Wenn dem Menschen ein Weg zu lang erscheint, dann sucht er eine Abkürzung. Im Englischen nennt man das "Wunschpfad", im Deutschen "Trampelpfad". Die deutsche Politik bevorzugt die Stalin-Allee.
Kürzlich saß ich auf der Berliner Karl-Marx Allee in einem Straßencafé in der Sonne und schaute mir antifaschistisch gekleidete Passanten sowie rüpelnde Fahrradfahrer an. Bei der Gelegenheit sinnierte ich über den Lauf der Welt. Die ehemalige Stalin-Allee, ein Boulevard des Totalitarismus, ist dafür kein schlechter Platz. Sie hat schon viel Kommen und Gehen gesehen.
Die Bebauung wechselt zwischen sozialistischer Moderne und Zuckerbäckerpracht ab. Nach einem dreiviertel Jahrhundert kann man das schon wieder schön finden. So ähnlich wie einen malerischen Strand in Kimberley, vor dem in der Dünung die Krokodile lauern. Die Angler dort haben deshalb stets als Lockvogel einen Hund dabei, der zuerst gefressen wird, während sein Besitzer sich in Sicherheit bringt. Auch viele Spaziergänger auf der Karl-Marx-Allee haben einen Hund.
Die Flaniermeile verfügt über sechs Fahrspuren, damit bei den Militärparaden auch mobile Raketenabschussrampen wirkungsvoll in Szene gesetzt werden konnten. An deren Stelle sind inzwischen allerdings überdimensionierte Lastenfahrräder getreten, deren Besitzer so entschlossen dreinblicken wie einst die Kommandeure einer Formation sowjetischer 2K11 Krug-Raketenträger. Oder auch wie Heidi Reichinnek, wenn sie gerade den Kapitalismus abschaffen will. Die Angehörigen der Lastendrahtesel-Kaste schauen stets in weite Ferne (wegen des langen Bremsweges) und paradieren in dichter Folge auf den beiden Radwegen.
Auf den sechs Fahrspuren für die Autos herrscht Dauerstau, allerdings ohne blauen Zweitakter-Dunst und das Aroma von Addinol Super Mix MZ 405. Ständig jault und mault ein Krankenwagen, der nicht weiterkommt, während drinnen der havarierte Transportfall verzweifelt röchelt. Breite Bürger- respektive Genossensteige und ausgedehnte parkähnliche Grünstreifen komplettieren die Idylle, die einst sorgfältig geplant wurde. Also ich meine jetzt, die Prachtstraße wurde geplant, nicht die Idylle.
Gebräuchliches Instrument zur Belehrung von Abweichlern
Doch so ganz scheint der Plan nicht aufgegangen zu sein, denn der Wanderer entdeckt in den ausgedehnten Grünanlagen viele wilde aber ausgetretene Pfade, die das Volk den vorgegebenen Routen vorzieht. Im Englischen heißt so etwas „Desire Line“ also „Wunschpfad“. Wer nicht einen halben Kilometer laufen will, um an der nächsten Kreuzung vorschriftsmäßig die Straße zu überqueren, ist da richtig. Wie ein scheues Reh beim Wildwechsel hüpfen die Wunschpfadisten dann in einer Verkehrslücke behände über die Straße – oft begleitet vom Dauerhupen eines Berliner Fahrzeuglenkers mit Pressluft-Fanfare. Das ist das in dieser Stadt gebräuchlichste Instrument zur Belehrung von Abweichlern.
In einer Erläuterung wird der Wunschpfad so beschrieben: „Der Begriff Wunschpfad, auch bekannt als Wunschlinie („desire line“), beschreibt inoffizielle Pfade, die entstehen, wenn Menschen angelegte Wege umgehen, um effizientere oder bevorzugte Routen zu nutzen“. Diese im Deutschen sehr viel unschöner „Trampelpfad“ genannten Wege bilden sich durch massenhaftes Begehen von Grasflächen oder unbefestigten Flächen. Wunschpfade sind Wege, die sich selbst erschaffen. Es gibt sie überall auf der Welt. Menschliche Verhaltensweisen ähneln diesbezüglich dem Wasser, das sich früher oder später einen neuen Weg sucht, wenn man es aufstaut.
Sie ahnen vielleicht schon, worauf das hier hinausläuft, nämlich auf die Frage, wie der Mensch blödsinnige Hindernisse und Mauern umgeht, die ihm nicht gefallen und seiner Wunschlinie im Wege stehen. Auch der Wählerwunsch wird sich früher oder später einen gangbaren Weg suchen, so vernagelt die Landschaft auch sein möge.
Der autoritäre Ansatz, um eine Wunschlinie zu beseitigen
Kluge Landschaftsgestalter wissen das und machen sich die Weisheit der Massen zunutze. Die Universitätsleitung der University of Oregon (Eugene) beispielsweise engagierte den Wiener Architekten Christopher Alexander. Der hatte sich über die Natur des menschenzentrierten Designs Gedanken gemacht, also über das Gegenteil dessen, was man in Deutschland unter Politik versteht. Nach seinem Plan wurde ein neu zu gestaltender Campus zwischen den Universitätsgebäuden einfach planiert und mit Rasen besät. Die Trampelpfade, die sich nach Monaten herausgebildet hatten, wurden dann zu befestigten Wegen umgestaltet, sprich „Desire Lines“.
Hierzulande ist der Wunsch der Massen jedoch keineswegs Befehl, ganz im Gegenteil: Man begreift die Insubordination als Herausforderung, der auf keinen Fall stattgegeben werden darf. Und so folgt die herrschende Klasse dem autoritären Ansatz, um eine Wunschlinie zu beseitigen: Man blockiert sie mit irgendeinem Hindernis – einem Zaun, einem Busch, einem Haufen Gestrüpp, einem scharf formulierten Verbotsschild, dem Verfassungsschutz oder Georg Restle. Die Eskimos haben angeblich 100 Wörter für Schnee, wir Deutschen gesichert 100 scharfe Schilder für „Durchgang verboten“. Und natürlich die Pressluft-Fanfare des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. 265.000 Menschen, die einen deutschen Pass besitzen, wählten auch deshalb im vergangenen Jahr eine sehr direkte Wunschlinie: Sie wanderten aus.
Europäische Länder wie Italien, Niederlande, Österreich, Großbritannien, Schweden oder Dänemark sind gerade dabei, den Campus neu zu gestalten, und die regierenden Parteien bewegen sich entlang eines Wunschpfades der Bevölkerung, der sich in den letzten Jahren herausgemendelt hat und trotz unterschiedlicher Parteien erstaunlich ähnlich verläuft. In Deutschland sind derweil noch ganze Bataillone von Ordnungshütern unterwegs, die jeden Tag neue Verbotsschilder aufstellen, Stolperfallen installieren oder die Alarmsirene betätigen, damit keiner durch den mit der Schere manikürten geistigen Vorgarten läuft.
Es kann einem ganz schwindlig werden
Die vergangene Woche war in dieser Hinsicht sehr unterhaltsam. An einem Tag war die AfD noch gesichert rechtsextrem, einen Tag später nicht mehr wirklich, an einem Tag wurden die Grenzen gesichert wie vor 2015, am nächsten dann doch nicht so ganz, morgens wurde in Sachen Migration der "nationale Notstand" ausgerufen, am Nachmittag nicht mehr, heute soll der Verbrennungsmotor verboten werden, morgen gibt’s Aufschub und so weiter und so fort. Es kann einem ganz schwindlig werden, so kurvt das Land um die „Desire Line“ seiner Bürger herum. So allmählich weiß niemand mehr, welches Verbotsschild gilt und welches nicht. Aber vielleicht ist das ja Absicht.
Doch wie heißt es auf Wikipedia so schön: „Seit den ersten Untersuchungen zum Fußverkehr in den 1960er Jahren ist klar, dass die scheinbar ‚chaotische‘ Bewegung von Fußgängern gewissen Regelmäßigkeiten unterliegt. Dies gilt insbesondere für Fußgänger, die ein bestimmtes Ziel haben. Um dieses zu erreichen, wählen Fußgänger normalerweise die kürzeste Route. Die Abneigung des Fußverkehrs, Umwege zu laufen, ist ausgesprochen groß, selbst wenn man über den direkten Weg nur langsam vorankommt.“
Will sagen: Wenn Friedrich Merz nicht schnell zur Sache kommt, dann wählen seine Leute demnächst direkt die Konkurrenz auf der anderen Straßenseite und machen über die Fahrbahn rüber wie eine Rotte Wildsäue. Auf die Dauer hält sie auch kein "Durchgang verboten" mehr auf. Niemand schlägt auf ewig die Gesetze des Wunschpfads. Auch die Stalin-Allee nicht.
Dirk Maxeiner ist einer der Herausgeber von Achgut.com. Von ihm ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Zu beziehen hier.
Beitragsbild: Ruslan Taran - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons Emilio Gómez Fernández - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es gibt wohl viele Orte, wo ich gerne auch eine Tasse Kaffee trinken könnte. Weder Berlin noch die oben beschriebene Chaussee werden jemals dazu gehören. Wie abgestumpft muß man sein. In Ihren Fall, Herr Maxeiner, ist die Abkürzung ein langer Bogen um Berlin.
Es gibt noch einen anderen Vergleich: Ein großer blauer Fluss fließt abwärts. Die lieben Kleingeister aus Brüssel glauben, das Flusswasser sei böse. Es darf nicht ins Tal fließen. Also bauen sie eine Staumauer und applaudieren dann minutenlang. Erst fließt tatsächlich kein blaues Wasser mehr ins Tag, aber kurze Zeit später bahnt sich doppelt so viel Wasser seinen Weg ins Tal. Solche Staumauern haben die Kleingeister in Rumänien und in Frankreich gebaut und sie versuchen es auch in Deutschland.
Der Wunschpfad entstand auch aus dem Streben heraus, sich bei der verordneten Maidemonstration an einer strategisch günstigen Stelle seitlich in die Büsche zu schlagen und davonzustehlen. Auch da muss man aufpassen.
Lieber Herr Maxeiner, von den Parkplätzen an Autobahnen gingen früher Pinkelpfade ab, wo weiter hinten durch vergammeltes Papier zu finden war. Bis irgendwann die hohe Zeit der Zäune anbrach. Und genauso sieht der Zwangsfunkblock das AfD-Verbot.
Die Karl-Marx-Allee ist nicht in Berlin, sondern in Ostberlin!
Die Deutschen werden erneut zu spät erkennen, dass die Stalin-Allee eine Sackgasse ist.
Die Idee, dass die Wege eines Parks nach den Wunschlinien seiner Begeher angelegt werden sollen, wurde schon zu Beginn der 70er Jahre im Olympiapark in München umgesetzt.