Thomas Eppinger, Gastautor / 11.01.2019 / 15:00 / Foto: Pixabay / 16 / Seite ausdrucken

Der neue Antisemitismus ist das Gerücht über Israel

Zum christlichen und rassistischen Antisemitismus, den es in allen Ausprägungen bis heute gibt, ist der arabisch-muslimische nach Europa gekommen. Und wie jener der Nationalsozialisten ist dieser Antisemitismus eliminatorisch: Sein Bestreben ist nicht, die Politik Israels oder das Verhalten der Juden zu verändern, sondern Israel zu vernichten und die Juden zu töten oder zu vertreiben.

Diesen Antisemitismus können die Israelis genauso wenig beeinflussen wie die europäischen Juden den der Nationalsozialisten. Kein Jude entkam seiner Verfolgung durch Patriotismus, Assimilation oder Konvertierung, kein noch so großes persönliches Verdienst wog schwerer als der Vernichtungswille. Solange sie konnten, haben die Nazis die Juden in ganz Europa verfolgt, zusammengetrieben und ermordet. Und völlig unabhängig von der israelischen Politik wird sich der arabisch-muslimische Antisemitismus nie mit weniger zufrieden geben als mit der Auslöschung des jüdischen Staates.

Niemand macht ein Hehl daraus. So wie man in „Mein Kampf“ lange vor seiner Machtergreifung lesen konnte, was Hitler mit den Juden vorhat, erfährt man von den arabisch-muslimischen Antisemiten, was sie mit Israel vorhaben. Man liest es in der Charta der Hamas, man hört es vom iranischen Präsidenten, und man sieht es im Büro der frischgebackenen amerikanischen Kongressabgeordneten der Demokraten, Rashida Tlaib. An der Wand hängt eine Landkarte, auf der Israel mit einem Post-it überklebt wurde, auf dem „Palästina“ steht.

Doch im Gegensatz zum rechtsradikalen Antisemitismus, der von den politischen und medialen Eliten fast ausnahmslos geächtet wird, stößt der arabisch-muslimische ebendort auf verständnisvolle Nachsicht. Man sieht den israelischen David, der sich – kaum größer als Sizilien – gegen den arabischen Riesen behaupten muss, als militärischen Goliath, der plötzlich nicht mehr der gewaltigen arabischen Welt gegenübersteht, sondern nur „den neu ‚entdeckten‘ Palästinensern, die jetzt in die Rolle des Davids schlüpften“, wie Florian Markl und Alex Feuerherdt in ihrem Standardwerk zum Nahostkonflikt formulieren. Antisemitismus wird zum Widerstand gegen eine Kolonialmacht umgedeutet, Terrorismus zum Befreiungskampf.

Wer diesem Narrativ folgt, versteht nicht, oder will nicht verstehen, dass der Antizionismus auf die Vernichtung des jüdischen Staates abzielt, so wie der Nationalsozialismus auf die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“. Israel ist die Schutzmacht aller Juden, wie es in Entebbe bewiesen hat, und zugleich ein sicherer Hafen in der Not. Wer die Existenz Israels zur Disposition stellt, stellt die Existenz aller Juden zur Disposition. Deshalb braucht es Klarheit, sprachlich und politisch: Antizionismus ist antisemitisch. Wer die Existenz des jüdischen Staates angreift, handelt antisemitisch. Immer.  

Das Unverständnis eines Großteils der politischen und publizistischen Eliten äußert sich in einem Paradoxon: man handelt antisemitisch, obwohl man persönlich nichts gegen Juden hat. Zum Antisemitismus ohne Juden kommt der Antisemitismus ohne Antisemiten. Die „Ich habe nichts gegen Juden, viele meiner besten Freunde sind Juden, aber…“-Fraktion hört Klezmer-Musik und gedenkt gerührt der Shoa. Und doch tun diese wohlmeinenden „Israelkritiker“, was Antisemiten seit jeher tun. Sie streuen „das Gerücht über die Juden“, wie Theodor W. Adorno den Antisemitismus bezeichnete.

Denn schon immer nahm man die Juden in Sippenhaftung für die Gerüchte, die man über sie in die Welt gesetzt hatte, schon immer lieferten diese Gerüchte den Vorwand für Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung. Fast zwei Jahrtausende lang wies die Kirche den Juden die kollektive Schuld an der Kreuzigung Jesu zu, und das „Volk der Gottesmörder“ wurde zum festen Topos in der europäischen Geschichte. Auch manche der unzähligen Ritualmordlegenden leben bis heute fort.

Obwohl die Kirche 1994 zugab, dass es sich bei der Geschichte vom „Anderl von Rinn“ um eine Legende handelt, wandern katholische Antisemiten noch immer jedes Jahr am Sonntag nach dem 12. Juli zum „Judenstein“ bei Rinn. Im Nationalsozialismus identifizierte man die „jüdischen Parasiten“, indem man zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital unterschied – ein Bild, das in kaum veränderter Form und Terminologie bei links und rechts bis heute weit verbreitet ist.

Im Mittelalter beschuldigte man die Juden, Brunnen zu vergiften und so die Pest zu verursachen. Das Gerücht mündete in Pogromen, bei denen jüdische Gemeinden in ganz Europa zerstört und tausende Juden ermordet wurden. Als der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas die Legende vom jüdischen Brunnenvergifter 2016 im Europäischen Parlament wiederaufleben ließ, spendeten ihm die Abgeordneten stehenden Applaus, und der damalige EU-Parlamentsvorsitzende Martin Schulz twitterte von einer „inspirierenden Rede“.

Der neue Antisemitismus ist das Gerücht über Israel. Wenn die UNO Israel wegen angeblicher Menschenrechtsverletzungen öfter verurteilt als den Rest der Welt zusammen, streut sie ein antisemitisches Gerücht. Wenn ein deutscher Außenminister Israel wiederholt als Apartheid-Regime verleumdet, streut er ein antisemitisches Gerücht. Wenn ein deutscher Bundespräsident einen Kranz am Grab von Yassir Arafat niederlegt, befördert er einen Terroristen zum Freiheitskämpfer und streut damit ein antisemitisches Gerücht. Wenn man einer Israelhasserin wie Hanan Ashrawi die Gelegenheit gibt, Israel als Schurkenstaat zu schmähen, der die Palästinenser versklave, hilft man ihr, ein antisemitisches Gerücht zu streuen.

Das Gerücht hat Folgen. Denn während der Antisemitismus der Eliten ohne Antisemiten auskommt, schreiten die, denen er politisch und moralisch Deckung gibt, immer öfter zur Tat.

Eine Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) unter 16.395 Juden in Europa kommt zum Befund, dass ein sorgenfreies jüdisches Leben in der EU nicht möglich sei. Manche Vorfälle würden gar nicht mehr als judenfeindlich wahrgenommen, weil sie so oft zu beobachten seien. Rund 89% gaben an, der Antisemitismus sei in ihrem Heimatland seit 2013 gewachsen. 28% wurden im letzten Jahr antisemitisch belästigt oder angegriffen, 38% überlegen auszuwandern. Henri Nickels, einer der Verfasser der Studie, sagte zur WELT: „Antisemitismus ist ein europaweites Problem. Es gibt kein Land, von dem man sagen könnte: Hier ist es nicht so schlimm.“

Neu daran sind nur die Daten, nicht die Erkenntnis selbst. Schon im Februar 2015, vor der Flüchtlingswelle, schrieb der Politologe und Historiker Rafael Seligman in der ZEIT, das Judentum in Europa sei im Begriff zu erlöschen: „Hitlers Lebensziel, ein ‚judenfreies Europa‘, droht knapp 70 Jahre nach dem Ende des Naziführers wahr zu werden.“

Tatsächlich verschwinden in manchen Städten Europas die Juden allmählich aus dem Stadtbild. Ganze Stadtviertel werden für Juden zu No-Go-Zonen. Zehntausende Juden haben in den letzten Jahren den Kontinent verlassen. Von denen, die geblieben sind, wagen es viele nicht mehr, sich öffentlich als Juden erkennen zu geben. Sie tragen keine Kippa, sprechen auf der Straße nicht mehr laut Hebräisch und stellen beim Chanukkafest den achtarmigen Leuchter nicht mehr vors Fenster, wo ihn jeder sehen kann, schildert Philipp Peyman Engel, dessen Familie 1979 aus dem Iran vor den Islamisten geflohen ist. Wären es jahrzehntelang vornehmlich Neonazis gewesen, die eine Gefahr für Juden darstellten, seien es nun auch arabisch- und türkischstämmige Migranten:

Als am Freitagabend vergangener Woche 1.200 propalästinensische Demonstranten vor dem Brandenburger Tor standen, eine symbolische Fahne mit Davidstern verbrannten und Flaggen der Terrororganisationen Hamas und Hisbollah in die Höhe hielten, hatte ich zufällig in der Gegend zu tun. Ich schaute mir die Proteste aus der Entfernung an. Eine Zeile, die immer wieder skandiert wurde, kam mir in beängstigender Art und Weise besonders vertraut vor. Zuerst verstand ich den Gesang nicht genau. Ein junger Mann mit Palästinenserschal, der ebenfalls am Rande der Kundgebung stand, konnte Auskunft geben. Sie rufen „Chaibar, Chaibar, Juden! Mohammeds Armee kehrt zurück!“‘, sagte er freundlich. Es war der gleiche Gesang, den die Islamisten 1979 nach der Revolution skandiert hatten. Es ist, als hätte der Antisemitismus aus der alten Heimat uns eingeholt.

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Hubert Bauer / 11.01.2019

Ich habe ein Problem mit dem 3. Absatz des Artikels. Ich habe “Mein Kampf” selber gelesen. Die Arier (Deutsche) als Übermenschen und die Slawen, Schwarzen und Juden als Untermenschen ist der Rote Faden, der sich durch das Buch zieht. Aber von einer Vernichtung der Juden - wie Abs. 3 andeutet - habe ich nichts gelesen. Nein, ich will nichts relativieren, aber gerade bei so einem Thema sollte man sauber formulieren um sich von keiner Seite angreifbar zu machen.

U. Langer / 11.01.2019

Neben der judenfeindlichen Grundeinstellung dieser linken Klientel liegt m.E. ein weiterer Punkt der Israelfeindlichkeit von all diesen Gutmenschen darin, dass durch Israel seit Jahrzehnten eine wehrhafte Demokratie vorgelebt wird. Diese Realität zeigt, wie eine Demokratie aussehen muss, um sich zu behaupten, obwohl Israel von islamischen Ländern umgeben ist, die jede Gelegenheit zur Vernichtung Israels nutzen würden und auch vor regelmäßigen Terroranschlägen nicht zurückschrecken. Damit ist Israel quasi der Gegenentwurf zu der Pseudodemokratie, die sich unsere Führungseliten so vorstellen, weshalb man keinen Finger krumm machen würde, wenn Israel von seinen islamischen Nachbarn vernichtet werden würde.

Hans-Peter Dollhopf / 11.01.2019

M. Kalifat wird hier aus einem Interview mit der Berliner Zeitung zitiert, in dem er wiederum M. Taguieff zitiert, der profund behauptet haben soll, “es handelt sich nicht um eine Wiederkehr des alten politischen Antisemitismus, der Nationalisten und Katholiken vereint, sondern um das Entstehen einer neuen antijüdischen Konfiguration, die sich aus der Islamisierung der palästinensischen Sache ableitet”. Ab dem Moment einer argumentativen Beanspruchung eines “alten politischen Antisemitismus, der Nationalisten und Katholiken vereint”, sollte schon stimmig sein, ob damit nun die Erbfolge von Jakobiner-Frankreich, von Kulturrevolutions-Deutschland bis zum Preußenschlag, oder pauschal sonstigem Irgendwo-irgendwie-irgendwann-Europa referenziert wird, denn sonst wirkt die Kalifat-Quelle Taguieff “irgendwie” ... dämlich.

Michael Lorenz / 11.01.2019

Es ist aufschlussreich, welche Juden von Links akzeptiert sind und welche nicht. Steht ein Jude am Rand eines selbst ausgehobenen Grabens und wartet drauf, von einem Maschinengewehr hineingemäht zu werden, vergießt ein Linker Tränen. Sitzt er am Steuer eines Kampfjets und verteidigt seine Heimat, die von mehreren Nachbarn zugleich mit einem Vernichtungskrieg überzogen wurde - ja, dann ist’s mit linker Solidarität vorbei, aber total! Mit anderen Worten: Linke sind nicht entsetzt über die Gräueltaten des 3. Reiches, sondern verliebt in die Opferrolle der Juden, in die sie sich frecherweise nicht mehr einfügen wollen. Und Israel steht einmal für das Ende der Opferrolle, und ist andererseits auch noch der einzige erfolgreiche Staat im Nahen Osten. Und Erfolg, obendrein aufgrund von Bildung (siehe allein schon 160 Nobelpreise, die an Juden gingen) ist Linken ebenfalls ein rotes Tuch. Somit wird der Antisemitismus genauso lange in der Welt sein, wie entweder linkes Denken oder religiöse Verblendung in ihr eine Rolle spielt. Und derzeit arbeitet beides Hand in Hand!

Rudolf George / 11.01.2019

Der Neomarxismus, der den Klassenkampf durch die These von dem Kampf zwischen „Unterdrückten“ und „Unterdrückern“ ersetzt hat, wo es einer Elite von Aktivisten beschieden ist für die Unterdrückten zu sorgen, kann es den Juden einfach nicht verzeihen, dass sie sich nicht dieser Ideologie hingegeben haben, sondern mittels Entschlossenheit und Tatkraft ihre Selbstbestimmung erkämpft haben. Israel ist der Beweis, dass diese Ideologie Nonsens ist, weswegen dieser Staat konsequent verteufelt wird.

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