Der Sonntagsfahrer: Goodbye Kaluga

Viele Schilderungen in diesem Text basieren auf einem von mir 2008 veröffentlichen Text. Ich habe sie unverändert gelassen, um darzustellen, wieviel weiter wir schon einmal im Zusammenleben waren.

Vor ziemlich genau 14 Jahren, Anfang Februar 2008, führte mich mein Weg nach Kaluga, 190 Kilometer südwestlich von Moskau. Volkswagen baute dort ein riesiges Automobilwerk auf, mit rund 4.000 Mitarbeitern und in den räumlichen Dimensionen Wolfsburg vergleichbar. Es hat mich deshalb doch seltsam berührt, als VW vergangene Woche bekanntgab: „Vor dem Hintergrund des russischen Angriffs hat der Konzernvorstand entschieden, die Produktion von Fahrzeugen in Russland bis auf Weiteres einzustellen". Wer dem Zauber beiwohnte, den das Vorhaben am Anfang ausstrahlte, kann einfach nur traurig sein.  

Chinesische Marken können nun in die Lücke stoßen, die der Rückzug westlicher Anbieter hinterlässt. Autos lassen sich ersetzen, Werke lassen sich auf andere Modelle umstellen, aber die menschlichen Verbindungen sind nicht so ohne Weiteres reproduzierbar. In dieser Beziehung hatte sich enorm viel entwickelt in den letzten 15 Jahren, zum beiderseitigen Nutzen, aber auch in Form von unbezahlbarem humanen Mehrwert. Und jetzt saust die Faust herunter, und es menschelt allenfalls im Schatten der Politik heimlich und privat weiter, stets in der Hoffnung, dass sich die Dinge irgendwann wieder einrenken mögen. Aber wie die Geschichte lehrt, kann das sehr lange dauern. 

Ich legte 2008 die Strecke nach Kaluga in drei Tagen – wie es sich gehört, mit einem Volkswagen – zurück, keine Sonntagsfahrt, aber ein Erlebnis, das man nicht vergisst. Mit dem Flugzeug wären es nur ein paar Stunden über dünn besiedeltes Land gewesen. In Amerika nennen sie die anonyme Region am Boden „Flyover country". Wer die Menschen, die dort unten leben, verstehen will, muss sich freilich in die Niederungen der Landstraßen begeben. Egal ob in USA oder Russland.

Bei der Abfahrt in Wolfsburg kannte das Navigationsgerät den Zielort Kaluga noch nicht. Warschau akzeptierte es. Ich nahm die Europastraße 30, die bis nach Moskau führt. Die Route ist leicht zu merken: nach Osten, und dann immer geradeaus. Der Schriftsteller Wolfgang Büscher, der zu Fuß von Berlin nach Moskau gegangen ist, hat es einmal so formuliert:

„Hatte ich in Brandenburg gefragt, wo der Osten anfange, war die Antwort gewesen, drüben in Polen natürlich. In Polen hieß es: Der Osten fängt in Warschau an... Östlich von Warschau stand die Antwort wiederum außer Zweifel: Einfach die Straße nach Bialystok hoch... In Belarus sollte es wiederum von vorne losgehen. Der Osten wurde weiter und weiter gereicht, von Berlin bis Moskau. Bis kurz vorher, um genau zu sein, denn Moskau ist wieder Westen.“

Das Rennen Hase gegen Igel

Auf der E 30 verkehrt ein munterer polnisch-deutsch-russischer Mix von Auto-Kennzeichen – egal wo man sich zwischen Berlin und Warschau gerade befindet. Die Suche nach dem Osten erinnert so an das Rennen Hase gegen Igel: Der Westen ist immer schon da. Und wer in umgekehrter Richtung fährt und den Westen sucht, der wird feststellen: Der Osten ist auch immer schon da. 

Falls ein Außerirdischer irgendwo auf dieser Route ausgesetzt werden sollte, kann er sich im Prinzip ganz einfach orientieren. Sieht er ein oder gar mehrere Windräder, dann ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit in Deutschland. Eine zunehmende Dichte von riesigen Flachbildschirmen weist hingegen nach Osten. Und so viel sei ebenfalls schon verraten: Betritt er ein sehr gutes Restaurant, in dem gleich drei überdimensionierte Flachbildschirme Dienst tun, dann könnte dies in Kaluga sein. 

Auch die kleinen Straßencafes an der Straße nach Moskau wären für Ethnologen ein wunderbares Studienobjekt. Hier lässt sich ablesen, wie Menschen fremde Einflüsse verarbeiten, sie aufnehmen und oft zu etwas Neuem verwandeln. Die bunte westliche Waren- und Markenwelt ist angekommen und mischt sich auf oft wundersame Weise mit dem russischen Lebensstil. Dabei kommen ganz unterschiedliche Stadien der ost-westlichen Konversion heraus. 

Der große russische Schriftsteller Dostojewski konnte sich bestimmt keine völlig überlasteten achtspurigen Stadtautobahnen in Moskau vorstellen, er hat aber den kulturellen Überbau für die russische Fahrweise formuliert: „Von Zeit zu Zeit rücksichtslos zu sein, sichert eines der kostbarsten und wichtigsten Dinge: unsere Persönlichkeit, unsere Individualität.“ 

Sogar die Finanzbeamten tragen eine Uniform

Nach drei Tagen komme ich in der 350.000-Einwohner-Stadt Kaluga an. Sie liegt südwestlich von Moskau, die dazugehörige Region „Oblast-Kaluga“ hat in etwa die Ausdehnung von Belgien. Meine ein perfektes Deutsch sprechende Stadtführerin gibt mir einen politisch-architektonischen Schnellkurs. Der monumentale Theaterplatz sei „Stalin-Ära“. Die schnell gezimmerten Plattenbauten: „Chruschtschow.“ Die freitragende Markthalle: „Breschnew“. Die dort dargebotene Warenvielfalt: „Putin“. 

„Was sie hier sehen, steht in seiner Dimension Wolfsburg nicht viel nach“, sagte der Werksleiter und zeigte hinaus auf das verschneite vier Quadratkilometer große Areal am Rande der Stadt. Wer einen solchen Job macht, muss ein Meister der Improvisation sein. Die russische Bürokratie ist gefürchtet. Vieles ist in Russland militärisch organisiert, sogar die Finanzbeamten tragen eine Uniform. Jeder Vorgesetzte hat in Russland eine kleine Armee  hinter sich. „Und wenn jemand hier mit einem roten Stempel durchläuft“, so weiß Produktions-Experte Grünberg, „dann ist der wichtig“. Der Economist schrieb in seiner Russland-Analyse: „Wenn jeder jeder Vorschrift und jeder Anweisung folgen würde, dann würde das Land sofort stillstehen.“ 

Während draußen zweitausend Bauarbeiter eines türkisch-iranischen Konsortiums Mauern und Dächer hochzogen, liefen in der ersten Halle bereits die ersten VW-Passat und Škoda Octavia vom Band. Der Besucher fühlte sich da draußen unwillkürlich an das Tempo des Eisenbahnbaues in den USA des 19. Jahrhunderts erinnert – und an die damit verbundene Aufbruchstimmung.

VW-Rus konnte neue Mitarbeiter gar nicht so schnell finden, wie sie benötigt wurden. Was aus der Ferne sehr einfach erscheint, entpuppt sich vor Ort oft als überraschend schwierig. Beispielsweise war in Russland die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber traditionell nicht sehr ausgeprägt: „Wenn jemand woanders etwas mehr Gehalt geboten bekommt, ist er schnell weg“, erzählte der VW-Personalmensch. Und: Mit einem russischen Durchschnitts-Gehalt sei es nicht leicht, eine Familie zu ernähren: „Auch unsere Leute haben meist noch einen zweiten Job in ihrer Freizeit“.

Schließlich stand ein ehemaliger Admiral der Sowjetflotte auf

Als die deutschen Mitarbeiter auf der Suche nach Vereinfachungen und Verbesserungen im Produktionsprozess am Band das Gespräch suchten, mussten sie erst einmal feststellen: „Die Leute waren misstrauisch und dachten nur, wir wollen sie kontrollieren“. In einer Betriebsversammlung stießen sich dann die Mentalitäten hart im Raume. Während die meisten jungen russischen Mitarbeiter für Teamwork votierten, schüttelten viele Ältere mit dem Kopf. Schließlich stand ein ehemaliger Admiral der Sowjetflotte auf: „Einer muss befehlen und die anderen haben zu folgen, sonst funktioniert das hier nicht.“

Als problematisch erwies sich auch das bei Volkswagen und vielen westlichen Firmen übliche „Vieraugen-Prinzip“. Das besagt, dass jede relevante Vorlage von zwei Personen abgezeichnet werden sollte. „Dafür hatte die russische Seite nun überhaupt kein Verständnis“, erinnerten sich die VW-Leute. Zwei Unterschriften würden nach russischem Verständnis als Hinweis darauf gedeutet, dass keiner der Unterzeichner wirklich zur Entscheidung befugt ist: „Sämtliche Verträge kamen prompt zurück.“ 

Vor dem Sitz des Gouverneurs der Region Oblast-Kaluga grüßte uns eine Lenin-Statue mit ausholender Handbewegung. Das Gebäude ist in etwa der gleichen Zeit entstanden wie das Verwaltungshochhaus von Volkswagen in Wolfsburg. Die Innenarchitektur ist sich verblüffend ähnlich. Maxim Akimov, seinerzeit stellvertretender Gouverneur, war gerade mal vierzig Jahre alt und empfing uns in seinem Büro. Auf seinem Schreibtisch stand ein kleines Atom-U-Boot. In der Stadt werden die Turbinen dafür hergestellt. Wolfsburg wird oft der Beiname „Autostadt“ gegeben. Kaluga nimmt für sich hingegen den Begriff „Weltraumstadt“ in Anspruch.

Steht Wolfsburg für den Aufbruch in die Massenmotorisierung, so steht Kaluga für den Aufbruch in den Weltraum. 1957 sendete der erste Satellit „Sputnik“ seine piepsenden Signale zur Erde. Die theoretischen Grundlagen dafür hatte Konstantin Ziolkowski gelegt, berühmtester Sohn der Stadt, die den Sputnik in ihrem Wappen trägt. Ein Raumfahrtmuseum im Stile des sowjetischen Futurismus wurde zu seinen Ehren errichtet. Beide Städte symbolisieren den Glauben an den Fortschritt, der die Welt in den Nachkriegsjahren erfasst hatte – und den Wettlauf der Systeme.

Als sei er nicht in Kaluga, sondern in Detroit aufgewachsen

2008 war ein Wettbewerb der Standorte daraus geworden. 2022 zerschlägt der Wettbewerb der Systeme das aufgebaute Vertrauen binnen Wochen erneut. „Volkswagen“, so sagte Akimov damals, ist für uns ein „Leuchtturmprojekt“. Davon angezogen würden sich in Kaluga weitere Automobilwerke und Zulieferer mit insgesamt zehntausend Arbeitsplätzen ansiedeln: „Wir werden hier zu einem Automobil-Cluster“. Mit englischen Fachausdrücken ging Akimov so routiniert um, als sei er nicht in Kaluga, sondern in Detroit aufgewachsen. Das ist typisch für die neue Generation russischer Führungskräfte. Wir treffen immer wieder auf den gleichen Typus: smart, sportlich, gut angezogen, noch besser ausgebildet, akzentfreies Englisch. Das verdichtet sich zu einem ausgeprägten Selbstbewusstsein. 

Etwas entfernt am Stadtrand von Kaluga liegt das „Berufslyzeum Nummer 18“. Das Volkswagen-Trainings- und Ausbildungszentrum wohnte dort gleichsam zur Untermiete. Der VW-Ausbildungsleiter stammte aus Portugal und war auf Seiten von Volkswagen der Leiter dieses deutsch-russischen Bildungs-Joint-Ventures. Aber was heißt hier schon deutsch-russisch: Die „Deutschen“ von Volkswagen sind oft überhaupt keine Deutschen mehr. Der Finanzchef stammt aus Tschechien, der Ausbilder aus Portugal und so weiter und so fort. Deutschsein hat in Kaluga mit der Nationalität nicht mehr viel zu tun. Es geht eher um ein bestimmtes Ethos. „Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Wissen, hoher Qualitätsanspruch“, meint Vize-Gouverneur Akimov. 14 Jahre später geht es plötzlich wieder ums deutsch sein und ums russisch sein. Und zurück bleiben maßlos enttäuschte junge Leute, die sich wohl eine andere Ausbildungsstätte suchen müssen.

In den frisch renovierten Räumen des Ausbildungszentrums summten 2008 die modernsten Computer. Im Keller arbeiteten zwei Auto-Prüfstände der jüngsten Generation. Junge Menschen wuselten umher und büffelten. Kaum gegründet, platzte das Zentrum schon wieder aus allen Nähten. Der russische Direktor des Joint-Ventures hatte Kaffee und Kuchen auffahren lassen. Der große mächtige Mann reichte ein paar Bilder herum, die die Räume vor der Renovierung zeigen – in desaströsem Zustand. Er interessierte sich nicht nur für Technik, sondern auch für deutsche Kultur, wollte wissen, was die Besucher von Brahms halten und von Nietzsche. Ich dachte mir im Stillen: Der kennt sich in deutscher Kultur besser aus als wohl 99 Prozent der Deutschen.

Er will mir noch einige Räume zeigen, die demnächst hinzukommen. Am Ende des modernen Flurs öffnet er eine Tür – und wir verlassen abrupt das 21. Jahrhundert. Die Kacheln im Treppenhaus dahinter sind in jenem Industriegrün gehalten, das sich in der Sowjetära über die öffentlichen Räume ausgebreitet hat. Es riecht nach Apparat. An den Wänden stapeln sich verstaubte Bündel mit alten Schulbüchern. Darüber ruhmreiche Symbole des Sowjet-Systems. Wir betreten die Schulbibliothek.Tolstoi und Majakowski blicken auf uns herab. Ein Bibliothekarin sitzt an ihrem Pult und hält einsame Wache.

Zwischen dem neuen Russland und dem alten lag damals nur der Schritt über eine Türschwelle. Für mich waren es seinerzeit 1.992,29 Kilometer. Und im März 2022 ist die Distanz plötzlich wieder weiter als die zum Mond. Ich hätte bei meinem damaligen Besuch vieles erwartet. Aber das gewiss nicht. Der Leuchtturm leuchtet nicht mehr.

 

Von Dirk Maxeiner ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Portofrei zu beziehen hier.

Foto: Tsiolkovsky State Museum of Cosmonautics

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HaJo Wolf / 13.03.2022

Das VW-Werk zu schlißen ist völliger Unsinn. Die Arbeiter können die Familien nicht mehr ernähren, die Autos werden nicht mehr verkauft (die Mehrzahl ging sicher in den Export). die Lücke wird schneller von China besetzt, als man VW sagen kann. Mit bestem Dank an die saudämliche deutsche Politik.

Marcel Seiler / 13.03.2022

Der Westen hat nach der Wende Russland die Chance gegeben, Teil des im Verhältnis blühenden westlichen Wirtschaftssystems zu werden. VW war ja nicht allein. Dass Russland diese Chance nicht nutzen konnte oder wollte, ist nicht dem Westen zuzuschreiben.  Wenn Putin sich von der Überlegenheit des Westens “gedemütigt” fühlt, anstatt dessen Schätze für sich zu nutzen, kann ihm niemand helfen. (Die Palästinenser machen es Israel gegenüber ja ähnlich, mit ähnlichen Folgen. Japan, Korea, Taiwan und andere asiatische Staaten haben ihre Chance genutzt, ebenso die neuen östlichen EU-Mitglieder.)

Rainer Berg / 13.03.2022

Wenn man in den vergangenen Tagen die Medien (leider inzwischen auch Medien wie TE oder Reitschuster) verfolgt, sind die Russen das Böse überhaupt. Es tut gut, in diesem Artikel über Menschen zu lesen, einfache Menschen, die nicht von Gendern und Frauenquoten träumen, sondern schlicht ambitioniert ihrer Arbeit nachgehen und damit ihr Land und ihre persönliche Situation etwas besser machen. Auch Putin hat zwei Seiten. Einerseits hat er eindeutig in wirtschaftlicher Richtung viel für sein Volk erreicht, andererseits ist er jetzt für einen Krieg verantwortlich. Keiner von denen, die jetzt über seine Motive schreiben weiß wirklich, was er denkt. Die Zukunft wird zeigen, ob es ihm bei diesem Krieg hauptsächlich um die Sicherheit Russlands oder eine Expansion geht. Wenn er für die Sicherheit seines Landes sorgt, ist er ein gutes Staatsoberhaupt. Sind es andere Interessen, ist er nicht besser, aber auch nicht schlechter als die Führer der westlichen Staaten (ausgenommen Trump, der hat keinen Krieg angefangen und hat daran gearbeite, laufende zu beenden und bisherige Feinde zu Partnern zu machen), die für den günstigen Zugang zu den Ressourcen anderer Länder Millionen Tote in Kauf nehmen. In jedem Fall sind es aber nicht russische oder amerikanische normale Menschen, die Kriege führen. Menschen wollen, egal wo auf der Welt, in der Regel ihrer Arbeit nachgehen und vom Erlös einigermaßen gut leben können. Kriege kommen immer von politischen Eliten, für die umgekommene Soldaten nur Zahlen sind.

Helmut Driesel / 13.03.2022

  Na ja, es gibt Zeiten, Klinken zu putzen, und Zeiten, Türen zu zu schlagen. Könnte man leicht modifiziert die alte Propheten zitieren. Der Schröder ist hoffentlich noch nicht in Sibirien?

Franz Klar / 13.03.2022

VW wären im Putinland ja auch gar nicht mehr absetzbar . Der jetzt wieder stolze Russe fährt Lada . Vorzugsweise mit nacktem Oberkörper , wenn dieser Klitschko - like aussieht ...

Hans-Peter Dollhopf / 13.03.2022

Herr Maxeiner, die Entfernung zu VW in Puebla in Mexiko beträgt Luftlinie 9800 km. Und die Heimat des Kapitals ist der Globus. Die locals winken überall Hu-huh! Komm, komm doch zu uns, wir wollen dienstbar sein! Und von deinem Reichtum den Rahm für unsere eigenen Pläne abschöpfen. Das Kapital ist der große Ermöglicher, für wen auch immer. Es hat sachlich entmenschlicht keine weiteren Spezialinteressen außer eigener Vermehrung. Man macht es sich zur Hure.

Lennart Giese / 13.03.2022

Ein interessanter Beitrag, der auch bei mir Erinnerungen wachruft. Als Student in der DDR war ich einige Male als Reiseleiter für Gruppenreisen in der Sowjetunion, und dabei recht weit im Osten bis zum Baikalsee. Einmal konnte ich auf private Einladung das Land im wunderschönen Altai besuchen. In einem weit abgelegenen sibirischen Dorf sprach ich auf dem Weg deutsch, und plötzlich hörten wir hinter uns „isch verschtehe alles“, eine ältere Rußland-Deutsche. Nie werde ich den Dorfladen vergessen: eine Metallschüssel voll kleiner Fische, ein Behältnis mit staubigen Keksen und dort wohl schwer verkäuflicher rumänischer Brandy. Was für ein Gegensatz Jahre später im Moskau des Post-sowjetischen Russland. Und dennoch wirkte der Luxus aufgesetzt, oft wie angeklebt. Wie weit entfernt wirkte der Ärger, als der junge Reiseleiter den streng von Intourist vorgegebenen Besuch in einem Revolutionsmuseum auch auf Bitten der Reisenden einfach strich und die sowjetische Aufpasserin völlig verunsichert war, wie sie diese eigenmächtige Abweichung ihren Oberen erklären sollte. Bei einem späteren privaten Moskaubesuch wohnte ich bei Bekannten in einer der gewaltigen Stadtrandsiedlungen. Ich fragte die Gastgeber, wie ich denn von da in die Innenstadt käme. Ganz einfach, sagten sie, haben mir einen Geldschein. Damit solle ich mich winkend an die große Allee stadteinwärts stellen, einer der vielen leeren Dienstwagen wird sicher anhalten. Und so kam ich schön bequem ins Zentrum beim Kreml.

G. Böhm / 13.03.2022

Der Pulverdampf wird sich verziehen und VW wird Produktionsstätten benötigen, in denen weiterhin Verbrenner gebaut werden dürfen. Ich vermute sogar, daß der russische Direktor aus dem Stand ein deutsches Gedicht hätte aufsagen können.

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