Der Sonntagsfahrer (11): Grünsein ist schwer

Vor 35 Jahren stieß ich in einer alten, stillgelegten Fa­brik in Offenbach auf diesen merkwürdigen Fahrradladen. Davor stand ein komisches Zweirad, das so­fort mein Interesse weckte: Ein Moulton. Es sieht mit seinen kleinen Rädern und dem filigranen Rohrrahmen aus wie ein Hightech-Klapprad. Und das ist es auch: Die Konstruktion stammt von Dr. Alex Moulton, dem Erfinder der Gummifede­rung des Austin Mini. Ursprünglich wurde es für britische Fallschirmspringer im zweiten Weltkrieg entwickelt, die nach der Landung nicht zu Fuß gehen wollten.

Das schräge Ding verführte mich zu einem Spontankauf – trotz des horrenden Preises. Das Moulton wiegt nur 10 Kilo, hat extrem leicht rollende Hochdruckreifen, sowie Federung vorne und hinten mit fünf Zenti­meter Federweg. Es lässt sich mit wenigen Handgriffen zerlegen und dann in einer Sporttasche unterbringen. In der Beschreibung heißt es, "Das Unisex-Rad ist bekannt für makellose Verarbeitung, exzellente Fahreigenschaften und universel­len Gebrauchswert".

So weit die Theorie. Und nun zur Praxis. Das mit den ex­zellenten Fahreigenschaften stimmt. Lediglich auf Feldwe­gen und mit tiefen Schlaglöchern habe ich keine guten Erfahrun­gen gemacht - die kleinen Rädchen verhaken und verkannten sich. Mein schwungvoller erster Abflug führte mich über einen breiten Graben und endete neben einem Ameisenhaufen. Leider gab es Zuschauer. Ich habe so getan, als sei dies die einzig adequate Weise von einem Moulton abzusteigen - schließlich wurde das Gerät für Fallschirm­springer ent­wickelt.

Auch das mit dem universellen Gebrauchswert stimmt. Das Moulton lässt sich kinderleicht und in wenigen Minuten aus­einandernehmen und verstauen. Einfach genial. Inter­essanterweise lässt sich das Moulton auch genauso leicht wieder zusammenschrauben. Mit einem kleinen Schönheits­fehler: Die Drahtzüge der Fünfgang-Nabenschaltung wollen nachher nicht mehr so wie vorher. Und das bedeutet: Von fünf Gängen sind hartnäckig nur noch zwei auffindbar.

Zum Glück ist der näch­ste Fahrrad-Reparaturbetrieb gleich um die Ecke. Dies  erlaubt tiefe Einsichten in die Psyche deut­scher Fahrradmechaniker. Das sind wirklich noch Herren. Sie wollen gebeten und umworben werden. Das Wort Dienstleistung kommt im metaphysischen Gesamtkonzept dieser Könige nicht vor. Und ein britisches Exoten-Fahrrad, das nicht bei Ihnen gekauft wurde, geht schon gar nicht.

Mit jeder Faser lassen sie ihre Überlegenheit spüren. Der Versuch, ein Problem zu erklären, wird mit dem Hin­weis beantwortet: "Stellen Sie es da in die Ecke, ich schaue mir das später an". Rückfrage, wie von der Au­toinspektion gewohnt: "Wann kann ich das Rad denn heute abend wieder abholen?". Keine Ant­wort, statt dessen fällt dem Herrn vor Schreck der Schrau­benschlüssel aus der Hand. Sein Gesicht durchläuft hinter­einander folgende Phasen: Hochgezogene Augenbrauen, Kopf­schütteln, schließlich Brechreiz: "Was heißt hier heute abend? Rufen Sie nächste Woche wieder an". Dreht sich um und geht.

Das Problem: Außerhalb von Großbritannien sind mir nur zwei Moulton-Werkstätten bekannt: Eine sitzt in Offenbach und eine in München. Diese gut ausgebildeten Fachkräfte schaffen die Gänge regelmäßig wieder herbei. Auf der Suche nach den verlorenen Gängen dürfte ich deshalb in den letzten 35 Jahren etwa 10.000 Kilometer zurückgelegt haben - mit dem Auto versteht sich. Angesichts meiner beschei­denen Frühlings-Ausflüge habe ich errechnet: Mein Moulton ver­braucht nach Umlage etwa 50 Liter Sprit auf 100 Kilome­ter. Aus ökologischen Gründen erwäge ich daher meine künftigen Fahrradausflüge mit einem Mercedes S 600 zu unternehmen.

 

 

Foto: Agence de presse Meurisse. Agence photographique/Bibliothèque nationale de France/ EI-13(2608) http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b9032757z Gemeinfrei via Wikimedia Commons

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