Nachdem in Deutschland die Kinder an der Macht sind, finde ich es an der Zeit, sich mit dem Tretauto zu beschäftigen.
Der Zustand des Stehenbleibens auf der Stufe eines Kindes, respektive die Rückkehr dorthin, macht hierzulande aus dem Tretauto eine gesellschaftliche Zielvorstellung, wofür es ursprünglich eigentlich nicht gedacht war. Zumindest metaphorisch bewegen wir uns vom Mercedes zurück zum Tretauto.
Grundsätzlich bin ich dem Tretauto seit Kindesbeinen zugeneigt, es prägte meinen Wunsch nach einem Auto und den Glauben an den Fortschritt. Als die Räder das Laufen und die Käfer das Fahren lernten, waren Tretautos für Kinder rare Luxusgüter. Gedacht für den Nachwuchs der Privilegierten, für das normale Kinderherz aber unerschwingliche, ferne Träume. Und das nicht nur im Kapitalismus, sondern auch im Arbeiter-und-Bauern-Paradies.
Sowjetische Kinder hatten nicht viel Spielzeug zur Auswahl. Ein Tretauto war dort ein Luxusartikel, den jedes sowjetische Kind begehrte. In der UdSSR gab es Dutzende Modelle von Moskwitsch, Raketa, Pobeda, Raduga, oft exakte Nachbildungen realer Autos. Die Seite Russia Beyond berichtet, garniert mit wunderbaren Fotos. „Alle wurden in sowjetischer Designtradition hergestellt, also mit Akribie und Liebe zum Detail. Sie alle waren, auch typisch sowjetisch, von äußerst solider Machart". Sprich: Wer im zweiten Stock wohnte, brauchte drei Freunde, um sein Schwermetall-Gefährt nach oben ins Bettchen zu tragen.
Ursprünglich erfolgte der Antrieb der Tretautos durch einfache Pendelpedale, die den Vorteil besitzen, die Trittkraft besonders gut auszunutzen, da sie in der Horizontalen am größten ist. Jeder Chef kennt dieses Phänomen bei der Disziplinierung von Mitarbeitern. Überdies gibt es keine ausladenden kreisenden Tretbewegungen wie beim Fahrrad und man stößt sich deshalb nicht die Knie an der Motorhaube. Deshalb besitzen die später populär gewordenen Kettcars mit Kurbel und Kette auch keine Haube.
Ein systembedingter Nachteil der Tretautos bestand darin, dass ihr kindlicher Besitzer schon nach kurzer Zeit herauswuchs wie aus einem Taufkleidchen. Tretautos waren Lebensabschnittsbegleiter meist nur für ein, zwei Jahre, danach wurden sie weitervererbt wie ein Kommunionsanzug.
Ringautobahnen und atomgetriebene Cabriolets am Horizont
Ich persönlich schloss im Kinderverkehrsgarten enge Freundschaft mit dem Tretauto. Diese Erziehungseinrichtung wurde in den 50er Jahren geschaffen, um die kindliche Lernbegier in den Dienst der Zukunft und der Sicherheit im Straßenverkehr zu stellen, schließlich schienen Ringautobahnen am Horizont auf, und die dazugehörigen atomgetriebene Cabriolets prangten bereits auf den Titelseiten der Technikmagazine. Sie ähnelten auf verblüffende Weise Söders Lufttaxi.
Der Kinderverkehrsgarten befand sich gegenüber von unserer Schule, und dort fanden meine liebsten Schulstunden statt. Außer Rollern und Fahrrädern gab es auch einige leibhaftige Tretautos mit schnittigen Kunststoff-Karossen und dicken Gummirädern. Der Platz hinterm Steuer eines Tretautos war begehrt und wurde nach Wohlverhalten vergeben, was ein auffällig tadelloses Betragen in den Tagen vor dem Verkehrs-Unterricht zeitigte. Es gab richtige Fahrbahnen, Zebrastreifen und sogar eine Ampel mit einer Kurbel. Im Mittelpunkt stand aber ein leibhaftiger Schutzmann, wie damals Verkehrspolizisten genannt wurden. Und der ahndete Verkehrsverstöße mit Trillerpfeife und scharfen Ermahnungen. Kinderverkehrsgärten gibt es übrigens heute noch, etwa die „Kinderverkehrsschule" in Berlin. Dort wurde das Tretauto allerdings durch das Elektroauto ersetzt, ein lediglich gradueller Unterschied.
Ich fand meine Kreativität im Kinderverkehrsgarten durch den Schutzmann ein wenig eingeschränkt und beschloss zusammen mit Freunden die Serienfertigung eigener Automobile. Es gab einen regen Schwarzhandel mit Achsen und Rädern von Kinderwagen, auch solchen, die noch im Gebrauch waren. So manche junge Mutter wurde durch unser Tun in tiefe Depression gestürzt, wofür ich mich hiermit nachträglich entschuldige, genauso wie für die Niederschlagung des Herero-Aufstandes.
Zwei Achsen mit jeweils zwei Rädern und zwei Bretter genügten, um den ersten eigenen Formel 1 auf die Räder zu stellen. An ein großes langes Brett wurde hinten eine Achse angeschraubt. Die vordere Achse befestigte man an einem weiteren Brett. Dieses wiederum wurde vorne in der Mitte mit einer dicken Schraube beweglich am restlichen Chassis angebracht. Der Rennfahrer-Nachwuchs setzte sich auf das Brett und lenkte die Vorderachse mit den Füßen in die gewünschte Richtung. Tretantrieb befanden wir als rückschrittlich, eine Bremse als inkonsequent, weil Energie vernichtend. Alles, was wir für eine rasende Fahrt brauchten, war ein steiler Hang, möglichst mit asphaltierter Oberfläche. Der mühsame Pedalantrieb wurde so durch die Nutzung der Schwerkraft ersetzt, mit durchschlagender Wirkung. Die Art und Zahl der Abflüge in die Botanik des Grünewaldes (unsere Heimstrecke) ist heute noch legendär. Mitunter tauchte der leibhaftige Schutzmann mit seiner grünen Minna auf. Ein Rennfahrer-Kollege übersah im Eifer des Gefechtes das blaue Licht auf dem grünen Polizei-Käfer und überholte ihn in einer Kurve, woraufhin das rasende corpus delicti konfisziert wurde.
Den Motor des Rasenmähers unbefugt ausgeliehen
Spätestens mit dem Aufkommen der Adoleszenz keimte bei uns dann der Wunsch nach einer Motorisierung auf, um lästige Verfolger abschütteln zu können. So wie der Urmensch vom Feuer fasziniert war, schlug uns der Rasenmähermotor in seinen Bann. Als der Vater meines besten Freundes im Frühsommer zum ersten Mal die Wiese stutzen wollte, stellte er verwundert fest, dass der Motor des Mähers unbefugt ausgeliehen worden war. Die Tatverdächtigen waren schnell überführt und wurden zu einem Sommer Zwangsarbeit in Garten und Hühnerstall verdonnert.
Kleiner Exkurs an dieser Stelle in Form der Frage: Ist Beziehung des Menschen zum Auto durch die Umwelt geprägt oder genetisch verankert? Ich persönlich bin mir ziemlich sicher, dass nicht nur der Wunsch nach einem Auto, sondern auch der nach einem Verbrennungsmotor tief in meinen Genen schlummert. Wenn ein heißer Motor im Sommer knisternd abkühlt, dann steht der Homo automobilicus daneben wie ein Neandertaler, der dem Lagerfeuer lauscht. Und wo wir gerade beim Zuhören sind: Jagd und Kampf sind menschheitsgeschichtlich stets mit wilden Geräuschen verbunden, ebenso der Geschlechtsverkehr, dem stumm doch eine wesentliche Dimension abhanden kommt. Das Leben röhrt wie dereinst Michael Schuhmacher durch die Eau Rouge in Spa, der Klappenauspuff wohnt in unserem Unterbewusstsein, seit wir mit Gebrüll das Mammut erledigten.
Die Sängerin Hildegard Knef hat die Motivation zur Erfindung des Automobils äußerst fachmännisch beschrieben: „Ich brauch Tapetenwechsel, sprach die Birke". Vor mehr als einer halben Milliarde Jahre trennten sich Pflanzen und Tiere. Beweglichkeit hieß die Antwort auf Mangelsituationen. Die Mobilität der Tiere koppelte sie von ihrer Umwelt ab und verlockte mit immer weiteren Räumen und Lebensmöglichkeiten. Die Knef lieferte in ihrem Song denn auch gleich die politische Dimension mit: „Ich brauche frischen Wind um meine Krone, ich will nicht mehr zurück in Reih und Glied." Die Pflanzen blieben als Futterlieferanten am Wegesrand zurück. Und das ist der Platz, den uns die Tretauto-Demokratie wieder zuweisen will.
Die Kinder sind an der Macht. Und wir sitzen alle im gleichen Tretauto respektive Tretboot, mit einer wachsenden Zahl von Löchern im Rumpf. Herbert Grönemeyer hat in seinem Song „KInder an die Macht" schon 1986 die Energie-, Wirtschafts-, Verkehrs- und Sicherheits-Politik der aktuellen Bundesregierung beschrieben:
"Die Armeen aus Gummibärchen
Die Panzer aus Marzipan
Kriege werden aufgegessen
Einfacher Plan
Kindlich genial
Es gibt kein Gut
Es gibt kein Böse
Es gibt kein Schwarz
Es gibt kein Weiß
Es gibt Zahnlücken
Statt zu unterdrücken
Gibt's Erdbeereis auf Lebenszeit
Immer für 'ne Überraschung gut".
Adoleszenz ist out, das Tretauto kein Spielzeug mehr für verwöhnte Bälger, sondern verbindliches Fortbewegungsmittel des deutschen Verkehrskindergartens. Die Grünen wollen dafür sogar eine Milliarde Staatsknete spendieren, das Tretauto heißt inzwischen allerdings Lastenfahrrad. Und der Motor unserer Volkswirtschaft läuft fortan mit Gummibärchen und Erdbeereis.
Von Dirk Maxeiner ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). Portofrei zu beziehen hier.
Beitragsbild: Constantin GrünbergCC-BY 4.0 via Wikimedia Commons

Ja die Ampelmännchen repräsentieren das infantile Konsumvolk. Deutschland schafft sich ab!
Werter Herr Maxeiner,
neben meinem obligaten und herzlichen Neujahrswünschen an Sie und Ihr Achgutteam meinen Dank für diese von mir längst abgehakte , aber immer noch präsente Erinnerung der Periode meiner jugendlichen Mobilkonstrukteursphantasien.
Noch heute trage ich an einem Unterarm eine durch Rutschpartie , allerdings bäuchlings wegen Fahrstils in Skeletonmanier, verursacht Narbe als Patentmarke meines Erfindergeisters stolz umher. Auch die Mangelanayse meines damaligen Misserfolges, zu grosse Kinderwagenräder, zu geringer Durchmesser der Verbindung von Chassis und Lenkachse, Skeletonfahrweise was mit erhöhter Beanspruchung und Verschleiss des Schuhwerks einherging während der unfallfreien Testfahrten auf einer geteerten, übersichtlichen, mit Kurven versehenen steilen, etwa zwei Kilometer landwirtschaftlichen Strasse hat mich vom Bau eines verbesserten Modells nicht abhalten können. Die Testfahrten auf dieser Strasse, winterlich als Rodelstrecke genutzt – was bedauerlicherweise witterungsbedingt und durch bauliche Mängel wie an der gesamten Infrastruktur in DE festzustellen ist nicht mehr nutzbar ist – habe ich jedoch aus vorher geschilderten Gründen verlegt.
Nach Jahren zurück in meinen Heimatort gezogen gehe ich dort regelmässig spazieren und erinnere mich gerne an diese Episode meiner Jugend zurück. Wenngleich angesichts der örtlichen Abgeschiedenheit mir nie das Glück verhiessen war in ein Wettrennen mit motorisierten Wettbewerber eintreten zu können – vermutlich zu meinem Besten.
Herr der Fliegen (1954) Roman von William Golding
Meldung auf der Achse: Für die EU-Kommission ist Atomenergie grün und nachhaltig
Und weiter: Ab Januar 2022 sollten Investitionen, die nicht in der Taxonomie aufgeführt sind, in der EU nicht mehr als klimafreundlich vermarktet werden dürfen.
Unser neues Motto lautet, alles was nicht erlaubt ist, ist verboten!
Na, Hauptsache Berlin ist Top unter den Start Up Standorten! Resultat unerheblich.
Sehr geehrter Herr Maxeiner, das typisch Grüne ist die Schere, einerseits die Technikfeindlichkeit und andererseits die Übertechnisierung, also die Benutzerfeindlichkeit. Das ist das Schizophrene an der grünen Selbsterlösungsweltanschauung.
„Die Pflanzen blieben als Futterlieferanten am Wegesrand zuück.“ Seither bedienen sich dort mit Vorliebe die Weibchen. Männchen kannibalisieren lieber. Geburtsstunde des Konfliktes zwischen Kain & Abel, sesshaften Bauern und nomadisierenden Viehhirten. Aber eigentlich ist es doch auch für Cem den Checker ganz praktisch, dass ihm seine Hanfpflanze nicht davonlaufen kann.
Ein paar technische Anregungen möchte ich hier loswerden: Alle mir bekannten Seiffenkisten hatten sehr wohl eine Bremse. Es war ein seitlich angebrachter Holzbalken, der auf der Straße rieb. Besonders gute Bremskräfte erzielte man, indem man ein Stück aus einem alten Fahrradreifen unten befestigte. Damit kam ich sogar durch den Seifenkisten-TÜV, der aus dem strengen Blick meines Vaters bestand. Die Fußlenkung galt als rückständig. Meine Seifenkiste hatte ein echtes Lenkrad, dessen Achse mit einer Wäscheleine umwickelt war, die über Rollen zur Vorderachse führte. Das beste an meiner Seifenkiste war allerdings das Armaturenbrett. Es hatte einen gemalten Tacho, der bis 280 ging, und Drehzahlmesser. Es war täuschend echt dem Lamboghini Miura S nachempfunden. Später machte ich Versuche mit einem 360-Watt-Staubsaugermotor, bei dem es allerdings massive Reichweitenprbleme gab, denn das Verlängerungskabel war nur 20 Meter lang. Für mich war es das endgültige KO für den Elektroantrieb. Und hier, Herr Maxeiner, möchte ich Ihnen energisch widersprechen: Wir werden NICHT von Kindern regiert, denn Kinder wissen, wann Schluss ist mit einer fixen Idee. Außerdem sind Kinder lernfähig.