Es kommt so häufig nicht vor, dass die großen philosophischen Fragen zwischen Opposition und Regierung verhandelt werden.
„Geht die Bundesregierung bei der Planung und Umsetzung politischer Maßnahmen davon aus, dass die Bundesbürger rational handelnde Subjekte sind?“, fragte die AfD in einer Kleinen Anfrage, um deren Bewertung vom sogenannten Nudging zu erfahren. „Wenn ja, warum investiert die Bundesregierung Geld in die Erforschung von Regierungsinstrumenten, deren theoretische Grundvoraussetzung es ist, dass Bürger sich irrational verhalten?“
Die Bundeszentrale für politische Bildung erläutert Nudging als „die absichtsvolle Führung von Individuen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung ihrer Wahlfreiheit – das Prinzip arbeitet mit motivierender Steuerung statt mit Zwang oder Verboten.“ Nudging geht davon aus, dass Menschen keine Wesen sind, die durchweg rationale Entscheidungen treffen, sondern durch Faktoren irrational geprägt sind, die ihnen selbst nicht bewusst sind. Ein Blick auf die Welt und das eigene Leben genügt, um die triviale Richtigkeit dieser Position einzusehen; sie zu vertreten, würde man der Bundesregierung wohl nicht sonderlich übelnehmen.
Etwas Pikantes hätte dies natürlich trotzdem, da Bürger von ihrer Regierung legitimerweise erwarten dürfen, als mündige Subjekte betrachtet und behandelt zu werden. Wie also verhält sich die Bundesregierung wohl dazu, politische Maßnahmen zu befürworten, die nicht den mündigen Bürger adressieren, sondern einen, der qua seiner (partiellen) Irrationalität zu allerlei „vernünftigen“ Entscheidungen genudgt, also geschubst werden müsse.
Bundesregierung bekennt sich zu „libertärer“ Bevormundung
An ein faules Schulkind erinnernd, das seine Hausaufgaben auf dem Weg zur Schule macht, wartet die Bundesregierung nun mit einer schlichtweg dreisten Antwort auf. Sie teilt Nudging in ein ethisch bedenkenloses Konzept einerseits und ein ethisch fragwürdiges Konzept andererseits auf, wozu sie einen eigentlich inexistenten Widerspruch konstruiert:
Der Begriff „Nudging" wird in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich definiert: Die Autoren Thaler und Sunstein (2008) verwenden den Begriff „Nudging" synonym für die Idee des libertären Paternalismus, nach der Politikrichtlinien so zu gestalten seien, dass die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen erhalten bleibt. Nach Thaler und Sunstein seien „Nudging"-Maßnahmen in ihrer Konzeption per Definition immer transparent; sie sollten sichtbar sein und in der Öffentlichkeit debattiert werden (Sunstein). In der öffentlichen Diskussion wird der Begriff „Nudging" dagegen (!) zuweilen ähnlich zu der von den Fragestellern verwendeten Definition auf Maßnahmen bezogen, die Personen auf subtile Weise in ihrem Verhalten beeinflussen sollen.
Die Bundesregierung bekennt sich damit also erstaunlich offen zu einem solchen „libertären Paternalismus“ und versucht, diesen zugleich von dem Vorwurf freizusprechen, er ziele auf die subtile Beeinflussung von Bürgern in ihrem Verhalten. Das geht nicht auf, besteht schließlich genau darin der Sinn und Zweck des gesamten Konzepts. Entsprechend definierten die erwähnten Begründer, Thaler und Sunstein, den Ansatz so:
Ein Nudge, so wie wir den Begriff verwenden werden, ist jeder Aspekt der Entscheidungsarchitektur, der das Verhalten der Menschen auf vorhersehbare Weise verändert, ohne irgendwelche Optionen zu verbieten oder ihre wirtschaftlichen Anreize wesentlich zu ändern. Um als bloßer Nudge zu gelten, muss der Eingriff einfach und billig zu vermeiden sein. Das Setzen von Früchten auf Augenhöhe zählt als ein Nudge. (Zitat siehe hier.)
Platziert man Obst im Supermarkt auf Augenhöhe, damit es öfters als Süßigkeiten gekauft wird, erhält man die Entscheidungsfreiheit des Konsumenten, während man ihn zugleich subtil beeinflusst – ihn eben leicht stupst, anstatt zu schieben.
Nudging ist immer manipulativ
Versuche, den Willen von Menschen unterhalb der Wahrnehmungsebene zu manipulieren, sind nicht neu. (...) Neu ist allerdings, dass Nudging zum politischen Gestaltungsprinzip wird.
Das konstatiert nicht etwa die AfD in ihrer Kleinen Anfrage, sondern die Bundeszentrale für politische Bildung, die in ihrem Artikel zu diesem Thema auch die mit Nudging einhergehenden Gefahren thematisiert:
Gefahren für eine selbstbestimmte digitale Zivilgesellschaft entstehen, weil politische Entscheidungsträgerinnen und -träger ihre Agenden mit Hilfe von Nudging unterschwellig durchsetzen und als selbsternannte und häufig unerkannte „Auswahlarchitektinnen“ und „-architekten“ politischer Entscheidungen fungieren.
Die AfD und die bpb sind sich nicht nur darin einig, dass Nudging manipulativ sein kann, sondern dass es manipulativ ist: Bereits „die Planung von Handlungsoptionen“ stellt laut der Bundeszentrale „eine Manipulation des Willens von Menschen dar, die sich dessen nicht bewusst sind und bringt sie damit möglicherweise in Dilemmata, die für sie nicht absehbar sind.“ Dass Nudging von Anfang an manipulativ ist, liegt auf der Hand und ist schon beim Definitionsbeispiel (Platzierung Obst auf Augenhöhe) seiner Begründer klar zu erkennen.
Statt dies nun einzugestehen und wenigstens (zu versuchen) einen irgend reflektierten, klar umrissenen Umgang damit zu demonstrieren, speist die Bundesregierung den interessierten Bürger mit einer mechanisch-redundanten Argumentation ab, in deren Dreistigkeit sich eine Selbstgerechtigkeit und Arroganz ausspricht, die, für sich genommen, schon nach Neuwahlen schreit.
Die Hausaufgabenmentalität der Bundesregierung
Ihre Argumentation steht mit der Leugnung der subtilen Beeinflussung auf derart wackeligen Beinen, dass sich die Frage stellt, für wie dumm man den Bürger eigentlich halten muss, um zu glauben, damit durchzukommen. Hat man den manipulativen Charakter erst einmal wegdefiniert, kommen die Antworten wie vom Fließband:
Es handelt sich nicht um Nudging im Sinne der Fragesteller. (...) „BMBF teilt bezüglich des in der Vorbemerkung angesprochenen Projektes De-Carb-Friends mit, dass Thema hier nicht Nudging in der Definition der Fragesteller ist. (...) Kein Bundesministerium hat „Nudging"-Maßnahmen im Sinne der Definition der Fragesteller durchgeführt. (...) Die Fragen 6, 7, 8, 9, 11 und 12 werden aufgrund ihres Sachzusammenhangs zusammen beantwortet: Die Bundesregierung hat keine Projekte im Sinne der Fragestellung durchgeführt oder in Planung. Die sich anschließenden Fragen stellen sich der Bundesregierung daher nicht.
Auf diese Weise verweigert die Bundesregierung auf sechs von zwölf Fragen eine Antwort, darunter diese:
Welche verfassungsrechtlichen Bedenken hat die Bundesregierung angesichts der Praxis des „Nudging“? Sind der Bundesregierung Erkenntnisse bekannt, wonach „Nudging" die Akzeptanz von Rechtsstaatlichkeit beeinträchtigt? Falls ja, welcher Art sind diese Erkenntnisse?; Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, dass „Nudges" Personengruppen diskriminieren können?
Mit solch einer „Hausaufgabenmentalität“ erspart sich ein Schulkind wohl den Eintrag ins Klassenbuch, wobei es noch nicht weiß, dass man sie gar nicht ablegen braucht, um in Deutschland dennoch Regierungsverantwortung zu übernehmen und den Lauten in Sachen Demokratie zu geben.
Die Bundesregierung und ihr „Politiklabor“
Auch wenn Michel Foucault ein französischer Linksintellektueller und Wegbereiter allerlei queerfeminischen und postkolonialistischen Unsinns war, verdient sein (spätestens) Anfang der 1980er Jahre erschienener Text „Subjekt und Macht“ eine erneute Lektüre, nicht allerdings um den linksreaktionären Staatsantifaschismus zu rechtfertigen, sondern um ihn, in seiner klimabewegten Variante, zu verstehen und zu kritisieren. Foucault entwickelt darin einen Macht- und Regierungsbegriff, der so aktuell ist, dass man den Eindruck erhalten könnte, die für das Nudging verantwortlich zeichnende Bundesregierung besuchte kürzlich noch Foucault-Seminare, um sich dort inspirieren zu lassen.
Machtausübung besteht darin, „Führung zu lenken“, also Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Verhalten zu nehmen. Macht gehört letztlich weniger in den Bereich der Auseinandersetzung zwischen Gegnern oder der Vereinnahmung des einen durch den anderen, sondern in den Bereich der „Regierung“ in dem weiten Sinne, den das Wort im 16. Jahrhundert besaß.
2015 gründete sich eine der Bundesregierung unterstellte Arbeitsgruppe namens „Wirksam regieren“, die aus einer Psychologin, einer Verhaltensökonomin und einer Juristin besteht. Ihre Aufgabe ist es, die Regierung hinsichtlich der „Wirksamkeit politischer Maßnahmen“ zu beraten. Was diese Gruppe genau tut, ist unklar – beim Deutschlandfunk geht man davon aus, dass sie sich vor allem mit Nudging beschäftigt. So stellt sie sich vor:
Wirksam regieren übersetzt seit 2015 als erstes Politiklabor (!) in der Bundesregierung wissenschaftliche Erkenntnisse in praktische Politik. Das Referat setzt sich zusammen aus Implementationsexperten (!) und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen wie Psychologie, Bildungsforschung, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Mit empirischen Methoden werden Lösungen entwickelt und unter realistischen Bedingungen praktisch getestet.
Technokratische Führung statt Öko-Diktatur
Zu der Einschätzung des DLF passt das sich in der Sprache verratene technokratische Selbstverständnis, das mit dem demokratischen Prinzip der Volkssouveränität überhaupt nichts mehr gemein hat. Eine Bundesregierung, die in einem „Labor“ testet, welche „Lösungen“ am besten funktionieren, versteht sich nicht als Exekutive des Bürgerwillens, sondern als expertokratische Elite. Dagegen erinnern in einem gerade veröffentlichten Buch unter anderem zwei Achgut.com-Autoren:
Die Regierung einer Demokratie ist eine Exekutive, eine ausführende Gewalt, eine Gewalt, die selbst nicht das Sagen hat. Sie hat auszuführen, was die Legislative, also die gewählten Volksvertreter oder das Volk selbst, in Abstimmungen beschließt. (Experimente statt Experten – Plädoyer für eine Wiederbelebung der Demokratie.)
Hätten in einer lebendigen Demokratie keine „wissenschaftlichen Erkenntnisse“, sondern die Interessen der Bevölkerung parlamentarisch vermittelt in „praktische Politik“ umgesetzt zu werden, gerät in der postbürgerlichen Gesellschaft die Bevölkerung zum Adressaten politischer Maßnahmen, die als solche gar nicht zur Debatte stehen. Das Volk, das aus „Nicht-Experten und Nicht-Funktionären“ besteht (Ingeborg Maus, zitiert nach: hier), gilt hier in erster Linie als Störfaktor innerhalb eines Prozesses, der nicht die zivilisierte Vermittlung unterschiedlicher und widersprüchlicher gesellschaftlicher Interessen garantieren soll, sondern das möglichst reibungslose Durchherrschen der ökonomischen, politischen und kulturellen Eliten. „Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem“, sprach Joachim Gauck diese Mentalität mit Bezug auf die EU-Skepsis seitens europäischer Bevölkerungen ganz offen aus.
Der zweite Teil findet sich hier.
Literatur:
Michel Foucault: Subjekt und Macht, in ders.: Analytik der Macht, hrsg. v. Daniel Defert und François Ewald, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2005, S. 240-263.
Kai Rogusch, Thilo Spahl, Sabine Beppler-Spahl, Johannes Richardt, Kolja Zydatiss, Erik Lindhorst, Alexander Horn: Experimente statt Experten – Plädoyer für eine Wiederbelebung der Demokratie, Novo-Argumente, Frankfurt a. M. 2019.
Beitragsbild: Creative Commons CC0 Pixabay

Guten Tag, vielleicht stehe ich ja gerade mit beiden Füßen fest auf dem Schlauch, aber gibt es denn auf die Kleine Anfrage der AfD-Fraktion zum Nudging bereits eine offizielle Antwort? Wenn ja, könnte man den Link zu der entsprechenden Bundestagsdrucksache setzen? Beste Grüße
Walter Lippmann hätte seine helle Freude an den heutigen Regierungen in der westlichen Welt gehabt. Es wird Zeit das mal jemand sagt "Wir sollten wieder mehr Freiheit wagen"! Aber da hoffe ich wohl vergebens.
Das Beispiel, das @ Detlev Fiedler gebracht hat, ist für die "Nudging-Berichterstattung" des ÖR typisch. "...Als kommentierenden Nachsatz liess die Nachrichtensprecherin dann aber noch verlauten, dass diese Auffassung des Herrn Gauland “jedoch der Mehrheit der Wissenschaftler” (sinngemäss) entgegen stehe..." Wer von den TV-Konsumenten weiß denn schon , dass die Studien, die dieser Behauptung zugrundeliegen (Cook e.a. "97%" und Powell "99%") nachgewiesenermaßen unseriös und statistischer Müll sind. Trotzdem, oder gerade deswegen, wird der Konsens-Unsinn ständig wiederholt! Mit der Methode "Powell" lässt sich mit einem 97,5% Wissenschaftler-Konsens nachweisen, dass die Regierung Merkel die deutsche Wirtschaft ruiniert. (Quelle: sciencefiles)
In der "DDR" hieß das "Psychologische Kriegsführung". Nichts anderes ist es nur noch ausgefeilter und weiterentwickelt. Die Grundlage ist der "Dialektische Materialismus" von Marx. Die "Spur" aller dieser Maßnahmen fürt IMMER zu Marx und seinen Epigonen !
Den „libertären Paternalismus“ könnte man auch pädagogischen Maternalismus nennen, da er offensichtlich vorwiegend von Frauen (Muttis) bevorzugt wird. Außerdem hat der Feminismus die Wirksamkeit dieser Methode erfolgreich demonstriert. "Wirksam regieren" hegt die Absicht die ständigen Nörgeleien und Fehleinstellungen des unmündigen Wählers zu korrigieren. Die Eliten verfolgen das Ziel einen Neo-Feudalismus zu etablieren, der ihnen erlaubt ihre Interessen ohne die Mitsprache der Bevölkerung ungehindert durchzusetzen. Das Projekt Demokratie haben sie schon immer durch Verhinderung von Demokratie zu vereiteln versucht. Nudging ist der Versuch diese Verhinderung voranzutreiben, ohne dass der Bürger es merkt, Totalitarismus auf leisen Sohlen. "Der neue Faschismus sagt: Ich bin der Antifaschismus".
Man könnte von einer hybriden Scheiß -Liberalität reden, die mit geheuchelter Pose die Schwachpunkte der Demokratie mit der Wünschelrute der gutgemeinten Debatte aufspürt und genau dort den indoktrinierenden Hebel ansetzt, wo die Bevölkerung sich naiv durch Ausķunftsfreudigkeit der Gängelung ausliefert und das wieder und immer wieder, weil sie die Strategie dieses fundamentalen Vertrauensbruchs nicht zu durchschauen imstande ist. Als Quittung für diese " Verschlafenheit " hat sie sich eine Reihe von Bedrohungen eingefangen, mit denen sie politisch unorganisiert nicht mehr fertig werden kann ( eine Aufzählung kann sich jeder selbst zusammenstellen ) und nach einigen " Testballons " ist man jetzt dazu übergegangen, selbst das Vokabular zu begrenzen, mit dem man diese Bedrohungen aufrufen kann und diese Begrenzungszudringlichkeiten in öffentlichen Diskussionen einer Besteuerungspflicht zu unterziehen. Also die Schritte lauten wie folgt : Manipulation, Überrumpelung , Sprachlos machen, Kassieren, Drohen, Geld zweckentfremden, Diffamieren, Ausgrenzen, - Strafen ( das aussehen soll wie Retten des Ganzen ) . Wir sind noch nicht bei den Sündenböcken angekommen, die zur Stärkung der Gemeinschaft herhalten müssen, wenn die ins Wanken gerät, weil das verlogene Gesamtkonzept (falls es eines geben sollte ) nicht aufgeht. Massenpsychologisch ist das der nächste Schritt. Und ich würde sagen : wir sind jetzt bei den Testreihen angekommen, die erproben sollen wie das gehen kann - im Ernstfall. Wie bei Laborratten. Ende der Zigarettenpause.
Die Bundesregierung versucht nur zu verschleiern, dass sie ein totalitär-sozialistisches System anstrebt - das schon zum großen Teil verwirklicht ist, betrachtet man die Entscheidungen Merkels ohne Bundestag, die Verbote bis ins Private hinein oder auch das Dulden von Denunziation und Diksreditierung (z.B., dass man den Job verliert, weil man sich mit dem Vertreter eine gewählten Partei trifft). Der beste Staat ist der, der dem Menschen die meiste Freiheit lässt und ihm die Sicherheit eines geschlossenen Staatsgebildes, Rechtsstaat und soziale Marktwirtschaft gibt. All dies war einmal.