleicht finden sie ja in einer aktualisierten und überarbeiteten Neuauflage des BFV noch Berücksichtigung, das Niveau passt in jedem Fall zum Rest. Der Metzger fürchtet indes um seinen Ruf und ist wahrscheinlich froh, dass er nicht „mein Kampfpreis“ dazu geschrieben hat. Für den Verfassungschutz erhebt sich angesichts solcher gesichert rechtsextremer Carnivoren die Frage, wie man diese vor sich selbst schützen soll, wenn sie nicht einmal wissen, was sie mit einem Schnitzel für 8,88 Euro meinen.
Wichtig für Leser des Sonntagsfahrers: "Führerschein" darf man einstweilen noch sagen. Sogar Führer ohne Schein. So sprach Kanzleramtsminister Thorsten Frei von seinem Chef Friedrich Merz letzte Woche als einem "europäischen Führer". Der wiederum will die Bundeswehr „konventionell zur stärksten Armee Europas“ machen. Auch diese Bemerkung ist verfassungskonform, denn die größte unkonventionelle Armee Europas ist die Truppe ja schon heute.
Möglicherweise könnte die unübersichtliche Gefechtslage aber zu einem Paradigmenwechsel im Umgang mit den depperten Massen führen. Anstatt sich damit abzumühen, Millionen von gesichert Rechtsextremen mühsam zu identifizieren, wäre es doch viel zielführender, mit einer Positivliste zu arbeiten. Sprich: Der Verfassungsschutz markiert künftig nicht mehr die gesichert rechtsextremen Kreise, sondern lediglich die gesichert Nicht-Rechtsextremen, die dann ähnlich wie seinerzeit die Geimpften gewisse Privilegien genießen, etwa freien Ausgang an den Wochenenden, die Erlaubnis, ein motorisiertes Fahrzeug zu führen oder auch die Genehmigung, eine Auslandsreise antreten zu dürfen.
Die Linksextremen sind gesichert nicht rechtsextrem
Wer nicht auf dieser Liste steht, ist Nazi – zumindest bis er das Gegenteil seiner Schuld beweist; es gilt die Schuldvermutung, gemäß dem neudeutschen Rechtsprinzip in dubio contra reum. Man kann sich zwecks Förderung der beruflichen Laufbahn aber freiwillig für die Liste qualifizieren und einen Gesprächstermin an höherer Stelle vereinbaren. Entsprechende Belege, beispielsweise ein Abonnement der Süddeutschen Zeitung, Eintrittskarten für den evangelischen Kirchentag oder eine Spende an den FC St. Pauli, sind unaufgefordert vorzulegen.
Alternativ genügen auch drei staatlich approbierte Bürgen für das Nichtnazisein, etwa Gregor Gysi, Anetta Kahane und Heidi Reichinnek. Hilfreich sein könnte auch eine Empfehlung der CDU-Vizechefin Karin Prien, die bereits in eine solche Aufgabe hineinwächst. Frau Prien ist nämlich zu dem Schluss gekommen, man dürfe die Linke nicht mit der AfD gleichsetzen. Zwar stünden beide Parteien "im fundamentalen Gegensatz" zur Union, sagte Prien, aber sie unterschieden sich genauso fundamental. "Die AfD ist die Partei des Rechtsextremismus, sie ist eine Gefahr für unsere liberale Demokratie", das sei die Linke nicht. Hiermit schlage ich Frau Prien für Henryk Broders Mini-Serie „Bedeutende Denker und Denkerinnen des 21 Jahrhunderts“ vor, steht sie doch für die wegweisende Analyse: Die Linksextremen sind gesichert nicht rechtsextrem. Alles wird gut. Und bleiben Sie gesund.
Dirk Maxeiner ist einer der Herausgeber von Achgut.com. Von ihm ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Zu beziehen hier.

Frei nach Bertolt Brecht: Eines Deutschen Albtraum, im Verfassungsschutzbericht stehen, eines Deutschen Wunschtraum, den Verfassungsschutzbericht erstellen.