In der zwischenmenschlichen Kommunikation kehren allmählich vergessene Traditionen zurück. So senkt der Deutsche bei bestimmten Themen wieder die Stimme und schaut sich vorsichtig im Lokal oder der Kantine um, bevor er seine Meinung kundtut. Dies ist für junge Menschen kein Problem, stellt aber für Menschen mit nachlassendem Hörvermögen eine echte Herausforderung dar.
Wenn Opa sein konspirierendes Gegenüber lautstark und für jeden im Raum deutlich hörbar zurückfragt „Wer hat auch AfD gewählt?“, entstehen Alltagsmomente, in denen die Beteiligten gerne im Erdboden versinken würden, es aber bedauerlicherweise nicht können. Ganz ähnlich wie eine Szene mit Woody Allen, in der er versucht, möglichst diskret eine Ausgabe des Playboy an der Supermarktkasse zu bezahlen. Woraufhin die Kassiererin laut über die Kassenreihe einer Kollegin zuruft: „Hey, Sally was kostet nochmal der Playboy?“
Auch die Umwidmung der Bedeutung von Begriffen und Zitaten macht große Fortschritte. Wörter wie „Goldstück“, „Bereicherung“, „Einzelfall“ oder „ein Mann“ werden in gemeiner Weise zweckentfremdet und zur Delegitimierung des Staates und seiner Vertreter genutzt. Auf diese Art ist eine Art widerständiges Esperanto entstanden, das ständig erweitert wird, etwa jüngst um das Wort „Bademantel“.
Dies liegt an einer frühmorgendlichen Hausdurchsuchung bei dem Herausgeber der vorübergehend verbotenen Zeitschrift „Compact“. Deren Chefredakteur Jürgen Elsässer trat den Beauftragen des Staatsanwaltes und den sie begleitenden Fotografen der anverwandten Medien in einem schwarzen Bademantel entgegen. Inzwischen ist dieses Kleidungsstück zum Codewort für Schikane und Beeinträchtigung der Meinungsfreiheit geworden, das die achtsame Vorstufe zum Waterboarding umschreibt.
Bis ins Mittelalter und in den Orient
Da die künftige Bundesregierung i.G. die diesbezüglichen Anstrengungen weiter verstärken will und sich der Menschheitsaufgabe widmet, die Lüge zu verbieten, was noch schwieriger werden dürfte, als das Klima zu neutralisieren, ist dem Bademantel eine große Zukunft sicher. Elsässer & Co. bieten in ihrem Shop bereits einen "Compact-Bademantel Elsässer“ für schlappe 149,95 Euro an, knielang mit weißem Schmucksaum. Auch die konkurrierenden Modehäuser Kontrafunk (78 Euro), Versace, Ralph Lauren, Joop, Frette, Zimmerli, Pelle Vävare, Calvin Klein und Tommy Hilfinger sind im Geschäft, maßgeschneiderte Modelle können bis zu 3.000 Euro kosten. Wer sich für Afrika und den Schutz der Natur stark machen will, kann sich gemäß der Aktion "Wear a smile" einen Bademantel aus afrikanischer Bio-Baumwolle zulegen, um "Baumwollbauern und Baumwollbäuerinnen" zu unterstützen. Mir scheint eine überlegte Auswahl des Bademantels für eine gelungene Außendarstellung eine gute Investition zu sein, denn es ist davon auszugehen, dass Hausdurchsuchungen oder Festnahmen von den apportierenden Medien fürsorglich begleitet und fotografisch dokumentiert werden.
Sehr gelungen fände ich es beispielsweise, wenn die gesamte AfD-Fraktion bei der nächsten Bundestagsdebatte zum Thema im Bademantel auftreten würde, eine bindende Kleiderordnung gibt es dort nämlich nicht, wie man seit den Turnschuhen von Joschka Fischer und dem schwarzen BH von Tessa Ganserer weiß. Und jetzt komme mir niemand mit der „Würde des hohen Hauses“, denn beim Bademantel handelt es sich um ein multikulturelles und uraltes Kleidungsstück, das sich bis ins Mittelalter und den Orient zurückverfolgen lässt.
Dort trugen Männer und Frauen Kaftans und lange Gewänder – locker gebundene Kleidung, die heute dem Bademantel erstaunlich ähnelt. Daran erinnerte während der letzten Fußballweltmeisterschaft sogar der öffentlich-rechtliche Fußball-Moderator Sandro Wagner in der 79. Minute beim Spiel Deutschland gegen Spanien: „Fans sind auch wieder da. Habe auch schon ein paar Deutschlandfans gesehen, die lautstark anfeuern. Vorhin habe ich gedacht, die ganze Kurve ist voller Deutschland-Fans. Dann habe ich erst gemerkt, das sind die katarischen Bademäntel."
Im seidenen Hausmantel Tee trinken und Briefe schreiben
Da ich von Natur aus ein vornehmer Mensch bin, beeindruckt mich seit jeher die britische Upper-Class, also eine Bande von erlesenen Faulenzern mit steifer Oberlippe. Im 18. Jahrhunderts kam bei denen das sogenannte "Morning Gown" oder der "Dressing Gown" in Mode – ein Vorläufer des heutigen Bademantels. In England war es damals schick, morgens in einem seidenen Hausmantel Tee zu trinken und Briefe zu schreiben. Stellen Sie sich den Schreiber dieser Zeilen jetzt bitte in dieser privilegierten Situation vor, ich tue es auch und fühle mich gleich besser. Von den großen Bademantel-Ikonen der Geschichte kann man nämlich nur lernen:
- Howard Hughes, Milliardär, Luftfahrtpionier und Filmproduzent gilt als offizieller Patron aller, die sich im Bademantel heimisch fühlen. Hughes trug den Bademantel nicht nur zu Hause, sondern auch bei geschäftlichen Besprechungen. Warum? Weil er es konnte. Der Mann hat bewiesen, dass man auch in einem Bademantel reich werden oder zumindest revolutionäre Flugzeuge bauen kann. Ich wundere mich, dass Donald Trump und Elon Musk noch nicht auf die Bademantel-Nummer gekommen sind.
- Hugh Hefner, Playboy Gründer und schon mal „Der Mozart des Morgenrocks“ genannt. Für Hefner war der Bademantel keine Kleidung, sondern ein Lebensstil. Während andere sich fürs Büro fein machten, schmiss er sich in Satin, zündete eine Zigarre an und ließ sich von zwanzig Models erklären, wie die Welt funktioniert. Dies finde ich eindeutig erstrebenswerter, als sich von Elmar Teveßen im ZDF Donald Trump erklären zu lassen.
- The Big Lebowski (The Dude). Die Filmfigur, gespielt von Jeff Bridges, lehrt den Unentspannten, dass der Mensch auch mit einem White Russian in der Hand und zerzausten Haaren in einem Bademantel durch den Supermarkt gehen kann – und das schamfrei.
Meistens irgendwo zwischen Bett und Kühlschrank
Da man die Stunde und den Ort, an dem man von der Staatsmacht aufgesucht wird, nicht wirklich vorhersehen kann, haben mir Achse-Leser angeraten, künftig durchgängig im Bademantel aufzutreten, um gleichsam in jeder Lebenslage stilvoll dazustehen. Ehrlich gesagt, war es immer schon mein Traum, bequemer angezogen zu sein, jetzt kann ich das Angenehme endlich mit dem Nützlichen verbinden. Und den Spieß einfach umdrehen: Das Vorführen eines Menschen im Bademantel wird durch das demonstrative und stolze Tragen desselben zum politischen Akt. "The Bademantel is the Masssage".
Womöglich treffen sich bald in Berlin die Massen zur Bademantel-Demo – in freudiger Erwartung der Wasserwerfer. Man darf ja nicht vergessen, dass die gleichen Herrschaften, die uns jetzt wieder regieren, diese Fahrzeuge gegen harmlose Corona-Demonstranten eingesetzt haben, die gegen inzwischen aktenkundige Lügen aufbegehrt haben.
Egal ob man Milliardär oder einfach nur zu faul zum Anziehen ist – wer Bademantel trägt, sagt der Welt: Ihr könnt mich mal, ich bin gerade genau da, wo ich sein will – und das ist meistens irgendwo zwischen Bett und Kühlschrank. Oder auch zwischen Staatsanwaltschaft Bamberg und Paragraph 188 StGB "Gegen Personen des politischen Lebens gerichtete Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung".
Im Auto – wichtig für den Sonntagsfahrer – ist so ein Bademantel übrigens ebenfalls erlaubt, man darf sogar im Bikini oder nackt fahren, zumindest behauptet das die Allianz-Versicherung. Und jetzt mal ehrlich: Wenn man sich Deutschland und sein Personal so anschaut, wäre es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn viel mehr Leute im Bademantel rumlaufen respektive rumfahren würden. Weniger Schwachkopf. Mehr Kakao.
Dirk Maxeiner ist einer der Herausgeber von Achgut.com. Von ihm ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Zu beziehen hier.
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Schaut man sich die Bekleidung eines Großteils der Bevölkerung an, wäre ein durchgängiges Auftreten im Bademantel in der Öffentlichkeit eigentlich die logische Fortsetzung von Jogginghosen, Sneakern und Kapuzenpullis (im fortschreitenden Alter durch ‚Funktionsjacke‘ und beigefarbene Stoffhose und Trekkingschuhe bzw. -sandalen zu ersetzen). Als Olli Dittrich seinerzeit mit der Figur „Dittsche“ im Fernsehen reüssierte, verstand ich die lobenden Kommentare nicht, denn schon damals lief gefühlt halb Berlin so herum. Meine Haltung zur Bademantel-Frage ist daher ambivalent. ;-) Keinesfalls sollte man dessen neue symbolische Bedeutung jedoch einer Truppe wie der AfD überlassen, sondern dann doch lieber selbst vereinnahmen. Dann gerne in der stilvollen seidenen Morgenrock-Version.
@Dieter Blume / Sehr gern, allerdings ist das eine kostenpflichtige Leistung. Die Gebühr ist im voraus zu entrichten.
1)Wieder ein schöner Artikel bei dem sie aus Alltagsgeschichten und einigen Schnurren ein Sittengemälde von „unsere Demokratie“ zusammen puzzeln. Warum wollen sie in Berlin in Bademänteln demonstrieren, wollen sie Kloppe von den Spartakus Bund Hilfstruppen? In Bamberg vor dem Gericht ist das viel sicherer. Wenn 150 teilnehmen lügen wir 100% dazu. Nach Lesart vieler Mitbürger waren wir dann 250 Bürger. Bevor ich zu meinem eigentlichen Anliegen komme, möchte ich betonen, dass ich unsere weiblichen Mitbürger im Privat- wie im Berufsleben außerordentlich schätze, nicht dass sie besser oder schlechter wären, sie sind, um den gebeutelten Begriff „Nachhaltigkeit“ zu vermeiden, deutlich zäher bei der Erreichung ihrer gesteckten Ziele.
(2)Beim Zitat „ The Bademantel is the Masssage“ habe ich zunächst auf eine weibliche Person im Außenministerium getippt, die sich bei der Übergabe der Millionen, nein, nicht in die Hand, dafür zu entschuldigen versucht, weshalb die milde Spende im Straßenkostüm übergeben wird, doch dann entpuppt sich das als Zitat eines Intellektuellen. So kann man sich irren. Sofort habe ich mich innerlich für meine Gedanken entschuldigt. Ich will ja keinen der militanten Frauenbewegungen provozieren. Auch Bewegungen militanter Frauen können angenehm sein, besonders wenn sie rhyth …. sind.
Nebenbei: In Anbetracht des Umstands, dass die von Schland an die Ukraine gelieferten Waffen nur bedingt kriegstauglich sind, wundert mich, dass wir keine Wasserwerfer liefern. Die haben ihre Funktionsfähigkeit im Einsatz gegen die bösen Corona-Demonstranten doch klar bewiesen. Dann schaffen sie es bestimmt auch, den bösen Russen, aus der Ukraine zu spülen.
@ Dirk Maxeiner: der BH-Träger im durchsichtigen Chiffon-Oberteil im Familienausschuss hieß damals amtlich Markus Ganserer, nannte sich seinerzeit lediglich selbst ‚Tessa’, was bedeutet, man kann es wie mit einem Künstlernamen halten, und die Person aus reiner Freundlichkeit mit ihrem selbstgewählten Namen bezeichnen – oder man kann es lassen, und darauf hinweisen, dass der Vorname damals Markus war. Da Ganserer selbst ja nie einen Hehl aus der Transidentität gemacht hat, und natürlich auch beim Bundeswahlleiter mit dem damals noch männlichem Vornamen Markus angemeldet war, droht auch keine Strafe nach dem neuen Selbstbestimmungsgesetz, wenn man den zum Zeitpunkt des Auftritts im Familienausschuss gültigen Namen verwendet. Ganserer hätte auch zur damaligen Zeit schon eine amtliche Eintragung als Frau samt offizieller Vornamensänderung durchführen lassen können, wollte dies jedoch nicht. Ich sehe daher keinen Grund, gegenüber dem Ex-Bundestagsmitglied übermäßig unterwürfig zu sein. Gerade die Achse rühmt sich doch, die Wirklichkeit klarer zu benennen als andere, da sollte man auf solche Kotaus meiner Meinung nach verzichten.
Drei CDU-Abgeordnete haben sich offiziell beschwert, dass eine Abgeordnete der Linken ein sog. „Palästina-Tuch“ trug, da dies die ‚Würde des Hohen Hauses‘ verletzen würde. Kein Abgeordneter der CDU/CSU-Fraktion hat sich hingegen seinerzeit darüber beschwert, dass Ex-MdB Ganserer, damals noch amtlich Markus Ganserer, ausgerechnet im Familienausschuss ein hauchdünnes durchsichtiges schwarzes Chiffon-Oberteil trug, dass volle Sicht auf einen schwarzen BH freigab. Niemand hatte den Mut, das anzusprechen, niemand der Anwesenden im Ausschuss, noch nicht einmal die Ausschuss-Vorsitzende, deren Aufgabe es gewesen wäre, auf Verletzungen der ‚Würde des Hohen Hauses‘ hinzuweisen, und dann die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Meiner Meinung nach hätte man Ganserer zum Umziehen nach Hause schicken, und die Sitzung solange unterbrechen sollen. Aber Mut und Courage sind halt nicht jedermanns Sache. Da duckt man sich lieber feige weg, anstatt das Offensichtliche anzusprechen: die Zugehörigkeit zu einer zahlenmäßig kleinen Minderheit bedeutet nicht, dass man sich alles herausnehmen kann. Kein Wunder übrigens, dass viele in der Transbewegung fordern, den zweiten Teil von Grundgesetz Artikel 2 abzuschaffen, der besagt, dass die freie Entfaltung der Persönlichkeit dort endet, wo die Rechte anderer berührt werden.