Die in Nordamerika wirkmächtige Ikonografie des „Convoy“ erlebt ein Revival in Kanada – fast so, als habe jemand in Hollywood sich ein Drehbuch dazu ausgedacht. Es geht um Schikanen gegen ungeimpfte Trucker.
Die Reiter der Apokalypse nähern sich in einer Staubwolke von Weitem dem Zuschauer. Immer wieder verschwimmt das Bild wegen der Luftspiegelungen, und das Teleobjektiv muss nachgeschärft werden. Diese typische Westernszenerie gehört zu den Klassikern des Genres und findet sich in diversen Filmen, beispielsweise in The Wild Horde.
Die Einstellung taucht aber auch in einem motorisierten Hollywood-Streifen auf. Diesmal reitet der Held, Kris Kristofferson, von ferne auf einer einsamen Wüstenstraße ins Kino ein – allerdings nicht auf einem Pferd, sondern einem Mack Truck RS 700. Das ist so ziemlich das stabilste alte Eisen, mit dem Mann Nordamerika durchqueren kann, wahlweise mit 30 Tonnen Tomaten, einer Ladung Viehfutter oder 30.000 Liter Sprit im Rücken. Und vorne ist ein Bullbar drangeschraubt, mit dem sich mühelos ein Einfamilienhaus verrücken lässt. Der Luftwiderstand einer solchen Fuhre entspricht in etwa dem Brandenburger Tor und der Durst einer Elefantenherde, die seit einer Woche kein Wasserloch mehr gesehen hat.
Das Roadmovie „Convoy“ gilt als leicht klamaukhaftes und gleichzeitig verzweifeltes Plädoyer für die bedrohten amerikanischen Ideale Freiheit und Unabhängigkeit. Mit jugendlichen 25 Jahren ließ ich mir den Titel „Konvoi" sogar mal für ein Zeitschriftenprojekt schützen, das Möchtegern-Trucker als Zielgruppe auserkoren hatte, dem aber leider der Treibstoff ausging, woraufhin es am Rande der Fahrbahn still verendete. Der Berufsstand war damit wieder auf Weiterbildung durch herkömmliche Pornos zurückgeworfen. Den Layout-Dummie bewahre ich sorgfältig als Zeugnis vergangenen Scheiterns auf, allerdings relativ weit unten in der Schublade.
Auch die Handlung des Hollywood-Streifens mirt Kris Kristofferson ist eher schlicht: Die Trucker und ihr Anführer „Rubber Duck“ geraten mit der schikanösen Highway-Polizei aneinander, was in einer zünftigen Kneipenschlägerei mündet. Um den Häschern zu entkommen, schließen sie sich zusammen, um über die Staatsgrenze zu flüchten. Die halbe Nation fiebert bald mit dem Convoy.
Er wird zu einem politischen Statement und unterwegs gibt es allerhand Kleinholz. Gewalt ist kein Thema, sondern integraler Bestandteil einer besonderen Art von Humor. Sehr gut gefällt mir die Szene, in der sich eine Armada von schweren Trucks vor der Höhle des Sheriffs aufstellt. Die Motoren heulen auf, und aus den Auspuffrohren, die wie Schornsteine in den Himmel ragen, wird bedrohlich schwarzer Rauch ausgestoßen. So, als ob schlecht gelaunte Drachen ihren heißen Atem gen Himmel schicken. Und dann machen die Trucker die Hütte der Staatsmacht so platt wie einen leichtsinnigen Frosch auf der Insterstate 10. Immer, wenn ich den 27. Strafzettel der Berliner Parkraumbewirtschaftung unter dem Scheibenwischer finde, muss ich an diese Filmepisode denken. Dann geht es mir gleich besser.
Im Handumdrehen sieben Millionen Dollar Spenden
Nun erlebt die besonders in Nordamerika wirkmächtige Ikonografie des „Convoy“ ein Revival in Kanada – fast so, als habe jemand in Hollywood sich ein Drehbuch dazu ausgedacht. Die Regierung von Justin Trudeau übernimmt darin die Rolle des bösen Sheriffs, der die guten kanadischen Trucker schikaniert. Ungeimpfte Fahrer, die mit einem Transport aus USA heimkommen, sollen seit neuestem 14 Tage in Quarantäne schmoren. Dazu muss man wissen, dass es sich häufig um selbstständige Kleinunternehmer handelt, deren einziger Besitz ihr Mack- oder Kenworth-Truck ist. Nach 14 Tagen ohne Fuhre ist ihr Konto so leer wie die Mitte von Saskatchewan, und sie können die Raten für den Lastwagen nicht mehr bezahlen. Justin Trudeau hat schlicht ihre Pleite verfügt, was die Betroffenen dann doch ein wenig übelnehmen.
Also packten sie ein paar Unterhosen und ein frisches Hemd ein und machten sich aus dem ganzen Land über tausende von Meilen nach Ottawa auf, um dort beim Parlament mal freundlich anzuklopfen. Der Ausflug heißt „Freedom Convoy“. Da würde ich gerne mitfahren und mit dem Kälberstrick, der vom Kabinendach herunterhängt, die Hupe bedienen, die es mit dem Nebelhorn der USS Iowa aufnehmen kann.
Was den Deutschen ihr „Spaziergang“, den Franzosen ihr „Danser Encore“, das ist den Kanadiern seit letzter Woche ihr Freedom Convoy. Die Bilder und die Fantasien, die dabei in den Köpfen entstehen, macht Kinder froh und Erwachsene ebenso. Der Freedom Convoy hat ganz offensichtlich einen Nerv getroffen. Er ist längst mehr als ein Aufbegehren von Truckern, nämlich Kondensationskern einer breiten Bewegung und politisches Symbol. Da treffen sich plötzlich Menschen aller Couleur an der Straßenkreuzung und Rasthöfen, reden miteinander und entdecken ihre Gemeinsamkeiten. Sie tauschen Anekdoten über die Diskrepanz aus, die zwischen ihren Erfahrungen und der Berichterstattung in den großen Medien besteht. Das erwischt die herrschende Klasse wie ein Gewitter auf freiem Feld und sie suchen verzweifelt nach einem Blitzableiter.
Die Herrschaften müssen aber erschreckt erkennen: Die Anderen haben gerade das bessere Narrativ (um den neudeutschen Begriff für „Erzählung" zu bemühen). Auf dem Weg von Vancouver an der Westküste nach Ottawa an der Ostküste (Videos siehe hier) kamen unterwegs mehr und mehr Trucks hinzu, an den Kreuzungen im Niemandsland versammelten sich zahlreiche Landsleute mit den Landesfahnen, um den Truckern zuzujubeln, sangen die Nationalhymne und verteilten sogar Fresspakete. Auf Facebook formierten sich 300.000 Sympathisanten, auf Telegram 40.000. Als prominentester Freund der Aufständischen twitterte Milliardär Elon Musk: „Truckers rule Canada“. Die Organisatoren sammelten im Handumdrehen sieben Millionen kanadische Dollar als Spendengelder ein.
Gestern trafen die Konvois – insgesamt etwa 40 Meilen Stahl und Blech – nach tausenden von Kilometern in Ottawa ein. Aus Osten, Westen und Süden. Die Geräuschkulisse vor dem Parlament und in der Innenstadt entsprach der beim Schiffshornkonzert am Hamburger Hafengeburtstag.
Als Parlaments-Poeten nur bedingt einsatzfähig
Die Regierung Trudeau reagiert, wie Regierungen das überall auf der Welt tun, wenn das Volk vorlaut wird und sie Angst haben, das oppositionelle Virus könne sich ausbreiten: Sie reden den Protest klein und diskreditieren ihn. Justin Trudeau, dessen Reputation sich ohnehin unterhalb des Meeresspiegels befindet, bezeichnete die protestierenden Trucker als „kleine Randgruppe", die „inakzeptable Ansichten" habe. Ich kann diese Vorwürfe nicht überprüfen, aber die Mediengülle, die ausgegossen wurde, gehört auch hierzulande zur gewohnten amtlichen Rezeptur: Es seien antisemitische, islamophobe und rassistische Kräfte am Werk, die von finsteren Gesellen im Ausland unterstützt würden. Befragte Sympathisanten hätten gar einen „Sturz der Regierung“ gefordert.
Das führt nun doch zu der grundsätzlichen Frage, die sich ja auch hierzulande aufdrängt: Ja, was sollen sie denn sonst fordern? Was machst du, wenn deine Regierung dich nach Gutdünken schikaniert, dein Geschäft schließt, deine Existenzgrundlage vernichtet oder ein Berufsverbot über dich verhängt? Glauben die verantwortlichen Schlafwandler, dafür gibt’s Applaus? Zugegeben: Optisch entsprechen die Trucker nicht dem Ideal des veganen Metropolen-Hipsters, rhetorisch sind sie möglicherweise etwas minderbegabt und als Parlaments-Poeten nur bedingt einsatzfähig. Deshalb kann man nur mit dem Kopf schütteln wie diejenigen, die den ganzen Schlamassel angerichtet haben, sofort anfangen zu weinen, wenn sie etwas rustikaler angesprochen werden.
In Ottawa ziehen sie deshalb die Zugbrücken hoch, und man könnte aus ihren Reaktionen den Eindruck gewinnen, der Freedom-Convoy sei so etwas wie der russische Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze. Ministerpräsident Trudeau und seine Familie wurden an einen geheimen Ort gebracht. Jedoch: Bis gestern Abend unserer Ortszeit bestanden die Regelverstöße des Freedom Convoy höchstens aus Barbecues auf dem Bürgersteig. Je nachdem, wie sich die Sache weiterentwickelt, wird es aber bald an Steaks mangeln. Der Impfstreit sei nur Teil eines „perfekten Sturms" sagen Logistik-Experten, es gebe ohnehin schon zu wenig Truckfahrer, um die Regale der kanadischen Supermärkte zuverlässig zu füllen.
Von Dirk Maxeiner ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Portofrei zu beziehen hier.

Bitte meine vorherige Zuschrift hier in voller Länge veröffentlichen. Da fehlt die Hälfte! Danke. (Anm. d. Red.: Ihr Kommentar enthielt leider keinen weiteren Text.)
90 % der Trucker sind geimpft, habe ich gehört, trotzdem halten die fast Alle zusammen…Aber auch hier plant man Ähnliches, Brüssel hat eingeladen…
Diese Courage ist wohl sehr ansteckend…
Eine Minderheitsregierung sollte Minderheiten vielleicht besser ernst nehmen. Und die deutsche Hampel-Regierung könnte 105 Helme für den Senat schicken. Sollte zum Schutz vor herumfliegenden T-Bone Steaks reichen.
Moderne Staat kann alles machen wer der Führer es will. Als in UK die Lkw Fahrer soweit Transport blockiert haben was sehr effektiv das ganze Land am Rand der Apokalypse trieb, hat die Regierung in null Koma null die Armee geschickt. Die Frage ist aber ob der Staat es will. Ob Trudeau unpopulär ist das weiß ich nicht. Seine Partei hat nicht lange her wieder gewonnen.
Ich denke da muss man aushalten und den Arsch zwingen mit den Trucker zu sprechen sonst wird es nichts. Wenn er nachgibt dann ist es vorbei auch politisch für ihn was erklärt warum er sich versteckt hat.
Pfui, das geht doch gar nicht. „Die schaden doch mit den LKWs massiv dem Klima“, warum nicht Protest mit dem Lastenfahrrad, ökologisch einwandfrei? Ricarda ist bereits an ihrem Tag massiv empört und fordert Berufsverbote für LKW Fahrer. „Rubber Duck“ zittert bereits und steig um aufs Bike.
Lieber Herr Maxeiner, Corona ist der kollektive Alptraum, der die neue Staatsräson des Kiffens offenbart. Was früher aufdringlich und panisch war, heißt heute solidarisch.
Sehr geehrter Herr Maxeiner. Alles richtig, bis auf die Holzkohle. Der gemeine Canadian ist bequem und nutzt zu 90% Propangas fürs bbq. Ich war gestern morgens am Parlament bei minus 20 Grad. War wirklich frisch, trotzdem waren früh um zehn schon sehr viele Menschen da. Die Polizei und Stadtverwaltung hatten leider die Stadt recht wirkungsvoll abgesperrt für die großen Trucks und nur eine begrenzte Anzahl auf der Wellington Street direkt vorm Parlament parken lassen. Der Beste, gerade gegenüber vom Freedom-Tower, ein Kenwood, trug die Aufschrift ,, F