Rainer Bonhorst / 22.05.2015 / 10:00 / 10 / Seite ausdrucken

Der Passauer Fensterl-Kulturkampf

Die Gendergemeinde kann aufatmen. Die Passauer Universität hat dieser Tage ein klares Fensterl-Verbot ausgesprochen. Eine Zeitlang sah es so aus, als könnten die Sportstudenten dieser altbayerischen Stadt tatsächlich einen Fensterlwettbewerb durchführen. Es kommt nicht dazu. Der Fensterlwettbewerb musste abgesagt werden, weil er – so die Gleichstellungsbeauftragte der Uni - die Frauen zu Sexobjekten degradiert hätte. Zweifellos eine zeitgemäße Entscheidung, auch wenn man beim ehrenwerten Handwerk der Fensterbauer und vielleicht auch bei den Herstellern von Leitern den Verzicht auf diese werbewirksame Aktion bedauern mag.

Allzu hart stießen hier uraltes bayerisches Brauchtum und neuzeitliche Genderpolitik aufeinander. Das Brauchtum musste auf der Strecke bleiben. Leichen des Traditionellen pflastern nun mal den Weg der genderpolitischen Aktivisten. Und das ist gut so, um einen herausragenden Genderpolitiker zu zitieren.

Denn tief ist der Brunnen der Fensterl-Problematik. Man könnte ihn unergründlich nennen. Ich will trotzdem versuchen, ihn zu ergründen, so weit und so tief mir das möglich ist.

Das Problem fängt schon mit der traditionellen Rollenverteilung an: Der bayerische Bub oder Bua (hochdeutsch: Junge, Knabe) tritt mal wieder als der männlich-aktive Leiterträger und Kletterer auf, während das Madel (hochdeutsch: Mädchen, norddeutsch: Dirn) passiv am Fenster wartet oder gar unschuldig-ahnungslos im Himmelbett. Hier werden reaktionäre Gendermodelle zementiert, die einfach nicht mehr in unsere Zeit passen.

Bezeichnend an dem geplanten Fensterl-Wettbewerb war, dass tatsächlich nur Buam daran teilnehmen sollten. Kein Madel sollte die Leiter stemmen oder an den Fassaden hochklettern dürfen. Und völlig ungeklärt blieb die Frage, ob im Himmelbett auch so geneigte Buam auf die einsteigenden Buam hätten warten dürfen oder ob dies nach traditioneller Sitte nur Madeln vorbehalten sein sollte. Ein weiterer Verstoß gegen eine zeitgemäße genderfluidity.

Und damit nicht genug. Zum geplanten Fensterl-Wettbewerb fehlte auch jede Aussage, ob im Fall einer weiblichen Kletterteilnahme das kletternde Madel im Dirdnl hätte klettern müssen oder ob es aus Gründen der Dezenz und der Fluidität auch eine Lederhose hätte tragen dürfen. Dass diese Überlegungen überflüssig waren, weil ohnehin keine Madeln auf der Leiter vorgesehen waren, macht die Sache nicht akzeptabler.

Dass es sich bei der Leiter, die üblicherweise zum Fensterln benutzt wird, um ein verkapptes, durch Sprossen und Lücken nur scheinbar verharmlostes Phallussymbol handelt, sei nur nebenbei erwähnt.

Ein Passauer Professor wiederum, der offenbar ein Problem mit dem Fensterl-Verbot hat, meinte ironisch auf Romeo und Julia hinweisen zu müssen. Er warnte, nach dem Fensterln-Verbot drohe womöglich auch ein Verbot der Shakespeareschen Balkonszene. Er mag ein paar Lacher auf seiner Seite haben, doch er verriet damit nur unfreiwillig, welch Geistes Kind er ist.

Jeder Bayer weiß, dass man zum Fensterln nicht zwingend einen Balkon braucht. Dass dieser Professor sofort an einen Balkon dachte, sei es auch nur im Shakespeareschen Sinne, entlarvt ihn als einen rückwärtsgewandten Busenfetischisten. Denn wie die Leiter im Freudschen Sinne phallisch zu verstehen ist, so steht der Balkon in der traditionell männlichen Psyche selbstverständlich für den weiblichen anatomischen Vorbau. Der Professor disqualifiziert sich damit selbst als genderpolitisch alter Adam. Er steckt tief im Sumpf altbayerischer Betrachtungsweisen, die sich nicht entblöden, beim Anblick eines Madels, das im Sinne Brüderles ein Dirndl gut füllen kann, anerkennend von „Holz vor der Hütten“ zu sprechen.

Aber wir wollen nicht abschweifen, so schön es wäre: Klar ist, dass sich bei näherer Betrachtung des Passauer Fensterl-Kulturkampfes brunnentiefe Abgründe auftun, die weit über einen scheinbar harmlosen sportlichen Wettbewerb hinausgehen.

Es ist ja bezeichnend, dass sich ausgerechnet Sportstudenten diesen schlechten Scherz erlaubten. Offenbar betrachten sie das Eindringen in die Intimsphäre eines Madels (Fenster, Stube oder Himmelbett) als einen sportlichen Wettbewerb. Die Symbolkraft dieser Haltung kann deutlicher nicht sein. Das ist urältester Machismo, der längst überwunden schien. Casanova und Co lassen grüßen und erheben ihr abstoßendes Haupt.

Bleibt die Frage, ob wir es bei diesem Fensterlfehltritt mit einem klassischen Fall bayerischer Rückständigkeit zu tun haben oder ob das Passauer Fensterlgate bundesweite oder gar internationale Bedeutung hat. Die Antwort lautet: Wir wissen es nicht.

Ist es denkbar, dass Nixons Watergate-Einbrecher gar nicht hinter Akten der Demokraten her waren sondern in Wahrheit gefensterlt und nach feschen Madeln Ausschau gehalten haben und nur ersatzweise zu den Akten griffen? Ist es denkbar, dass im alten Hamburg weniger gefensterlt wurde als in Bayern, weil dort Lili Marlen nicht keusch im Himmelbett wartete sondern unter der Laterne vor dem großen Tor?

Ja, es stellen sich noch tiefere Fragen, man möchte sagen: Menschheitsfragen. Zum Beispiel die: Welche Rolle spielen Fensterl, Himmelbett und Laterne eigentlich für den Fortbestand der menschlichen Spezies? Könnte es eine wesentliche Rolle sein? Anderseits: Hätten wir ohne Fensterl und ohne Laterne vor dem großen Tor womöglich nicht das Problem der Überbevölkerung? Und somit auch nicht das Problem der Umweltverschmutzung und des Klimawandels? Sind Fensterl und Laterne womöglich an allem schuld?

Man kann es nicht ausschließen.

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Thomas Rießinger / 23.05.2015

Das Schlimme ist, dass deutsche Gender-Professorinnen nicht mal die Ironie in dem Artikel bemerken und ihn für eine großartige Unterstützung ihrer Forschung halten würden.

Hans Meier / 23.05.2015

Fenster, sind in erster Linie aus durchsichtigem Glas, um das Tageslicht, die Sonne oder den Nachthimmel in Räume scheinen zu lassen, und die Kälte oder den Wind, auszusperren. An dem Thema „Fenster“ haben sich nicht nur Handwerks-Berufe entwickelt, die sie bauen oder putzen, und sogar wie bei „Windows“, virtuell weiter entwickelten. In manchen armen Regionen, bieten sich Bettler an, den Autofahrern die Fester zu putzen, solche die vom privilegierten BRD-Genderismus noch nichts mit bekommen haben und betteln müssen, ohne eine „Gender-Legende“ zu haben, mit der sie erträglich, öffentlich alimentiert leben können. Das „Fensterln“ als Brauchtum hat tiefe romantische Traditionen, genau das, was das Problem meckernder Minderheiten verkörpert, die ihre eigene Unfähigkeit und misslingende unglückliche Verrücktheit darstellt, da wird ein krasses Minderheiten-Problem, was der Mehrheit, per „Schnickschnack-Sprüche“ als bescheuerter Ideologie von frustrierten Funktionärinnen präsentiert, bedauernswerte Frauen, die offensichtlich wegen ihrer Individualität wirklich keiner liebt, werden systematisch viel zu wichtig, ohne diese Realität zu akzeptieren.. Diese „Ungeliebtheit“ schmerzt, eine mit Makeln versehene Minderheit so sehr, statt sich damit zu arrangieren und dieses persönliche Unglück persönlich zu bewältigen, es als sein eigenes Schicksal zu akzeptieren und persönlich individuell zu ertragen. Typisch, für von bürgerlichen, wohlhabenden Eltern umsorgte Langzeit-Pubertierende, die dann als „Berufs-Jugendliche“ in Funktionärinnen- Karrieren landen sind die Kanzlerin, und die Ministerinnen, die sich öffentlich so präsentieren, als wären sie souverän und handlungsfähig, obwohl die alliierten Onkels die Fräuleins schon immer, so hilfreich wie alternativlos einvernahmen .

Jürgen Peters / 22.05.2015

Bezeichnenderweise behaupten die Zensoren dieser schönen Aktion bei anderer Gelegenheit immer, sie würden alle Kulturen respektieren. Außer der eigenen, versteht sich.

Hjalmar Kreutzer / 22.05.2015

Kopfschütteln, Lachen, “Das darf doch nicht wahr sein!” rufen, ich weiß nicht, was ich zuerst tun soll. Leider meinte die vermutlich dazu essigsauer verkniffen guckende Dame das wohl völlig bitterernst. Warum nur haben die Studenten und deren Professores und vor allem die Studentinnen! diese Spaßbremse nicht einfach ausgelacht und ihr Spaß- und Sportfest nicht einfach trotzdem durchgezogen? Soll Frau FrauInnenbeauftragtIn doch meckern und sich beschweren! Trotz großzügig bemessener bayerischer Lederhosen so wenig Testes resp. Glutäus im Beinkleid? Sollte dieser Gendergaga schon solche Macht selbst in nicht gesellschaftswissenschaftlichen Studienfächern wie Sport erlangt haben? Dürfen demnächst männliche Medizinstudenten keine Frauen unter 80 Jahren mehr untersuchen und das auch nur im Beisein der Frauenbeauftragten?

Bernd Zarneckow / 22.05.2015

Vielen Dank für den schönen Text Herr Bonhorst.

Waldemar Undig / 22.05.2015

Und mein Google kredenzt die richtige Leiterreklame dazu. So muss Internet sein.

Emmanuel Precht / 22.05.2015

Fing die “Kulturrevolution” von Mao auch so an. Und wie endete sie?

Martin Lahnstein / 22.05.2015

Ich frage mich, ob echte bayrische Buben sich jemals das Fensterln hätten verbieten lassen. Das ist der eigentliche Jammer: dass man nicht wagt,  nach dem Fensterln ein Prozesserl zu riskieren.

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