Moderne Politik zeichnet sich immer mehr dadurch aus, dass sie getanzt wird. Wie beim Ballett ist die größte Gefahr die Schwerkraft. In Deutschland gastiert derzeit die Aufführung "Ruinen schaffen ohne Waffen".
Es waren sehr schöne Bilder von der Airforce-Base Elmendorf‑Richardson in Anchorage, auf der sich Wladimir Putin und Donald Trump vor zwei Wochen die Hand reichten. Alaska liegt geografisch so ziemlich auf halber Strecke zwischen Washington D.C. und Moskau und bildete „eine symbolträchtige Brücke zwischen den beiden Großmächten“, wie es in der Berichterstattung hieß.
Man könnte meinen, der Meister des klassischen Balletts Marius Petipa habe die Choreographie übernommen. Der schuf im 19. Jahrhundert zeitlose Meisterwerke wie Dornröschen und Schwanensee (gemeinsam mit Lew Iwanow), die noch heute das Herz des Liebhabers klassischen Balletts höher schlagen lassen. Als approbierter Ballett-Kritiker möchte ich das Event mal so beschreiben, wie es die sensiblen Staatenlenker wohl gerne hätten, man kann ja nie früh genug anfangen, für künftige Zeiten zu üben. Wohlan:
Trump und Putin traten um 11.08 Uhr Ortszeit fast synchron aus ihren Maschinen. Beim Verlassen der Flugzeuge über die Gangway schienen sie im Raum zu schweben – ein lebendiges Bild von Balance und Kraft. Ihre Bewegungen führten sie aufeinander zu. Trumps Gestus, der Applaus für Putins Schritt über den Teppich, formte die Présentation: Ein Tänzer rahmt den anderen, um die gemeinsame Szene zu erheben. Die Jetés, kraftvolle Sprünge über die Bühne, ließen die Tänzer für einen Augenblick wie geflügelte Boten wirken. Und in den Pas de deux verdichteten sich Nähe und Distanz.
"Augenblick voll Vertrauen und gegenseitiger Hingabe"
Der Händedruck auf der Plattform „ALASKA 2025“ wirkte wie die gehaltene Arabeske – ein Moment der Balance, straff, angespannt, zugleich fragil. Währenddessen zogen am Himmel Götterboten auf: Amerikanische Kampfjets formten laute Grand Jetés über den Köpfen der Tänzer, begleitet vom tiefen Grollen eines B‑2 Spirit Stealth Bombers – Tschaikowski in voller Orchestrierung. Die Kampfflugzeuge ersetzten den Hebegriff, bei dem die Ballerina scheinbar schwerelos über die Bühne getragen wird und vereinten Trump und Putin in einem Augenblick voll Vertrauen und gegenseitiger Hingabe.
Ich hoffe, das genügt als Ergebenheitsadresse für mein nächstes Journalisten-Visum für die USA und verhindert meinen Export nach Novosibirsk für den Fall, dass Putin unangemeldet an meiner Tür klingelt.
Und nun schalten wir um nach Würzburg. Dort wurde ebenfalls eine Mischung aus Dornröschen und Schwanensee aufgeführt – aber eine Nummer kleiner – und vermutlich mit dem gleichen Ergebnis beziehungsweise Nicht-Ergebnis. Es ging in der Selbstfindungs-Klausur der Regierungskoalition ebenfalls um einen Waffenstillstand, und zumindest metaphorisch strebten die Teilnehmer dem großen Vorbild in Alaska nach.
Gemeinsam traten die Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn (CDU), Matthias Miersch (SPD) und Alexander Hoffmann (CSU) auf die alte Würzburger Brücke, um sich als "Brückenbauer" (Hoffmann) zu loben. Spahn ist gelernter Bankkaufmann, Miersch Rechtsanwalt, Hoffmann studierte Jura und wirkte als Staatsbeamter. Ob das reicht, um gemeinsam eine Brücke zu bauen, kann ich nicht beurteilen. Es klang aber eher nicht danach, denn Gastgeber Hoffman reüssierte mit der bedeutungsschweren Wiedergabe des Wetterberichts: "Wir sind im Regen gestartet und landen jetzt im Sonnenschein, und ja es gibt noch die ein oder andere Wolke am Himmel, aber es sind helle Wolken". Wie heißt es in dem Song "Über sieben Brücken musst du geh’n", der mir dazu spontan einfiel: "Manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück".
Das ging offenbar sogar einigen Mitarbeitern der Staatsmedien so. "Schwarz-rote Gruppentherapie in Würzburg“, bespöttelt die Tagesschau das Treffen unserer Regierungsparteien. „Nichts soll auf dieser Fraktionsklausur dem Zufall überlassen sein. Jedes Bild muss stimmen, Kommunikationspannen will sich diese schwarz-rote Koalition auf der Klausur in Würzburg nicht erlauben“. Hausherr CSU setze zu Beginn auf große Symbolik, schreibt die Tagesschau „Die Fraktionsvorsitzenden von Union und SPD sowie der CSU-Landesgruppenchef schritten über die alte Main-Brücke“.
Die alte Mainbrücke ist zwar nicht ganz so eindrucksvoll wie die Landmassen von Alaska, ihre Grundfesten stammen aber immerhin aus dem 16. Jahrhundert, da gehörte Alaska noch seinen Ureinwohnern, die ab und zu eine Robbe erlegten. Das Baujahr der Würzburger Brücke bürgt für eine gewisse Stabilität, weil der Stahlbeton noch nicht erfunden war. Die Belastung durch die Koalitionsparteien steckte sie mühelos weg, ganz im Gegensatz zum Rest des Landes, das so marode bröckelt wie die Brücke eines 90-jährigen Karies-Patienten.
Sparen bei der Notdurft
Deshalb kam das Theater Würzburg auch nicht als Veranstaltungsort für die Regierungs-Balletteusen infrage, dessen Bau wird seit 2018 saniert und die Fertigstellung seitdem so zuverlässig verschoben wie der Weltuntergang durch die Zeugen Jehovas. Jetzt soll es frühestens im Jahr 2030 fertig sein, und die Kosten stiegen von 70 Millionen Euro auf 103 Millionen. Deutsches Bauwesen halt.
Würzburg muss deshalb sparen, beispielsweise bei der Bildung, oder besser bei der Notdurft innerhalb der Bildung: „Wenn das Schulklo zum Himmel stinkt“, beschreibt In.franken.de den katastrophalen Zustand der Schultoiletten in der Stadt. Der Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes, Martin Löwe, sagt: "Wir erleben in vielen Bereichen eine tiefe Resignation, wenn es darum geht, Sachen anzupacken oder Missstände überhaupt anzusprechen." Die Schulleiterin einer Würzburger Schule hat inzwischen das Gesundheitsamt eingeschaltet. "Die Zustände sind nicht mehr hinnehmbar, die für uns zuständige Putzfirma kommt offenbar nicht zu Rande". Urinpfützen und Kotablagerungen seien tagelang nicht entfernt worden.
Notdurft war aber nicht das Thema des Koalitionäre-Treffens, sondern lediglich die bekannte Frage: Wie können wir unser segensreiches Wirken für dieses Land noch besser darstellen als bisher schon? Es ging auch nicht um die Befindlichkeit der Bürger, sondern die Veranstaltung kreiste um die Befindlichkeit der Teilnehmer selbst. So gestand man der Tagesschau-Korrespondentin offenbar in aller Unschuld, wie man dem Problem mit Stuhlkreisen beikommen will. Es werde tief in die „Trickkiste der Team-Building-Maßnahmen gegriffen“, berichtet diese, so nach dem Motto „Erzähl mir doch mal, welchen Fußballverein du gut findest“, über diese Brücke sollten dann „Gemeinsamkeiten gefunden werden“ und „ein gemeinsames Gefühl der Harmonie“.
Ommmmm
Die Zustände im Lande stinken zum Himmel, und unsere Regierenden reden über Fussball, um ihre harmonische Mitte zu finden. Ommmmm. Der Kriegszustand innerhalb der Unseredemokratie-Bewahrer währt nun ja schon länger als der in der Ukraine und zeitigt ähnliche Folgen. Während Putin Bomben abwirft, um Kraftwerke und Infrastruktur zu zerstören, machen wir das selbst – ganz nach der alten DDR-Spottparole „Ruinen schaffen ohne Waffen“.
Zum zweiten Mal nach Kriegsende wird vorgeführt, was ideolgische Regierungen anrichten, diesmal aber gesamtdeutsch. Man nennt das auch „Große Transformation“ – eine euphemistische Umschreibung für die Unmwandlung der Marktwirtschaft in eine Kommando- und Planwirtschaft, in der der Staat bestimmt, was und wo investiert werden darf. Deutschland befindet sich bereits seit zwei Jahren in einer schweren Rezession und die Realeinkommen sinken, die Zahl der Arbeitslosen liegt trotz aller statistischen Tricks erstmals seit 15 Jahren wieder über drei Millionen. Die Chemie-Gewerkschaft warnte vor drei Tagen vor dem Verlust weiterer 40.000 Jobs, gleichzeitig nahm Buderus in Wetzlar Abschied von seiner Stahlherstellung, ein Pleitesturm fegt übers Land und der Herbst ist noch nicht mal da. Reaktion: Ommmm.
Autobahnen und Brücken verfallen, Innenstädte verwaisen, No-Go-Zonen ploppen noch schneller auf als Pop-Up-Stores in verwaisten Geschäften, die Autoindustrie wird im Namen eines imaginierten Klimaschutzes geschrottet, die Landwirtschaft ruiniert, Kraftwerke ohne Not und Ersatz gesprengt. Und welche Antworten haben unsere Regierungsdarsteller? Ommmmm. Und: „Erzähl mir doch mal, welchen Fußballverein du gut findest“.
Und ich prophezeie euch: So wird das nix mit dem Waffenstillstand, ganz zu schweigen von Frieden fürs Land. Das Nähere regeln das Kleingedruckte und die Schwerkraft – wie bei jedem missglückten Ballett. Friedrich Merz ist ja bereits für seine Mehrfach-Pirouetten bekannt. Besonders gefährlich sind übrigens Fouettés, etwa die berühmten 32 im Schwanensee. Ein einziger falscher Schwung am Anfang – und die Serie bricht abrupt ab.
Dirk Maxeiner ist einer der Herausgeber von Achgut.com. Von ihm ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Zu beziehen hier.

Christiane Neidhardt / 31.08.2025
Und warum hat der Putin wohl deutsch gelernt und war mit einer Deutschlehrerin verheiratet ? Damit er für die brillianten Äußerungen von Spahn und Konsorten keinen Übersetzer braucht ?
Erwähnenswert wäre auch gewesen, daß Putin die Hand ausstreckte als er noch 4 bis 5 Schritte von Trump entfernt war.
@MarkusFriedrich tho Pesch: „…Trump und Putin sind machtvolle Staatenlenker“. Bei manchen Marionetten sehen wir die Strippenzieher, bei anderen sie die Fäden, mit denen sie bewegt werden, etwas dünner, und wir bräuchten bessere Brille. Ich bin kein Trump-Hasser; aus meiner Sicht macht der Mann etwas richtig, nur nicht alles. Es geht mir um etwas Anderes: Wer glaubt, dass „das amerikanische Volk“ gegen den Willen der Finanzoligarchie Trump gewählt hat, kann m.E. auch an den Weihnachtsmann glauben.
Diesen Kommentar habe ich gegen 11:00 heute Vormittag geschickt. Wenn Ihr Euch Wahrheiten verschließt, hat die Staats- und Medienpropaganda ja vollen Erfolg. -- mein Beitrag noch einmal: -- Es kann einem Angst und Bange werden. Eine absolute Verirrung rückt immer näher nämlich, dass diese Typen uns in einen Krieg hineinmanövrieren, der dann als Tarnmantel für die allüberall überbordende Unfähigkeit /Misswirtschaft angeführt werden kann: – „wir waren es nicht – es war der alternativlose VERTEIDIGUNGS-Krieg gegen Putin“. Man kann wirklich nicht so viel fressen wie man …….. !
Der Merzens Fritze versteht sich nicht nur auf Versprechen und Pirouetten. Ich habe mal in die Zukunft geschaut, und jetzt dürft ihr bei allem Elend doch mal kurz lachen, Merz verspricht als „letztes“ Wort, dass er im Himmel für jedes gebrochene Versprechen ein Rad schlagen würde. Kurz darauf kommt auch der Lars im Himmel an und fragt den Petrus nach seinem Freund Fritz. Sagt Petrus; Ach ja, der Fritze, den haben wir als Ventilator eingestellt
Ja, die Russen kommen – und rauben unsere Kinder, Bodenschätze und die wertvollen Windräder. Die Alternativen nicht besser als die weiblichen und männlichen Omas gegen rechts, in Regierung, Medien und NGOs, all die Helldeutschen von Unsererdemokratie. Krankes, unheilbares Deutschland. Trostlos. – Macht nur so weiter.
@Gerhard Schmidt, Sie sind wohl der, den Heinrich Mann so treffend beschrieben.