Dirk Maxeiner / 05.06.2022 / 06:15 / Foto: Richie Diesterheft / 43 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Wie kann man nur so doof sein, Teil 2

Ich halte es hiermit wie die großen Filmproduzenten, die einem erfolgreichen Streifen sogleich einen zweiten Teil hinterherschicken, um das Publikum bei Laune zu halten. Also beispielsweise „Planet der Affen, Part two", „Terminator 2", „Der Hobbit 2: Eine unerwartete Reise". Und jetzt eben auch „Wie kann man nur so doof sein, Teil 2". Wobei beim zweiten Teil dieser unerwarteten Reise nicht ich das Drehbuch geschrieben habe, sondern der Cadillac.

Es ist der erneute Versuch, die leidgeprüften Mitmenschen ein wenig zu erheitern und somit die Volksgesundheit zu befördern. Im dunklen deutschen Gemütsforst ist das inzwischen ein rares Erlebnis, in etwa so, als ob jemand im Keller eine Wunderkerze anzündet: Sie erhellt für eine Minute den Kerker, an dessen Wänden die Insassen mit fein säuberlichen Strichen die Zahl der Tage ihres Aufenthaltes markiert haben. 

Es ging im ersten Teil im Wesentlichen um eine Fahrt mit einem etwas älteren Cadillac (1995) in den sonnigen Süden, um dort Geld zu sparen. Das war mit gewissen Unterbrechungen der intellektuellen Lieferkette verbunden, hat aber letztendlich geklappt. Und auf der Rückreise kam noch eine überraschende Wendung hinzu.

Sanft wie ein fetter Kater schnurrte der Cadillac zurück Richtung Heimat, an Bord Sabine und ich sowie zwei Sonnenbrände, die die Warnblinkanlage ersetzten. In Slowenien nahmen wir kurz vor der österreichischen Grenze noch einmal einen tiefen Schluck aus der Zapfsäule mit dem dort staatlich gedeckelten 1,56-Euro-Sprit. 

Im Hotel Zur Post ein paar Erdbeerknödel

Der Gedanke, so herrschaftlich und obendrein staatlich subventioniert durch die Gegend zu gondeln, ließ uns sämtliche marktwirtschaftlichen Prinzipien behende aus dem Seitenfenster werfen – der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. Außerdem habe ich mich am Urlaubsort mit einem Fahrrad abgestrampelt, bin also entschuldigt. Solange mich dazu keiner zwingt, bin ich nämlich für den Pedalantrieb sehr begeisterungsfähig. Auf der Autobahn fühle ich mich als Konduktor eines Achtzylinders aber sehr viel wohler.

Und weil alles wie am Schnürchen lief, entschieden wir uns in Kärnten, im kleinen Ort Rennweg abzufahren und dort im Hotel Zur Post ein paar Erdbeerknödel zu verdrücken. Die hohen Berge ringsum wirkten so, als habe der Herrgott sie zur Bewachung unserer Urlaubskarosse aufgestellt. Das beruhigt den deutschen Autofahrer in mir, ich bevorzuge darüber hinaus Blickkontakt zu meiner mobilen Habe, damit keine Langfinger oder Vandalen sich am heiligen Blechle vergehen.

Ich gehöre damit zur Spezies des gemeinen deutschen Autoverrieglers. Die korrekte lateinische Bezeichnung lautet: Homo klaumirnix. Die Angehörigen dieser Lebensform sind rein äußerlich am gehetzten Blick erkennbar und treten meistens in Symbiose mit einem Brustbeutel auf.

Aber ich schweife ab, zurück in die Gemeinde Rennweg. Da passte eigentlich alles: der Parkplatz vor der Terrasse, gegenüber ein rauschender Bach und 50 Meter entfernt eine kleine Autowerkstatt. Der Reparaturbetrieb hätte mich stutzig machen sollen, tat er aber nicht. Und so begaben wir uns nach einem gemütlichen Stündchen zurück zum Auto, unter den durchaus neugierigen Blicken der Terrassengäste. Und es kam, wie es kommen musste. Der Anlasser sprach „Klack" und es folgte ein jämmerliches „Urgurgurg". Und dann eine Stille, wie man sie sonst nur auf hochalpinen Gipfeln genießen kann. Der Cadillac sagte gar nichts mehr, Sabine schwieg mit zum Dachhimmel gerichtetem Blick, die Terrassengäste stellten die Nahrungsaufnahme ein und blickten herüber, wie das Zirkuspublikum vor dem Auftritt des traurigen Clowns. 

Sabine schaute mich an und sagte nix

Ich hörte förmlich den Trommelwirbel und begab mich unauffällig nach vorne, um die Motorhaube zu öffnen. Falls Sie jemals versucht haben in einem vollbesetzten Zirkus unauffällig einem Riesen-Krokodil die Klappe aufzureißen, wissen Sie, was ich meine. Es gibt einfach Momente, in denen man unsichtbar sein möchte. Ich nahm die elektrische „Powerbank-Starthilfe" aus dem Kofferraum und schloss sie an: Ergebnis: Klack. Urgurgurg. Das klang verdächtig nach einem Zweiturlaub in Kärnten. Der Gedanke erschreckte mich nur begrenzt, schließlich hatte ich zuvor die Speisekarte der "Post" studiert. Ich kehrte hinters Steuer zurück und suchte die Nummer der ADAC-Pannenzentrale raus. Sabine schaute mich an und sagte nix. Das fand ich sehr nett von ihr, denn ich wusste, was sie sagen wollte. Sie wollte sagen: „Immer deine Scheiß-Autos". Aber sie schwieg. Danke, Sabine.

Ich wollte eigentlich zu einem kleinen Exkurs über das Wesen der Panne ansetzen. Die Panne ist schließlich fester Bestandteil des Lebens, manch einer verdankt ihr selbiges sogar. Ich unterließ diesen gedanklichen Exkurs aber vorsichtshalber. 

Nach gar nicht langer Zeit traf ein schmucker Werkstatt-Truck des ADAC ein, der dankenswerterweise nicht seine volle Warn-Illumination in Gang setzte. Dann wäre vermutlich das ganze Dorf zusammengelaufen. Ein verendeter Dinosaurier tritt hier oben nicht alle Tage auf. Nach einer Weile kam der Mechaniker wieder unter der Motorhaube hervor und überbrachte mir die Botschaft wie der Marathonläufer Pheidippides den Athenern die Kunde vom Ausgang der Schlacht: Der Kompressor der Klimaanlage habe sich festgefressen und da Lichtmaschine, Servolenkung und andere Aggregate am gleichen Keilriemen hingen, sei die Fahrt zu Ende.

Der Ort der Niederlage sei aber deutlich besser gewählt als der Karawankentunnel auf der nahen Autobahn, tröstete der Mechaniker mich. Zumal schräg gegenüber eine kleine Werkstatt mit Geschäftsbeziehungen zum ADAC vorhanden sei. Die dortigen durchaus sachkundigen Bemühungen, den Cadillac wiederzubeleben, scheiterten leider ebenfalls. Ambulant sei dem Cadillac nicht zu helfen, beschied der Chefarzt, und wir fühlten uns wie ein Paar, das den Opa leider im Krankenhaus zurücklassen muss. Zumindest weiß ich jetzt aber, dass das Goldstück in guten Händen ist, bevor der ADAC es heimholt.

„Damit geht was ab“

Wir selbst verbrachten vier beschauliche Stunden auf dem Werkstatthof, weil – wie mir die Dame von der Pannenhilfe glaubhaft versicherte – zwischen Villach und Salzburg kein Leihwagen aufzutreiben war. In der Corona-Zeit wurden die Flotten dermaßen verkleinert, dass ein Mietauto so kurzfristig nicht einmal zu haben ist, wenn man im Tausch die britischen Kronjuwelen anbietet.

Als die Dunkelheit über das Tal hereinbrach, verfrachtete man uns schließlich mit einem Taxi nach Salzburg, und von dort ging es mit dem letzten Leihwagen vor der deutschen Grenze zurück nach Augsburg. Es handelte sich um einen getunten Mini von Sixt mit 300 PS, ich schwör. Der junge Mann am Schalter übergab mir den Schlüssel mit den Worten: „Damit geht was ab“. Offensichtlich lag der Pannenhilfe am Herzen, dass wir die in Kärnten verlorenen vier Stunden auf den verbliebenen Kilometern zwischen Salzburg und Augsburg wieder aufholen, was mir allerdings nicht ganz gelang. Sabine hörte auf zu schweigen, stattdessen redete sie nicht mehr mit mir.

Inzwischen haben wir uns auf das Motto des Bildungsreisen-Anbieters Studiosus geeinigt: „Fangen Sie den Moment ein, wie er sich nur Ihnen bietet!“ Und davon gabs ja mehr als genug: Wir fuhren mit einem großen Auto mit 200 PS los und kamen mit einem kleinen Auto mit 300 PS zurück. Der Cadillac reist mit dem Rückhol-LKW der Pannenhilfe heim, sozusagen erster Klasse mit dem Autoreisezug. Und sein Tank ist noch voll mit slowenischem Volkssprit. So haben wir auch noch das Ölembargo ausgetrickst, das den Import von russischem Sprit mit Großtankern untersagt. 

 

Von Dirk Maxeiner ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Portofrei zu beziehen hier.

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Marc Greiner / 05.06.2022

Bei all den Amerikanern die wir in der Familie gefahren haben ging auch schon mal was kaputt, aber nie die Klimaanlage. Vielleicht war es Sabotage? Von einem Antiamerikaner?;) Übrigens: Wie geht es dem ‘56-er Cadillac? Ein update-Video wäre schön. PS: Was ich schon lange mal sagen wollte: der ‘56-er hat nicht einen 5.7 sondern einen 6lt. V8.:=)

Friedrich Richter / 05.06.2022

Sowas ist wichtig für die Völkerverständigung, sonst würde man einfach aneinander vorbeifahren. Noch schöner ist es aber, wenn man alles mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung selber reparieren kann. Früher im Osten ging das. Ich erinnere mich an den Austausch von Radlagern beim Saporoshez in Rumänien am Straßenrand (einstellbare Kegellager, nach der sowjetischen GOST-Norm versplintet und also entweder zu locker oder zu fest eingestellt-letzteres ist tödlich für das Lager, ersteres ist gewöhnungsbedürftig), Wechsel der Benzinpumpe in Ungarn, ebenfalls Saporoshez, Wechsel der Zylinderkopfdichtung auf dem Campingplatz (Wartburg, Ungarn). Die Ersatzteile hatte man selbst immer dabei. Was bleibt, sind schöne Erinnerungen an angenehme Menschen und an die Bewirtung, die man anschließend noch bekam. ADAC gab es nicht, wurde auch nicht vermisst.

Thorsten Gutmann / 05.06.2022

Planen Sie doch Ihren nächsten etwas längeren außerhäuslichen Aufenthalt, vulgo Ausflug, einfach mal mit Märklin, lieber Autor. Sicher, ein Abenteuerurlaub wird’s nicht werden, dafür aber bestimmt ein Vergnügen, egal, wohin die Spur Sie auch führt. Und, nicht zu verachten, Sie sind dann bestimmt auch wieder mit Frau Sabine schweigend im Gespräch vertieft ... so das beide denn wünschen. Aber das ist nun wirklich zu intim. Ach, ehe ich das vergesse, sehr geschätzter Herr Maxeiner, vielleicht berichten Sie in einer Ihrer nächsten Nummern ... äh ... Ausgaben über die Rechnung, die Sie nicht ohne den Wirt gemacht haben. Es wird bestimmt wieder ein Lektürespaß. Lassen Sie sich bis dahin keine weiteren grauen Haare wachsen.

Walter Elfer / 05.06.2022

Oh ja, ich kenne diese Situation nur zu gut. 2x, deutsches Wägelchen, Inland. Und diese 2x hat es das Herz des Brummbrumm (oder dann eben nix mehr mit brumm) getroffen. Es war auch zu einer Zeit, in der das Stipendium nich so viel Spielraum hergab u. es noch keine Handys mit App-Gedöns gab. Navi - war noch nicht erfunden. Also allenfalls Telefonzelle, die man überhaupt nicht lokalisieren konnte. Und ohne entspr. Kleingeld stand man wie die Kuh vorm Tor, wenn man die Zelle aufgespürt hatte. Das 1. Mal war auch noch keine ADAC, oder besser keine Mitglied. Seit der Zeit schon u. man wusste es zu schätzen. Allerdings ADAC-Holzklasse. Sowas wie Auto-kaputt-Rückführung - Fehlanzeige. Also Werkstatt, nach WE Diagnose “Halbtot” u. dann irgendwie eigens ‘ne Rückführung organisieren. Abenteuer pur. Ach, waren das noch Zeiten ... ;o)

Horst Oltmannssohn / 05.06.2022

Vor ein paar Jahren hätte ich fast mal auf der A45 die Kontrolle über mein Fahrzeug verloren, als ein touristisches Hinweisschild “Onanierstadt Dillenburg” für einen Lachanfall sorgte. Als Geburtsort von Wilhelm von Oranien (Willem van Oranje oder Willem de Zwijger für die Niederländer) schmückt sich Dillenburg mit dem Zusatz “Oranienstadt” - und an diesem Hinweisschild hatte wohl ein Scherzkeks ein wenig manipuliert. Grüße (übrigens aus der Nähe von Darmstadt-Wixhausen) ...

Sabine Heinrich / 05.06.2022

Tja - so sind sie, die Sabinen - sie können so vielsagend schweigen! Danke für Ihr Pfingstfreuerle, lieber Herr Maxeiner! - Ich kenne übrigens eine, die beruhigend auf nervös werdende autofahrende Männer wirkt, wenn z.B. Folgendes eintritt: Motor gibt seltsame Geräusche von sich; Navi hat das Automobil in einen Waldweg ohne Wendemöglichkeit gelotst. V V wünsche ich Ihnen und dem gesamten Achse-Team - und allen Lesern und Kommentatoren jederlei Geschlechts! :-)

Lars Schweitzer / 05.06.2022

Klimaanlage, dekadentes Zeug ;-) Was nicht dran ist, geht nicht kaputt.

Ludwig Luhmann / 05.06.2022

“(...) Der Kompressor der Klimaanlage habe sich festgefressen und da Lichtmaschine, Servolenkung und andere Aggregate am gleichen Keilriemen hingen, sei die Fahrt zu Ende.” - Tähä! So eine schöne Allegorie auf den Great Reset. Der Kompressor der KLIMAanlage geht ‘irgendwie’ kaputt,  ein Rattenschwanz an Problemen tut sich auf und man will oder kann es nicht reparieren. ***@Hans Meier / 05.06.2022 - “Mir ist es zum Glück gelungen mein „Möhrchen“ Bj. 1927 nicht nur wieder zum „Schnurren zu bringen, sondern mit neuer TÜV-Plakette“ zu ehren.” - Um was für ein Vehikel handelt es sich denn bei Ihrem bereits zum zweiten Male erwähnten “Möhrchen”?

Udo Himpelmann / 05.06.2022

Allein schon dieser Artikel ist eine Patenschaft bei der Achse wert. Naja, - als badischer Schwabe nehmen ich natürlich den ersten Teil mit einem “Auch nicht schlecht”  dazu, denn der gehört ha schließlich dazu. Mehr loben darf ich nicht, sonst wird’s vielleicht teurer.

Matthias Böhnki / 05.06.2022

Als praktizierender Kaufmann kann ich sofort die Geschäftsidee erkennen: Knapp mit Sprit gefüllt nach Slovenien, dort einmal volle Kanne voll-voll getankt. Panne simuliert ( vorher beraten lassen, welches Teil dafür zwingend zu beschädigen ist, aber kaum Reperaturkosten verursacht. Handgeld für den kooperativen Werkstattmeister in Slowenien mit beachten ! ), ADAC connecten und nach Hause überführen lassen. Dort wieder in Betrieb nehmen, den Tank auf die Menge leer fahren, die benötigt wird, um bis hinter die slowenische Grenze zu kommen, und dann wieder von vorne. Könnte so funktionieren.

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