Im Jahre 1970 war allerhand los auf der Welt. Die USA wird von Protesten gegen den Vietnamkrieg erschüttert, Willy Brand trifft Erich Honecker. Baader, Meinhof & Co gründen die rote Armee-Fraktion. An den Universitäten kursiert der Slogan „Unter den Talaren - der Muff von tausend Jahren“. Die Erfindung der Anti-Baby-Pille und die Flower Power-Bewegung beförderten unter Studenten und - alsbald auch anderswo - die Idee der freien Liebe. Die Kerle verstanden die Sache allerdings etwas einseitig. Allen voran die Platzhirsche der linken Weltbefreiung, die sich als Machos erster Güte entpuppten. Zentralorgane der Bewegung wie die Magazine „Konkret“, „Pardon“ oder die „St.Pauli-Nachrichten“ erfanden das Genre des Politpornos und feierten nackte Tatsachen als Befreiung von bürgerlichen Konventionen.
Das Bürgertum ließ sich ruckzuck überzeugen: Die britische Boulevardzeitung „The Sun“ erfand die Institution des unbekleideten „Seite-Drei-Girls“. Die Auflage des Boulevard-Blattes stieg in kürzester Zeit um vierzig Prozent. (Die Bild-Zeitung zog alsbald nach und platzierte das Mädchen auf Seite 1, wenn schon, denn schon, vor 5 Jahren musste das Seite 1-Girl aber aus Gründen der Political Correctness wieder weichen).
1972 kam - ebenfalls im Bauer-Verlag der deutsche „Playboy“ an den Kiosk, der massenhaften Anklang fand. Einige Jahre später gab es dann die Quittung: Alice Schwarzer und die Ihren schlugen mit der Zeitschrift „EMMA“ zurück. Das Flagschiff der Emanzipation verklagte unter anderem den „Stern“ wegen seiner „sexistischen, Frauen erniedrigenden Titelbilder“. Ich war damals Redakteur beim Stern und erinnere mich, dass der alte Nannen hocherfreut über diesen auflagensteigernden Prozess war. Als Antwort ließ er sofort ein Mädchen in Hot-Pants von hinten auf einem Fahrrad fotografiert in Szene setzen.
Die Redaktionssekretärin als Ersatz für den Vamp
Geradezu vorbildlich benahm sich hingegen das damalige Leib und Magenblatt des deutschen Autofahrers, Auto Motor und Sport. Frauen kamen im redaktionellen Teil so gut wie nicht vor, allenfalls in feuilletonistischer Form: Der in vielfacher Hinsicht bis heute unerreichte Fritz B. Busch erinnerte in seiner Kolumne „Einer hupt immer“ mitunter daran, dass beim Auto auch das weibliche Geschlecht ein Recht auf Mitsprache hat. Busch war dabei zur Selbstironie fähig, eine Haltung, die in der Branche nicht eben verbreitet ist.
Die Fotografen der Stuttgarter Autozeitschrift legten ihren Ehrgeiz hingegen traditionell in möglichst scharfe Aufnahmen von Automobilen in extremen Fahrsituationen und nicht von Foto-Modells in extremen Bikinis. Die schwäbische Pietät ließ so etwas aus moralischen und ökonomischen Gründen nicht zu. Ein Chefredakteur, der damals beim Verleger um einen Honoraretat für Pin-up-Modelle nachgesucht hätte, hätte genauso gut einen Betriebsausflug ins örtliche Bordell organisieren können, die Reaktion wäre die gleiche gewesen.
Die erotische Phantasie deutscher Autotester illustriert hingegen ein anderes Motiv. Es kommt immer dann zum Einsatz wenn eine Luxuslimousine den redaktionellen Fuhrpark bereichert. Der Fond eines Maybach oder Bentley wird beispielsweise in geradezu pawlowschem Reflex mit einem kurzberockten weiblichen Wesen garniert, das einen sprudelnden Sektkelch in der Hand hält. Dies gilt offenbar als Gipfel des Luxus und der Verruchtheit, es ist gewissermaßen das Äußerste der Gefühle. Eine unfreiwillige Komik erhalten diese Fotodokumente in der Regel dadurch, dass es sich bei dem Vamp im Fond nicht um ein professionelles Modell, sondern um die Redaktionssekretärin oder die Neue aus der Buchhaltung handelt. Und der sieht man an, dass sie die ganze Nummer irgendwie für bescheuert hält.
Das trifft allerdings auch auf die Fotos mit Berufs-Modells zu. So begann die aus dem Bauer-Verlag stammende „Deutsche Auto Zeitung“ Anfang der siebziger Jahre eine einschlägige Serie „Mädchen und Autos“. Eine Frau in erotischer Pose, deren Bild an Wände geheftet wird, heißt gemeinhin „Pin-up“. Und nun wurde diese Kunst-Gattung auch von der Autofotografie entdeckt - mit oft unfreiwilliger Komik. „Sie merkte schnell, wie sehr das allen italienischen Superautos eigene helle Leder den schönen Damenhäuten schmeichelt,“ heißt es in einem Text über eine auf dem Beifahrersitz eines Maserati posierende Blondine. Der dazugehörige Maserati Indy entsprang der eckigen Phase des Hauses, auch im Design wurden damals die Traditionen über Bord geworfen. Für das Frauenbild gilt das aber nur scheinbar. Die junge Dame hat zwar eine zeitgenössische Latzhose an, das ist aber im wahrsten Sinne des Wortes auch alles. Und sie spielt mit dem Schaltknüppel, oh Mann, oh Mann. Aber immerhin: Das weibliche Schönheitsideal wurde 1970 noch nicht von Magermodells geprägt, die hätten auf der Motorhaube auch viel zu sehr gefroren.
Die Hefte sind antiquarisch auf Automessen noch zu haben, die Mädchen aber meistens vergriffen. Die Serie „Mädchen und Autos“ findet sich zwar im Inhaltsverzeichnis der entsprechenden Ausgaben, die Beiträge selbst aber fehlen meist. Sie wurden seinerzeit herausnehmbar in der Heftmitte positioniert und waren somit pin-up-tauglich. Offenbar fanden sie für Jugendzimmer und Bundeswehr-Spinde (heraus)reißenden Absatz. Die Nachfolge dieser frühen Auto-Pin-ups traten inzwischen die mit Mädchen garnierten Tuning-Kataloge an, deren Hemmschwelle noch einmal gründlich tiefergelegt wurde.
Fürs gehobenere Publikum gibt es seit 1964 den Kalender des italienischen Reifenherstellers Pirelli. Aber auch da haben die Anstandstanten gesiegt: "Eleganz, Aura und Ausdruck stehen im Pirelli Kalender 2017 im Vordergrund, denn statt Models gibt es Oscar-Preisträgerinnen zu sehen", schreibt Autobild und CQ vermeldet ganz im Trend der Zeit "weniger nackte Haut und mehr Andersartigkeit" sowie ein Durchschnittsalter von 44 Jahren. Nur ein paar italienische Autohersteller widerstehen noch dem neuen Prüderie-Gebot und präsentieren in diesen Tagen auf dem Genfer Salon wieder langbeinige Fotomodelle, in deren Nähe zufällig irgendwelche Autos parken. Die höchsten Absätze gibts traditionell bei Lamborghini. Auf der Automesse im chinesischen Shanghai wurde die "vulgäre und kulturschädliche" Show hingegen verboten. Ach, da fällt mir ein: Fehlt den Grünnen für den Wahlkampf nicht noch ein zündendes Thema?
Beitragsbild: Adamstrangelove CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Unsere Sittenwächter im grünen Gewand haben sich nur deshalb noch nicht des Themas angenommen, weil sie nicht entscheiden können, was für sie anstößiger ist: ein attraktiv aufgemachtes Kraftfahrzeug oder eine attraktiv aufgemachte junge Frau, die dafür wirbt.