Gastautor / 20.07.2019 / 06:21 / Foto: Tim Maxeiner / 115 / Seite ausdrucken

Der Reichstag als Festung 

Von Jacques Offenburg.

Am 5. Dezember 1894 wurde der Schlussstein für das neue Reichstagsgebäude in Berlin gelegt. Im Wettbewerbsverfahren war der pfälzische Architekt Paul Wallot als Sieger hervorgegangen. Sein Entwurf überzeugte unter anderem deshalb, weil er der dominierenden Hauptkuppel vier markante Ecktürme hinzufügt hatte. Diese standen einerseits für die vier Königreiche Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen. Andererseits sollten sie in Anlehnung an frühneuzeitliche Schlossbauten Wehrhaftigkeit ausdrücken. 

Dieser zweite Aspekt wurde durch den bauplastischen Schmuck unterstrichen: Das Relief über dem Hauptportal präsentierte den heiligen Georg (mit Bismarcks Gesichtszügen) im Kampf gegen den Drachen. Von den beiden Supraporten der Kuppelhalle zeigte das eine den Reichsadler, der über einen erlegten Lindwurm triumphierte, das andere einen Löwen, der die Reichsinsignien bewachte. In derselben Funktion erschien der Löwe in einer Figurengruppe über dem südlichen Nebenportal. An den Giebeln der Seitenrisalite schließlich breiteten vier Adler ihre Schwingen schützend über der Kaiserkrone aus. Zugleich umklammerten sie mit ihren Fängen giftige Nattern und machten so die Reptilien unschädlich. 

Dem damaligen Betrachter vermittelten Architektur und Bildschmuck die Bereitschaft, das Reich gleichermaßen gegen äußere und innere Feinde zu verteidigen. Zugleich formulierten sie den Anspruch, das Böse zu bekämpfen – ob es nun in Form krimineller Strukturen die Gesellschaft bedrohte oder als persönliche Laster in jedem Einzelnen lauerte. 

Kein Sinnbild für Wehrhaftigkeit

Im Jahre 1961 beauftragte die Bundesbaukommission den Architekten Paul Baumgarten damit, das im Krieg schwer beschädigte Reichstagsgebäude wieder aufzubauen. Baumgarten ließ die Ecktürme in ihrer Höhe reduzieren und die figürlichen Elemente, die sich erhalten hatten, größtenteils abschlagen. Nach der Wiedervereinigung wurde eine Rekonstruktion des Figurenprogramms erwogen, dann aber verworfen. Die bundesrepublikanische Demokratie wollte sich vom ‚wilhelminischen Pomp’ der Kaiserzeit dauerhaft abgrenzen. Auch glaubte sie, derart martialischer Gesten nicht mehr zu bedürfen. 

Letzteres hat sich mittlerweile geändert. Am 18. Juli dieses Jahres berichteten mehrere Berliner Zeitungen, der Ältestenrat des Bundestages habe beschlossen, das Reichstagsgebäude an der westliche Hauptfassade durch einen zehn Meter breiten und zweieinhalb Meter tiefen Wassergraben zu schützen. Die übrigen Seiten sollten durch hohe Zäune gesichert werden. Besucher werden das Gebäude künftig nur noch über einen unterirdischen Tunnel betreten können. Die große Freitreppe mit dem Portikus und die dahinter liegende, Offenheit signalisierende moderne Glaswand würden zur bloßen Staffage.

Begründet werden die Sicherungsmaßnahmen mit der Gefahr von Terrorangriffen. Offen bleibt, ob die Abgeordneten glauben, sich vor den eigenen Bürgern schützen zu müssen, oder ob sie sich eher vor islamistischen Lastwagenfahrern fürchten. 

In jedem Fall würde der Reichstag zu einer Festung. Von diesem Erscheinungsbild ginge eine verheerende Botschaft aus: Dieselben Politiker, die für offene Grenzen plädieren und den Begriff der „Festung Europa“ zum Synonym für inhumane Abschottung erklären, schaffen sich nun im Herzen des Kontinents ihre eigene Festung. In dieser verschanzen sie sich wie der mittelalterliche Feudaladel in seinen Zwingburgen. Vor allem aber würde ein mit Gräben und Wällen befestigter Reichstag zum Memento einer höchst gefährdeten Gesellschaft und einer überforderten Politik. Ein Sinnbild für Wehrhaftigkeit wäre er nicht mehr.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost

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Claudius Pappe / 20.07.2019

Ich beantrage für die Begriffe: ” Hauptstadtweiber ” und ” Politikweiber ” und ” illegale Grenzübertreter ” den Gebrauchsmusterschutz. Kommentatoren von AchGut können ihn kostenlos nutzen.

Stefan Riedel / 20.07.2019

Willkommen im Merkelbunker. So läuft Demokratie heute.

A.S. Sawa / 20.07.2019

Ha ha, jetzt kriegen sie Angst vor den Folgen ihrer eigenen Politk, die Hosenscheisser! Allah beschuetze die Drohnen.

Frank Mertes / 20.07.2019

Wunderschön bezeichnend für dieses Land und seine Politiker. Jetzt muss uns nur noch erklärt werden, dass dies mit Islamismus rein gar nichts zu tun hat, sondern das Einmauern der Volksbeglücker allein mit der rechtsextremistischen Gefahr zu tun hat wie auch der sich beschleunigende Abbau demokratischer Grundrechte.

Dietrich Herrmann / 20.07.2019

Zäune und Wassergraben, aha. Vorwärts ins Mittelalter, dank Schutz vor einer mittelalterlichen Religion? Wie wär’s mit einer Zugbrücke und mit hinter dem Wassergraben eine Hundelaufstrecke. Von Ulbricht lernen heißt, sich schützen lernen?  Was sind das denn für alte Hirne in diesem Ältestenrat…

Sebastian Laubinger / 20.07.2019

Wir sollen gegenüber der Gefahr des Terrorismus “mürrisch indifferent” sein, wie ein habilitierte Schwätzer mal forderte (wunderbar zersägt von Herrn Broder!), während unsere Damen und Herren Volksvertreter in einer Festung hocken?! Der Witz, mir feucht, geht auf unsere Kosten. Wahrscheinlich machen sie sich aus Angst vor “Rechtsextremisten” in die Hosen. Angst vor radikalen Islamisten kann’s kaum sein, da immer noch munter jeder hereingelassen wird, ohne Prüfung der Identität oder des Vorlebens. Ein Trauerspiel. Und wir Steuermichel dürfen diese Aufrüstung bezahlen!

Daniel Gildenhorn / 20.07.2019

Das Chagrinleder des Rechtsstaates hat sich auf die Größe eines einzigen Hauses reduziert. Es ist nur noch eine Mumie, wahlweise ein Mausoleum dessen geworden, was Mal eine große und ehrenhafte Aufgabe hatte, seine Bürger zu schützen.

B.Klingemann / 20.07.2019

Die Rackete könnte doch Schlepperhilfe leisten.

P.Gross / 20.07.2019

MERKELPOLLER haben wir schon - jetzt noch die MERKELWASSERBURG….Irgendwie steht den Protagonisten dort das Wasser bis zum Hals. Alles so armselig geworden in diesem BESTEN DEUTSCHLAND ever!

George van Diemen / 20.07.2019

Eine schöne Idee. Wenn ich mir ein gelbes Schlauchboot kaufe und als Kapitän Greterich TATP-beladene Gäste auf die andere Seite rudere damit die Zünder nicht nass werden - bin ich doch automatisch für das Bundesverdienstkreuz in Sachen “Rettung aus wässriger Notlage” gesetzt? Vielleicht sogar für den Friedens-Nobel-Preis, wenn ich den lieben Freunden als Influencer unterwegs noch ein paar Strangerl Dynamit schmackhaft mache? Darauf freu ick mir schon!!!

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