Dirk Maxeiner / 25.12.2016 / 06:15 / Foto: Tim Maxeiner / 1 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Der heimliche Trieb

Ich leide gemeinsam mit dem Hund meines Nachbarn unter präseniler Schlaflosigkeit, wir sind immer früh ausgeschlafen. Neulich morgens um sechs, beim aushilfsweise Gassi-Gehen, treffen wir auf einen Haufen Sperrmüll. Ganz unten ragt ein Speichenrad heraus. Ich erspähe es unter einem Bett, Stilepoche frühes Hertie, verschiedenen Lagen alter und leerer Weinflaschen, Lampen, Matratzen und einem Plattenspieler. Eine nähere Untersuchung ergibt Hinweise auf ein seltenes Stück. Es handelt sich um ein Klappfahrrad mit Hilfsmotor und Rollenantrieb, Marke Garelli, Modell Mosquito, Baujahr 1967, damals beim Versandhaus Neckermann für 299 Mark im Katalog bestellbar.

Das weiß ich so genau, weil ich ein solches Gefährt zur Konfirmation geschenkt bekam. Besser gesagt: Alle haben gesammelt, damit ich mir eines bestellen konnte. Ich war damals schon ziemlich groß und noch ziemlich dünn und sah sehr lustig auf diesem motorisierten Klappfahrrad aus. In der Kleinstadt, in der ich aufwuchs, kannte mich jeder und sie nannten mich "der rasende Strich".

Also so ein Erinnerungsstück kann man doch nicht einfach auf der Strasse liegen lassen. Beim Versuch das Mofa herauszuziehen, kommt eine benachbarte Schrankwand ins Rutschen und begräbt mich unter lautem Getöse. Der mir anvertraute Vierbeiner kläfft obendrauf wie ein Lawinenhund, er findet das neue Spiel klasse. Binnen kurzer Zeit gehen trotz der frühen Stunde sämtliche Fensterläden auf. Ich wusele mich aus dem Müll und tue so als sei nichts gewesen. (Ist doch ganz normal, dass man im Halbschlaf mal in eine Schrankwand läuft).

Mit Schrankwänden kenne ich mich aus

Mit Schrankwänden und alten Einrichtungegegenständen kenne ich mich ohnehin aus. Eine meiner liebsten Freizeit-Beschäftigungen ist ein Besuch im Augsburger Sozialkaufhaus. Das ist ein Projekt der Arbeitshilfe 2000 e.V., alle Erträge kommen zu 100 Prozent dem gemeinnützig ankerkannten Verein mit seinen Hilfeleistungen zugute. Da gibts Mutters alte Küche, 70er-Jahre Couches mit braunem Cord, Haushaltsgeräte, auf denen noch "Braun" draufsteht, Schlafzimmer, die ganze Familiengeschichten erzählen könnten. Aber auch Kleidung, Textilien, Bücher, einfach alles. Freundliche Menschen, von denen die meisten eine Krise in ihrem Leben zu meistern hatten, schmeißen den Laden – und zwar zack, zack.

Es ist eine Freude da zuzusehen und herum zu stöbern. Jedesmal schleppe ich etwas Nützliches, Schräges oder Nostalgisches nachhause. Das letzte mal eine gepolsterte Wäschetruhe mit riesig geblümtem Plastiküberzug und goldenen Beinen aus den 60er-Jahren. Die bekam von meiner Frau allerdings Hausverbot (ich lauere derzeit noch auf eine Gelegenheit es zu unterlaufen).

Das Sozialkaufhaus ist mein persönliches Fantasia-Land. Das Kunden-Spektrum reicht vom Hipster-Pärchen bis zur syrischen Großfamilie, vom Innenarchitekten bis zum Hilfsarbeiter. Wenn ich das so beobachte, dann kommt mir der Gedanke, dass hier nicht nur altes Zeug recycelt wird, sondern auch was Neues ensteht, nämlich gegenseitiger Respekt. Warum geht das bloß im kleinen so gut und im großen so schlecht?

Doch zurück zu meinem morgendlichen Encounter. Peinlich war die Sache da mitten im Sperrmüll ja längst, ich hab das Mofa deshalb trotz zahlloser finsterer Blicke mitgeschleppt. Zuhause habe ich meine Trophäe sorgsam zerlegt. Dann wurden in Italien Ersatzteile beschafft, Teile neu lackiert und verchromt, alles wieder zusammengebaut, neue Papiere beschafft. Kurzum: Das Mofa steht da wie ein Neues und ist inzwischen so teuer wie zwei Neue. Das mit dem Stehen ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn ich fahre natürlich nicht mit dem Mofa, dafür ist es doch viel zu schade.

Foto: Tim Maxeiner

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (1)
Hans Meier / 25.12.2016

Lieber Herr Maxeiner, sie müssen mit dem Mofa ab und an auch fahren, sonst wissen Sie garnicht, was zu reparieren und optimieren notwendig ist. Nur der regelmäßige Gebrauch steigert die “Erfahrung”, ganz gleich um was es sich handelt. Fröhliche Weihnachten und - die Sache mit den Henseln, die amüsiert mich mich immer noch, weil ich von Anfang an dachte, diese Greteln graben sich was und werden als Maulwürfe noch nach Würmern suchen müssen. MfG

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Dirk Maxeiner / 19.08.2018 / 06:05 / 27

Der Sonntagsfahrer: Der Umfrage-Unfall

Im Jahre 1957 wollte Ford besonders klug sein. Ein Heer von Marketingfachleuten hatte dem amerikanischen Volk aufs Maul geschaut und eine klaffende Lücke entdeckt. Es fehle…/ mehr

Dirk Maxeiner / 01.07.2018 / 06:09 / 23

Der Sonntagsfahrer: VW-Asyl im BER

Der Romancier John Steinbeck schrieb einmal: „Die Relativitätstheorie ist Einstein im Handumdrehen klar geworden. Das ist das größte Rätsel des menschlichen Geistes: der induktive Sprung. Alles…/ mehr

Dirk Maxeiner / 17.06.2018 / 06:12 / 9

Der Sonntagsfahrer: Fahren mit Fahne

Gestern morgen bin ich, wie immer am Samstag, zum Wertstoffhof gefahren. Da treffen sich die Restbestände des deutschen Bürgertums. Die zeichnen sich, nach meiner Erfahrung,…/ mehr

Dirk Maxeiner / 10.06.2018 / 06:25 / 9

Der Sonntagsfahrer: Haija Safari

Viele Menschen geben sehr viel Geld aus, um dem Tierleben näher zu kommen. Sie buchen eine Safari – von Afrika bis Sumatra. Dabei wird immer mal…/ mehr

Dirk Maxeiner / 01.04.2018 / 06:25 / 6

Der Sonntagsfahrer: Welches Auto fährt der Osterhase?

Welches Auto würde der Osterhase fahren? Zunächst einmal, da bin ich mir ganz sicher: Ein gelbes. Schließlich ist das Gelbe vom Ei gelb. Und nicht…/ mehr

Dirk Maxeiner / 18.03.2018 / 06:21 / 26

Der Sonntagsfahrer: Ohne Maulkorb

Eine Bahnfahrt in der vergangenen Woche hob meine Stimmung enorm. Das lag aber weder an der Bahn, noch an mir. Ich war schlecht gelaunt und…/ mehr

Dirk Maxeiner / 11.03.2018 / 06:22 / 26

Der Sonntagsfahrer: Dieselstudie als vorzeitiger Todesfall

Vorgestern meldete das Bundes-Umweltministerium 6.000 Tote pro Jahr durch Dieselabgase, gestern waren die dann wieder lebendig: „Kein einziger Diesel-Toter wirklich nachweisbar“, titelte Bild. Die Auferstehung…/ mehr

Dirk Maxeiner / 04.03.2018 / 06:15 / 22

Der Sonntagsfahrer: Trau Dich anders zu sein

In "Die Welt" vom 15. Februar 1978 erschien folgende Kleinanzeige: „Chauffeur, Absolvent der Rolls-Royce Chauffeur-Schule, London, sucht passende Stelle". Das war ich. Die Stellenanzeige war zwischen…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com