Von Thilo Schneider.
Du bist jung (also unter 60), bist nichts, hast nichts und kannst nichts, außer vielleicht ein bisschen nebenbei „irgendwas mit Medien oder so“ studieren? Und Du möchtest trotzdem eine Wohnung in einer deutschen Großstadt haben, da, wo die Szene rockt, die Luft brennt und was los ist?
Kein Problem. Hier der Schnellkurs für Anfänger in nur zehn Schritten (Leserdauer 1 Minute).
1) Du trampst nach Berlin. Am besten lässt du dich von einem spießigen Ausgebeuteten der Arbeiterklasse mitnehmen, oder du nutzt einfach den kostenlosen Bringservice der Bahn in der Zugtoilette.
2) In Berlin angekommen, suche dir ein Haus, das offensichtlich leer steht. Da brichst du ein.
3) Rufe nun deine nichtsnutzigen Kumpels an und lade sie ein.
4) Jetzt ist Sensibilität gefragt. Zuerst einmal verschönern du und deine Krawallbrüder das Haus mit Tags und Graffitis. Wichtige Symbole dabei: durchgestrichene Hakenkreuze, Anarcho- und Friedenszeichen sowie Sinnsprüche wie „Nazis raus“, „Bullenschweine in die Spree“, „Krieg den Palästen“, 5-zackige Sterne und „Refugees welcome“ (keine Sorge, vertrau mir, die kommen nicht, die sind Besseres als deine abgeranzte Bude gewohnt). Hänge eine bunte Regenbogenfahne vor irgendein Fenster.
5) Beziehe auch die Häuser in der Nachbarschaft ein. Hunde, Katzen und Autos auch.
6) Schmeiße Deinen Müll revolutionär auf die Straße, um gegen Konsumterror zu demonstrieren.
7) Lade die örtliche Presse ein und erkläre lang und breit, warum Berlin ein revolutionäres Zentrum gegen die „Genderisierung“, pardon "Gentrifizierung", der Gegend braucht, und warum der Hausbesitzer eine kapitalistische Spekulanten-Drecksau ist.
8) Zünde gelegentlich, aber vor allem am 1. Mai die Autos der Werktätigen und Reifenbarrikaden an, um gegen irgendeine Ungerechtigkeit (beispielsweise die Nichtverfügbarkeit von kostenlosen Wohnungen in 1a-Lage) zu demonstrieren.
9) Nimm andere revolutionäre Subjekte ebenfalls zu Hause auf, gemeinsam müsst Ihr dann Steine auf die Bullenschweine werfen.
10) Alles richtig gemacht? Dein Haus sieht aus wie eine Abbruchruine 1945 und deine Nachbarschaft wie ein vollgeschissenes Bahnhofsklo? Bierflaschen, Pisse und Kotze sind großräumig in der Nachbarschaft verteilt? Eröffne auch noch eine Hobbyapotheke mit Freizeitpharmazeutika und Spasskräutern. Natürlich nur zum Eigenverbrauch.
Hast Du? Prima: jetzt kommt der Berliner Senat und kauft die Immobilie, weil er es satt hat, ständig von den anderen Nachbarn mit Anrufen belästigt zu werden, die sich wegen so Kinkerlitzchen wie verkratzte Autos und abgetretene Rückspiegel oder auch Steinwürfe in ihre Spießerwohnungen beklagen. Du darfst dort wohnen bleiben und giltst fortan als „autonomes Widerstandszentrum“, das quasi als buntes linkes Biotop gehegt und gepflegt wird. Und keine Angst vor den Bullenschweinen. Die dürfen dir fortan nichts tun. Du bist frei! Herzlichen Glückwunsch!
Siehe: "Senat will das Besetzer-Haus in der Rigaer Straße tatsächlich kaufen")
Thilo Schneider, Jahrgang 1966, freier Autor und Kabarettist im Nebenberuf, FDP-Mitglied seit 2012, Gewinner diverser Poetry-Slams, lebt, liebt und leidet in Aschaffenburg.
Beitragsbild: Thomas Bresson CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Von denjenigen, die hier schon länger leben und die dieser Regierung ein WEITER SO durch ihre Stimme ermöglichen, werden wahrscheinlich diejenigen, die hier schon länger leben und die ihre Stimme verweigert haben, noch viel "Freude" erwarten dürfen. Dazu kommen noch andere "Freuden" na dann, ein Frohes Fest. Die nächste Regierung nach der Abwahl von rotrotgrün beneide ich nicht. Übrigens, für das Wort Wahnsinn gibt es viele Synonyme. Warum schreitet eigentlich die Staatsanwaltschaft nicht ein ???? Sind Hausbesetzung und Steuergeldervergeudung nicht strafbar ??
Jo! Danke für die amüsante Anleitung. Geben Sie's aber zu, sehr geehrter Herr Schneider: Das Rezept haben Sie sich doch in Hamburg abgeschaut. Mit der Neuen Hafenstraße hat es damals ja vorbildlich geklappt. Viele Grüße.
So neu ist das alles nicht, es wurde bereits im alten Westberliner Bezirk Kreuzberg vor dem Mauerfall ausprobiert und war bereits damals oft erfolgreich und nicht wenige der damaligen "Aktivisten" , die ansonsten jeder normalen Arbeit aus Wege gingen, haben dann später zusätzlich noch Karriere in der Politik oder Verwaltung gemacht.
Alles soweit - leider - korrekt beschrieben. Allerdings sollte es wohl vermutlich “Gentrifizierung“ und nicht “Genderisierung“ heißen, oder? Freundliche Grüße Michael Bartscherer
Aber bitte nicht wundern, verehrter Thilo Schneider, wenn Ihre penetrant exakte Beschreibung der Realität einige Menschen provoziert und Ihnen am Ende ein Platz als Drecksspießer in der rechten Ecke zugewiesen wird. Als Realist fürchte ich eine ganz andere Tendenz: Der bereits staatlich geförderte extrem linke Flügel der Zivilgesellschaft wird per Staatsvertrag als Religion anerkannt; die Großrazzia zur rechten (?) Zeit war großes Staatstheater zur Beschwichtigung der Spießer.
Den Unterschied zwischen Genderisierung und Gentrifizierung über wir aber noch, gell Herr Schneider? ;-)
Der „Fehler“ der demokratischen Rechten in Deutschland ist offenbar ihre Wohlerzogenheit. Die Linke lebt vor, wie hierzulande „Forderungen“ durchgesetzt werden: mit Gewalt und größtmöglicher Rücksichtslosigkeit (s. G20). Und das Kurioseste kommt zum Schluss: Gewarnt wird in Deutschland nicht vor dieser mächtigen, skrupellosen, gewaltbereiten Linken, sondern vor der bis 2013 letztlich bedeutungslosen Rechten, für deren Bekämpfung sogar Steuermillionen fließen. Deutschland, ein Irrenhaus.