Rainer Bonhorst / 18.04.2014 / 00:57 / 2 / Seite ausdrucken

Der Sinn des Fortschritts

Auf meiner nimmermüden Suche nach dem Sinn des Fortschritts bin ich endlich fündig geworden. Die Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes, Bewohnerin eines digital durchprogrammierten Hauses, brachte es, wie ich in meiner Zeitung lese, auf den Punkt: „Früher musste ich aufstehen, um das Licht anzumachen. Jetzt kann ich auf dem Sofa liegen bleiben.“

Ich glaube, damit sind wir der alles umfassenden Fortschrittsformel auf der Spur. Sie geht so: Die Länge des Sofaaufenthaltes geteilt durch die Häufigkeit, aufstehen zu müssen, ergibt den Fortschritt. Oder kurz und mathematisch: ls:a=f.

Man hätte schon früher draufkommen können. Der Durchbruch kam ja bereits mit der Fernseh-Fernbedienung, heute kurz „Remote“ genannt. Die Fernbedienung reduzierte dramatisch die Häufigkeit, vom Sofa oder vom Sessel aufstehen zu müssen, um den Kanal zu wechseln. Man kann sich heute ein Leben ohne „Remote“ gar nicht mehr vorstellen.

Das liegt natürlich auch daran, dass es inzwischen so viel mehr Kanäle zum Wechseln gibt. Müsste man heute bei jedem Kanalwechsel aufstehen, so wäre dies ein Aerobic-Programm, das alle Fitness-Trainer der Welt in den vorzeitigen Ruhestand versetzen würde. Umgekehrt kann man sagen, dass die Fernbedienung, die zum Verweilen auf dem Sofa einlädt, das Arbeitsbeschaffungsprogramm für Fitness-Trainer schlechthin ist. Oder anders ausgedrückt: Erst die zum ungesunden Hocken verführende „Remote“ schafft den Bedarf an Ersatzbewegung, der von einer zu diesem Zweck eigens entstandenen Berufsgruppe professionell gedeckt wird.

Hier sehen wir, wie ein Fortschritt den anderen unweigerlich nach sich zieht.

Natürlich gibt es keinen großen Fortschritt ohne kleine Rückschritte. Die oben erwähnte Schauspielerin mit dem schönen Namen bekannte auch, dass sie selbst der neuen digitalen Welt nicht ganz gewachsen ist. Sie kann nur im Prinzip vom Sofa aus das Licht an- und ausschalten. In der Praxis beherrscht sie diese Technik nicht, weil die völlige Digitalisierung ihres Haushalt von den Bewohnern hoch komplexe Computerkenntnisse verlangt. Diese aber besitzt nur der Hausherr, der die Digitalisierung der trauten Häuslichkeit eingerichtet hat.

Das bedeutet, dass die Hausherrin im Dunkeln sitzen muss, wenn ihr Mann später heimkommt. Dunkelheit weckt trübe Gedanken, vielleicht auch den, ob auf eine derart zwangsverdunkelte Frau auf dem Sofa der Titel Hausherrin noch passt. Natürlich könnte sie ein wenig Licht schaffen, indem sie mit der Fernbedienung den Fernseher anstellt. Dies geht allerdings nur, wenn sie das kleine Gerät im Dunkeln in der Sofaritze findet.

Nun kann man solche kurzen Perioden im Dunkeln auch als einen Fortschritt betrachten, weil sie den Menschen aus der Hektik des Alltags herausheben und zu innerer Besinnung zwingen. Was mittelfristig guttut, auch wenn kurzfristig stille Wut aufkommen mag.

A propos Wut. Auch hier haben wir es mit keinem ganz neuen Phänomen zu tun. Wer sich noch an die Zeiten erinnert, als man mit einem neu installierten Telefon einfach telefonierten konnte, ohne ein digitales Telefonabitur ablegen zu müssen, wird sich gelegentlich nach dieser simpleren Zeit zurücksehnen. Und wenn mal etwas mit dem Telefon nicht klappte, rief man beim Monopolisten an. Dort wurde man zwar mürrisch, aber sachkundig auf den rechten Weg gewiesen.

Wer heute telefonisch eine technische Auskunft sucht, erlebt den wahren Kern der Globalisierung: Die überaus freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung vertröstet einen so lange, dass die Freundlichkeit nach und nach zum Hassobjekt und die Sehnsucht nach dem schlecht gelaunten Fachmann übermächtig wird. Aufkeimende Mordgedanken stoßen ins Leere, da sich die Stinkfreundlichen am anderen Ende der Leitung über den ganzen Globus verteilen. Diese globale Verteilung über den ganzen Globus dient wahrscheinlich in erster Linie, vielleicht sogar ausschließlich dem Zweck, Massenmorde an den freundlichen Auskunftsunwilligen unmöglich zu machen.

Auch hier handelt es sich bei genauerem Hinschauen um einen Fortschritt: Wir haben es mit einem präventiven Mordverhinderungsprogramm zu tun.

Im übrigen befinden wir uns erst am Anfang der Entwicklung. Ich glaube, dass wir den Höhepunkt des Fortschritts erst erreicht haben, wenn ein digitales Klopapier es uns ermöglicht, dass wir auch aus diesem, bisher zwingenden Grund, nicht mehr vom Sofa aufstehen müssen.

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Leserpost

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Martin Wehlan / 18.04.2014

Der Fernseher und die Zeiteinheiten In der DDR gab es zwei Zeiteinheiten. Die Grundzeiteinheit war ein Hon, definiert als die Zeit, die man benötigt, um vom Sofa aufzustehen und den Fernseher auszuschalten. Die zweite Zeiteinheit war ein Schnitz. Diese betrug ein Zehntel Hon. Eine Fernbedienung war so gut wie nicht bekannt und lohnte sich auch nicht. Heute aber gibt es - Dank Fernbedienung - eine dritte Zeiteinheit, nämlich wahlweise bezeichnet als ein Roth oder ein Tritt. Diese beträgt nur ein Hundertstel Hon.

Rüdiger Bäcker / 18.04.2014

Ich habe diesen Artikel nur deshalb gelesen, weil im zweiten Satz der Name Collien Ulmen-Fernandes auftauchte. Auch CUF abbreviert, so wie “Catholics United in Faith”. Danach habe ich nichts mehr verstanden, weil ich mir ständig vorgestellt habe, wie diese allmählich alternde und immer weniger hübsche Mutantenlarve umnachtet auf ihren Gatten wartet, der ja auch nicht gerade intellektuell der Bringer ist, damit dieser das Licht einschaltet. Schon war ich wieder bei meinen Vorurteilen gegen Ulmen und Entourage: Stinklangweilig ist wohl noch das Höflichste, was man über diese ferngelenkten Berliner Schlafanzüge sagen könnte? Oder präziser: Was man über solche von der deutschen Filmförderung gepuderten ferngelenkten Berliner Schlafanzüge sagen könnte? Dann kam mir eine Idee: Soll sie doch selber das Licht einschalten, die Dame des Hauses? Sofort sackte ich aber enttäuscht über diesen gedanklichen Irrweg aufs Sofa zurück: Wer sie im TV und auch sonst mal reden hört, der weiß, dass sie ein Lexikon des Trivialen verzehrt hat, aber bis zum Oberstübchen ist Edisons glühendes Teufelsding immer noch nicht vorgedrungen. Wie soll sie etwas völlig Normales tun, wenn ihr Leben nur aus Triumphen in der Banalität besteht? Vorschlag: Das nächste Mal nur Fotos von Frau Collien. Den Ton bzw. Text machen wir uns dann selbst. Wer weiß, vielleicht wird ein Drehbuch daraus?

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