Stefan Frank / 13.06.2020 / 13:30 / 13 / Seite ausdrucken

Der Rassismus der arabischen Welt

Arabische Intellektuelle nehmen die Prosteste anlässlich des gewaltsamen Todes von George Floyd zum Anlass, eine Aufarbeitung des arabischen Rassismus zu fordern.

Der gewaltsame Tod von George Floyd solle für die arabische Gesellschaft Anlass sein, sich mit dem bei ihr grassierenden Rassismus und vielfältigen Formen von Diskriminierung zu beschäftigen – das schreibt der palästinensische Journalist ‚Abd Al-Ghani Salameh in einem Beitrag für Al-Ayyam, die offizielle Tageszeitung der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Der 46-jährige George Floyd war am 25. Mai durch einen Polizeieinsatz in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota ums Leben gekommen – mutmaßlich erstickte er am Boden liegend, als der Polizist Derek Chauvin ein Knie auf seinen Hals drückte und auch dann nicht von Floyd abließ, als dieser sagte, er könne nicht atmen.

Seither gibt es in zahlreichen Städten der USA sowohl friedliche Straßenproteste als auch Ausschreitungen, Plünderungen und Brandschatzungen. Die Stellungnahme Salamehs überrascht – denn Selbstkritik ist nichts, womit die Palästinensische Autonomiebehörde üblicherweise in Verbindung gebracht wird.

Geschlagen, verhaftet, des Schlafes beraubt

Der Kommentar, der von der amerikanischen Medienbeobachtungsstelle MEMRI ins Englische übersetzt wurde, ist laut dieser eine Reaktion auf zuvor in arabischen Zeitungen veröffentlichte Beiträge, die den Rassismus in den USA angeprangert hatten. Salameh schreibt:

„Floyds Tragödie ist auch eine Gelegenheit für uns Araber, die Formen des Rassismus zu untersuchen, die in unseren [Gesellschaften] seit Jahrtausenden existieren: Rassismus gegen Schwarze, [Diskriminierung] gegen Frauen, gegen Minderheiten, gegen Menschen anderer Religionen oder Konfessionen und gegen Behinderte.“

„Rassismus“, schreibt Salameh weiter, sei schon „sehr lange in arabischen Gesellschaften verwurzelt“ – seit den Zeiten, „als arabische Sklavenhändler den Indischen Ozean befuhren und afrikanische Sklaven auf die arabische Halbinsel brachten“. In der arabischen Kultur habe die Farbe Schwarz „negative, verwerfliche und pessimistische Konnotationen“. Dies zeige sich in populären Redensarten wie etwa dem Fluch: „Möge Allah dein Gesicht schwärzen.“

Salameh weist auch auf den Rassismus gegen asiatische und afrikanische Bedienstete und Arbeiter hin: Insbesondere im Libanon und am Persischen Golf, aber auch in den übrigen arabischen Ländern würden sie „geschlagen, verhaftet, des Schlafes beraubt, gedemütigt und ihrer Bezahlung beraubt, die nicht den niedrigsten Standards der Menschlichkeit genügt“.

Zudem erinnert er an die Diskriminierung von Frauen in arabischen Ländern, die in etlichen Staaten gesetzlich verankert ist:

„In einer 2014 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführten Studie zur Diskriminierung von Frauen weltweit rangiert der Jemen an erster Stelle, gefolgt von Sudan und Somalia, Saudi-Arabien und dem Libanon.“

Formen der Diskriminierung

Die arabische Frau sei „immer noch Schlägen und Demütigungen durch ihren Ehemann und andere Männer in ihrer Familie ausgesetzt, die sie ihres Erbes berauben und sie daran hindern können, ihre Kinder zu sehen, wenn sie geschieden ist.“ Zwar gebe es solche Verhaltensweisen auf der ganzen Welt, doch in arabischen Gesellschaften seien sie „besonders schlimm“.

Ähnlich verhalte es sich mit der Diskriminierung von Behinderten „sowohl auf offizieller als auch auf kultureller Ebene“. Ein Beispiel sei das Fehlen von Gesetzen zum Schutz von Behinderten beziehungsweise die Nichtumsetzung solcher Gesetze. „Diese Diskriminierung spiegele sich auch im alltäglichen Verhalten der Menschen wider, in Erniedrigung und Bevormundung, Grausamkeit und Respektlosigkeit.“

Die „gravierendste“ Form der Diskriminierung in der arabischen Welt aber sei die Diskriminierung von Menschen anderen Glaubens. Sie habe in den letzten Jahrzehnten zu „Bürgerkriegen, religiösen Konflikten und Terrorakten gegen unschuldige Menschen“ geführt sowie einer „Kultur des Takfir [eine Art Exkommunikation im Islam; S.F.], in der sich Menschen gegenseitig der ‚Häresie’ bezichtigen“.

Diese „rassistische Kultur“, so ‚Abd Al-Ghani Salameh, führe „zu vielen rassistischen Vorfällen und Einstellungen, von denen einige auch in den sozialen Medien aufgetaucht sind und Empörung verursachen – von denen die meisten aber völlig vergessen sind“. Weiter schreibt er:

„Rassismus in unseren [Gesellschaften] ist ein hässliches soziales Phänomen und eine abscheuliche psychische Störung, die wir aus unseren Herzen entfernen müssen, bevor wir andere für ihren Rassismus kritisieren …“

Schwarze bis in die jüngste Vergangenheit versklavt

Während einige der angesprochenen Punkte wohlbekannt sind, wird der Rassismus gegen Schwarze in der arabischen Welt nur selten beleuchtet. In einigen arabischen Staaten wie dem Sudan und Mauretanien wurden Schwarze bis in die jüngste Vergangenheit versklavt. In Libyen sind Sklavenmärkte in den letzten Jahren zurückgekehrt.

Ein Fall von Rassismus, über den vor Jahren auch einige Zeitungen in Europa berichteten, war ein Musikvideo der libanesischen Sängerin und Schauspielerin Haifa Wehbe. Wehbe, die von arabischen und westlichen Magazinen oft mit Wörtern wie „Sexsymbol“ und „Superstar“ beschrieben wird und als glühende Anhängerin von Hisbollahführer Hassan Nasrallah gilt, sorgte 2009 für Aufsehen, als in einem ihrer Songs Nubier – so werden die dunkelhäutigen Ägypter genannt – als Affen bezeichnet wurden. In dem Musikvideo mit dem Titel „Wo ist Papa?“ singt ein Kind, zu Wehbe gewandt: „Wo sind mein Teddybär und der nubische Affe?“

Die New York Times berichtete im August 2019 über eine im libyschen Fernsehen ausgestrahlte Sendung, in der Streiche mit versteckter Kamera gezeigt werden. Einer davon: Eine ganz schwarz geschminkte Frau kommt mit einem Kinderwagen zu einem Aufzug. Sie steigt ein, die Aufzugtür geht zu, ehe sie den Kinderwagen in den Aufzug geschoben hat. Sie brüllt in gespieltem Entsetzen zu arglosen Passanten: „Passen Sie auf meine Babys auf!“ Die Pointe, so die New York Times: „Aber als die Passanten die Wagenabdeckung zurückziehen, springen zwei Affen heraus.“

Tief verwurzeltes, aber selten diskutiertes Thema

Die Zeitung führte den Fall im Rahmen eines Artikels über Rassismus in arabischer Fernsehunterhaltung an. Dabei ging es auch um das sogenannte „Blackfacing“, das Schwarzschminken von Weißen:

„Blackfacing, ein rassistisches Unterhaltungsmittel mit Wurzeln im Amerika des 19. Jahrhunderts, lebt und gedeiht in der arabischen Mainstream-Unterhaltung. In Fernsehsendern im Nahen Osten schwärzen Darsteller regelmäßig ihre Gesichter in Comedy-Sketchen, um mit erniedrigenden Stereotypen und jahrhundertealten Vorurteilen billige Lacher zu ernten.

In der arabischen Welt, in der Rassismus ein tief verwurzeltes, aber selten diskutiertes Thema ist, wird die Blackface-Komödie in den sozialen Medien zunehmend kritisiert und zwingt sogar gelegentlich zu Entschuldigungen. Die Praxis ist jedoch nach wie vor weit verbreitet und akzeptabel genug, um in großen Fernsehsendern als ein Grundmittel [der Unterhaltung] zu dienen.“

„Blackfacing und rassistische Stereotype

„Blackfacing ist widerlich und beleidigend, sagte Sara Elhassan, eine sudanesische Schriftstellerin, die in den Vereinigten Staaten lebt, gegenüber der New York Times. Es gehe indessen nicht nur um die Hautfarbe, sondern um „Stereotypen“:

„Die schwarze Person ist faul. Sie spricht nicht richtig Arabisch. Wenn es sich um Sudanesen handelt, haben sie einen lächerlichen Akzent. Oder sie liegen auf einem Bett und schlafen immer wieder ein.“

Sie spielte offenbar auf die Comedyserie Block Ghashmara an, die während des Ramadan 2018 im kuwaitischen Fernsehen gezeigt wurde und auch im Land selbst umstritten war. In jeder Folge wurde sich über eine fremde Nationalität lustig gemacht. Die „Sudanesen“, die von dunkel geschminkten hellhäutigen Schauspielern gespielt wurden, lagen wie bei einem altrömischen Gelage beieinander und machten beim Sprechen immer wieder seltsame, tierähnliche Geräusche.

Abdullahi Hassan, ein Kameramann, der in Saudi-Arabien geboren und in Ägypten aufgewachsen ist, stellte letztes Jahr auf Twitter zwei Dutzend Beispiele für Rassismus gegen Schwarze zusammen, die er arabischen Unterhaltungsmedien entnommen hatte. Das Musikvideo von Haifa Wehbe war auch darunter.

Andere Szenen enthalten Kalauer über braune oder schwarze Hautfarbe (mit Konnotationen wie „Dunkelheit“ oder „Stromausfall“) oder über die vermeintlichen Charaktereigenschaften dunkelhäutiger Menschen. Ein Ausschnitt zeigt den gefeierten saudi-arabischen Schauspieler und Komiker Nasser al-Qasabi, wie auch er mit schwarz geschminktem Gesicht einen Sudanesen parodiert.

In anderen Ausschnitten aus Film und Fernsehen werden Schwarze abfällig als „Sklaven“ oder „Türsteher“ bezeichnet. In einer Fernsehdiskussion im libanesischen Fernsehen sagte eine Libanesin, sie würde nicht mit ihrer (schwarzen) Hausangestellten gemeinsam am Tisch essen: „Der Platz des Dienstmädchens ist in der Küche, sonst vergisst es, wer es ist“.

Kein Unrechtsbewusstsein

Abdullahi Hassan kündigte an, er wolle dieses von ihm gesammelte Material für eine Dokumentation nutzen, um Bewusstsein für Rassismus in der arabischen Welt zu wecken. Er meint sogar:

„Ich sage nicht, dass es keinen Rassismus im Westen gäbe, aber es ist dort nicht so schlimm wie in der arabischen Welt.“

Der Hauptunterschied zwischen dem Rassismus im Westen und dem in der arabischen Welt sei, dass Rassismus im Westen als „Verbrechen“ betrachtet werde, in der arabischen Welt sei das überhaupt nicht der Fall.

Auf Twitter schreibt Hassan, dass er sich vor einigen Jahren mit seiner Sammlung von Belegen für den Rassismus in Fernsehshows, Filmen, Musikvideos und dem öffentlichen Diskurs in arabischen Ländern an Al-Jazeera und andere arabische Mediennetzwerke gewandt habe. Leider habe er von keinem eine Antwort erhalten.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

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Leserpost

netiquette:

Wilfried Cremer / 13.06.2020

Ich wollte ja noch was sagen, will mich aber für heute damit bescheiden, mich Herrn Klein op Horst anzuschließen.

Ulla Schneider / 13.06.2020

Hallo Herr Frank, zu bemerken wären noch die nächtlichen Überfälle auf afrikanische Dörfer von der gleichen Gattung des Morgenlandes. Kinderklau zur Sklavenhaltung. Gar nicht so lange her und wahrscheinlich immer noch. Selbst im deutschen Fernsehen berichtet, kurz vor der Einführung des Staatsfunkgeldes. Ich kann mich nicht erinnern, dass nur einer PIEPS gesagt hatte. Desweiteren zu bemerken wäre die Frage, was um Gottes Willen bringt die Afrikaner zum Islam?  Die Religion, die sie geklaut und verkauft haben.Die sie noch weiter verkaufen. Ich las hier für200€  in Libyen. Die, die sie immer noch behandeln, gerade ihre Frauen wie Dreck.——- Ich kann mich nicht erinnern, dass ansatzweise in den Schulen darüber unterrichtet wird, vielleicht am Rande um zu vergessen. Afrika lebte durch die starken Frauen. Diese Frauen organisieren fast alles. Es wäre fatal, wenn diese Glaubensrichtung sich weiter verbreitet. Sie werden, aufgrund ihrer Hautfarbe trotzdem wie Menschen 2. Klasse behandelt, leider. Danke für Ihre überaus informativen Berichte.

Günter Schlag / 13.06.2020

Sicher demonstriert demnächst “Black Lives Matter” auch in arabischen Ländern.

Johann-Thomas Trattner / 13.06.2020

Man könnte als Artikelüberschrift auch wählen: Die Barbarei der arabischen Welt. Den darum handelt es sich.

Ralf Pöhling / 13.06.2020

Hochinteressant. Die derzeitige Eskalation in den USA und die globale Vernetzung, die dazu führt dass jeder quasi mittendrin statt nur dabei ist, führen anscheinend zu globalen gesellschaftlichen Denkanstößen. Jetzt kann man nur hoffen,  dass diese Denkanstöße in eine fruchtbare Diskussion münden und nicht mit dem Vorschlaghammer kaputtgeschlagen werden.

S.Niemeyer / 13.06.2020

Das Elend der Haussklavinnen aus Afrika und Asien in arabischen Ländern dokumentiert auch:  “Versklavt - Hausmädchen in der arabischen Welt” ZDFinfo Doku 28.09.2019, in der ZDF Mediathek, 43 min.  Und NZZ Artikel vom 08.10.2019: “Wir tragen immer die Schuld: Ausländische Hausmädchen in arabischen Ländern sind Sklavinnen des Systems” , bei nzz.ch zu lesen.

Oleg Pawlowski / 13.06.2020

Die Weissen Sklaven haben die Araber wohl wieder vergessen.Und wo kommen die Blonden Türken her?Jahrhundertelange Knabenlese auf dem Balkan!Nach einer Gehinrwäsche wurden sie gegen ihre eignene Völker in die Schlach geschickt. Wird das in den Schulen gelehrt?

Rainer Niersberger / 13.06.2020

Die ebenso zutreffende wie bekannte Erkenntnis des sehr ausgeprägten und offiziell gepflegten Rassismus, in diesen islamischen Ländern (der Schwarze rangiert noch unterhalb des (weissen) Ungläubigen im Animalbereich) ist der Begriff durchaus angebracht, in Europa nicht, wird aber natuerlich nicht dazu fuehren, dass hierzulande diesbezüglich etwas zu hoeren waere, geschweige denn, zu irgendwelchen Konsequenzen führe. Frau Roth als bekennende Tuerk - und Arabophile hat sich schon beim Frauenthema sehr zurueckgehalten und sich lieber mit dem boesen weissen Mann “beschäftigt”. Die westliche Zurückhaltung duerfte hier ebenso ausgeprägt sein wie gegenüber China. Da werden die linksgruenen ScheinmoralistInnen schnell amoralisch. Bei der gegebenen Charakterstruktur und gewissen kognitiven Handicaps sind derartige “Brüche” kein Problem. Leider auch nicht fuer ihre JuengerInnen.

Stefan Riedel / 13.06.2020

“...die arabische Gesellschaft Anlass sein, sich mit dem bei ihr grassierenden Rassismus…”. Wo kommen wir da denn hin? Allahu Akbar, na ja, oder so ähnlich?

Gerhard Hotz / 13.06.2020

Der Chauvinismus der arabischen Männer ist schwer zu begreifen. Ihre Frauen sperren sie ein oder stecken sie in den Sack. Diese rächen sich, indem sie verfetten und verblöden. Die Jungen werden zu kleinen Prinzen erzogen, die dann im Leben versagen. Bücher sind Teufelszeug. In der Summe ist das ein Konzept, das nur Verlierer produziert. Wie kann man da noch chauvinistisch oder rassistisch sein? Eigentlich kann man so nur in der Depression enden.

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