Dilemma nennt man eine Situation, bei der alles falsch ist, egal was man macht. Wer sich aus einem Dilemma herausmanövrieren will, muss Federn lassen. Und wer es noch nicht weiß: „Der Strompreis ist der Brotpreis des 21. Jahrhunderts“
Stellen Sie sich vor, es ist Energiewende. Planmäßig schaltet Deutschland sukzessive seine Großkraftwerke ab, eines nach dem anderen, egal ob neu oder alt, koste es, was es wolle. Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif.
Dass es dabei zu unerwünschten Nebenwirkungen kommt – wer konnte das denn ahnen? „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Wirtschaftsminister oder die Bundesnetzagentur“ steht auf dem virtuellen Beipackzettel der Energiewende. Was aber, wenn die Nebenwirkungen schlicht ignoriert werden, oder gar übersehen wurden? Was aber, wenn es dem Wirtschaftsminister und den Beamten der Bundesnetzagentur am nötigen Weitblick mangelt?
Für industrielle Großverbraucher werden die Stromnetz-Tarife nach der Entfernung zwischen Fabrik und Kraftwerk berechnet. Meist baute die Industrie ihre energieintensiven Produktionsanlagen in der Nähe der Kraftwerke, schon um die Netzverluste klein zu halten. Doch weil Großkraftwerke im Rahmen des Atom- und Kohleausstiegs mehr und mehr zur Rarität werden, verdoppeln sich für viele Betriebe die Netz-Kosten. Für einige industrielle Großverbraucher steht der Standort Deutschland zur Disposition.
In ein weiteres Dilemma manövriert
Diese Erfahrung macht gerade die Aluminiumhütte der Firma Trimet mit ihrem Werk Hamburg. Der größte Stromverbraucher der Hansestadt versorgte sich bislang aus dem nahegelegenen hochmodernen Kraftwerk Moorburg im Hamburger Hafen, welches aber zum 1.1.2021 den „staatlichen Zuschlag zur Stilllegung“ bekam. Ganze sieben Kilometer war die Strecke zwischen Kraftwerk und Aluhütte lang. Jetzt ist für Trimet das nächstgelegene Kraftwerk das Kernkraftwerk Brokdorf in 70 km Entfernung. Die Netzkosten für Trimet verdoppeln sich um bis zu einem zweistelligen Millionenbetrag, der allerdings bei der harten Konkurrenzsituation auf dem Weltmarkt existenzgefährdend ist. Und das KKW-Brokdorf wird ja Ende dieses Jahres auch stillgelegt. Dann gibt es in Schleswig-Holstein gar kein geeignetes modernes Großkraftwerk mehr.
Die deutschen Energiewender haben sich in ein weiteres Dilemma manövriert. Ändern sie den Netzkosten-Bezahlmodus, treiben die horrenden Netzausbaukosten die ohnehin schon enormen Endverbraucherpreise, die bisher von der Industrie quersubventioniert wurden. Behalten sie das bisherige Netzkostensystem bei, wird die Industrie aus dem Land getrieben.
Die Bundesnetzagentur wiegelt ab: alles Einzelfälle. Nur – mit Einzelfällen haben die Deutschen in den letzten Jahren viele schlechte Erfahrungen gemacht. Die Industrie will, wen wunderts, dass mit staatlichen Subventionen die Kosten aufgefangen werden und droht mit Abwanderung. Die Energiewender hingegen meinen: „Wer hätte das denn ahnen können?“
Ich habe da einen ganz konkreten Verdacht, wer am Ende des Dilemmas die Federn lassen wird.
Beitragsbild: Eastman Johnson via Wikimedia Commons

Ein weiterer Grund für die Industrie, ihr Heil in der Fremde zu suchen:
Wir bauen zwar keine Dampfmaschinen mehr aber seit 100 Jahren Autos, etc etc. Dazu gehört auch Elektrizität als ein altes Produkt und so verkauft sich Elektrizität am offenen Markt nur noch über den Preis. Soviel zur Energiewende … jetzt wollen sie die EEG-Umlage auf die Steuer umlegen, was zwar den Strompreis wieder etwas zurückführt, aber dafür die Kaufkraft schmälert, also auch nur linke Tasche rechte Tasche ist. Das wird den Binnenmarkt schwächen, ein weiterer Grund für die Industrie, ihr Heil in der Fremde zu suchen.
In Deutschland betrachten sie Software / Digitalisierung als Zulieferer zu ihrer Technologie alter Kondratieff-Zyklen. Es wir andersherum laufen:
Den Lebensstil des 21. Jahrhunderts werden die BigTech noch unvergleichlich mehr bestimmen als jetzt schon. Eine Frage wird sein, inwieweit sich dann Politik und BigTech dazu die Hand reichen, wie aktuell bei der Cancel Culture, gegen welche auch die Kanzlerin noch kein Wort verloren hat.
Vielmehr werden somit andersherum die alten deutschen Technologien vergangener Kondratieff-Zyklen Zulieferer für die Big Tech werden und das kann nur über niedrige Energiepreise und niedrige Löhne laufen, bestenfalls. Auch werden die deutschen Zulieferer zu den BigTech gehen, denen sie zuliefern. Wiederum weitere Gründe für die Industrie, ihr Heil in der Fremde zu suchen. Es wird duster hier.
Vielleicht ist in letzter Konsequenz die Deindustrialisierung des Landes gewünscht?
Die Gesellschaft mitsamt ihren vielen Beamten, Angestellten im öffentlichen Dienst, die vielen Pensionäre und Rentner, die Menschen, die entweder gehobene oder einfache Dienstleistungen verrichten, brauchen auf den ersten Blick wohl keine schmutzige Industrie.
Wir zahlen hierzulande „gut und gerne“ (und gezwungenermaßen) für grünen Strom, der aber möglicherweise von russischem Gas, osteuropäischer Braunkohle oder französischem Atomstrom gespeist wird. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Unsere postmoderne Talkshowdemokratie findet es „gut“, das reicht.
Wer am Ende (und bereits jetzt) die „Zeche“ zahlt, ist doch wohl klar.
Aber keine Sorge, die tonangebenden Parteien werden dann eben aus Steuermitteln oder kreditfinanziert die Lieferung von Strom für „einkommensschwächere“ Haushalte sicher stellen.
Danke für das sehr anschauliche Beispiel. Damit kann selbst der Laie etwas anfangen. Allerdings bin ich auch etwas verwirrt. Ich glaube gestern, bin ich hier im Forum unter der Gürtellinie beschimpft worden, als ich die exorbitant hohen Strompreise hierzulande angesprochen habe. Nun ja, dann vertraue ich schon eher Ihnen als Fachmann.