Melos, beziehungsweise neugriechisch Milos, ist eine kleine, heute eher unbedeutende Kykladen-Insel in der Ägäis. Heute leben auf der Insel angeblich 5.000 Menschen, und damit gilt sie schon als dicht besiedelt. 5.000 Einwohner, das ist die Größe, bei welcher man in Deutschland gerade anfängt, von einer Kleinstadt zu sprechen. Die Bewohner dieser Insel sind vermutlich zu einem Großteil nicht die Nachfahren der einst, nach dem Niedergang der mykenischen Bronzezeit, vom dorischen Festland gekommenden Siedler, denn diese, oder jedenfalls die Männer, wurden von den Athenern in einer Strafaktion umgebracht, so jedenfalls schreibt es Thukydides. Melos war schon in der Steinzeit Lieferant für Obsidian und wurde später ein wichtiger Handelsplatz für Keramiken. Auch die berühmte Venus von Milo, oder besser die Aphrodite von Melos, aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stammt von dort. Ganz unbedeutend war die Insel also nicht. Inseln haben so ihre Besonderheit, und das antike Griechenland war auch besonders.
Die Vernichtung der Insel Melos als selbstständige Gemeinde berührt ein Grunddilemma aufstrebender Imperien. Athen war in den Perserkriegen zu Ansehen gewachsen. Athen trat überall als Schutzherrin der neuen Staatsform „Demokratie“ auf. Und Athen hatte nach den Perserkriegern den Seebund gegründet. Nicht die heldenhaften Spartaner am Bergpass hatten die Perser besiegt, es war die Seeschlacht von Salamis gewesen, die die Entschiedung gebracht hatte. Athens militärische Macht beruhte seitdem auf seiner Flotte, und die zwingende Existenz der Flotte leistete wiederum der weiteren Demokratisierung Vorschub, denn man brauchte die Theten, also die einfachen Leute, als Ruderer und belohnte sie auch mit politischen Rechten.
Nach den Perserkriegen standen sich ein Landreich, der Peloponnesische Bund unter Führung Spartas, und ein Seereich unter Führung Athens gegenüber. Der Seebund war eine Art Mini-NATO, ein Verteidigungsbündnis von Stadtstaaten mit ähnlichen Interessen. Nach und nach wurden die verschiedenen griechischen Poleis gedrängt, sich einem der beiden Verteidigungsbündnisse anzuschließen. Dabei wurde Neutralität nicht gern gesehen, schon gar nicht von einer Insel, denn eine Insel profitierte, so die Logik Athens, letztlich von der durch den Seebund garantierten Sicherheit der Meere. Melos hatte sich zwar geweigert, dem Seebund beizutreten und sogar bereits einmal einen kleinen Invasionsversuch der Athener abgewehrt, nichtsdestotrotz hatte man in Trumpscher Manier einfach beschlossen, dass Melos bereits zum Seebund gehöre und an Athen Abgaben zu zahlen hätte, umgerechnet 15 Talente im Jahr. So stand es sogar auf einer Abgabenstele in Athen, die die Einwohner von Melos zweifelsfrei nicht gegengezeichnet hatten. Die Abgaben trafen dann auch jahrelang nicht ein, und so beschlossen die Athener im Sommer 416 v. Chr. ganz demokratisch, die Insel zu erobern und die Einwohner zu versklaven, jedenfalls die Frauen und Kinder, die Männer wollten sie umbringen. Wer also meint, Trumps unflätiges Gebaren in der Grönlandsache sei unwürdig unter demokratischen Staaten, dem sei gesagt: Da geht noch was. Ausgerechnet die Erfinderin der Demokratie war in diesen Dingen nicht zimperlich.
„Entweder man kolonisert oder man wird kolonisiert“
Wir wissen, wie die Sache ausging: Melos, die Stadt auf der Insel Melos, wurde zunächst belagert und ausgehungert und dann tatsächlich von den Athenern eingenommen und die Bevölkerung aufgelöst. Es wurden stattdessen attische Bürger angesiedelt. Aber selbst die griechischen Zeitgenossen empfanden diesen Angriff eher als unrühmlich. Keineswegs war es für die Athener selbstverständlich, dass allein das Recht des Stärkeren zu gelten habe. Euripides hat in seinem Stück Die Troerinnen auf Melos angespielt und Athen vor der eigenen Hybris gewarnt.
Von dem Historiker Egon Flaig stammt die schöne, aber tragische These „Entweder man kolonisert oder man wird kolonisiert“ (Wortlaut sinngemäß). Da es kein Ende der Geschichte gibt, gibt es auch keinen ewigen Status quo der Großmächte. Da, wo sie als Schutzmächte auftreten, sind sie gezwungen, auszugreifen. Zwergreiche, wie die Bundesrepublik Deutschland, mögen sich in eine neutrale Rolle hineinphantasieren, sie profitieren doch von der starken Schulter der Verbündenten, mag auch Friedrich Merz der Meinung sein, die Welt orientiere sich am Gebaren Deutschlands. Ein Mittelreich wie Deutschland ist inmitten Europa nur deswegen befriedet, weil Europa faul geworden und konsumorientiert ist und weil einst neidische Nachbarn wie Frankreich in die EU eingebunden sind, Großbritannien innerlich zerfällt und Polen, das durchaus noch über nationale Reflexe verfügt, als Puffer gegen Russland steht und die NATO braucht. Die neutrale Schweiz in ihrer Bergfestung ist die absolute und winzige Ausnahme. Selbst Schweden, das sich für Jahrhunderte aus der Geschichte verabschiedet hatte – in Schweden sprach man schon davon, die Gesellschaft sei fredsskadat, „friedensgeschädigt“ – ist zurückgekehrt und nun Mitglied der NATO, übrigens auch mit Einverständnis der Sverigedemokraterna, der sogenannten Rechtspopulisten, also gerade jener Kräfte, die in Deutschland nach eigentlich eher linker Manier eine Entfremdung vom Westen wünschen.
Hochentwickelte Länder wie Deutschland sind abhängig von globalen Netzen und Rohstoffmärkten. So wie das Mittelmeer und die Ägäis einst ein wichtiger Handlesweg war, von dem der Wohlstand ganzer Regionen abhing, ist die Straße von Hormus heute eine der wichtigen Schiffahrtsrouten für die industriell entwickelte Welt.
Imperien überspannen den Bogen
Deswegen ist, selbst wenn Trump den Krieg im Iran nach deutscher Interpretation unbegründet angezettelt hat, der Streit um die Straße von Hormus auch ein Streit, der Deutschland betrifft. Und wie sich Maulhelden wie Chrupalla zudem eine deutsche Neutralität ohne die USA vorstellen und wie sie sich gegenüber Russland behaupten wollen, erschließt sich nicht. Aber auch das von Chrupalla bewunderte Russland unterliegt dem Gesetz der Imperien: Es kann nicht zusehen, wie seine Randregionen nach und nach in die Selbstständigkeit abdriften. Dies mag tragisch für Russland sein, das Mitleid hält sich indes in Grenzen. Wer nicht selber Großmacht sein will, kann bei solchen Nachbarn nicht neutral bleiben. Ob die Ukraine jemals diese Chance gehabt hätte, bleibt fraglich.
Übrigens waren die Athener mit ihrem Überfall auf Melos geschickt, denn sie machten einen Teil ihrer Verbündeten, zum Beispiel Chios und Lesbos, zu Mittätern. Falls es schiefginge, hätte man dann auch gleich Mitschuldige gehabt. Besoffen von ihrem Sieg über die kleine Insel zogen sie – nach Beschluss der Volksversammlung – aus zu einem größeren Abenteuer und wagten schließlich, bedrängt von der Stadt Segesta, die um Hilfe bat, aber auch Aussichten auf leichte Beute suggerierte, die Sizilianische Expedition. Nikias, das ist der, nachdem der Problemfrieden benannt ist, indes warnt in einer Rede bei Thukydides vor dem Abenteuer: Die Gefahr sei zu groß, dass man sich überdehne und die Macht zerplittere. Und so kam es dann auch.
Auch das Beispiel Athen kann ein Menetekel sein. Imperien überspannen den Bogen. Egal wie der Ukrainekrieg ausgehen wird, Russland hat sich damit überdehnt. Der Schaden für das russische Reich wird größer sein als der Gewinn der ukrainischen Ostprovinzen. Und ob die USA noch halbwegs heil aus ihrem Iran-Abenteuer herauskommen, liegt in den Sternen. Athen hingegen bastelte auf dem Höhepunkt der Macht mit dem Sizilienabenteuer (415–413 v. Chr.) bereits am eigenen Untergang. Die sogenannte Sizilien-Expedition schwächte Athen so stark, dass Sparta 404 doch als Sieger aus dem Peloponnesischen Krieg hervorging. Die Lakedaimonier siedelten sogar einige restliche Melier wieder auf deren Heimatinsel an. Die Geschichte duldet keine Neutralität, aber Imperien sind auch nicht für alle Zeiten gesichert.
Quelle: Athen oder Sparta, Wolfgang Will, C.H. Beck
Wenn ich es recht verstanden habe, ist der Autor der Meinung, dass sie europäischen Staaten kolonisiert bleiben müssen. Längerfristig evolutionär gedacht ist das nicht. Fragt sich, wer der Kolonalherr sein wird, wenn die USA an ihrer Hybris zusammenklappen.
Der Begriff „ Maulheld“ ist in diesem Kontext bzw personal durchaus interessant, wenn auch sachlich abwegig. Mit Politik bzw der gegebenen Komplexität scheint sich der Autor nicht sehr intensiv zu befassen. Er arbeitet, wie hier bereits kommentiert, mit Unterstellung. Z.B was die angeblichen Pläne Putins betrifft. Für die sogar Indizien fehlen. Leider spielen Fragen des nationalen Interesses, der nationalen Souveränität, der weitestgehenden nationalen Unabhängigkeit , der Diversifizierung bei Energie und Rohstoffen und der Verhinderung von Erpressbarkeit keine Rolle. Dass „ man“ selbst einiges für seine nationale Stärke tun muss, ist klar. Dass die Regimes in Schland seit langer Zeit das Gegenteil betreiben ist offenkundig. Die Interessen des Hegemon sind klar und durchaus verständlich. Diese Interessen sind nicht zwingend mit der Schlands identisch. Seit 1945 findet ( gewollt) ein Prozess statt, der ziemlich genau zum aktuellen Zustand führte. Die Verweigerung der Entitäten und einer Identität ist alles andere als eine Petitesse. Mit Russland hat das sehr wenig zu tun, mit dem Hegemon sehr viel. Das betrifft wie man erkennen kann auch die Entwicklung der westeuropäischen Länder, aktuell in der EU „ verbunden“. Hilf – und orientierungslos in den Händen einer verkommenen Elite. Ausgehend nicht von Russland, sondern den westlichen Oligarchen plus ihren politischen Helfern. Es gälte, etwas tiefer als bis zur Klammerung an den alles andere als stabilen Hegemon zu schürfen. Und der emotionale „ Maulheld“ ist wohl kein hinreichendes ( Analyse) Niveau.
Irgendwann ist der Dollar gar nichts mehr wert. Das ist dann vermutlich keine imperiale Überdehnung, sondern eine imperiale Verpuffung. Wobei ich nicht weiß, wie wir in dem Fall aus der Staubwolke herauskommen werden. Jedenfalls definitiv schlechter als Russland.
Russland gleich Sparta und Peloponesischer Bund, USA gleic Athen als Seemacht, China , dassinddie Perser im Hintergrund: Das würde besser passen. Denke ich als ehemaliger Altsprachler.
Deutschland müsse sich gegenüber Russland behaupten, gemeint ist militärisch. Dieser Ansatz ist Quatsch, man erkennt es an dem Ukrainekrieg, wie Russland dort nicht vorankommt! Dieser Artikel ist typische Natopropaganda. Richtig ist allerdings das Reiche entstehen und verfallen, alles nur eine Frage der Zeit. Die USA versuchen ihren Status zu erhalten, werden es aber nicht schaffen, sie sind dabei ihren Zenit zu überschreiten. Deutschland muß sich neu aufstellen und militärische Unabhängigkeit gewinnen oder versackt mit den USA im Strudel der Umbrüche.
„Hochentwickelte Länder wie Deutschland.“ Find ich gut. Immer mit nem Witz anfangen.
Könnten sich auch die USA überdehnt haben
An Hybris fehlt es nicht