Ungarn, Israel und die USA weisen nach innen und außen Wege zu einer Selbstbehauptung auf, die sich zugleich in die Voraussetzungen einer multipolaren Weltordnung einfügen.
Die Europäische Union ist mit ihrer Teilhabe am Krieg in der Ukraine nach Osten überdehnt und verstrickt, nach Süden gegenüber der Massenmigration aus der islamischen Welt offen und schutzlos. Nach Westen ist sie vom Partner zum Vasallen degradiert worden und von den USA militärisch und – nach der Sprengung der Nord Stream Pipeline – energiepolitisch abhängig. Nach innen sind die Europäer nicht zuletzt über die Bewertung dieser Bedrohungen bis zur Diskursunfähigkeit zerstritten.
Westliche Universalisten glaubten so vorbehaltlos an die Universalität von Freiheit und Demokratie, dass sie darüber auch militärische Interventionen in Afghanistan, im Irak oder Mali für aussichtsreich und legitim hielten. Die Flüchtlingsströme nach Europa sind eine Folge der den Nahen Osten destabilisierenden westlichen Interventionen. Erstaunlicherweise trat dem gescheiterten Universalismus nach außen nun ein Kulturrelativismus nach innen zur Seite, bis hin zur Bereitschaft, fremde Kulturen in millionenfacher Zahl ins eigene Land migrieren zu lassen. Deren Integration sei nur eine Frage der Zeit.
Das Scheitern von Universalität und Integration haben statt zur Einsicht in die Realität notwendiger Begrenzungen zum Sprung in den Globalismus geführt, der Unterschiede der Kulturen gänzlich leugnet und globale Gleichheit fordert. Die Dekonstruktionen der Selbstauflösung begannen im Denken, in jenem Mischmasch von ultraliberalem Individualismus, kulturmarxistischem Gleichheitsdenken und einem Globalismus, der die eigene Wurzeln missachtet und ihre Identität zerstört, alles zusammengehalten durch das schillernde Symbol des Regenbogens. Im nietzscheanischen Sinne einer „Umwertung aller Werte“ handelt es sich beim Wokeismus um einen Nihilismus, der auch die eigene Selbstbehauptung für sinnlos hält.
Überdehnung und innerer Überforderung
Ein Global Player muss seine eigene Kultur relativieren, oft sogar verleugnen, damit er interkulturellen Visionen von der „Einen Menschheit“ frönen kann. Der Entgrenzungswahn kann wiederum nur aus einem vorangegangenen Identitätsverlust erklärt werden. Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, kann ich auch nicht meine Grenzen erkennen. Schützende Grenzen werden darüber zu einem Übel, da sie der globalen Gleichheit und umgekehrt der Multikulturalität von Gesellschaften im Wege stehen.
Solange die Dialektik von Überdehnung und innerer Überforderung nicht verstanden worden ist, bleiben die westlichen Gesellschaften gespalten nach denjenigen, die der bunten Vielfalt freien Lauf lassen und denjenigen, die das Eigene zu behaupten versuchen. Auf diesen Konflikt reagieren die herrschenden Akteure nicht mit Dialog, sondern mit Brandmauern, die der Radikalisierung Vorschub leisten und die ersten Staaten wie heute Frankreich schon in die Unregierbarkeit getrieben haben.
Andere Kulturen sind keineswegs weltoffen, sondern instrumentalisieren die Offenheit des Westens für ihre Ziele. Der Islamismus nutzt die Schwächen des Westens zugunsten seines Vordringens. Im Islamwokismus vereinen sich extreme Linke und Islamisten im gemeinsamen Hass auf die Leitkulturen des Westens – ob Christentum oder Marktwirtschaft, ob liberalen Offenheit bis zum bürgerlichen Selbstbehauptungswillen. Der politisch unvollkommene und religiös unreine Westen wird weder den totalitären Ansprüchen diesseitiger noch jenseitiger Heilslehren gerecht.
Die altbekannte „Tragödie der Allmende“, die Übernutzung der freien Gemeindeweiden, wiederholt sich heute im weltweiten Maßstab. Während wir China freien Ausstoß gewähren, verlieren wir unsere Industrie mit willkürlichen Emissionsreduktionen und verbilligen damit die Chinas. Dem Weltklima ist mit solcher Naivität nicht geholfen.
Aufgaben einer Rekonstruktion des Westens
Nach den weltanschaulichen und strukturellen Dekonstruktionen muss der Westen auf allen Ebenen wieder aufgebaut werden. Den ultraliberalen Exzessen des Wokeismus muss durch den klassischen Liberalismus eines bürgerlichen Freiheitsverständnisses rekonstruiert werden, welches auch seine Grenzen anerkennt und um die notwendige Balance von Individuum und Gesellschaft oder von Rechten und Pflichten zu halten versteht.
Nach dem „unipolaren Moment“, in dem sich die USA und damit der Westen nach 1991 am Ende der Geschichte angelangt wähnten, muss die längst gegebene multipolare Welt in eine multipolare Weltordnung überführt werden. Bei der Rekonstruktion westlicher Werte handelt es sich um die Behauptung des Eigenen, auch der spezifisch westlichen Kultur der Freiheit.
Der Weg vom Kampf der Kulturen und Mächte könnte von den Gefährdungen der Zivilisation erzwungen werden, die in der westlichen Welt allenthalben sichtbar und für viele bereits im Alltag spürbar sind.
Unter Zivilisation verstehe ich die Eigenlogik von Funktionsystemen, die – etwa bei Wissenschaft oder Wirtschaft – über alle kulturellen und politisch-strukturellen Unterschiede hinaus als Minimalkonsens der Kulturen und Mächte dienen könnten. Auf die Verteidigung der Zivilisation gegen die Formen totalitärer Barbarei, die alle Funktionssysteme etwa der Religion unterwerfen wollen, sollten sich Globalisten und Protektionisten im Westen einigen können.
Beispiele für Rekonstruktionsversuche des Westens
Ungarn, Israel und die USA dienen hier als Beispiele für eine Politik der Selbstbehauptung des Eigenen, die dem Möglichen und Notwendigen Vorrang einräumen vor Überdehnung und Auflösung. Sie weisen nach innen und außen Wege zu einer Selbstbehauptung auf, die sich zugleich in die Voraussetzungen einer multipolaren Weltordnung einfügen.
Ungarn hat wie andere mitteleuropäischen Staaten den totalitären Utopismus hinter sich. Viktor Orbans Politik ist weder rechts noch links, sondern an der Realität orientiert und vom gesunden Menschenverstand diktiert. In der Innenpolitik versucht er liberale und sozial-kommunitarische Elemente zu kombinieren.
Seine Vision von einem dezentraleren Europa der Nationen, der Vielfalt nach innen mit Einheit nach außen verbindet, wirbt für eine realpolitische Selbstbegrenzung der Großmächte und zugleich die Förderung der Konnektivität in der Wirtschaft. An dieser Dialektik zwischen kultureller und politischer Abgrenzung einerseits und Offenheit in der Wirtschaft andererseits sollte sich auch die EU orientieren.
Als Fellow am Mathias Corvinus Collegium in Budapest konnte ich einige Monate aus der Nähe erleben, wie die Regierung Orbán schon auf der Metaebene an der Identität ihrer Nation arbeitet, die dann auch zur eigenen Grenzziehung befähigt. In Ungarn wird nationale Identität gefördert – bis hin zum Bekenntnis zum Christentum als historischer Leitkultur Ungarns.
Identität ist keineswegs ein Thema nur fürs Feuilleton oder für vermeintliche Rechtsradikale, sie ist vielmehr die Voraussetzung für den Bestand einer umgrenzten Gemeinschaft. Die Führer der großen EU-Mitgliedstaaten übersehen, dass Europa nicht nur Waffen braucht, sondern auch noch Soldaten. Diese haben sie aber auch in Zukunft nicht, wenn sich die civitas auflöst und die Risikogemeinschaft eines Volkes verschwindet. Nachdem die global denkenden Eliten den Gesellschaftsvertrag aufkündigt haben, fühlt sich das Volk nicht mehr verpflichtet, das Land zu verteidigen.
Ungarn weiß aus leidvoller Erfahrung, sich gegenüber Herrschaftsansprüchen von umgebenden Großmächten zur Wehr zu setzen. Von Ungarn könnte Europäische Union den Umgang mit Großmächten lernen, deren Systeme und Präsidenten uns nicht gefallen mögen. Sowohl zu Russland, China als auch zu den USA unterhält Ungarn gute Beziehungen, eine Grundvoraussetzung, um in der neuen multipolaren Welt einen angemessenen Platz zu finden, den Frieden zu fördern und Geschäfte zu machen.
Ungarn führt keine vergeblichen Kriege nach Osten, sondern konzentriert sich auf eine Abwehr des Islams nach Süden. Ungarn widersetzte sich 2015 der Selbstpreisgabe eines “weltoffenen“ Europas, indem es die eigenen Grenzen und zumal die EU Außengrenzen sicherte. Für die damit angeblich verbundenen Menschenrechtsverletzungen muss es täglich Strafe zahlen.
Die ungarische Haltung, sich aus dem Kriege gegen die Ukraine so weit wie möglich raus zu halten, beruht nicht auf der Begeisterung für Putin, sondern auf der Einsicht,
- dass eine Großmacht wie Russland Anspruch auf eine Einflusssphäre erhebt, die man nicht ungestraft übertritt,
- dass der Westen an dieser Übertretung Mitschuld trägt,
- dass eine Mittelmacht wie die Ukraine gegen eine Großmacht nicht gewinnen kann,
- und auf der Kenntnis des ukrainischen Nachbarn, der russische und ungarische Minderheiten entrechtet hatte.
Die Behauptungen, Ungarn würde sich aus Europa verabschieden, kann man vergessen. In Ungarn besteht keine Absicht dazu, die EU oder NATO zu verlassen. Sie wollen beide Organisationen vielmehr in ihrem Sinne transformieren.
Israel im Kampf der Kulturen
Peter Scholl-Latour hat die Lage Israels schon vor Jahrzehnten mit dem Bild vom „Daniel in der Löwengrube“ umschrieben. Die Demografie ist gegen Israel. Den 7,2 Millionen Juden Israels (bei 9,2 Millionen Einwohnern und 16,7 Millionen Juden weltweit) stehen fast zwei Milliarden Muslime gegenüber, die vom Koran gehalten sind, „Ungläubige“ zu vertreiben oder zu töten.
Die Israelis waren voller Hoffnung gewesen, dass der Gaza-Streifen sich nach ihrem Abzug 2005 mit Hilfe der Entwicklungshilfe des Westens und der Golfstaaten der inneren Entwicklung zuwenden würde, eine Illusion, die trotz aller Raketen aus dem Streifen bis zum 7. Oktober 2023 anhielt.
Selbst die Israelis verdrängten vor dem 7. Oktober den Islamismus als tiefere Ursache des Nahostkonflikts. Diese Unterschätzung der religiös-totalitären Dimensionen von Hamas, Huthis, Hisbollah und Iran ist erstaunlich, weil außer der Hamas niemand von ihnen physisch-territoriale Konflikte mit Israel hat.
Als ich einige Jahre vor 2023 einen Lehrauftrag in Haifa wahrnahm, war ich über die Heftigkeit der Konflikte über Verfassungsfragen verblüfft, noch mehr allerdings über die an der Hochschule herumwehenden Regenbogenfahnen und entsprechend woken Diskurse der Studenten. Illusionen sind oft tödlich. Zu dieser traurigen These passt die Auskunft von Chaim Noll zum 7. Oktober 2023.
„Am höchsten war die Opferzahl in einem Kibbuz, der von Friedensbewegten bewohnt war, die Waffen ablehnten. Hier wurden fast alle Bewohner abgeschlachtet. Ein anderer Kibbuz, der über 200 Maschinengewehre verfügte, konnte sich erfolgreich gegen die Angreifer verteidigen.“
Die territorialen Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern wären lösbar, wenn sie nicht mit absoluten Geboten wie dem Kampf gegen die Ungläubigen verbunden wären. Auf dem Weg zur Umma – der Weltherrschaft des Islams – steht der jüdische Staat im Wege. Zuvor hatten die orientalischen Christen im Wege gestanden und wurden mittels Zwangskonversionen, Massakern, Deportationen und diskriminierenden Gesetzen – bis auf einige Reste – vertrieben.
Die Städte in der heutigen Türkei waren einst von Griechen, Armeniern, Assyrern und anderen nicht-türkischen Völkern gebaut und bereichert worden. Heute sind nur noch 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung der Türkei Christen und Juden. Auch in Afrika stehen sie seit langem im Wege, und sie beginnen heute auch in Europa im Wege zu stehen. Die Zustände auf unseren Straßen sprechen Bände. Der Nahostkrieg beginnt sich immer stärker nach Europa zu verlagern.
Weder die Christen noch die Kulturrelativisten in Europa wollen diese Bedrohung wahrhaben. Im Gegenteil, sie fallen zunehmend Israel in den Rücken. Michael Klonovsky erklärt dies damit, dass das sesshaft gewordene und seine religiöse Identität verteidigende Volk allen Buntheits-, Teilhabe- und Diversity-Vorstellungen auf einmal widerspricht. Israel sei ein „Antiwokistan.“
Trumps Strategie: Selbstbehauptung durch Selbstbegrenzung
Ungarns Chance, sich innerhalb der EU zu behaupten, ist mit Trumps Wiederwahl gestiegen. Auch Israel wird sich nur mit seiner Unterstützung behaupten. Trump hat im Gegensatz zu allen anderen Kandidaten das Unbehagen des gesunden Menschenverstands, der in den Grenzen des Möglichen denkt, aufgegriffen. Trumps Parole „Make America Great Again“ signalisiert den Willen zur Rückkehr zu den besseren Werten und Strukturen der Vergangenheit.
Samuel Huntington hatte schon in den neunziger Jahren Grenzen des westlichen Werte-Universalismus gefordert. In der multikulturellen Welt müsse es um statt um Universalität um Koexistenz, statt um Hegemonie um Koexistenz gehen. Hinter Trumps Politik steht die Strategie einer Selbstbehauptung des Eigenen durch Selbstbegrenzung gegenüber anderen. Nur auf diese Weise kommt die Doppelkrise von Überdehnung und Niedergang in den Blick.
Trumps Politik der Selbstbehauptung setzt militärische und wirtschaftliche Stärke voraus. Sie kollidiert mit der Globalismus und einer dementsprechenden Selbstverleugnung des Eigenen. Die politische Spaltung der USA verläuft im gesamten Westen zwischen den Globalisten und den Protektionisten, die den Schutz gegenüber den von außen kommenden Bedrohungen über das Ideal der Weltoffenheit stellen.
Nach dem Ukrainekrieg wird sich entscheiden, ob der notwendige Paradigmenwandel von der Universalität des Westens zur Koexistenz der Mächte gelingt. In diesem Krieg haben wir es sowohl mit einem Machtkonflikt der Großmächte als auch mit einem inneren Kulturkonflikt zu tun. Mitten durch die Ukraine verläuft die Kultur- und Machtgrenze Europas zwischen dem von Russland angeführten orthodoxen Kulturraum und dem westlich-liberalen Kulturraum.
Während die USA unter Donald Trump die Ukraine als Verlustgeschäft abschreiben wollen, wollen die atlantischen Eliten Europas weiterkämpfen und müssen dafür bei den USA die Waffen kaufen. Der schwächelnde Welthegemon will sich auf Kosten seiner Partner sanieren.
Die Dekonstruktion von woken Utopien ist der erste Schritt zur Rekonstruktion. Zur Dekonstruktion einer sich selbst auflösenden Weltoffenheit gehört die Wiederkehr von Zöllen, auch gegenüber Verbündeten wie der Europäischen Union. Sie sind ein Wendepunkt in der bedingungslosen Globalisierungspolitik, die den Reichtum und die Armut vieler zugleich hervorgetrieben hat.
Dem gesellschaftlichen Zusammenhalt war damit nicht gedient. Mittels höherer Zölle und umgekehrten Steuererleichterungen für Investoren will Trump das Outsourcing in Insourcing umwandeln. Damit wird Trump zwar nicht das Weltbruttosozialprodukt, womöglich aber die innere Ordnung der USA aufrichten helfen. Zur Rekonstruktion des Nationalstaates gehört nächst dem Wiederaufbau von Grenzen der Schutz der Produzenten. Möglichst billiger Konsum fällt eher unter Brot-und-Spiele für das Prekariat.
Trump anerkennt jenseits des universalistischen Eiferertums die Verschiedenheit der Mächte in einer multipolaren Welt, einschließlich von deren Einflusssphären. In einer rekonstruierten Realpolitik wird die Macht des Anderen nicht negiert oder moralisiert, sondern anerkannt und in kooperative Wege umzuleiten versucht. Zumal in der internationalen Politik kann Macht nicht abgeschafft, sondern nur eingehegt werden. Die Einflusssphären anderer Großmächte müssen respektiert und die eigenen Grenzen geschützt werden.
Eine neue Unterscheidung zwischen autoritären, vor allem auf Stabilität fixierten und totalitären, aus der absoluten Glaubensgewissheit motivierten Regimen ist unabdingbar. Aufgrund seiner auf das Absolute und damit auch ins Grenzenlose zielenden Eigendynamik sind sie wesensmäßig universalistisch und müssen immer von neuem eingedämmt werden.
Wie Israel in seiner Region muss der Westen weltweit zwischen autoritären und totalitären Mächten unterscheiden. Das alte Prinzip des „Teile und Herrsche“ bedeutet, den Nahen Osten nach Islam und Islamismus zu unterscheiden. Im Rahmen der politischen Koexistenz mit autoritären arabischen Regimen kann sogar an eine gemeinsame Eindämmung des totalitären Islamismus gedacht werden.
Der Westen wird nur bestehen, wenn die USA und Europa gemeinsame Wege finden. Derzeit saniert Trump die USA auch auf Kosten ihrer Partner, gewiss kein edler, aber angesichts der selbstverschuldeten Abhängigkeit der Europäer naheliegender Weg. Immerhin haben sie sich nachträglich mit der drastischen Erhöhung ihrer Rüstungsetats den USA unterworfen, was langfristig dann auch eine strategisch autonomere EU ermöglichen könnte.
Vor allem US-Vizepräsident J.D. Vance baut an transatlantischen Koalitionen für einen Neuaufbau der westlichen Welt. Dem niedergehenden Europa bleibt heute die Hoffnung, dass aus den USA immer noch Gutes und Schlechtes nach Europa übergeschwappt ist und dies auch für die Dekonstruktionen und Rekonstruktionen von Trump der Fall sein wird.
Kampf für die Zivilisation
Der nahöstliche Kampf der Kulturen ist längst auch ein Kampf um die Zivilisation, illustriert etwa durch die Beschießung von Handelsschiffen im Roten Meer durch Huthis. Barbarische Stammeskulturen, die durch das Glaubenskorsett dauerhaft an Entwicklung gehindert sind, suchen die Schuld niemals bei sich selbst. Selbstkritik wäre angesichts des absoluten Geltungsanspruchs des Islams – dem Siegel des Propheten – Kritik an Gott. Die derzeitige Unterlegenheit des Islams kann nur Ergebnis einer Verschwörung des Überlegenen sein, die zu beseitigen religiöse Pflicht ist.
Aus seiner demografisch und geopolitisch fast hoffnungslosen Lage könnte Israel durch ein Wunder, modern gesprochen, durch einen Paradigmenwechsel gerettet werden. Indem sich immer mehr arabische Staaten dem Abraham-Abkommen einer zivilisierten Zusammenarbeit mit Israel annähern, stellen sie Meerwasserentsalzung, Begrünung von Wüsten, Handel und Tourismus über Heilige Kriege.
Unter "Zivilisation" fassen wir jene Gesellschaften zusammen, in denen – unabhängig von den jeweiligen ideell motivierten Werteordnung der Kulturen – die Ausdifferenzierung der Funktionssysteme ein Minimum an ökonomischer und technischer Entwicklung gegeben ist.
Wenn es gelingt, die nahöstlichen Kämpfe der Kulturen in einen Kampf um die Zivilisation übergehen zu lassen, stünden die Israelis nicht mehr als Eindringlinge, sondern als Entwicklungshelfer da. Ein Minimalkonsens der Zivilisation würde daher die unterschiedlichen Werteordnungen der verschiedenen Kulturkreise umfassen und den Kampf der Kulturen in einen Kampf für die Zivilisation überleiten helfen. Darüber wäre der Weg vorgezeichnet von der Universalität einer Kultur zur Koexistenz der Kulturen. Im Idealfall könnte dieses Paradigma zur Kooperation der Weltmächte überleiten. Islamisten bedrohen auch Russland und China und die säkulareren Staaten der islamischen Welt. Aus dieser Bedrohungen ergeben sich Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen zivilisierten Weltmächten.
Die Zeichen für einen solchen Paradigmenwandel mehren sich. Die in der BRICS versammelten Mächte wie China, Russland, Indien, Saudi-Arabien etc. hegen ganz unterschiedliche kulturelle und ideologische Motive und umfassen auch ganz unterschiedliche Machtstrukturen. Sie haben sich zur ökonomischen Kooperation über Systemgrenzen hinweg entschlossen und wollen damit auch die angemaßte Hegemonie des Westens durchbrechen.
Gemäß der realistischen Theorie der Macht, dessen bekanntester Vertreter John Mearsheimer ist, werden die USA und China unweigerlich aufeinanderprallen, sobald Chinas Anspruch auf regionale Hegemonie etwa im Falle Taiwans auf den universalistischen Hegemonialanspruch der USA stößt.
Eine neue bipolare Konfrontation mit China, den auch Teile der amerikanischen Regierung heraufziehen sehen, ist vermeidbar. China erhebt keinen absoluten Wahrheits- und Universalitätsanspruch. Auch der Panslawismus der Russen erstreckt sich nur auf den slawisch-orthodoxen Raum.
Der bipolare Hegemonialanspruch könnte aus Sicht von Ökonomen aber in den Paradigmenwandel der ökonomischen Entwicklung übergehen, die eben kein win-win ist und einen bloßen, immer neu zu verhandelnden Ausgleich der partikularen Interessen jenseits von Globalismus und Nationalismus erfordert.
Die Ansprüche auf eine Hegemonie des Westens nähren sich ideell aus der behaupteten Universalität der Menschenrechte und damit der liberalen Demokratie. Niemand verdächtigt Trump, ein Ideologe zu sein, der der Universalität der Demokratie den Vorrang vor einer bloßen Stabilität der Weltordnung gibt. In der multipolaren Welt – damit muss sich der Westen abfinden – wird die Demokratie nicht das Ende der Geschichte, sondern lediglich eine Herrschaftsform unter anderen sein.
Das Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas wird nicht lange halten, weil auch dieses nicht den tieferliegenden Kampf des Islamismus gegen die “Ungläubigen” beenden kann. Trump ist es aber gelungen, die gemäßigteren arabischen Staaten und die Türkei auf die Seite eines Kampfes für die Zivilisation zu ziehen. Wie schon beim Abraham-Abkommen werden die religiösen und territorialen Konflikte der Palästinenser mit Israel zurückgestellt zugunsten gemeinsamer west-östlicher Entwicklungsprojekte. Für den Gaza-Streifen werden dabei einige Brosamen abfallen, aber die Zukunft des Nahen Ostens sollte generell in einer intensiveren Entwicklungszusammenarbeit des Westens mit der arabischen Welt gesucht werden. Israel käme dabei die wichtige Rolle des Verbindungsglieds beider Welten zu.
Brandmauern nach außen statt nach innen
Solange die Brandmauern im Westen die Protektionisten des Eigenen aus dem Diskurs ausklammern, bleibt auch das dialektische Denken ausgeklammert. Der Verfall des Niveaus und die gewaltträchtige Polarisierung in öffentlichen Debatten ist allenthalben spürbar. In der atemberaubenden Unterkomplexität der Debatten geht die Vielfalt der Perspektiven unter. In ihnen ist nicht einmal der offenkundige Zusammenhang von Religion, Kultur und Politik, von Außen-, Grenz-, Migrations- und Integrationspolitik mehr erkennbar.
Die Brandmauern „gegen rechts“ stehen an der falschen Stelle. Es sind nicht einige versprengte Nationalromantiker, die uns bedrohen, sondern die gegen den Minimalkonsens Zivilisation anbrandende Koalition von Islamwokeisten, von religiösem Totalitarismus und dem wokem Nihilismus einer Umwertung aller westlichen Werte. Gegen diese mit dem Hitler-Stalin-Pakt vergleichbare Koalition brauchen wir Schutzmauern.
Trump ist es gelungen, die gegen ihn errichteten Brandmauern zweimal zu überspringen. Angesichts der „antifaschistischen“ Reaktionen auf den Mord an Charlie Kirk erscheinen die Mauern, die er heute nach innen gegenüber „Antifaschisten“ aufrichtet, gerechtfertigt. Auch eine Offenheit des Dialoges muss mit der Eindämmung des politischen und religiösen Totalitarismus einhergehen. Der Mord gerade an den sich um den offenen Dialog bemühenden Kirk lehrt, dass auch die Grenzen des Dialogs erkannt werden müssen.
Die vielen Kleinstaaten, aber selbst Frankreich und Deutschland, haben gegen Mächte wie China oder die USA keine Chance auf Gegenseitigkeit. Beim verbliebenen Nationalismus in diesen Ländern handelt es sich um romantisierende Nostalgie als Gegenextrem zum globalistischen Utopismus.
Bei der Rekonstruktion westlicher Selbstbehauptung könnten die letztlich auf Schutz des Eigenen konzentrierten bürgerlichen Kräfte arbeitsteilig verfahren. Während sich die einen pragmatisch und kurzfristig auf den Kampf gegen Symptome konzentrieren, sollte es den sich den Ursachen zuwendenden Analytikern gestattet sein, radikaler und weiter in die Zukunft hinaus zu denken.
In einigen Staaten der EU bröckeln bereits die Brandmauern zwischen Linken, Konservativen und Rechten. In Dänemark schützen Sozialdemokraten den Sozialstaat gegen zügellose Migration. In Italien bilden angebliche „Postfaschisten“ eine der wenigen stabilen Regierungen Europas. Die Mitteleuropäer haben die westliche Entgrenzungseuphorie nie geteilt. Die Brandmauern der EU-Zentralisten gegen die mitteleuropäischen Protektionisten werden in den nicht mehr finanzierbaren globalen Projekten wie einem Green Deal ihr Ende finden.
Schon angesichts der demografischen und militärischen Kräfteverhältnisse kann der Westen als Kulturkreis nur in der Kooperation zwischen Europa und den USA überleben. Die Strategie einer Selbstbegrenzung des Westens nach außen und Selbstbehauptung nach innen sollte daher in einem NATO-Bündnis Einzug halten, welches die Grenzen seiner Hemisphäre erkennt und sich auf deren Verteidigung konzentriert. Eine Grenzsicherung im Süden Europas wäre wichtiger als die Pflege von 22 globalen Partnerschaften, über die die NATO verfügt.
Prof. Dr. Heinz Theisen lehrte Politikwissenschaft an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. 2022 erschien von ihm im Lau-Verlag: Selbstbehauptung. Warum Europa und der Westen sich begrenzen müssen, 2024 zusammen mit Chaim Noll, Verteidigung der Zivilisation, Israel und Europa in der islamistischen Bedrohung.
