Sonntag für Sonntag ist diese Kolumne fällig, ich befinde mich aber bedauerlicherweise in einer Schreibkrise, was mit meiner Umgebung zu tun haben muss: Ein leicht angejahrtes Hotelzimmer in Hannover. Und das am Samstagabend. Der Teppichboden hat jedenfalls schon bessere Zeiten gesehen.
Ich beschließe verzweifelt die Minibar zu inspizieren, deren Inhalt ja unter anderem aus geistigen Getränken besteht. Die Engländer nennen die nicht minder treffend „Spirits“. Und in diesem Moment durchfährt mich ein Geistesblitz: Bingo! Die Minibar! Ist sie nicht eine geniales Thema für einen Sonntagsfahrer? Im Laufe meines Lebens habe ich Mini-Bars von Rothenburg ob der Tauber bis Shang Hai und von Chemnitz bis Los Angeles inspiziert. Der Inhalt ist übrigens inzwischen fast überall der gleiche. Der gleiche Whiskey, der gleiche Champagner, das gleiche Cola. Sogar die Preise sind gleich. Nix Multikulti, alles mehr oder weniger der gleiche Stoff.
Normalerweise meide ich den Konsum der angebotenen Alkoholika und Erdnüsse, die Minibar wird von mir nur in äußersten Notfällen (wie gerade jetzt) genutzt, als so eine Art Feuerlöscher. Wer öfter ins Kino geht, der weiß, dass dieser kleine Kühlschrank auch ein Gefäß für Sehnsüchte am Rande der Strasse ist, aus dem sich die Helden der Leinwand lässig bedienen (während draußen die Highway-Patrol das Motel umstellt). Gerne reißt der Hauptdarsteller dabei schwungsvoll eine Dose Bier auf, was aber in Deutschland aus politisch korrekten Gründen kaum mehr möglich ist.
Hörma, hol mir mal ne Flasche Bier
Ich greife zur Bitburger-Flasche und lasse mich zufrieden auf das Bett fallen. Der Romancier John Steinbeck hat Momente wie diesen einmal so beschrieben: „Das ist das Große des menschlichen Geistes: der induktive Sprung. Alles fügt sich ineinander, Belanglosigkeiten rücken in einen Zusammenhang, aus Dissonanz wird Harmonie, und was vorher Unsinn erschien, wird von Sinn überwölbt“.
Ich bin schwer beeindruckt von meinem induktiven Sprung. Zweite Flasche: Das Hotelzimmer sieht schon viel freundlicher aus. Das Bitburger ist alle, ich wechsele zu Warsteiner. Dritte Flasche: Hannover ist doch gar nicht so schlecht. Es gibt, so entnehme ich dem Hotelverzeichnis unter „Freizeit und Sport“ sogar mehrere Minigolf-Anlagen. Dort trifft sich vermutlich die urbane Elite. Vierte Flasche: Erste Anzeichen von Euphorie. Von Hannover ging Großes aus. Und zwar in Gestalt eines eher kleinen Mannes. Ich sach mal Gerhard Schröder: "Hörma, hol mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier".
Mir fällt ein, wie die Krise um Opel ganz einfach gelöst werden kann, leider vergesse ich es sofort wieder. Außerdem hat Henryk Broder gestern schon über Opel geschrieben. Ich wechsle zu Johnny Walker. Ist so ein Probier-Portions-Fläschchen. Ich drehe und wende das leere Ding gegen die triste Deckenlampe und entdecke inspiriert durch Schröder (170 cm) eine Parallele zwischen Größe und politischer Statur: Je kürzer, desto wendiger.
Spontan fallen mir Gregor Gysi (163 cm) und Norbert Blüm (164 cm) ein, aber auch François Hollande (1,64 cm), Nikolas Sarkozy (165 cm) und Dmitri Medwedew (162 cm). Letzterer stellt übrigens Nikita Chrustschow (160 cm) in den Schatten, wenn auch nur knapp. Berlusconi ist 1.64, Putin 1,70. Hunnenkönig Attila brachte es gerade mal auf 1.50 Meter, Donald Trump immerhin auf 1,91 Meter – das sind kohlsche Dimensionen. Also wendig ist der Trump nicht, trotzdem ist er mir lieber als Attila. Wie hieß es neulich so schön auf der Achse: "Das Gegenteil von schlecht muss nicht gut sein, es kann auch noch schlechter sein."
Erneuter Gang zur Minibar. Und noch einer. Zum Glück gibt’s nix mehr alkohlisches. Leichte Schwermut kommt auf und ich wälze Gedanken über das Leben als solches. Fest steht jedenfalls: Die Großen müssen meist früher gehen als die Kleinen. Die Dinosaurier wurden relativ rasch trauriger, ganz im Gegensatz zu Insekten, Käfern oder Milben. Die weigern sich strikt auszusterben. 99 Prozent aller Lebewesen sind nicht größer als ein Hühnerei. Eine weiße Maus huscht über den braunen Teppichboden. Außerdem sehe ich zwei Minibars.

F. Holland nur 1,65 cm bzw. 16,5 mm , dann kann er ja unter der Tür durchlaufen (mit Hut) !!!!
Moin Herr Maxeiner, sooo klein (1,64cm, man beachte das Komma in Ihrem Text!) ist der Herr Hollande ja nun doch nicht...
Schröder, Maschmeyer, Prügelprinz Ernst August, die Scorpions, Wulff, Kind .... - Hannover hat was.