Ein edles Münchner Schuhhaus weckte mit einem frechen Slogan zur IAA das Interesse der Ermittlungsbehörden. Ein Sonntagsausflug durch das Labyrinth dessen, was in diesem Land wie, wann, wo und von wem gesagt werden darf.
Das Schuhgeschäft von Brigitte Meier liegt in der Brienner Straße am Wittelsbacherplatz im Herzen von München und verkauft handgemachte Schuhe für die gehobene Loden-Kundschaft mit Zweitwohnsitz am Starnberger See. Die fällt zwar durch erlesen-rustikales Outfit auf, ist jedoch in den letzten 100 Jahren nicht durch Widerstand gegen die jeweilige Staatsgewalt oder ähnliche die öffentliche Moral gefährdende Handlungen hervorgetreten. Nun begab es sich vergangene Woche, dass die „IAA Mobility“ mit öffentlichen Ständen in der Hauptstadt der Bewegung gastierte, wo die „Zukunft der Mobilität“ in Szene gesetzt wurde – unter anderem mit einem lebensgroßen Lego-Rennwagen. Bunte Klötzchen gelten in Deutschland als Ausdrucksmittel besonderer Kreativität und kommen in der kollektiven Erinnerung der Post-Aufklärungs-Generation gleich nach dem Werfen von Teddybären.
Der „Zentrale Treffpunkt für Mobilität, Nachhaltigkeit und technologische Inovationen“ führte dazu, dass beim Schuhhaus Meier, dem „ehemals königlichen Hoflieferanten“, das Telefon klingelte und sich die Münchner Kripo meldete, gewissermaßen „by appointment to his majesty the king of Bavaria“, wie es im Briefkopf des Unternehmens heißt.
Ein besorgter Kommisar ging um und begehrte bei der Chefin des Edeltreter-Reservats Auskunft über einen provokativen Schriftzug an der Schaufensterfront, der dem Publikum mitteilte: „Besser gut gegangen als schlecht gefahren“. Handelte es sich womöglich um Vandalismus, hatte jemand die Schaufensterfront mit einer Graffiti „geschändet“? Die Behörden müssten da jedem Verdacht nachgehen, ließ der Anrufer wissen.
Eine Zusammenarbeit von Antifa und Schuhfa?
Brigitte Meier konnte den für die öffentliche Ordnung zuständigen Ordnungshüter aber beruhigen: „Das war kein Störenfried, sondern wir selber“. Als einer der Traditionsanbieter von Schuhwerk habe man die Graffiti-Beklebung selbst ersonnen und gestaltet, „wir machen während der IAA auf das längste bewährte Fortbewegungsmittel aufmerksam – den Schuh“. Das Auto an sich sei aber „unseren Kunden und uns lieb und wichtig“.
Die Delinquentin konnte den Anfangsverdacht staatsfeindlicher Aktivitäten damit hinreichend entkräften. Eine Zusammenarbeit von Antifa und Schuhfa darf vorläufig ausgeschlossen werden. Auch eine Querfront zwischen Klimaklebern und Schuhklebern liegt wohl nicht vor. Zwar stimmt man in der Überzeugung überein, der Mensch möge sich mehr zu Fuß bewegen, bevorzugt aber handwerklich sehr unterschiedliche Methoden.
Meier klebt nicht, sondern näht, beispielsweise den „Andrassy Loafer – handrahmengenähter RedTongue auf dem 385 Peduform-Leisten“ für 1.280 Euro. Das ist zwar ungefähr 20 mal so viel wie für einen chinesischen Gummitreter von Adidas aufgerufen wird, der allerings nach einem halben Jahr aussieht wie ein Schlauchboot, dem man die Luft herausgelassen hat. Die Anschaffung rechnet sich also, vorausgesetzt man weiß noch wie man Schuhe putzt. Als Besitzer eines handgenähten Paars Budapester Schuhwerks aus dem letzen Jahrundert, weiß ich, wovon ich rede. Ich bin sehr froh, dass ich mir das im Vorgriff auf schwierige Zeiten geleistet habe, fühlt sich so an wie mein abbezahltes klein Häuschen und macht einen schlanken Fuß. Wer das jetzt immer noch zu teuer findet, erkundige sich einmal nach den Eintrittspreisen für die Kern-IAA in den Münchner Messehallen: Das Tagesticket kostet 225 Euro.
Man darf dafür aber nur einen Tag lang rumlatschen und sich nachhaltig agitieren lassen, während man mit Meier-Schuhen ein halbes Leben lang die Maximilianstraße auf und ab schreiten kann, etwa um einen Espresso mit Wasser für 8,50 Euro zu trinken und saudischen Prinzen mit ihrem Harem beim Shoppen zuzuschauen. Beides ist eher nichts für das gemeine Volk, es sei denn man hat sich in besseren Zeiten ein Paar Handgenähte zurückgelegt und lässt sich von Mutti einen Kaffe in der Thermoskanne mitgeben.
Der Plebs – "its all about mobility" – soll indes dank der 15-Minuten-Stadt dreimal täglich mit Adiletten ins Freie treten, ohne den gehobenen Schichten die Aussicht zu versperren. Die politische Gemengelage ist also unübersichtlich, es besteht aber eine mögliche Brücke zwischen traditioneller Schuhfertigung und neuer Automobilherstellung. Der Hundefreund kennt es aus dem Metzgerladen: "Wir müssen draußen bleiben".
Saudische Potentaten und der bayrische Hochadel
Wobei in mir nach wie vor der Verdacht keimt, dass Brigitte Meier und die ihren, darunter die „Schuh-Sommelière Frau Sig. Gobbo und Herr Wiskocsil [Vyskocil]“, einen gewissen Schalk im Nacken, respektive in der Ferse haben. „Besser gut gegangen als schlecht gefahren“ ist schließlich eine vieldeutige Losung, die sich beispielsweise auch auf die wenig verkehrssichere Herrschaftsweise unserer derzeitigen Regierenden beziehen könnte.
Aber obacht! In diesem Falle wäre die Meier-Werbung ja sozusagen ein verdeckter Code und als Hass und Hetze zu werten oder gar als Tatbestand der Politikerbeleidigung nach Paragraph 188 StGB. Der hat zur Aufgabe, die „Vergiftung des politischen Lebens“ abzuwehren, ähnlich wie im legendären Fall Schwachkopf / Habeck. Auch ein inzwischen freigesprochener Taxi-Unternehmer aus dem bayrischen Miesbach hatte sich mit einem schmählichen Politikerplakat "Wir machen alles platt" den Zorn der tropfenden Politiknasen zugezogen.
Gewisse Indizien sind auch in diesem Fall vorhanden: Unbestreitbar zielt die meiersche Schuhfertigung auf ein betuchtes konservatives Publikum. Saudische Potentaten und der bayrische Hochadel sind sich in vielen weltanschaulichen Fragen erstaunlich nahe, etwa in der, wie eine korrekte Ledernaht auszusehen hat. Liegt hier womöglich auch eine gewisse Scharnierfunktion zur Prepper- und Reichsbürger-Szene vor? Ich sage nur: Heinrich XIII Prinz Reuß, vom Bundesanwalt zum Anführer von Mordor erklärt, und vor Gericht mit tadellosem Trachten-Janker und handgefertigtem Lederschuhwerk erscheinend. Solchen Gruppierungen ist einfach alles zuzutrauen, sogar Kritik am Elektroauto.
Sehr herausfordernd für das Meldewesen
Bei dem Slogan „Besser gut gegangen als schlecht gefahren“ könnte es sich schließlich auch um eine subtile Herabsetzung der Idee des elektrischen Fahrzeugs respektive der Reichweite seiner Batterien handeln. Will hier jemand die zur Rettung des Weltklimas unabdingbare Verkehrswende ins Lächerliche ziehen? Hierbei handelt es sich zwar noch um eine Äußerung unterhalb der Strafbarkeitsgrenze, die dessen ungeachtet aber bei den Hütern von "Unseredemokratie" gemeldet werden kann, was ja offenbar auch geschah.
Apropos "Unseredemokratie" und zu Fuß gehen. Die satirebegabte meiersche IAA-Schuhhauswerbung weist den Weg zu einer anderen aktuellen Werbekampagne mit dem Slogan „Wie weit gehst Du für unsere Demokratie?“ Es handelt sich dabei jedoch nicht um Reklame für handgenähte Wanderschuhe, sondern für die sogenannte Bundeswehr, also einen desperaten Restbestand der Bonner Republik. Dazu wird eine junge Frau mit blondem Zopf in voller Kampfmontur gezeigt. Blonde Zöpfe? War da nicht was? Fragen über Fragen: Soll die Bundeswehr jetzt auch im Inland eingesetzt werden? Muss sie jetzt vom Verfassungsschutz beobachtet werden? Wann ruft die Münchner Kripo im Verteidigungsministerium an?
Wie weit gehst Du für unsere Demokratie? Im Netz wird jedenfalls gerätselt, beispielsweise auf Instagramm: „Für ‚eure‘ Demokratie gaaaaaaaanz weit weg, wenn ihr mich einziehen wollt“ Sehr schön auch: „Ist das ’ne Aufforderung, den Bundestag zu stürmen?“. Ich weiß nicht, wie humorbegabt die AfD ist, aber für das deutsche Meldewesen sehr herausfordernd wäre jetzt ein Plakat mit Frontfrau Alice Weidel unterm Stahlhelm, auf dem gefragt wird: „Wie weit gehst Du für unsere Demokratie?“ Und dazu wie gehabt: „Werde Teil, der Truppe. Für Dich. Für alle“.
Dirk Maxeiner ist einer der Herausgeber von Achgut.com. Von ihm ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Zu beziehen hier.
Beitragsbild: Tom Harpel aus Seattle, Washington, United States - Flickr, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Wenn die Aktivität der Kripo und sonstiger Verteidiger der Unserendemokratie [TM] weiterhin zunimmt, wird bald der andere Slogan aktuell: „Lieber gut (weg)laufen, als schlecht sitzen“.
@M. Buchholz – Söder sagte zum verehrten Robert Habeck: „Geh‚ mit Gott – Hauptsache weit weg„. Das ist das vermutlich verbal das Äußerste, was man sich als Ministerpräsident leisten kann, ohne direkt: “Fahr zur Hölle„ zu sagen. Es wissen aber ohnehin alle, wie es gemeint war.
@Mats Skinner: Letztens wurde in einem Kommentar die Schreibweise „Fuck the Checker“ benutzt. Leider nicht deutsch aber in dem Fall tolerabel ;-).
Werbung?Kann ich auch (ca.60J.alter Spruch aus München):„ Selbst der Eunuch,der Hodenlose,trägt von “Frey„die Lodenhose.“
Besser schlecht gefahren als gut gelaufen ? awer Hauptsach gutt getrunk unn gutt gess !
Die retrograde Strafbarkeitsgrenzanhebung scheint dem Autor noch nicht untergekommen zu sein …
Ich mach auch mal Werbung: Trippen Schuhe, Berlin. -Ich finde, das sollte man auch, nämlich gute Adressen sammeln. Ich kenne u.a, eine phantastische Knopffabrik in Augsburg, richtig gute Horn- und Lederknöpfe.
Wer weiß denn schon wie lange in diesem Lande noch Qualitäten zu finden sind. Der Zukunftsschuh ist barfuß im Sommer, bei Steinschlag die Sandale, im Herbst mit Socken, im Winter mit Filz als Überzieher. Einige üben schon – zumindest hier. Da läuft ein Herr aus der ehemaligen Ostzone den ganzen Sommer lang, obs regnet oder stürmt, barfuß. Er sagt, dass er es im Rücken hätte – mmmm, dann wäre ein Auto doch besser oder tatsächlich angepasste Schuhe, die beim Abrollen des Fußes ganz neue Federungen im Rücken auslösen, ja ja