Wolfgang Röhl / 14.06.2016 / 09:09 / Foto: Gricha / 6 / Seite ausdrucken

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch

Harald Martenstein, ein „weißer alter Mann“ (Selbstauskunft), schreibt im „Tagesspiegel“ und in der „Zeit“ Kolumnen und Glossen von einer Art, die man in den genannten Druckerzeugnissen ansonsten selten antrifft. Nicht wenigen Leuten gefällt seine Tonalität, zumal sie niemals ausfallend wird. Für Puristen des Juste Milieu ist er natürlicherweise ein rotes Tuch. Sein Zeitgeist: öfters ein anderer als der ihre. Wenn es noch Reste eines Meinungsspektrums im medialen Mainstreambetrieb gibt, dann wegen Martenstein und ein paar anderen - hallo Jan Fleischhauer!

Schon klar: Man kann der Ansicht sein, bei diesen Dissies handele es sich bloß um Alibifiguren. Listig installierte Spoiler an der Karosse des allfälligen Stromlinienjournalismus. Aber besser als nix, oder? Offenlegung: Martenstein gefällt mir. Er gefällt mir sogar sehr.

Kürzlich hat der Mann die Ebene der verwunderten Ironie, auf der er sich gewöhnlich bewegt, in einer Tagesspiegel-Kolumne kurzzeitig verlassen. Im TS firmierte sein Stück vorsätzlich-irrtümlich unter dem Rubrum „Glosse“ . Ihm fiele nichts Lustiges ein, wenn er Bilder von kenternden Flüchtlingsbooten sähe, schrieb Martenstein. Und er schrieb auch, dass „den Flüchtlingen und den Auswanderern in ihren Booten zu wenig geholfen wird.“ Das sei die „Schande Europas“. Eine Ansicht, die von vielen AfD-Anhängern womöglich nicht so ganz geteilt wird.

Warum denunziert ihn dann aber ein gewesener „deutscher Studentenfunktionär, Journalist, Autor und Manager“ (Wikipedia) wie folgt: „Harald Martenstein wechselt zusehends ins Genre des politischen Leitartikels und gibt dem ‚Tagesspiegel’ eine neue Farbe, mit der er den Zuspruch einer wachsenden Zahl von AFD Anhängern finden wird.“ (Schreibweise aus dem Original-Artikel auf einer Internet-Plattform namens carta.info.)

Bitte einen Moment Geduld – auf den Denunzianten komme ich gleich.

Der Grund ist, dass Martenstein später im Text auch die Vorstellungen einer „Migrationsexpertin“ aus einem Interview des TS kritisierte. Die Dame hatte gefordert: „Menschen müssen das Recht auf Mobilität und Freizügigkeit haben.“ Im Klartext: hoch die Tür für ausnahmslos alle, die zu „uns“ kommen wollen. Martenstein leistete sich dazu eine Betrachtung, die für Mieter eines noch halbwegs aufgeräumten Oberstübchens selbstverständlich ist, unter staatlich alimentierten Wolkenkuckucksheimbewohnern aber an Sarrazinismus grenzt:

„Es wäre möglich, mehr zu tun. Nicht möglich ist es allerdings, die Grenzen Europas für alle zu öffnen, die, mit nachvollziehbaren Gründen, herkommen möchten. (...) Ich glaube, dass es in Europa Chaos, Armut und Bürgerkrieg bedeuten würde. Es gibt Milliarden von Menschen, die glauben, hier besser leben zu können als in ihrer Heimat. Wenn ein großer Teil von ihnen kommt, wird Europa nicht mehr das Europa sein, von dem die Einwanderer geträumt haben. Als Erstes würde der Sozialstaat zusammenbrechen, unser System funktioniert nicht auf der Basis einer unbegrenzten Einwanderung. ‚Freizügigkeit für alle’ klingt edel, aber niemand kann plausibel machen, wie das funktionieren könnte.“

Der Denunziant nennt das implizit: Futter für die AfD. Indem er auf die „renommierten Herausgeber“ des Tagesspiegels und die „engagierten Chefredakteure“ des (übrigens nicht besonders heiß vom Erfolg geküssten) Blattes verweist, fordert der Denunziant zwar nicht explizit den Rausschmiss von Martenstein.

Aber die Überschrift seines Traktats, so lachhaft sie ist („Martenstein übernimmt den  Tagesspiegel“), insinuiert, ausgerechnet der Tagesspiegel, eine der Hochburgen der merkelfrommen Denkungsart, sei kurz davor, in die Hände eines Kolumnisten zu fallen, der – wörtlich - „Demagogie“ betreibe. Martenstein, bislang höchstens ein für gewisse Kreise lästiger, weil eloquent formulierender Querschreiber, wird qua Definition flugs zum politischen Hetzer, Aufwiegler, Volksverführer ernannt. Bisschen viel der Ehre. Lenin hatte da beträchtlich mehr drauf.

Apropos Lenin: Der Martenstein-Denunziant trägt den Namen Franz Sommerfeld. Nie gehört? Ich schon. Aber ich bin ja, wie Martenstein, ebenfalls ein weißer alter Mann und war ebenfalls kurzzeitig in das verstrickt, was man früher „linke Zusammenhänge“ nannte.

Bei Sommerfeld währten die Zusammenhänge allerdings ziemlich lang. Als wackerer Ideologe machte er seit den 1970ern Karriere bei der DDR-finanzierten DKP, war Sekretär des DKP-hörigen „Marxistischen Studentenbundes Spartakus“, Redakteur des (für mich immer als Spaßlektüre unverzichtbar verhetzten) Studi-Magazins „Rote Blätter“. Später raschelte er im Umfeld von DKP-nahen Publikationen wie „Die Tat“ und die „Deutsche Volkszeitung“ (DVZ) herum. Als die DVZ nach dem Ende ihrer Ostberliner Geldgeber 1989 pleite „und anschließend in der Wochenzeitung ‚Freitag’ aufging, gehörte Sommerfeld nach Selbstaussage zu den Neugründern“ (Wikipedia). Über das traurige Ende seiner Umlaufbahn durch den realsozialistischen Volksbeglückerorbit mährt sich Sommerfeld gelegentlich im Internet aus. Da kommen einem die Tränen. Vor Lachen.

Dann aber! Kriegt der wendige Sommerfeld rasch die Kurve. 1991 Reporter und 1997 stellvertretender Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, 1999 Chefredakteur der „Mitteldeutschen Zeitung“, 2000 Chef des „Kölner Stadtanzeigers“, 2009 Vorstand der Mediengruppe M. Dumont Schauberg und 2014 der – sicherlich - hübsch vergoldete kapitalistische Ruhestand. So macht Kommunismus Spaß!

Zusammengerafft: Ein ehemals maßgebendes Mitglied des westdeutschen SED-Ablegers, nach dessen (natürlich nie auf der Agenda stehenden) Sieg in Westdeutschland jegliche öffentliche Äußerung unterdrückt worden wäre, die nicht SED-konform gewesen wäre, so ein Typ also macht bis heute Stimmung gegen publizistische „Abweichler“, wie Dissidenten in dem vom Sommerfeld einst heiß geliebten Ostblock genannt wurden. Was damals ein Berufsverbot als kommodeste Maßnahme inkludierte.

Aber, muss man einen Mann wie Sommerfeld überhaupt ernst nehmen? Sein heutiges Medium carta.info ist unter den politischen Internetportalen ein Nischenprodukt. Doch erinnern wir uns mal an den Fall Klonovsky. Der luzide schreibende Rechtsausleger, mittlerweile fest angestellter Petry-Flüsterer, hatte viele Jahre brav für den „Focus“ geackert. Bis ihn linke Denunzianten aus obskuren Netzwerken heraus derart massiv anschifften, dass Klonovsky dem im Zweifel feigen Burda-Verlag nicht länger tragbar erschien.

Sie sind noch da, die Feinde einer offen diskutierenden Gesellschaft. Beziehungsweise schon wieder. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

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Leserpost

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Paul Strunz / 16.06.2016

Das Zitat von Brecht ist, vorsichtig gesagt, völlig unpassend. Das, was da kroch, legte Europa in Schutt und Asche und beging millionenfachen Völkermord. Hier geht es um ältere Herren, die sich, jeder auf seine Weise, lächerlich machen und das auch dürfen. Für Brecht war auch klar, dass der Schoß, aus dem das kroch, zu übersetzen wäre mit Privateigentum an Produktionsmitteln. Man lese seine Nachkriegsschriften, dann wird man sehen, dass er als Zeuge des Antikommunismus nix taugt. Abgesehen davon: Was ist denn davon zu halten, wenn man das Wort Denunziant in die Feder nimmt, dabei aber selber die Biografie des Antagonisten ausweidet, weil einem die Argumente ausgehen? Eine saubere Polemik wäre doch: Dieser Mann hat recht, jener nicht, und zwar aus Gründen. Ich kenne Sommerfelds Text nicht, aber was Martenstein schreibt, hat was von Franz-Josef Wagner. Insbesondere die Benennung der Ursachen hat weder mit Journalismus zu tun, noch ist sie durch die Rubrizierung als Glosse zu entschuldigen. Es ist mindestens naiv, von Warlords zu schreiben, ohne zu erwähnen, woher sie ihre Waffen haben, ohne zu erwähnen, was das Elend dort mit dem Wohlstand hier zu tun hat. “Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: »Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.” Auch Brecht.

Stefan Strauß / 14.06.2016

Verehrter Herr Röhl, der Artikel ist ein sehr gutes Stück Aufklärung. Es zeigt die innersten Zusammenhänge und die Inzucht des Gewerbes. Geht man den angeführten Links nach, so stößt man auf noch auf einen zusätzlichen Treppenwitz der ohnehin verstiegenen Geschichte. Der Vater, des von Sommerfeld empfohlenen Autors eines Zeit-Artikels,zum Thema des passenden Begriffsknüppels für Kritiker des Regierungskurses, Gerow v.Randow, kennt die Bücher seines Vaters Thomas v.Randow nicht. Der hatte einst wegweisendes zur Langlebigkeit der abgeschriebenen Lügen in Wissenschaft und Journalismus veröffentlicht. Untertitel des betreffenden Buches: …vom Hexenwahn zum Waldsterben.   Mit freundlichen Grüßen, Stefan Strauss

Wieland Schmied / 14.06.2016

Exzellente Beschreibung eines unheilbaren Triebtäters. Besten Dank fürs Augenöffnen.

Heinz Thomas / 14.06.2016

Sehr geehrter Herr Röhl, wie immer große klasse! Eines kreide ich Ihnen aber an, nämlich Herrn Klonovsky als Rechtsausleger zu bezeichnen. Ich weiß nicht wohin Sie auslegen - ist mir völlig egal -, aber Sie haben mit Klonovsky viel gemeinsam. Nämlich tiefschürfende Analyse, die mit einer locker-ironischen Schreibweise verbunden ist. Bereiten Sie weiter interlektuellen Genuss und lassen Sie sich nicht in die Suppe spucken - auch nicht durch meine Anmerkung…

Roland Jungnitsch / 14.06.2016

Herr Sommerfeld dürfte lediglich die Schneeflocke auf der Spitze des Eisbergs sein! Ist Ihnen noch nie aufgefallen, welcher Diktion und Manipulation sich ein Großteil der heutigen Printmedien-Journalisten bedienen? Vergleichen Sie doch einfach mal den Wortlaut vieler heutiger Zeitungsmeldungen mit dem Wortlaut und dem Faktengehalt von Meldungen, die das ‘Neue Deutschland’ und andere Presseorgane der DDR in den 80er Jahren lanciert haben. Sollten Sie dabei viele Parallelen finden, dürfte das kaum ein erstaunlicher Zufall sein. Sowohl führende Anhänger des realsozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates, wie auch führende Mitglieder linker Organisationen in Westdeutschland haben eine sog. ‘Kaderschulung’ durchlaufen. In der lernten Sie, sozialistische Meinungen und Interessen zu verbreiten und durchzusetzen, sowie diverse Durchsetzungsstrategien, um sich und Gleichgesinnte in entsprechenden Führungspositionen der jeweils als Zielobjekt dienenden Organisation zu manövrieren. In den ersten Jahren der Wiedervereinigung haben die Kommunisten noch ihre Füße stillgehalten, weil sie nicht sicher waren, ob dieser verfeindete, imperialistische und kapitalistische Unrechtsstaat nicht doch noch irgendwelche Sanktionen gegen sie verhängt. Dann aber, als sie merkten, was für ein juristischer Luschenstaat das wirklich ist, begannen sie wieder, sich auf maßgebliche Posten hochzuarbeiten, was bei ihren sozialismusfremden und naiven Westmitarbeitern auch nicht schwer war. Nach Aufhebung des Radikalenerlasses Anfang der 90er Jahre gelang das nicht nur im Bereich der Medien, sondern in nahezu allen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, die nachhaltigen Einfluß auf die Politik und den gesellschaftlichen Konsens haben.

Wolfgang Schmid / 14.06.2016

Martensteins ist bürgerlich-konservativ - und in fast ganz Deutschland wäre er politisch in der Mitte zu verorten. In Berlin ist man damit Rechtsausleger. Sein Problem in Berlin begann aber spätestens, als er die Antifa angriff. Da hört bei den alten und neuen Linken der Spaß auf.

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