Manfred Haferburg / 23.01.2017 / 17:22 / 6 / Seite ausdrucken

Der Podcast der Bundeskanzlerin: Woran erinnert mich das bloss?

Im DDR-Rundfunk gab es eine beliebte Sendung mit einem Journalisten namens Karl-Heinz Gerstner, alias Stasi-IM „Ritter“. Die Sendung lief unter dem Motto: „Sachlich, kritisch und optimistisch“. Wir nannten die Sendung „sachlich, kritisch und verlogen“. Die Taktik dieser Propaganda-Sendung bestand darin, hier und da kleine Missstände einzuräumen, um dadurch die große und allgegenwärtige Schönfärberei verdaulicher zu machen.

Als ich mir den letzten Podcast der Bundeskanzlerin ansah, fiel mir sofort diese Sendung ein und ich fragte mich, ob ich nicht jetzt direkt die Fake-News aus der Mediathek der Bundeskanzlerin dem Recherchebüro Correctiv oder gar an Anetta Kahane melden sollte. Lautet doch der Teaser zu diesem Podcast: „Deutschland könne stolz darauf sein, was auf diesem Gebiet (Integration) geleistet werde. Hier sei etwas Großartiges gelungen“.

Die Merkel-Podcast-Taktik funktioniert so: eine interviewende Studentin stellt der Kanzlerin „kritische Fragen“ und nickt dann mit Kulleraugen eifrigst zu allem, was die Kanzlerin so antwortet. Diesmal stellt sie eine „kritische“ Frage zur Integration der Menschen, die zu uns gekommen sind: „Es wird in letzter Zeit immer positiver über die Integration in Deutschland berichtet (sic). Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer steigt (sic). Auf der Webseite: ‚Deutschland kann das‘ kann man sich über tausend Initiativen anschauen, die den Flüchtlingen bei der Integration helfen. Wie schätzen Sie ganz allgemein das bürgerliche Engagement in Deutschland ein?

Merkel: „Ich finde, dass hier etwas Großartiges gelungen ist. Wir hätten das nicht so hingekriegt, wenn wir nicht die vielen Bereitschaften gehabt hätten, ehrenamtlich tätig zu sein und es gibt ja auch heute noch so viele, die sich kümmern und wirklich vieles machen… Und insofern kann Deutschland wirklich stolz sein auf das, was auf diesem Gebiet geleistet wird und ich bekomme auch des Häufigeren von Flüchtlingen Briefe, die sich bedanken für das, was sie auch erleben dürfen und das ist ja dann vielleicht auch etwas Schönes“.

Bitte, sehr geehrte Frau Dr. Merkel, erhellen Sie mich? Was hätten „wir nicht so hingekriegt“?

Was ist bei der Integration bisher mehr „Schönes“ herausgekommen, als „das zeigen eines freundlichen Gesichts“ und die dankbaren Briefe einiger mit Recht dankbaren Flüchtlinge? Was ist an Integration mehr herausgekommen, als ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und ein Taschengeld, das vorher denen, die schon länger hier leben, vom Lohn abgezogen wird. Lernen die meisten der zu uns gekommenen so die deutsche Sprache, so dass sie in Lohn und Brot kommen? Wie viel Prozent dieser zu uns gekommenen hoffnungsfrohen Menschen können von der Arbeit ihrer Hände leben? Und stammt der Slogan „Rückführung, Rückführung und nochmals Rückführung“ nicht auch aus Ihrem Munde? 

Und was ist das „Schöne“ für die, die schon länger hier leben? Was werden wohl die Angehörigen der diversen Anschlagsopfer bei Ihrer Aussage empfinden? Was empfinden die schon länger hier Steuerzahlenden, wenn Flüchtlinge ihre Identität verschleiern oder gar mehrere Identitäten pflegen, um mehrfach Leistungen abzugreifen?

Und was empfinde ich als Ossi, wenn ich durch Ihren Podcast in die Zeit der DDR zurückgebeamt werde? (man beachte den Fake-News-Kommentar des ZDF aus dem Jahre 1969 zur DDR ab 2:10) Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, ja, Ihr Podcast ist „sachlich, kritisch und optimistisch“. Nur hat er mit der Realität des Landes, dessen Bürgern Sie Loyalität „so wahr Ihnen Gott helfe“ geschworen haben, im Jahre des Herrn 2017 nicht mehr viel gemein.

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Leserpost

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Tomas Reiffer / 24.01.2017

Für mich als westgeborenes Wohlstandskind, das das DDR Ende als Grundschüler erlebt hat ist diese medial Agitpropmasche schon schlimm mitanzusehen. Ich frage mich, wie sehr viel schlimmer muss es nur für all die ex-DDR Insassen sein, die noch eine wache Erinnerung an das damals abgelaufene haben… Hoffentlich klappt das Schweinesystem bald zusammen.

Manfred Arnold / 24.01.2017

Sehr geehrter Herr Haferburg, im allgemeinen schreibe ich keinen Leserbrief. Da uns aber einiges verbindet u. ich Ihnen den Hinweis auf den erheiternden Podcast der Bundeskanzlerin verdanke, mach ich mal eine Ausnahme. Ich muß gestehen, ich habe das Video nicht bis zum Ende angeschaut. Es ist nicht nur der Realitätsfremde Inhalt, nein auch der Ton u. die Art erinnern fatal an meine ehemalige Heimat. Da ich es ebenfalls vorgezogen habe mir das deutsche Elend aus dem Ausland anzuschauen, finde ich dieses vielgebrauchte Wörtchen “Wir” in diesen Video amüsant. Dieses Wörtchen “Wir” geht ja mittlerweile duch alle Gazetten in Deutschland u. vermittelt so ein wohliges Gefühl. Zu DDR Zeiten hieß da ja noch die Partei hat immer recht. Heutzutage heißt das wir haben geschafft, wir schaffen etc. Egal wer das “Wir” ist. Die Bürger, die Partei, die Regierung. Wir können halt auch ganz gut Realitätsfern sein.

Gerhard Alfred / 24.01.2017

Es ist ja kein Geheimnis, dass die gelungene Integration in unsere Gesellschaft - auf allen Ebenen - nicht im geringsten vor Abschiebung schützt. Am Ende zählen formale Gründe, die mit Integration wenig oder gar nichts zu tun haben. Der Hype um unsere gar so wohltätige Gesellschaft, angeblich ein Beispiel für ganz Europa, scheitert an der täglichen Praxis. Unsere gepriesene Wohltätigkeit hat ganz enorme Unterwasser-Riffe, die tabu sind. Was zählt ist die gelungene Propaganda - alles ist gut!

Elmar Schlürscheid / 24.01.2017

Sehr gut Herr Haferburg, dazu fehlt noch, Zitat: “Wie viel Prozent dieser zu uns gekommenen hoffnungsfrohen Menschen können von der Arbeit ihrer Hände leben?” Wieviele der schon länger hier lebenden können von der Arbeit ihrer Hände leben? Diese Frage gilt es zu beantworten. So wahr mir Gott helfe.

Franck Royale / 24.01.2017

Ich hab auch mit weit geöffneten Kulleraugen zu allem genickt, was die Kanzlerin so geantwortet hat - nur eben auf der Transversalebene. Und weil ich mich wieder die ganze Zeit gefragt habe, wie es denn bitte passieren konnte, dass jemand, der solch unverständliche Schachtelsätze in die Kamera spricht, in Deutschland Regierungchef wird.

Sabine Ehrke / 24.01.2017

Lieber Herr Haferburg, ich teile Ihre Ansicht, ich sah selbiges im Ostfernsehen. Ich wehre mich noch immer gegen die Zwangsgebühren für den ‘Schwarzen Kanal’ im vereinigten Deutschland, was sich als nicht ungefährlich erweist, wie inzwischen so vieles andere in diesem Land. Wieder!

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