Henryk M. Broder / 14.10.2007 / 18:53 / 0 / Seite ausdrucken

Der röhrende Hersh

Als Seymour Hersh Ende September in Berlin den “Demokratiepreis” der “Blätter für deutsche und internationale Politik” entgegen nahm, wurde der Autor des alternativen Untergrundmagazins “New Yorker” landauf/landab als “investigativer Journalist” gefeiert, dem es darum geht, “die Staatsgewalt seines Landes investigativ zu kontrollieren”, eine Aufgabe, die in den USA allein Seymour Hersh zufällt, weil es sonst keine “Checks and Balances” im System gibt. http://www.netzeitung.de/medien/754171.html
Die Idee, einen Journalisten zu ehren, weil er “investigativ” arbeitet, ist an sich schon putzig. Sie basiert offenbar auf der Annahme, dass der gewöhnliche Journalist öfter abschreibt als schreibt und sich zum Recherchieren in seine Kellerbar begibt. Es gibt ja auch Lokale, die “Speisegaststätte” heißen, zum Unterschied von Lokalen, in denen es nix zu essen gibt.
Noch putziger wurde die Sache dadurch, dass die Begeisterung für das Investigative sich auf den Preisträger beschränkte und den Preisgeber verschonte. Vergeblich suchte man in den Berichten nach einem Hinweis darauf, dass die “Blätter…” vor 1989 Teil einer Propaganda-Offensive waren, die von der DDR betrieben und finanziert wurde. Sie waren so “unabhängig” wie die DKP, die DFU, die “christliche Friedenskonferenz” und die anderen Hiwis der real regierenden Sozialisten in der DDR. http://de.wikipedia.org/wiki/Bl%C3%A4tter_f%C3%BCr_deutsche_und_internationale_Politik
Nach der Wende wurde alles anders. Der “DKP-nahe” Pahl-Rugenstein Verlag stand plötzlich ohne Stütze da und übergab das Objekt an einen neu gegründeten “Blätter”-Verlag. Seit kurzem haben die “Blätter…” einen illustren Herausgeberkreis, zu dem u.a. auch Micha Brumlik, Dan Diner, Jürgen Habermas, Walter Jens und Friedrich Schorlemmer gehören, die mit ihren akademischen und sonstigen Aktivitäten nicht ausgelastet und deswegen einem “Verein der nützlichen Idioten” beigetreten sind.
An die ruhmreiche Vergangenheit der “Blätter…” erinnert nur ein Herausgebername: Irene Runge, die als “IM Stefan” mit einem diskreten Hinweis an die Stasi maßgeblich dazu beigetragen hat, dass vier DDR-Bürger davon abgehalten werden konnten, Republikflucht zu begehen und anschließend die Gelegenheit bekamen, sich von der Strapazen der mißglückten Aktion in einem DDR-Knast zu erholen. Frau Runge betreibt inzwischen einen “Kulturverein”, der sich vor allem um jüdische Migranten aus der ehemaligen SU kümmert, und veröffentlicht Beiträge zu jüdischen Fragen in den “Blättern…”  http://www.blaetter.de/autoren.php?poi=Runge&vorname=Irene&seite=1
Soweit der Preisgeber. Und nun zum Preisträger. Seine investigative Methode besteht darin, dass er gut vernetzt ist und Leute kennt, die ihm Informationen zustecken, weil sie sicher sein können, dass er sie nicht verpetzen wird. Das ist vollkommen legitim. Aber Hersh kann noch mehr. Er kann nicht nur Skandale aufdecken, die passiert sind, er weiss auch, was demnächst passieren wird. Anfang Oktober schrieb er, Bush und sein Vize Cheney seien dabei, einen Luftangriff auf die iranischen Revolutionsgarden vorzubereiten. London stehe hinter dem Vorhaben, Paris sei skeptischer, aber nicht völlig ablehnend. Wie üblich, verriet Hersh nicht seine Quellen. Ob es hohe Beamte in London und Paris waren oder nur der Kaffeesatz in der Starbucks-Tasse, das blieb unklar.
In einem Interview mit dem Sender “Democracy Now!” enthüllte Hersh zugleich weitere Details. “Democracy Now!” ist die Stimme des “anderen” Amerika, ein unabhängiges, spendenfinanziertes Radio, das sich vorgenommen hat, all die Informationen zu verbreiten, die von den Mainstream-Medien unterschlagen werden. Das Programm besteht etwa zur Hälfte aus Spendenaufrufen, um die Existenz des Radios zu sichern, und zur Hälfte aus Berichten über diverse Verschwörungen, von Pearl Harbor über die Morde an den Kennedys bis zu den Anschlägen von 9/11.
Ich habe, wann immer ich in den USA war, gerne “Democracy Now!” gehört. Vor allem auf den langen Fahrten zwischen UFO-Landeplätzen in der Mojawe-Wüste. Leider habe ich den Auftritt von S.H. nicht mitbekommen, aber das Protokoll der Sendung ist auch schon aufregend genug. http://www.democracynow.org/article.pl?sid=07/10/02/1438251
“Yeah, well, actually, it’s funny. The plans have both intensified and they’re less intense, in this sense: the new plan that they’re talking about is much more limited…”
Ja, man muss wirklich 4o Jahre lang “investigativen Journalismus” betreiben, um am Ende bei solchen Aussagen anzukommen. Er kanns aber noch besser: “If you remember, after the Israelis invaded Israel in ’48, we generated a million or so refugees in Syria, in Lebanon, elsewhere in the world. They’re still in camps in as fetid positions, you know, a horrible situation. But now we have—right now, Syria has anywhere from 1.6 million to 2 million refugees—Syria is a country of 17 million, led by Alawites, a sort of derivative faction of Shiism—mostly Sunni. And now they have 1.6 million or 2 million Sunni refugees in their country. I mean, that’s very destabilizing to Syria. Same in Jordan, same in Kuwait. It’s a mess that nobody wants to talk about in this country.”
Yeah, actually, it’s funny. After the Israelis invaded Israel in ‘48… haben sie nur ein Ziel im Auge: Syrien mit Flüchtlingen zu überschwemmen. Das ist mehr als “investigativ”, das ist schon “innovativ”. Aber das ist noch nicht das Beste vom Ganzen. Das kommt hier. Hersh enthüllt, was Ahmadinejad in seiner Rede in der Columbia Universität wirklich über Homosexuelle im Iran gesagt hat:
“Look, he says terrible things. It’s very stupid, what he says about the Holocaust. It’s counterproductive. He’s obviously very stubborn, but he’s not stupid. I wish the American press would have published some of his speech to the UN, because it was a pretty interesting speech, the actual speech, what he said. There were a lot of elements in it that were of great interest, and not at all irrational. And I asked somebody about the famous line about homosexuality, because it seemed so inept. And the Arab view is, if you talk to—I’m talking about American Arabs and international, my friends overseas and those who know Farsi, what he said was—and I’m not defending him; I’m just telling you what they say he said: ‘Homosexuality is not a problem in Iraq.’ In other words, it’s just not a problem.”
No problem!  Hersh verteidigt nicht den iranischen Präsidenten, er sagt nur, was seine Freunde ihm gesagt haben. Im Amerikanischen nennt man das “hearsay”, Information vom Hörensagen. So anstrengend kann “investigativer Journalismus” sein. Und schon wieder ist Ahmadinejad nur falsch übersetzt worden, wie schon bei seinen Äußerungen zu der “World without Zionism”. Und was er über den Holocaust sagt, ist nicht etwa falsch und bösartig, es ist nur “kontraproduktiv”, weil es der iranischen Sache schadet. Ein Schmock, wer Böses dabei denkt.
Seymour Hersh hat den “Demokratiepreis” der “Blätter für deutsche und internationale Politik” zu Recht bekommen. Selten haben Preisgeber und Preisträger so gut zusammengepaßt. Schade nur, dass die Feier von “Democracy Now!” nicht übertragen wurde.

Siehe auch:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/Seymour-M-nbsp-Hersh-Demokratiepreis-2007;art772,2388875
und
http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2389820

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