Der Wochenanfang bescherte uns zwei Meldungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Erstens: „Mit einer Zensur kritischer Kommentare in den sozialen Medien will der türkische Präsident Erdoğan den Verfall der Lira bekämpfen“. Und zweitens: Wegen seines neuen Buches, das Ende des Monats erscheint, soll Thilo Sarrazins SPD-Mitgliedschaft erneut auf den Prüfstand kommen.
Was die beiden Vorgänge verbindet: Dem Überbringer einer schlechten Nachricht soll es an den Kragen gehen. Erdogan ist es leid, dass Menschen das Vertrauen in seine von göttlicher Weisheit geprägte Wirtschaftspolitik verlieren. Also werden sie vorab schon mal darauf hingewiesen, dass es besser wäre, den Mund zu halten.
Und die SPD ist es leid, allen voran ihr Wählermagnet Ralf Stegner, dass die göttliche Weisheit ihrer Migrationspolitik in Frage gestellt wird. Erdogans Wirtschaftspolitik und die deutsche Migrationspolitik sind aufgrund höherer Moral unangreifbar. Und die Protagonisten zuverlässig beratungsresistent. Die Lira verlor seit Jahresbeginn – Stand heute – etwa 50 Prozent an Wert, die SPD fuhr ihr schwächstes Wahlergebnis seit 1949 ein. Wetten sollte man auf beide nicht, die SPD arbeitet konsequent am Projekt 15 Prozent.
Sarrazins neues Buch heißt „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. Das Buch ist noch gar nicht auf dem Markt, und doch wittert die SPD schon Unrat, weshalb Genossen den Verlag sogar um ein Vorab-Exemplar baten, um zu schauen, ob es nicht „genauso unterirdisch und rassistisch ist wie sein vorletztes Buch, da wir anschließend ein Parteiausschlussverfahren einleiten würden.“ Wie man sieht, gehen die Sozialdemokraten absolut offen und vorurteilsfrei an eine solche Prüfung heran.
„Warum Maulkörbe so häufig scheitern“
Wikipedia erläutert unter dem Stichwort Zensur, dass bei der sogenannten Vorzensur "Medien, vor Veröffentlichung entsprechenden Institutionen zur Prüfung vorgelegt werden, die dann gegebenenfalls Abänderungen fordern oder das Werk indizieren". Respektive den Autoren aus der Partei rausschmeißen. Vielleicht kann man den entsprechenden Passus bei Wikipedia aktualisieren.
Zum Glück sind der Verfassungschutz und das Bundeskriminalamt nicht SPD-Miglieder und heißen auch nicht Sarrazin, sonst müssten sie aufgrund solcher und solcher Publikationen womöglich sofort aus der SPD hinausgeworfen werden. Da in der SPD-Anfrage vom „vorletzten Buch“ Sarrazins die Rede ist, drängt sich obendrein eine Frage auf. Hat die SPD das letzte Buch von Sarrazin vielleicht nicht gelesen? Oder beschreibt das nach Ansicht der SPD die Lage zutreffend? Wie hieß es noch gleich: „Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert.“
Wenn Sarrazin wirklich gemein wäre, dann hieße sein nächster Titel: „Warum Maulkörbe so häufig scheitern“. Der Mann kennt sich mit Statistiken gut aus und könnte beispielsweise darlegen, dass die Verkaufserfolge seiner Bücher und die Wahlerfolge der SPD im umgekehrt proportionalen Verhältnis stehen. Es sind gewissermaßen kommunizierende Röhren: Je mehr die SPD auf Sarrazin eindrischt, desto besser verkaufen sich seine Bücher. Und um so rasanter geht die SPD auf Talfahrt.
Aber diese Partei ist offenbar nicht mehr praktisch bildbar. Man könnte das ganze ja noch verstehen, wenn die Sarrazin-Schelte der Partei irgendetwas bringen würde. Tut sie aber nicht. Diejenigen, die die SPD ausgemustert haben, fühlen sich einmal mehr bestätigt. Und diejenigen, die ihr noch die Treue halten, fühlen einmal mehr, dass es vielleicht doch Zeit ist, zu gehen. Der letzte macht das Licht aus. In der CDU hat man indes verstanden und lässt schon mal eine Koalition mit der SED-Nachfolgepartei vorbereiten.

Ein glänzender Kommentar, danke Dirk Maxeiner! Der Organisationspsychologe Lutz von Rosenstiel verhalf mir Anfang der 90er Jahre zu einem Aha-Erlebnis, als er Organisationen charakterisierte, die nicht lernfähig und deshalb mindestens auf dem Weg in existenzielle Krisen sind. Ich hatte das in der DDR erlebt, die spätestens 1977 mit dem Erscheinen von Rudolf Bahros "Die Alternative" längst erwartbaren Folgen gesehen und benannt, konnte nach Berufverbot und jahrelangem Warten ausreisen und produzierte etliche Jahre für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dass es diesem zwangsfinanzierten Moloch an Lernfähigkeit gebrach, außer in der Frage der Existenzsicherung durch immer engere Bindung an die Politbürokratie und verzweifelt auf Quote fixierter Programmgestaltung, weiß inzwischen jeder, der zwangsweise Beiträge zahlt, ohne die Dienste der Anstalten zu nutzen. Auch sie tragen - gewiss ungewollt - zu Sarrazins Erfolg bei. Gut, dass das Internet Meinungsmonopole verhindert. Prima, dass es achgut.com gibt. Lernerfolge werden möglich - sogar beim "deutschen Michel", der sich nach wie vor durch erstaunliche Geduld gegenüber seinen wenig lernfähigen "Volksvertretern" auszeichnet.
Was ich nicht verstehe, sind Menschen die es nicht verstehen, das Sarrazin nicht/noch nicht aus der SPD ausgetreten ist. Das er nicht ausgetreten ist, schenkt ihm die Aufmerksamkeit aller.....auch der Sozis die, in ihrem Gender-Wahn, Flüchtlingswahn und Euro-Wahn, jeden Realitätssinn verloren haben. Einige SPDler leben eine Sozialdemokratie, die zu Zeiten von H. Schmitt eine andere war. In dieser Zeit ging es darum, die Menschen in Brot und Arbeit zu bringen mit einem Lohn von dem man Leben konnte. Heute ist man bemüht die Menschen, in Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von Hartz 4, mit sozialen zusätzlichen Zuwendungen und asozialen Sendungen im TV, ruhig zu halten. Heute würde man sich freuen wenn bei einem politischen Talk, systemkritische Leute (Broder, Sarrazin, Wimmer u. Co.) eingeladen und nicht wieder ausgeladen werden. Wenn Sarrazin aus der SPD austreten würde, wäre er von der Journaillie nächste Woche schon an den rechten Rand geschrieben.
Mit der Parteizugehörigkeit ist das so eine komische Sache. Wenn einem einmal etwas Heimat gewesen ist, hängt man lange daran. Dann kann sich diese Heimat noch so negativ verändert haben, man tur sich trotzdem schwer, sie zu verlassen. Vielfach ist es die Hoffnung, dass der alte Zustand wiederkommt. Auch Herr Sarrazin hofft sicher, dass sich die SPD wieder ihrer alten Tugenden erinnert. Vielleicht hält er ihr und den anderer etablierten Parteien deshalb ihr derzeitiges Spiegelbild vor, damit sie endlich begreifen und sehen, wie verzerrt ihr Spiegelbild ist. Erdogan hat keinen Sarrazin im Land, der ihm den Spiegel vorhält. Das würde sich niemand wagen. Es gibt aber jemand, der es wagt, Trump. Und wenn Erdogan in das Spiegelbild schaut, das Trump ihm vorhält, muss er erschrecken. Man darf nur gespannt sein, wie dieses Erschrecken ausfällt.
Würde ich es nicht besser wissen, würde ich behaupten: Dieses ganze Brimborium ist abgesprochen! Niemand verdient soviel Geld mit seiner SPD-Mitgliedschaft, wie Sarrazin. Kaum kündigt er ein neues Buch an, und noch bevor irgendjemand auch nur eine Zeile gelesen hat, wird von führenden SPD-Leuten sofort ein Parteiausschluss gefordert - jedesmal! Eine schönere Werbung kann man sich gar nicht vorstellen! Läuft immer alles wie bestellt und spült zuzätzliche Millionen in die Kasse. (Aus Dankbarkeit müsste Sarrazin denen ja eigentlich auch mal was spenden - oder? :-)
Ach Herr Maxeiner, Sie haben doch in Deutschland fast nur noch so lustige und bunte Vereine, die keine anderen Meinungen zulassen, vor allem keine solchen, die nicht mithelfen. die eigenen Fehler aufzudecken und zu korrigieren. Das Buch wird ein Erfolg für Herr Sarrazin und ein Ausschluss wird es wohl nicht geben. Leider wohl auch kein freiwilliges Ausscheiden von Herrn Sarrazin, aus dieser längt gestrandeten Selbsterhaltungspartei. Mit der Kompetenz und Erfahrung von Herrn Sarrazin wäre der freiwillige Austritt eigentlich die logische Konsequenz. b.schaller
Nun wissen die SPD Granden schon, welche Politik sie machen müssten, um wieder Wähler zu gewinnen. Die aber wollen sie nicht machen, weil sie im Grunde keine Sozialdemokraten mehr sind. Statt dessen hoffen sie, wieder zulegen zu können, indem sie versuchen, ihre Kritiker mundtot zu machen oder aus der Partei zu werfen. Alleine das zeigt schon wie faulig der Führungshaufen der SPD derzeit ist. Letztlich geht es denen nur noch um den Machterhalt bis zur nächsten Wahl und die Sicherung von Rentenansprüchen und Indutstriepöstchen für ihr Leben nach der SPD. Vom Wähler hat man ja nichts zu erwarten, von den meisten nicht mal ihre Stimme. Also wendet man sich denen zu, die einem honorieren, was man für sie in der Politik getan hat. Das bewirkt beim Volk natürlich Unmut, der leicht irgendwann einmal in Zorn ausarten könnte. Da braucht man bald schon eine bessere Total-Überwachung und die unkontrollierte Einwanderung mit ihren gesellschaftlichen Folgeproblemen liefert eine schöne Rechtfertigung dafür. Die Verlagerung der Wählerstimmen hin zur AfD freut sicher unsere Dienste und jetzt sind auch viele Menschen der Meinung, dass sei eine Lösung. Vielleicht ist es das auch. Sicher ist es aber nicht. Mir wäre lieber, Menschen wie Sarazin gäben in der SPD den Ton an und solche wie Willy Wimmer in der CDU. Da wüssten wir wenigsten was wir hätten.
Wie ich bereits zu Herrn Sarazins letztem Artikel geschrieben habe, bin ich seit etwas über einer Woche kein SPD Mitglied mehr und es ist für mich mittlerweile auch nicht mehr nachvollziehbar, wie man diese Partei noch wählen kann. Stegner mit seinen öffentlichen Äußerungen zum Volksentscheid der Schweizer in Sachen Minarett war schon ein echtes Zeichen dafür, dass die SPD mit Volksabstimmungen genau gar nichts am Hut hat und mit Volkes Wille schon gar nicht. Demokratisch ist schlichtweg anders. Vorwärts liebe Ex-Genossen in Richtung 15%.