Dirk Maxeiner / 27.11.2022 / 06:00 / Foto: Pixabay / 68 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Kein Winter für Frösche

Das Froschgleichnis besagt, dass ein Frosch sofort aus heißem Wasser springt, dort aber sitzen bleibt, wenn das Wasser langsam erhitzt wird. Allerdings versichern Zoologen, dass Frösche nicht so blöd seien, allenfalls Menschen. Eine Feldstudie aus Berlin.

Samstag, 26.11.2022, 10:46 Uhr. Ich halte mich gerade im Einzugsbereich der Deutschen Bahn als Beförderungsfall auf und unternehme einen Fluchtversuch aus der Bundeshauptstadt in Richtung Westen. Der Wind weht aus südwestlicher Richtung, die Regenwahrscheinlichkeit beträgt 30 Prozent, die Wahrscheinlichkeit, pünklich in Augsburg anzukommen, null Prozent. Mein ICE 1093 ist inzwischen eingetroffen, eine halbe Stunde später und auf einem anderen als dem angegebenen Gleis, dafür aber in falscher Wagenreihung. Außerdem ist die Hälfte des Zuges, die nach Wien statt nach München fahren soll, abhanden gekommen. Alle warten jetzt auf die Wiener. Auf dem Bahnsteig wird derweil angesagt: „Vorsicht auf Gleis 2 eine Zugdurchfahrt“. Das wird spannend, denn unser Zug steht wartend auf Gleis 2. Draußen gehen die helleren Zeitgenossen in Deckung. Sollte der Sonntagsfahrer hier abrupt enden, wissen Sie warum. Und bitte richten Sie meinen letzten Willen aus: Ich möchte nicht in Berlin begraben sein und bestehe außerdem darauf, dass auf meiner Beerdigung der Bahn-Klassiker Chattanooga Choo Choo  in der Version von Glenn Miller gespielt wird. Hätte ich doch bloß den Heißluftballon genommen.

Entwarnung: Die Zugdurchfahrt auf Gleis 2 ist ausgefallen. Wahrscheinlich wegen einer Reparatur am Triebwagen oder eines fehlenden Lokführers. Das Leben geht also weiter. Es ist nicht alles schlecht an der Deutschen Bahn. So wird im Bordbistro das Angebot an Speisen, die nicht angeboten werden, immer größer. Inzwischen ist auch ein maskierter Dutt erschienen und hat meine Fahrkarte kontrolliert. Ich stelle mich auf einen kontemplativen Nachmittag ein. Ich habe die Bundeshauptstadt und die Deutsche Bahn seit einigen Monaten gemieden und muss deshalb an das etwas überbeanspruchte Gleichnis mit dem Frosch denken. Sie wissen schon: Es besagt, dass ein Frosch sofort aus heißem Wasser springt, dort aber sitzen bleibt, wenn das Wasser langsam erhitzt wird. Allerdings versichern Zoologen, dass Frösche nicht so blöd seien, allenfalls Menschen. 

Ich bin hingegen der Meinung, dass zur Ermittlung der wahren Verhältnisse endlich repräsentative und depersonalisierte Kohortenstudien durchgeführt werden sollten. Möglicherweise reagieren Frösche mit Migrationshintergrund oder DDR-Vergangenheit ja anders als endemische Wessi-Frösche. Persönlich bin ich beispielsweise von französischen und italienischen Fröschen enttäuscht. Ich hätte beispielsweise nie gedacht, dass widerstandsfreudige Italiener sich zum Rauchen vor die Tür schicken und renitente Franzosen sich lockdownen lassen. Stattdessen blieben unsere Nachbarfrösche einfach sitzen.

Eine weggeworfene Aluschale mit der Hälfte einer Currywurst

Nun gut, angesichts meines Berlinausflugs wurde ich nun ins heiße respektive kalte Wasser geworfen, habe aber leider keine Badehose dabei. Nix wie raus aus dem Pott. Als ich gestern Morgen vor die Tür trat, latschte ich als erstes in eine weggeworfene Aluschale mit der Hälfte einer Currywurst, danach sahen Schuhwerk und Hosenbein schon sehr berlinerisch aus, ich fiel in der S-Bahn überhaupt nicht auf. Aber immerhin: Früher erfolgte dieser Initiationsritus in der Regel durch den Tritt in Hundescheiße, das nenne ich mal Fortschritt. 

Als Volltreffer erwies sich auch ein italienisches Lokal auf der Karl-Marx-Allee, das ich am Abend mit einigen Freunden erwartungsvoll betrat, weil von draußen Rudimente von Personal in Gestalt eines Kellners vorhanden zu sein schienen. Der Kellner war hörbar von italienischer Provinienz, denn er sprach mich, wie es sich gehört, mit Dottore an. Als Dottore um 23.00 Uhr eine weitere Flasche Wein für sich und die Seinen begehrte, wurde dieser Wunsch allerdings abschlägig beschieden. Man schließe jetzt und könne leider nichts mehr für uns tun. Obwohl ich den Schriftsteller Michael Klonovsky nur flüchtig kenne, erschien er mir im Geiste und flüsterte einen seiner besten Aphorismen in mein Ohr: „Ich komme aus der Zukunft, ich komme aus der DDR“. Wir verließen die HO-Gaststätte und traten fröstelnd hinaus in die dunkle, nebelschwangere Karl-Marx-Allee. Ich atmete tief durch die Nase ein, um zu prüfen, ob ich mich vielleicht im Jahrhundert geirrt haben könnte. Es fehlte einzig noch eine Auspufffahne mit dem Geruch von verbranntem Zweitakteröl. 

Statt eines Trabis rempelte mich dann ein eiliger Kapuzenmann auf einem Fahrrad an – gepaart mit wilden Verwünschungen, da ich offenbar auf seiner Fahrspur lustwandelte. Ich wünschte ihn zum Ausgleich auf den Mond. Sollte Ihnen dort jemand im Vorbeifahren einen Stinkefinger zeigen, seien sie versichert, es ist ein Radfahrer aus Berlin.

Mit dieser Truppe stehen wir in zwei Wochen vor Moskau

Wie ich höre, hat ja auch die Bundeswehr ein Personalproblem, und ich möchte deshalb Verteidigungsministerin Christine Lambrecht einen sachdienlichen Vorschlag machen: Rekrutieren sie Ihren Nachwuchs verstärkt unter Berliner Radfahrern, militantere und rücksichtslosere Knallkörper finden Sie sonst nirgendwo. Mit dieser Truppe stehen wir in zwei Wochen vor Moskau. Und bitte nicht die Blitzkrieger von „Letzte Generation“ vergessen, die sichern die Heimaterde und blockieren die Landebahn für die MIGs. Zur Anwerbung von Geheimdienstmitarbeitern empfehle ich indes den Kreis des Service- und Informationspersonals der Berliner Verkehrsbetriebe sowie die der Wahlhelfenden: Auch in krisenhaften Situationen bleiben diese zuverlässig unsichtbar, und selbst unter Folter ist von ihnen keine verwertbare Auskunft zu erhalten. Der Russe wird sich hoffnungslos verlaufen und verfahren, und dann lassen wir ihn in einer U-Bahn-Baustelle verhungern.

Kommen wir nun zum Positiven. Der freundlichste Berliner, der mir begegnete, war ein Dreijähriger in einem Kinderwagen, der mir in der U2 fröhlich zuwinkte, wahrscheinlich weil ich keine Maske trug. Damit war ich übrigens nicht alleine. Je nach Uhrzeit und Fahrstrecke sind Menschen ohne Maulkorb trotz gegenteiliger Ansage mittlerweile in der Mehrheit. Migrantische Stadtteile sind inzwischen auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln maskenbefreite Zonen. Auf den Routen zu den Rückzugsorten der gebildeten Schichten dominiert hingegen der verhüllte Untertan, woraus sich gewisse Rückschlüsse auf die Qualität der Bildung daselbst ziehen lassen. Wer sich in Deutschland auf die Suche nach qualifiziertem Personal macht, hat meinen bescheidenen Feldstudien zufolge deshalb zwei Möglichkeiten: entweder gebildet und doof, oder ungelernt und nicht doof.

Selbstverständlich gibt’s auch welche dazwischen. Sagen wir mal die Lernfähigen und die Schlawiner. Die peilen beim Einsteigen kurz die Lage und prüfen den Anteil der Maskenlosen. Einer genügt schon, um den Korpsgeist auszuhebeln. Sichtbar huscht die Erkenntnis übers Gesicht: „Wenn der sich das traut, dann traue ich mich das auch“. Also weg mit dem Maulkorb. Dem Beispiel folgen dann flugs auch Andere. Der Bann ist gebrochen, die Herrschenden haben verloren. So ähnlich läuft das übrigens, wenn jemand laut und deutlich seine eigene Meinung vertritt – wie und in welcher Sache auch immer. Dann trauen sich das Andere plötzlich auch. Liebe Kollegen Journalisten, wir warten.

 

Von Dirk Maxeiner ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Portofrei zu beziehen hier.

Foto: Pixabay

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Kurt Schrader / 27.11.2022

Man glaubt, es kann nicht mehr schlimmer werden, aber da täuscht man sich…. Sie beschreiben es hier ja grade, Herr Maxeiner… der alltägliche Irrsinn hier wird von Tag zu Tag größer, und hier bemerkt man das nicht einmal (mehr)….

Uta Buhr / 27.11.2022

Toller Bericht inklusive zweier Klorollen mit Durchblick. Die rote Socke ist dem Fall in die Sch…. gerade noch entgangen. denn sie guckt vorwitzig unter dem Deckel hervor. Ja, ja, diese Frösche. Ich denke einmal, dass diese gewitzten Tiere nicht wie viele unserer woken Mitbürger im Topf sitzen bleiben, bis das Wasser siedend heiß wird. Die springen noch raus, bevor sie ihre Haut zu Markte tragen. Im Gegensatz zu vielen unserer woken Mitmenschen besitzen Kermit und seine Artgenossen nämlich einen untrüglichen Instinkt dafür, wann Gefahr im Anzug ist. Apropos Anzug (ohne Krawatte): Der Kanzlernde wies vorhin in den NDR-Nachrichten darauf hin, dass im besten Doofland aller Zeiten alles wie am Schnürchen läuft, was allerdings nicht nur ihm und seiner hochmotivierten und kompetenten Regentschaft zu verdanken sei, sondern auch den vielen Zugereisten, die “unser Land” am Laufen halten. Hat er ääächt und ääährlich gesagt. Großes Indianerehrenwort!  H.Kr@utner, stellen Sie sich in die Ecke und schämen Sie sich “was”, unsere “Regierung” sooo zu delegitimieren. Wie können Sie sich nur erdreisten, zu behaupten, dass hierzulande nichts mehr funktioniert. Alles klappt doch erstklassig. Am allerbesten die Türen, bevor sie aus Mangel an Brennmaterial verheizt werden. Immer dran denken: Unsere Oberaufseherin Nääääncy liest mit und verteilt nur an jene Fleißbienchen, die sich so benehmen, “wie es sich gehört.”  Den andren drohen in Zukunft drakonische Strafen. Bevor es soweit ist, zünden wir noch ein paar Kerzen an. Einen schönen ersten Advent!

T. Schneegaß / 27.11.2022

@Klaus Schmid: “Die Macht der Gewohnheit wird alle Probleme lösen. Die Jugend die im Ampel-Chaos aufwächst wird sich schnell daran gewöhnen dass….” auch die Maske ein jugendgemäßes Accessoires ist, dazu noch in vielen Fällen das Aussehen verbessert und sie nie mehr ablegen. Wie es der Zufall will, befand ich mich Fr./Sa. am gleichen Ort wie Herr Maxeiner, ich allerdings zum Besuch des Eishockey-Spieles Eisbären gegen Nürnberg. Während der S-Bahn-Fahrten vom Hotel zur Mercedes-Benz-Arena und zurück (für nur 8,80 € hätten wir 24 Std. den Berliner Maskenball besuchen können, anstelle für 35 € die Eisbären nach nur etwas über 2 Std. und Penalty-Schießen verlieren zu sehen), fiel meinen Schwiegersohn und mir auf, dass von den ca. 3/4 Vermummten über 90 % Menschen im jugendlichen, unbeschwerten, fröhlichen Alter waren und die Gesichts-Nackten meistens Mittelalter und darüber darstellten. So alte Knacker wie ich fahren scheinbar nicht S-Bahn, so dass ich deren Verhalten nicht studieren konnte.

T. Schneegaß / 27.11.2022

@George Samsonis: Wer geht auch heute noch nach Ostberlin, wenn man ein paar S-Bahnstationen weiter in den Slums von Istanbul, genannt Neukölln, lustwandeln kann.

Arne Ausländer / 27.11.2022

In Belgien gibt es eine Provinz namens Luxemburg. Das ist der Teil des gleichnamigen Staats, den sich Belgien 1839, neun Jahre nach der (unverständlichen) Staatsgründung als Nachschlag unter den Nagel riß. Immerhin waren die Belgier immer locker genug, vom übriggebliebenen Rest-Luxemburg nicht etwa zu verlangen, sich Ost-Luxemburg zu nennen. Oder EDBSL (Ehemaliger deutscher Bundesstaat Luxemburg). Auch lebt man seit 1839 in friedlicher Nachbarschaft. Die Griechen sind da nicht so locker. Als ihnen Anfang der 1990er anläßlich der Auflösung Jugoslawiens auffiel, daß es dort (schon lange) auch noch ein slawisches Makedonien mit slawischen Makedoniern gab, hingen im ganzen Land Schilder: “Makedonien seit 3000 Jahren griechisch!”. Einmal sah ich auch die Version mit 4000 Jahren. Und die unabhängig gewordene Republik mußte sich im internationaler Verkehr “FYRoM” nennen (Former Yugoslavian Republic of Macedonia). Aber damit gaben sich die Griechen nicht zufrieden, der Name Makedonien sollte ganz weg, der gehörte allein ihnen. Vor einiger Zeit nun der Kompromiß Nord-Makedonien. Ob nun endlich Ruhe ist in dem sinnlosen Streit? Wenn nun ein Herr Samsonis im 35. Jahr des Anschlusses Ostdeutschlands und der Vereinigung der Stadt Berlin darauf besteht, daß Ostberlin nicht zu Berlin gehöre, dann muß man wohl daran zweifeln. Und mit gleichem Eifer kämpft der Herr offenbar auch für den Maskenwahn. Oder wie sonst käme jemand auf die Idee, für normal-menschliche Maskenfreiheit wäre jedesmal eine 100-Euro-Spende fällig? Daß ohne Maske zu fahren ähnlich unmoralisch sei wie Schwarzfahren? Die Griechen haben angeblich die Demokratie erfunden. Ja, das Wort gewiß. Und manche Mängel, wegen derer sie nicht funktioniert. [Und ja, ich habe auch schon nette, vernünftige Griechen getroffen. Neben vielen anderen allerdings.]

Thomin Weller / 27.11.2022

Quo vadis, im Froschteich der Bundeswehr! Die Soldaten sind gar. Der verstorbene Mafia Jäger Rolf Uesserler beschrieb schon 2009 in einem zutreffenden Artikel wohin sich der Wertewesten, EU, BRD juristisch bewegt. In eine komplett rechtswidrig, antidemokratische Richtung, wie sämtliches Völkerrecht etc. durch die juristische Person, Hochfinanz ausgehebelt wird. “Private Militärfirmen – Konflikt als Kommerz….Dies hat zur Folge, dass das Trennungsgebot zwischen Innerer und Äußerer Sicherheit tendenziell aufgehoben und damit Grundsätze der Verfassungen missachtet werden.” Exakt auf dem juristischen Pfad befindet sich diese Reichsregierung seit Jahren, inkl. MSM. Und die Nancy Faeser Regierungstruppe wird mit der schnellen Integration alle Söldner die für Deutschland töten, vollens integrieren, inkl. Rente, Sozialhilfe und medizinische Versorgung. Sie wollen es wie Monsantos Blackwater im staatlichen Auftrag mit staatlicher Finanzierung durchführen. Das, obwohl die USA und die z.B. Ukraine einen Vertrag ratifizierten, “Die internationale Konvention gegen die Rekrutierung, Verwendung, Finanzierung und Ausbildung von Söldnern von 1989, in Kraft getreten am 20.Oktober 2001.” Wieviele Fakten sind noch notwendig, dass sich die deutsche Justiz und Politik endlich bewegt?

T. Schneegaß / 27.11.2022

@Edgar Simmendinger: Zustimmung! Nur eines ist schade: dass Herr Maxeiner kein “Russland-Experte” ist.

Friedrich Richter / 27.11.2022

Hätte vor Lachen beinahe mein Lenkrad verrissen, vor allem beim letzten Willen “In Berlin möchte ich nicht begraben sein.” Aber die HO-Gaststätte muß noch an sich arbeiten. Sie hätten erst plaziert werden müssen, bevor Sie rauskomplimentiert wurden. Aber auch wenn das Gedächtnis gnädig ist, die Erinnerung an die Verhältnisse, auf die Deutschland wieder zusteuert, ist eher unerfreulich. Ich gucke es mir lieber von aussen an, es macht mich trotzdem traurig.

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