Traditionell wird im Krieg gelogen – immer und überall. Zur bestmöglichen Analyse eines Staates und seiner Kriegs-Methoden empfiehlt sich daher ein Blick auf dessen Umgang mit den eigenen Soldaten und Bürgern.
Dass sich Staaten mit Großmachtsambitionen zur Erreichung ihrer Ziele grundsätzlich auch unredlicher Mittel bedienen, dürfte eine Binsenweisheit sein. Insofern ist wenig überraschend, dass dieser Grundsatz gleichermaßen auf alle Protagonisten der Weltpolitik zutrifft. Warum aber reagiert die internationale Öffentlichkeit besonders empört, wenn es um Moskau geht? Waren es nicht die USA, die ihre Invasion(en) des Irak auf erfundene Beweise stützten und damit eine ganze Weltregion in Brand steckten? Die Antwort liegt weniger in der Unschuld anderer Länder als vielmehr in der genuinen Perfidie russischer Fake News.
Der 12. August 2000 ist ein Datum, das als Katastrophe in die russische Geschichte eingegangen ist. An jenem Tag kam es auf dem Atom-U-Boot „Kursk“ während eines Manövers in der Barentssee zu einer Explosion. Während 95 Matrosen sofort tot waren, hatten sich 23 von ihnen zunächst in einen unbeschädigten Teil des havarierten Unterseeschiffs zurückziehen können. Wenige Stunden später notierte der überlebende Seemann Kolesnikow in völliger Dunkelheit, man werde trotz der Aussichtlosigkeit nicht verzweifeln. Als wenig später ein Feuer an Bord ausbrach, starben Kolesnikow und seine Kameraden. Der Tod dieser Männer, die, auf Rettung hoffend, erstickten, ist zum Sinnbild eines Systems geworden, dessen Eliten das Leben der eigenen Leute nichts bedeutet. Die Versuche des Kremls, die Tragödie zu vertuschen, lösten einen Skandal aus (Anm. d. Red.: Einer wütenden Mutter eines verunglückten Matrosen setzte man ungefragt vor laufender Kamera eine Beruhigungsspritze).
Stolz und Lüge
Nach der Explosion versuchte die russische Marine zunächst, die „Kursk“ zu bergen. In Ermangelung der hierfür notwendigen technischen Ausrüstung schlug dies jedoch fehl. Als Norwegen sodann seine Hilfe anbot, lehnte Moskau ab und spielte den Vorfall herunter. Ein Unfall wurde kategorisch geleugnet. Stattdessen behauptete man, ein amerikanisches U-Boot habe die Kursk gerammt. Als eine Nachrichtensprecherin den damaligen Flottensprecher Igor Dygalo in einer Live-Sendung fragte, wie lange der Sauerstoff an Bord für die Besatzung noch reiche, hielt dieser eine Ikone in die Kamera und forderte die Zuschauer zum Beten auf.
Am 23. August 2000 erklärte Präsident Putin in einem TV-Interview, man habe zunächst nichts von einem Unfall mitbekommen, sondern lediglich die Verbindung zur „Kursk“ verloren. Darüber sei er vom Verteidigungsminister informiert worden. Diese Version wurde am 2. September 2000 vom Fernsehjournalisten Sergej Dorenko öffentlich als Lüge entlarvt. In seiner Sendung auf dem Kanal ORT wies Dorenko nach, dass das Verteidigungsministerium umgehend zwei Explosionen auf der „Kursk“ registriert hatte. Die Erschütterungen seien ferner auch von Messstationen auf Alaska registriert worden. Damit war zweierlei klar: Das Prestige der Marine hatte für die Regierung einen höheren Stellenwert als das Leben der Besatzung, und Präsident Putin hatte öffentlich gelogen.
Russland lässt seine Patrioten zurück
Dass ein Journalist die Lügen der Regierung damals öffentlich kritisierte, lag daran, dass die russischen Medien im ersten Jahr von Putins Präsidentschaft noch frei berichten konnten. Der Einfluss des Kremls auf die bedeutenden Fernsehsender des Landes war allerdings bereits spürbar geworden. Erst am 14. April 2000 hatte Gazprom 49 Prozent von NTW übernommen und damit einen der einflussreichsten TV-Sender unter seine Kontrolle gebracht. Tatsächlich wurde Dorenkos Sendung nach dem 2. September 2000 abgesetzt. Diese Maßnahme war damit ein Vorbote jener späteren Gleichschaltung der Medien, deren Auswirkungen wir heute am Beispiel des Ukraine-Krieges sehen.
Der Untergang der „Kursk“ und die frappierende Gleichgültigkeit, die ihm die russische Regierung entgegenbrachte, sind im Westen unvorstellbar. Während die Amerikaner versuchen, grundsätzlich niemanden zurückzulassen, ist das Leben der eigenen Leute in Russland traditionsgemäß wenig wert. Als Wladimir Putin am 8. September 2000 bei Larry King im Studio von CNN zu den Hintergründen des Untergangs befragt wurde, entgegnete er zynisch grinsend: „Sie [die Kursk] ist untergegangen.“ Da Putin zu diesem Zeitpunkt gerade einmal ein halbes Jahr russischer Präsident war, maß man diesen Worten nicht jene Bedeutung zu, die sie tatsächlich hatten. Aus heutiger Perspektive hingegen lässt sich sagen, dass Putin damals zum ersten Mal sein wahres Gesicht zeigte – das Antlitz eines kühl berechnenden Intellekts, den das Schicksal anderer Menschen völlig kaltlässt.
Tschetschenien-Krieg
Der Untergang der „Kursk“ war allerdings nicht der einzige tödliche Vorfall, bei dem die Darstellung der russischen Regierung Fragen aufwarf. Die Sprengungen mehrerer Wohnhäuser, die sich im August 1999 in Moskau, Buinaksk und Wolgodonsk ereigneten, wurden nie unabhängig untersucht, wohl aber umgehend tschetschenischen Terroristen angelastet – und zum Anlass für eine erneute Militärintervention herangezogen. Die russische Öffentlichkeit begrüßte diesen Schritt, weil es 367 Todesopfer und mehr als 1.000 Verletzte gegeben hatte.
Der im Londoner Exil lebende ehemalige FSB-Offizier Alexander Litwinenko bezeichnete die Anschläge später als Komplott des Geheimdienstes und veröffentlichte seine Erkenntnisse 2002 in dem Buch „Blowing up Russia – The Secret FSB Plot, that delivered Russia to Putin“. Vier Jahre später wurde er mit Polonium 210 vergiftet und starb. Der Kreml hingegen bezeichnete Litwinenko als unbedeutenden Wicht. Bis heute gibt es in Russland Analysten, die die offizielle Lesart der Regierung in Zweifel ziehen. Äußern können sie ihre Bedenken allerdings nur noch hinter vorgehaltener Hand. Zu groß ist die Sorge, ins Fadenkreuz der Behörden zu geraten.
Diffamierung ganzer Völker
Welche Mittel der Kreml seit August 1999 zur Durchsetzung seiner Ziele im Nordkaukasus einsetzte, ist im Westen kaum bekannt. Die als „Zweiter Tschetschenienkrieg“ bezeichneten Operationen waren Ausdruck derselben Haltung, die auch heute in der Ukraine aufscheint. Und sie trugen bereits die unverkennbare Handschrift Wladimir Putins, der bis zum 9. August 1999 Chef des FSB gewesen war. Ihre Logik basierte darauf, die Bevölkerung mit Einheiten von Geheimdienst und Sonderpolizei zu terrorisieren. Entführungen und Morde waren an der Tagesordnung. Das dadurch geschürte Klima der Angst wirkte erstickend.
Schließlich wurde die gesamte wehrfähige Bevölkerung als Partisanen betrachtet, ganze Dörfer wie der Ort „Komsomol’skoje“ vernichtetet. Jene, die nicht bei den Kämpfen starben, wurden in Lagern gehalten und kehrten teilweise nie zurück. Im Rückblick auf die Tschetschenienkriege, die letztlich zur Errichtung einer von kooptierten Eliten getragenen Gewaltherrschaft führten, drängen sich frappierende Parallelen zum Krieg in der Ukraine auf. Auch ihre Bevölkerung ist pauschal diffamiert worden: und zwar als Nazis, die Russland zerstören wollen. Und wie in Tschetschenien lässt die staatliche Propaganda unermüdlich neue Trommelfeuer auf die Menschen herabregnen, die die zynische Erzählung von einer „Militäroperation“ vielfach kritiklos übernommen haben.
Verschwunden im Keller
Wenn russische Soldaten wie in Butscha auf offener Straße Zivilisten erschießen und in Kellern zu Tode foltern, dann agieren sie damit nach jenem verbrecherischen Drehbuch, das Moskau in Tschetschenien geschrieben hat (Anm. d. Red.: Berüchtigt waren auch die Keller des sowjetischen NKWD, wo z.B. während des Massakers von Katyn polnische Gefangene hingerichtet wurden). Und wenn der Kreml erklärt, die Ukrainer seien für diese Verbrechen verantwortlich, dann handelt er wie unter der Ägide des Massenmörders Stalin.
Auch dieser hatte sich zu keiner Zeit um das Leben der Menschen unter seiner Herrschaft geschert. Dies illustriert beispielweise der Stawka-Befehl Nr. 0428 vom 17. November 1941. Demnach sollten alle Ortschaften und Städte vernichtet werden, die im Umkreis von 60 Kilometern hinter der Hauptkampflinie sowie 30 Kilometer entlang der dortigen Straßen lagen. Während Artillerie und Luftwaffe den Auftrag hatten, diese Ziele durch forcierten Beschuss dem Erdboden gleichzumachen, sollten spezielle „Jagdkommandos“ den Rest erledigen. Da sich in den betreffenden Orten jedoch keineswegs nur deutsche Soldaten befanden, kamen bei den gegen sie gerichteten Angriffen tausende Sowjetbürger ums Leben. Für den Kreml waren diese Verluste genauso bedeutungslos wie jene heute in der Ukraine. Damals wie heute heiligte der Zweck jedes Mittel – auch wenn dies die Vertreibung ganzer Volksgruppen bedeutete.
Nach dem Ende des Kommunismus geht es weiter
Wladimir Putin hat mehrfach deutlich gemacht, dass der ukrainische Staat für ihn nichts anderes ist als eine lebensunwürdige Missgeburt. Und dass eine genuin ukrainische Nationalidentität das Werk von Nazis ist. Auch wenn manche der vorgenannten Beispiele weit in der Vergangenheit liegen mögen: Die Kontinuität der ihnen zugrunde liegenden Menschenverachtung setzt sich bis heute fort und kommt nun in der Ukraine zum Vorschein. So ist wenig überraschend, dass auch der Krieg gegen Kiew auf Lügen basiert. Und dass der russische Generalstab zur Durchsetzung seiner Ziele auf dieselben Methoden zurückgreift wie Stalin, zeigt, dass die Verachtung des menschlichen Lebens in Russland die Zeiten überdauert hat.
Entgegen der Hoffnung zahlreicher Beobachter ist sie dort mitnichten nur mit dem Sozialismus verknüpft. Stattdessen ist sie in Russland seit jeher ein integraler Bestandteil vom Herrschaftsverständnis der Machteliten. Eine Niederlage Kiews würde daher Millionen Menschen einem System ausliefern, das dazu fähig ist, die Erinnerungen an die dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts wiederaufleben zu lassen.
Christian Osthold ist Historiker und hat in russischer Geschichte promoviert. Seit 2001 hat er Russland mehr als 30-mal bereist sowie Archivaufenthalte in Moskau und Grosny absolviert. Im Rahmen seiner Forschungsarbeiten hat Osthold 2015 als einziger deutscher Historiker für mehrere Monate in einem tschetschenischen Dorf gelebt. Aus dieser Tätigkeit ist 2019 die erste vollumfängliche Gesamtdarstellung zum Tschetschenien-Konflikt hervorgegangen. Als intimer Russlandkenner schreibt Osthold für verschiedene Zeitungen und Journale, darunter Focus Online, NZZ, Cicero etc. Darüber hinaus ist er regelmäßig in Fernsehsendungen zu sehen, zuletzt bei der Deutschen Welle. Christian Osthold spricht fließend Russisch und ist mit einer Russin verheiratet.
Beitragsbild: Mil.ru CC BY 4.0 via Wikimedia Commons
Diesmal läuft es leider gut für die Russen – als Putin völlig überraschend und unprovoziert in die Ukraine einmarschierte, stand ja zufällig gerade eine 120,000-Mann-Armee westlich des Donbass herum, vermutlich um Tontauben zu schießen und sich die Zeit zu vertreiben. Die wurde eingekesselt und wird jetzt von den Russen aufgerieben …
Schlecht über andere, hier Russen und Putin, schreiben, sollte im Bereich der Wahrheit stattfinden, hier jedoch vor allem auch ohne Gegenüberstellung zu den USA. Denn z.B. nicht alle Ukrainer wurden als Nazis bezeichnet, sondern eher Führer und Kämpfer, und die USA haben ja wohl schon alleine mit ihren Injektionen weit mehr Menschen, auch eigene, auf dem Gewissen. Sie mögen ihre Soldaten manchmal nicht zurücklassen, aber erst, nachdem sie sie sinnnlos massenhaft ins Verderben geschickt haben.
Aus den letzten 500 Jahren der russischen Geschichte ist bekannt, daß die jeweils Herrschenden, und das hat sich weder unter Stalin, noch Putin geändert, wenig Wert auf das Leben der Untergebenen und der Soldaten legen. Schon bei Tannenberg haben sich die D gewundert, daß die Russen mal schnell 2 Armeen verheizten. Mit den in Abhängigkeit und Unwissenheit gehaltenen Bauern konnte man das problemlos machen. Ich denke aber, daß die heutige Schickeria große Probleme hat, ihr Kanonenfutter in den großen Städten zu rekrutieren. Woher kommen also die russischen Soldaten, die im Ukrainekrieg sterben. Oder sterben dort nur, wie uns die russischen Lohnschreiber weiß machen wollen, Ukrainer?
Der Flottensprecher hält eine Ikone in die Kamera und fordert die Zuschauer zum Beten auf, während dessen sie die Mannschaft der „Kursk“ verrecken lassen. Dieses Bild steht exemplarisch für das perverse System Putin, samt seiner perversen Kirche.
Lustig ist es bestimmt nicht, was Sie hier veröffentlichten. „Lustig“ ist dagegen, dass Sie es versäumten, nebenbei mal zu erwähnen, dass die feinen Ukrainer es mit den eigenen Leuten nicht nur nicht besser mach(t)en, sondern sogar Bürger des eigenen Landes, auch Frauen und Kinder, abschlachten, die sich diesem Krieg entziehen wollen. Was sie mit Kriegsgefangenen machen, ist an Grausamkeit und Menschenverachtung kaum zu überbieten. Es kursieren ausreichend Videos, die das explizit aufzeigen. Man sollte also neben der Wahrheit über die Russen auch die Gegenseite nicht vergessen. Sonst riecht es ziemlich nach Qualitätsmedien.
Zitat: „…Während die Amerikaner versuchen, grundsätzlich niemanden zurückzulassen…“ Da mußte ich schon schmunzeln. Es gibt ungefähre Zahlen wieviele es in welchem US Krieg waren. Mehrere Bücher darüber, Berichte von Veteranenorganisationen. Ich würde es eher so formulieren: auch für die US Army ist ein Soldatenleben vergleichbar mit einem Papiertaschentuch.
Herrn Ostholds Artikel läßt mich etwas ratlos zurück, da ich mich frage, was genau will der Mann uns sagen, und warum tut er da genau jetzt?
Eigentlich weiß jeder halbwegs informierte Mensch, daß das russische System nie etwas zugibt, sondern zuerst immer dementiert wird, was daran liegen dürfte, niemals eine Schwäche zeigen zu wollen/dürfen.
Und by the way: für FOCUS online zu schreiben und „regelmäßig in Fernsehsendungen zu sehen sein, zuletzt bei der Deutschen Welle“, ist keine besondere Auszeichnung, eher wie ein Brandmal auf der Stirn, zum „System“ zu gehören, denn „Systemfeinde“ kommen dort nicht zu Wort, höchstens als Kanonenfutter.
Womit wir bei der Aussage des Artikels sind: „Kanonenfutter“ waren schon immer Soldaten jeder Nation, die in Kriegen verheizt wurden, da machen die Russen keine Ausnahme. Nur in heroischen US-amerikanischen Filmen werden immer wieder Spezialtruppen gezeigt, die „Keinen der Ihren je zurücklassen“.
Und lief nicht gerade vorgestern der Film auf SERVUS TV „Fair Game – Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit“, der Folgendes zeigt: in der so genannten Plamegate-Affäre hatten Mitarbeiter der Bush-Administration vermutlich als Racheakt die Undercover-Agententätigkeit der CIA-Agentin Valerie Plame an die Medien verraten. Weil sie nicht die gewünschten Berichte zur Rechtfertigung des Irak-Krieges geliefert hatte. Das zeigt die Wertschätzung für die eigenen Leute doch ganz wunderbar, oder? Völlig anders als bei den Russen.
Auf jeden Fall hat Herr Osthold damit seine vaterländische Pflicht hervorragend erfüllt, der dank des Vaterlandes ist ihm gewiß, ebenso wie den russischen Soldaten der KURSK.
P.S: Herr Lehnhoff, Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund.